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Berühmte Berner und Bernerinnen

Albert Einstein

14.3.1879 Ulm - 18.4.1955 Princeton. N. J. (USA)

Deutscher Physiker; Mitarbeiter am eidgenössischen Patentamt in Bern, 1909-1913 Professor in Zürich und Prag, 1914-1933 Leiter des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physik in Berlin und ordentliches Mitglied der Preussischen Akademie der Wissenschaften, seit 1933 in die USA emigriert und Professor in Princeton. Einstein stellte 1905 die spezielle, 1915 die allgemeine Relativitätstheorie auf, mit der er die Gravitation erklärte; erkannte die Äquivalenz von Masse und Energie (E = mc2), vermutete schon 1905, dass auch elektromagnetische Strahlung wie z. B. Licht quantenhaften Charakter hat; entwickelte die Theorie der Brown'schen Molekularbewegung u. a.; veröffentlichte eine «einheitliche Feldtheorie», die mit vier Grundgleichungen den Zusammenhang zwischen Gravitation und Elektrizität schaffen sollte, um so eine einheitliche mathematische Beschreibung des Universums herzustellen und den Gedanken der Kausalität zu bewahren. Einstein erhielt 1921 den Nobelpreis für Physik.

www.wissen.de



  • Albert Einstein 1879-1955
  • Wo Albert Einstein abends auf seiner Geige spielte
  • Der Kult um Albert Einstein
  • «Aus Ihnen wird nie etwas, Einstein!»
  • Abbildungen
  • Albert Einstein (HLS)
  • Albert Einstein (Wikipedia)
  • Einsteinhaus Bern
  • Berühmter Pysiker wird mit Strassenschild geehrt



    Albert Einstein 1879-1955

    Als am 14. März 1879 dem jüdischen Ehepaar Hermann und Pauline Einstein der Sohn Albert geboren wurde, ahnte noch niemand, dass da ein künftiger Nobelpreisträger seine ersten Schreie von sich gab. Schon 1880 übersiedelte die junge Familie nach München, wo Vater Hermann zusammen mit seinem Bruder Jakob die elektrotechnische Firma Einstein & Cie. führte. In München besuchte Albert die katholische Petersschule. 1888 trat er nach bestandener Aufnahmeprüfung ins Luitpold-Gymnasium ein. In dieser Zeit lernte er auch seinen späteren Freund Max Talmud kennen, der in ihm das Interesse an naturwissenschaftlichen und philosophischen Schriften weckte. Nach der Liquidation der väterlichen Firma zog die Familie 1894 nach Oberitalien. Albert plante vorerst in München zu bleiben, um die Gymnasialstudien weiterzuführen. Ende Jahr folgte er seinen Eltern nach Italien, ohne einen Abschluss gemacht zu haben.

    Sein Ehrgeiz liess ihn jedoch nicht los. Albert versuchte 1895 vergeblich, die Aufnahmeprüfung des Eidgenössischen Polytechnikums in Zürich zu bestehen. Seine Leistungen in Mathematik und Physik waren zwar ausgezeichnet, doch in den anderen Fächern besass er noch zu wenig Grundlagen. Das Ziel, ein Studium am Polytechnikum, verfolgte Einstein weiterhin. Er besuchte deshalb die Kantonsschule in Aarau und holte die Matura nach. Endlich, im Oktober 1896 begann er das Studium in Zürich.

    Unter seinen Kommilitonen fanden sich u. a. Marcel Grossmann (1878-1936), der ihm später half, die mathematischen Grundlagen zur Allgemeinen Relativitätstheorie zu formulieren, und seine erste Frau Mileva Man 'c. Im Frühjahr 1900 schloss Einstein seine Studien mit einer Arbeit über die Wärmeleitung ab und erhielt ein Diplom als Fachlehrer in mathematischer Richtung. Er begann an einer Dissertation zu arbeiten, die er 1901 einreichte, ein Jahr später jedoch wieder zurückzog.

    Am 21. Februar 1901 erhielt Albert Einstein das Schweizer Bürgerrecht, nachdem er fünf Jahre zuvor aus der deutschen Staatsangehörigkeit entlassen worden war. 1941 nahm er die amerikanische Staatsbürgerschaft an, ohne das Schweizer Bürgerrecht aufzugeben.

    Seine Bewerbung beim Schweizer Patentamt in Bern war 1902 endlich erfolgreich, nachdem er sich zuvor vergeblich für mehrere Assistentenstellen in der Schweiz und im Ausland beworben hatte. Am 23. Juni 1902 nahm Einstein die Arbeit als Experte II. Klasse auf. In seiner Berner Zeit schrieb Einstein zahlreiche Abhandlungen, so über die Lichtquantenhypothese und über eine neue Bestimmung der Moleküldimensionen (1905). Letztere nahm die Universität Zürich als Dissertation an.

    Es folgten im gleichen Jahr noch Arbeiten über die Brownsche Bewegung und jene zur Elektrodynamik bewegter Körper. Diese Untersuchung wurde später bekannt unter der Bezeichnung «Spezielle Relativitätstheorie». In einem Nachtrag dazu stand erstmals die heute weltbekannte Formel E = mc2. Es folgten weitere Schriften über die spezifische Wärmelehre und die Begründung der Quantentheorie der Festkörper ( 1906). Seinen Übersichtsartikel über das Relativitätsprinzip verfasste Einstein Ende 1907, reichte ihn als Habilitationsschrift an der Universität Bern ein und wurde 1908 Privatdozent - eine steile Karriere, wenn man bedenkt, dass er erst sechs Jahre zuvor als armer, stellenloser Lehrer nach Bern gekommen war.

    Zu Beginn musste er sich mit dem Erteilen von Privatstunden in Physik und Mathematik durchbringen. Daher verwundert es nicht, dass er mit dem mühsam verdienten Geld immer neue, wohl billigere Unterkünfte suchte. 1902 wohnte Einstein an drei verschiedenen Berner Adressen: Gerechtigkeitsgasse 32 (Februar bis Mai), Thunstrasse 43a (Juni bis Anfang August), Archivstrasse 8 (Anfang August bis Ende Dezember). Nach der Heirat wohnte das junge Paar zuerst an der Tillierstrasse 18 (Januar bis Mitte Oktober 1903), dann an der Kramgasse 49 (bis Mitte Mai 1905) und schliesslich für ein Jahr am Besenscheuerweg 28 (später umbenannt in Tscharnerstrasse). An diesem Domizil entwickelte Einstein auch die Grundlagen für die Publikation der Relativitätstheorie.

    Das «Einstein-Haus» an der Kramgasse 49 trägt diesen Ruhm somit zu Unrecht. Zuletzt wohnte Einstein bis zu seinem Wegzug nach Zürich an der Aegertenstrasse 53 (Daten und Adressen: freundliche Mitteilung Dr. Robert Wyler, Bern).

    Im Mai 1909 erhielt Einstein die Berufung für eine ausserordentliche Professur für Theoretische Physik an der Universität Zürich. Bereits ein Jahr später ereilte ihn der Ruf der deutschen Universität in Prag als Ordinarius für Theoretische Physik. Mit einer massiven Gehaltserhöhung versuchte ihn daraufhin die Universität Zürich zu binden, doch die Verlockung, in Prag zu lehren und zu forschen, blieb grösser. Auch die Universität in Prag musste den begabten Physiker bald wieder ziehen lassen. Er kehrte 1912 an die ETH in Zürich zurück, an jenes Institut, an dem er selber studiert hatte. In dieser Zeit begann die Zusammenarbeit mit seinem früheren Kommilitonen Marcel Grossmann über die Allgemeine Relativitätstheorie.

    Auch an dieser Hochschule blieb Einstein nicht lange. Die Königlich-Preussische Akademie der Wissenschaften nominierte Einstein zu ihrem Mitglied. Die Übersiedlung nach Berlin wurde zu einem Wendepunkt im Privatleben von Einstein. Seine kontaktscheue Frau Mileva kam mit der Grossstadt nicht zurecht. Zudem war sie sehr eifersüchtig, und dies nicht ohne Grund. Einsteins Schwäche für schöne Frauen war bekannt. Auch seiner Cousine Elsa Löwenthal (geb. Einstein), die seine zweite Frau werden sollte, war er schon in jener Zeit mehr als nur verwandtschaftlich verbunden. Nach wenigen Wochen kehrte Mileva mit den beiden Söhnen Hans Albert (geb. 1904) und Eduard (geb. 1910) nach Zürich zurück.

    Die Söhne vermisste Einstein wesentlich mehr als seine Frau. In den Briefen aus jener Zeit zeigt sich die Verachtung Einsteins gegenüber allen Frauen. In einem Brief an Michele Besso (1873-1955) schrieb er: «Verglichen mit diesen Weibern ist jeder von uns ein König, denn er steht halbwegs auf eigenen Füssen, ohne immer auf etwas ausser ihm zu warten, um sich daran zu klammern. Jene aber warten immer, bis einer kommt, um nach Gutdünken über sie zu verfügen» (ARMIN HERMANN 1994, 12). Die unglückliche erste Ehe Einsteins wirft ein fahles Licht auf seine Person. Bereits vor der Heirat mit Mileva hatte das Paar eine gemeinsame Tochter, die bis zu ihrer Adoption bei den Grosseltern in Novi Sad (damals Ungarn) lebte. Einstein kümmerte sich weder um seine Tochter noch um seine beiden Söhne. Hier dürfte wohl der Grund für das gestörte Verhältnis zu seinen Kindern in späteren Jahren zu finden sein.

    Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs gab Einstein den Anlass, sich auch mit politischen Problemen zu befassen und schliesslich eine bewusst pazifistische Haltung einzunehmen. Über das Militär hatte er schon früher einmal gesagt, es sei die «schlimmste Ausgeburt des Herdenwesens» (ARMIN HERMANN 1994, 19). Im November 1914 trat er dem «Bund Neues Vaterland» bei, der die Gründung der «Vereinigten Staaten von Europa» zum Ziel hatte. Trotz politischer Interessen blieb die Wissenschaft sein Hauptbeschäftigungsgebiet.

    Im Frühjahr 1916 erschien eine weitere Publikation: «Die Grundlage der allgemeinen Relativitätstheorie». Dieser wissenschaftlichen folgte wenige Monate später eine allgemeinverständliche Abhandlung über die spezielle und allgemeine Relativitätstheorie. Seit Beginn des Jahres 1917 litt Einstein ernsthaft an einer Magen-Darmerkrankung. Verschiedene zusätzliche Gebrechen machten ihm während vier Jahren zu schaffen. In seiner Cousine Elsa, zu der er schon in früheren Jahren ein sehr freundschaftliches Verhältnis aufgebaut hatte, fand er eine aufopfernde Pflegerin. Vermutlich wegen seiner Krankheit lehnte er einen erneuten Ruf nach Zürich ab, trotz verlockender Bedingungen. Im Jahre 1919 verbrachte er mehrere Monate in Zürich, hielt Vorlesungen an der Universität und liess sich von Mileva scheiden. Das Sorgerecht für die beiden Söhne erhielt die Mutter. Wenige Wochen später heiratete Einstein seine Cousine Elsa.

    Seine erste Reise in die USA unternahm Einstein 1921. Er sammelte damals Geld für die Hebräische Universität in Jerusalem. In viele Länder der Welt wurde er eingeladen, um Vorträge über seine Relativitätstheorie zu halten. Die folgenden Jahre waren denn auch von einer regen Reisetätigkeit geprägt. Begünstigt hatte die so zahlreichen Vorträge der Nobelpreis für Physik im Jahre 1921. Einstein erhielt diese Auszeichnung für seine quantentheoretischen Arbeiten. Das Preisgeld von Franken 180'000 überwies er an seine erste Frau Mileva. 1929 folgte die Verleihung der Max-Planck-Medaille.

    Die nationalsozialistischen Umtriebe in Deutschland störten die Fortsetzung seiner Forschungen erheblich und führten nach der Machtergreifung Hitlers zum Rücktritt aus der Preussischen Akademie der Wissenschaften. Einstein emigrierte daraufhin in die USA, wo er an der Universität in Princeton weiterhin forschte und lehrte. Auch hier blieb ihm das familiäre Glück versagt. Am 20. Dezember 1936 starb seine zweite Frau Elsa. Bis zur Übersiedlung seiner Schwester Maja blieb Einstein allein in Princeton, abgesehen von der Familie seines Sohnes Hans Albert, die 1937 ebenfalls in die USA flüchtete, zu der Vater Einstein aber ein gespanntes Verhältnis hatte.

    1939 machte Einstein den amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt erstmals auf die Atombombe und die Gefahr, die in deutschen Händen von ihr ausging, aufmerksam. Die USA nahmen daraufhin die Kernwaffenforschung ebenfalls auf. Der Ausländer Einstein wurde als Sicherheitsrisiko eingestuft und deshalb nicht beteiligt. Obwohl er noch wenige Wochen vor dem Abwurf der ersten Atombombe über Hiroshima den US-Präsidenten vor den unvorstellbaren Folgen gewarnt hatte, gab dieser den Einsatzbefehl.

    Amerikanische Kriegsgegner beschuldigten Einstein denn auch, bei der Entwicklung der Bombe mitgeholfen zu haben. In einem Brief an einen Kriegsgegner schrieb Einstein: «Ich habe mich niemals an Unternehmungen miliärisch-technischer Natur beteiligt und habe keine Forschungen gemacht, die irgendeinen Bezug auf die Herstellung von Atombomben hatten. Mein einziger Beitrag auf diesem Gebiet war, dass ich 1905 die Beziehung zwischen Masse und Energie feststellte, eine Wahrheit über die physikalische Welt von einer sehr allgemeinen Natur, deren mögliche Verknüpfung mit dem militärischen Potential meinen Gedanken vollkommen fremd war» (FRIEDRICH HERNECK 1976, 5).

    1952 schrieb er an eine japanische Zeitschrift: «Meine Beteiligung bei der Erzeugung der Atombombe bestand in einer einzigen Handlung: Ich unterzeichnete einen Brief an Präsident Roosevelt, in dem die Notwendigkeit betont wurde, Experimente im Grossen anzustellen zur Untersuchung der Möglichkeit der Herstellung einer Atombombe. Ich war mir der furchtbaren Gefahr wohl bewusst, die das Gelingen dieses Unternehmens für die Menschheit bedeutete. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass die Deutschen am selben Problem mit Aussicht auf Erfolg arbeiten dürften, hat mich zu diesem Schritt gezwungen. Es blieb mir nichts anderes übrig, obwohl ich stets ein überzeugter Pazifist gewesen bin. Töten im Krieg ist nach meiner Auffassung um nichts besser als gewöhnlicher Mord» (FRIEDRICH HERNECK 1976,5-61). Einstein bezeichnete sich denn auch selbst als «Mitmörder an der Menschheit» (FRIEDRICH HERNECK 1976, 6).

    Am Schluss seines Lebens erwies der Staat Israel Einstein eine grosse Ehre. Nach dem Tode von Chaim Weizmann wurde er angefragt, die Präsidentschaft Israels zu übernehmen. Der von schwerer Krankheit gezeichnete Physiker lehnte jedoch ab: «Ich bin tief bewegt über das Anerbieten unseres Staates Israel, freilich auch traurig und beschämt darüber, dass es mir unmöglich ist, dies Anerbieten anzunehmen. Mein Leben lang mit objektiven Dingen beschäftigt, habe ich weder die natürliche Fähigkeit noch die Erfahrung im richtigen Verhalten zu Menschen in der Ausübung offizieller Funktionen. Deshalb wäre ich für die Erfüllung der hohen Aufgabe auch dann ungeeignet, wenn nicht vorgerücktes Alter meine Kräfte in steigendem Masse beeinträchtigte» (ALBERT EINSTEIN 1990, 264). Albert Einstein starb am 18. April 1955 in Princeton.

    Quelle: Hans-Anton Ebener
    Biographien - Bernisches Historisches Museum 1996


    Lit.: WILLIAM CAHN: Einstein. A pictorial biography. New York 1955. - MAX FLÜCKIGER: Albert Einstein in Bern. Bern 1961. - JER EMY BERNSTEIN: Albert Einstein. München 1975. - FRIEDRICH HERNECK: Einstein und die Atombombe. Berlin 1976. - PHILIPP FRANK: Einstein. Sein Leben und seine Zeit. Braunschweig 1979. - JOHN STACHEL (Hrsg.): The Collected Paper of Albert Einstein, Bd. 1 und 2. Princeton 1987 und 1989. - ALBERT EINSTEIN: Aus meinen späten Jahren. Frankfurt am Main 1990 (Reprint von 19791. - ALBRECHT FÖLSING: Albert Einstein. Eine Biographie. Frankfurt am Main 1993. - MARTIN J. KLEIN, A.J. KOX, ROBERT SCHULMANN (Hrsg.): The Collected Papers of Albert Einstein, Bd. 3 und 5. Princeton 1993. - ARMIN HERMANN: Einstein. Der Weltweise und sein Jahrhundert.Eine Biographie. München 1994. - IRMA HILDEBRAN DT: Die Frauenzimmer kommen. 15 Zürcher Portraits. München 1994,119-138.



    Wo Albert Einstein abends auf seiner Geige spielte

    Es gibt ausländische Gäste, die nur wegen einer Zweizimmerwohnung im zweiten Stock eines Hauses an der Kramgasse 49 nach Bern kommen: Hier, über einer steilen Holztreppe mit geblümten Tapeten und einem Kachelofen, wohnte in den Jugendstil-Zimmern mit Gaslampen an der Gipsstukkaturdecke nämlich ein Schweizer Gelehrter, der es zu Weltruhm brachte: der Physiker Albert Einstein. Wer im Gästebuch des von Max Flückiger vor 24 Jahren im schmalen Altstadthaus ins Leben gerufenen kleinen, aber schmucken Einstein-Museums blättert, findet Namen von Besuchern aus allen Kontinenten: von Richwork in den Vereinigten Staaten, Lima in Peru bis zum Max-Planck-Institut im deutschen Mainz. Dass im gleichen Haus, in dem sich im Erdgeschoss ein nach dem Gründer der Gurten-Brauerei Johann Juker benanntes Gastlokal befindet, auch eine Einstein-Gedenkstätte untergebracht ist, wissen wohl längst noch nicht alle Bernerinnen und Berner.

    Die meisten Passanten eilen, wenn sie auf der rechten Seite durch die Lauben stadtabwärts gehen, denn auch des öftern achtlos vorüber - obschon eine im Laubenbogen eingemeisselte Inschrift daran erinnert, dass hier der damals erst 25jährige Einstein 1905 in seiner Freizeit die Relativitätstheorie entwickelte und niederschrieb.

    Hier also, über dem Restaurant Zum Untern Juker, in dem von den Gästen gelegentlich frisches Steinpilzragout bestellt wird und der Vers an der Wand «Oft macht der Mensch sich's Leben schwer, auch wenn es gar nicht nötig wär» an die Relativität menschlichen Tuns erinnert, entstand die berühmte Formel E = mc2, für die Albert Einstein 1921 den Physik-Nobelpreis erhielt. Ausser seiner «Theorie über die Brownsche Bewegung und das Äquivalenz-Gesetz von Masse und Energie» schrieb der 1879 in Ulm geborene Sohn jüdischer Eltern, der als Begründer des modernen naturwissenschaftlichen Weltbildes gilt, noch andere wissenschaftliche Arbeiten - sofern er nicht in seiner gestreiften, modischen Kleidung an einem Stehpult als technischer Experte dritter Klasse im Eidgenössischen Amt für geistiges Eigentum Patentschriften überprüfte oder sein Jahresgehalt von 3500 Franken als Privatlehrer von Studenten aufzubessern versuchte.

    Für Besucher des Einstein-Hauses ist es schwer, sich vorzustellen, wie bescheiden der junge, frisch mit der Studienkollegin Mileva Maric verheiratete Albert Einstein in der kleinen Wohnung, in der auch sein Sohn Hans Albert 1907 zur Welt kam, gelebt hat. Immerhin weiss man aus Aufzeichnungen seiner Freunde in der Berner Akademie Olympia, dass der nach fruchtloser Stellensuche als mittelloser Fachlehrer nach Bern gekommene Einstein in der Bundesstadt sehr glückliche Jahre verbracht hat. In Bern fand Einstein nämlich bald den gewünschten Wirkungskreis, auch wenn er erst 1908 an der Universität zum Privatdozenten ernannt wurde.

    Bestimmt hörten die Bewohner der Nachbarwohnung, in der sich heute ein Atelier für Damen- und Herren-Couture sowie Design- und Modestilberatung befindet, wenn der talentierte Violinist Albert Einstein abends oder am Wochenende auf seiner Geige spielte. In nicht weniger als sieben Wohnungen lebte Einstein während seiner sieben Berner Jahren, bevor er 1909 mit Frau und Kind nach Zürich zog, wo er seine in Bern begonnene akademische Laufbahn weiterführte.

    In der Bundesstadt wohnte Einstein entweder im Kirchenfeld oder in der unteren Altstadt und nur einmal für kurze Zeit am Besenscheuerweg in der Brunnmatt. Und trotzdem ist es bestimmt richtig, dass an der «schönsten Gasse der Welt» das kleine Museum als Erinnerungsstätte eingerichtet worden ist. Denn in einem der Sandsteinhäuser an der Kramgasse 49 mit den schönen, heimeligen Lauben, die Einstein so liebte, verfasste der Humanist, der zeit seines Lebens für den Weltfrieden kämpfte, 1905 seine wohl bekannteste Arbeit, mit der ihm der entscheidende Durchbruch als Wissenschafter gelang.

    Nach einem Besuch der Gedenkstätte mit ihren alten Fotos und Erinnerungsstücken, die immerhin schon von weit über hunderttausend Gästen besucht worden ist, lässt sich einiges über das Leben Albert Einsteins erfahren, der jede freie Minute über die Grundfragen des Seins nachdachte. Das Einstein-Museum ist vom 1. Februar bis am 20. November täglich von 10 bis 17 Uhr (samstags von 10 bis 16 Uhr) geöffnet.

    www.ebund.ch
    Hans Gerber 21.10.1995




    Der Kult um Albert Einstein

    Der Weg vom begnadeten Physiker zu einer Ikone des 20. Jahrhunderts

    Albert Einstein wird wie kaum ein anderer Mensch verehrt. Durch seine wissenschaftlichen Leistungen alleine lässt sich das nicht erklären. Erst seine aussergewöhnliche Persönlichkeit hat aus dem Jahrhundertgenie eine Legende gemacht. Dass Einstein auch seine Schattenseiten hatte, scheint seinem Ruf nicht zu schaden.

    Vor einigen Jahren berichtete die Zeitschrift «Geo» über eine denkwürdige Begegnung. Der Dalai Lama hatte den österreichischen Physiker Anton Zeilinger, der kurz zuvor mit der Teleportation von Quanten für weltweites Aufsehen gesorgt hatte, in seinem Labor besucht. Die beiden charismatischen Persönlichkeiten diskutierten bei ihrem Treffen erkenntnistheoretische Fragen, die durch die Quantentheorie aufgeworfen werden. Auf dem Titelbild des Magazins suchte man allerdings vergeblich nach Zeilinger. Stattdessen hatte man dem religiösen Oberhaupt der tibetischen Buddhisten Albert Einstein zur Seite gestellt. Die Aussage des Bildes war deutlich. Als Symbolfigur für die moderne Physik taugt niemand so gut wie der Vater der Relativitätstheorie und der Mitbegründer der Quantentheorie.

    Einsteins «annus mirabilis»

    Wie hell der Stern Albert Einsteins auch 50 Jahre nach seinem Tod noch leuchtet, lässt sich gegenwärtig ermessen. Weltweit wird mit Ausstellungen, Kongressen und sonstigen Aktivitäten seiner gedacht. Auch die Medien haben Einstein ganz oben auf ihre Agenda gesetzt und beleuchten in abendfüllenden Sendungen oder mehrseitigen Sonderbeilagen jeden nur erdenklichen Aspekt seines Lebens. Der Anlass für die Feierlichkeiten ist das Jubiläum der 100. Wiederkehr von Einsteins «annus mirabilis». Im Jahr 1905 hatte der damals 26 Jahre alte Einstein als Angestellter am Patentamt in Bern fünf Arbeiten veröffentlicht, die die Physik revolutionieren sollten. Einen vergleichbaren schöpferischen Akt hatte man in den Naturwissenschaften nicht mehr erlebt, seit Isaac Newton in den Jahren 1666/1667 die Infinitesimalrechnung entwickelt, die Gravitation erklärt und die später nach ihm benannten Bewegungsgesetze formuliert hatte.

    Dem Geniestreich sollten weitere folgen. So baute Einstein seine spezielle Relativitätstheorie in den folgenden Jahren zur allgemeinen Relativitätstheorie aus. Sein Name begann sich nun auch in der Öffentlichkeit herumzusprechen. So schrieb die NZZ im Januar 1919: «Einstein ist heute der bedeutendste Physiker, und er wird von vielen als ein ebenso hervorragendes Genie betrachtet wie etwa Kopernikus oder Newton.» Zu weltweitem Ruhm gelangte Einstein aber erst, als britische Astronomen während einer Sonnenfinsternis im Mai 1919 messen konnten, dass das Licht von Sternen im Schwerefeld der Sonne um einen von der allgemeinen Relativitätstheorie vorhergesagten Winkel abgelenkt wird. Als das Ergebnis im November 1919 an einer Tagung bekannt gegeben wurde, überboten sich die Medien in Lobpreisungen Einsteins.

    Einstein selbst war seine Popularität ein Rätsel. «Woher kommt es», so fragte er, «dass mich niemand versteht und jeder mag?» Die Antwort hatte er damit schon selbst gegeben. Gerade weil seine Relativitätstheorie so schwer zu verstehen war und nur von wenigen Experten in ihrer ganzen Tragweite erfasst wurde, fiel es dem breiten Publikum leicht, ihn zu mögen. Newton oder Darwin wurden zwar auch für ihre wissenschaftlichen Leistungen geschätzt, ihrem Werk fehlte jedoch das «Mysterium des Unverständlichen», wie Einstein es einmal nannte.

    Die Wertschätzung, die Einstein entgegengebracht wird, hat nach seinem Tod eher noch zugenommen und grenzt heute ans Kultische. Das amerikanische «Time»-Magazin ging 1999 sogar so weit, den Mann mit dem imposanten Schnurrbart, dem schlohweissen Haar und dem tiefgründigen Blick zur Person des 20. Jahrhunderts zu erklären - vor Franklin D. Roosevelt und Mahatma Gandhi. Mit seinem physikalischen Ausnahmetalent allein lässt sich diese Popularität kaum erklären. Erst Einsteins rebellische Art, sein unkonventionelles Äusseres, sein Weltbürgertum und sein engagiertes Eintreten für Frieden und Gerechtigkeit haben aus dem begnadeten Physiker ein Massenidol gemacht.

    Die Verklärung eines Idols

    Dass in der Öffentlichkeit teilweise falsche Vorstellungen von Einstein kursieren, ist eine nicht zu vermeidende Begleiterscheinung der Legendenbildung. So hält sich zum Beispiel hartnäckig das Gerücht, Einstein sei ein schlechter Schüler gewesen. Tatsächlich waren seine schulischen Leistungen jedoch gut, und in Fächern wie Mathematik und Physik war er seinen Mitschülern weit überlegen. Der Grund dafür war, dass er in seiner Freizeit ein intensives Selbststudium betrieb und sich dabei unter anderem die Grundlagen der höheren Mathematik aneignete. Als er das Münchner Luitpold-Gymnasium 1894 im Alter von 15 Jahren frühzeitig verliess, weil er die militärischen Umgangsformen an der Schule nicht länger ertrug, liess er sich von seinem Mathematiklehrer attestieren, in diesem Fach auf dem Stand eines Abiturienten zu sein.

    Ein anderes Vorurteil besagt, Einstein habe die klassische Physik quasi im Alleingang aus den Angeln gehoben. Es ist wahr, dass Einstein als Angestellter am Berner Patentamt nicht zum wissenschaftlichen Establishment gehörte, als er 1905 seine bahnbrechenden Arbeiten zur speziellen Relativitätstheorie, zur Lichtquantenhypothese und zur Brownschen Bewegung veröffentlichte. Trotzdem stand er nicht alleine da. Kurz nach seiner Ankunft in Bern hatte er zusammen mit Maurice Solovine und Conrad Habicht die «Akademie Olympia» gegründet, eine Diskussionsrunde, in der über erkenntnistheoretische und andere Probleme debattiert wurde.

    Unter anderem setzten sich die drei mit dem Werk des französischen Mathematikers und Philosophen Henri Poincaré auseinander, der bereits im Jahr 1900 Zweifel an der Absolutheit von Raum und Zeit angemeldet hatte. Einen weiteren Gesprächspartner fand Einstein in seinem einstigen Studienkollegen Michele Besso. Auch wenn keiner der drei Freunde Einstein in physikalischer Hinsicht das Wasser reichen konnte, darf man ihre Rolle nicht unterschätzen. Durch ihren wachen und kritischen Geist halfen sie Einstein dabei, seine Ideen zu ordnen und in die richtigen Bahnen zu lenken.

    Ein Heiligenbild mit Kratzern

    Die jüngere Einstein-Forschung hat nicht nur dazu beigetragen, Korrekturen am grob vereinfachten Einstein-Bild vorzunehmen; sie hat auch Facetten von Einsteins Persönlichkeit ans Licht gebracht, die seine Nachlassverwalter lange Zeit zu vertuschen suchten. An erster Stelle ist dabei das Verhältnis zu seinen beiden Ehefrauen und seinen Kindern zu nennen. Man kennt Einstein als empathischen Menschen, der sich engagiert für seine Mitmenschen - besonders die Bedrohten und Verfolgten unter ihnen - eingesetzt hat. Er konnte jedoch auch sehr kaltherzig sein. Das bekamen vor allem jene zu spüren, die ihm am nächsten standen.

    Von seiner ersten Frau, Mileva Maric, die er während des Studiums in Zürich kennen gelernt und 1903 geheiratet hatte, entfremdete er sich immer mehr. Hatte er zunächst noch ausgiebig mit ihr über seine physikalischen Probleme diskutiert, drängte er sie nach der Geburt der beiden Söhne Hans Albert (1904) und Eduard (1910) immer mehr in die Rolle der Mutter und Hausfrau. Einstein kümmerte sich hingegen verstärkt um seine akademische Karriere. Als er 1914 von Zürich nach Berlin wechselte, kam es zur Trennung. Zu dieser Zeit hatte Einstein bereits ein Verhältnis zu seiner Cousine Elsa, die später seine zweite Frau werden sollte. Glücklich wurde auch sie nicht, doch wusste sich Elsa besser damit zu arrangieren, dass Einstein seinen Ehefrauen gegenüber sehr herablassend sein konnte und Verhältnisse zu anderen Frauen pflegte.

    Auch als Vater wusste Einstein nicht zu genügen. Seine erste Tochter bekam er nie zu Gesicht, und man vermutet, dass Einstein Mileva Maric dazu gedrängt hat, das unehelich Kind zur Adoption freizugeben. Auch das Verhältnis zu seinen Söhnen war nach der Trennung der Eltern nicht das beste. Seinem Ältesten verübelte Einstein, dass er Ingenieur und nicht Physiker werden wollte. Besonders deutlich bekam jedoch der Jüngere die Lieblosigkeit des Vaters zu spüren. Als sich bei Eduard Anfang der 1930er Jahre die ersten Anzeichen einer Schizophrenie zu erkennen gaben, war Einstein nicht zur Stelle. Nach seiner Emigration in die USA im Jahr 1933 hat er seinen jüngeren Sohn nie mehr gesehen.

    Das Erstaunliche ist, dass das Bekanntwerden dieser Schattenseiten kaum etwas an der Wertschätzung geändert hat, die Einstein entgegengebracht wird. Die Öffentlichkeit scheint ihrem Idol diese Fehler zu verzeihen. Mehr noch: Die Tatsache, dass auch das Jahrhundertgenie ein Mensch mit Widersprüchen war und seinen hohen moralischen Ansprüchen nicht immer genügen konnte, scheint ihn fast noch sympathischer zu machen.

    Auch Einsteins wissenschaftliche «Fehlleistungen» haben dem positiven Bild von ihm keinen grossen Schaden zugefügt. Man erinnert sich vor allem seiner wissenschaftlichen Heldentaten in jungen Jahren. Dass Einstein nach seiner Emigration kaum noch Bedeutendes vollbracht hat und sich fast 30 Jahre lang vergeblich darum bemühte, eine Verbindung zwischen seiner Gravitationstheorie und der Theorie des Elektromagnetismus herzustellen, schlägt kaum negativ zu Buche. Auch dass Einstein dabei einen erstaunlichen Starrsinn an den Tag legte und die aktuellen Entwicklungen in der Physik ignorierte, trägt ihm höchstens in Fachkreisen Kritik ein. Die Öffentlichkeit begnügt sich mit dem Hinweis, dass Einstein an einem Problem gearbeitet hat, das auch 50 Jahre nach seinem Tod noch nicht gelöst ist - und das, obwohl Heerscharen von Physikern daran gearbeitet haben. Seine Hartnäckigkeit lässt sich deshalb auch dahingehend interpretieren, dass er selbst im Scheitern Grösse bewiesen hat.

    Die Macht der Bilder

    Auch wenn Einsteins zweite Lebenshälfte in wissenschaftlicher Hinsicht eher unergiebig war, ist es diese Phase seines Lebens, die ihn «unsterblich» gemacht hat. Viele der Bilder, die man mit seinem Namen assoziiert, sind in dieser Zeit entstanden, so die berühmte Aufnahme mit der herausgestreckten Zunge, die Einstein im Alter von 72 Jahren zeigt und zum Ausdruck bringt, dass er sich seinen Humor und seine Unangepasstheit bis ins hohe Alter bewahrt hat. Auch das Bild des sozial engagierten Wissenschafters, der seine gesellschaftliche Verantwortung ernst nimmt, hat erst in Einsteins späten Jahren scharfe Konturen erhalten. Schon in Deutschland hatte sich Einstein nicht gescheut, politisch Stellung zu beziehen, wo er es für nötig hielt. Als drei Monate nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges 93 der bekanntesten deutschen Wissenschafter und Kulturschaffenden einen «Aufruf an die Kulturwelt» erliessen, in dem sie den deutschen Militarismus verteidigten, unterzeichnete Einstein aus Protest ein Gegenmanifest, das allerdings kaum Beachtung fand. Frustriert konzentrierte sich Einstein wieder auf die Wissenschaft. Erst in Amerika wurde das politische und soziale Engagement zu einem festen Bestandteil seines Lebens.

    In der Erinnerung haften geblieben ist vor allem Einsteins Rolle beim Bau der Atombombe. Kurz nach der Entdeckung der Uranspaltung durch deutsche Forscher hatte Einstein im Juli 1939 Besuch von den ungarischen Physikern Leo Szilard und Eugene Wigner bekommen. Die beiden wiesen Einstein auf die Gefahr hin, dass Deutschland sich mit dem Gedanken tragen könnte, eine «Uranbombe» zu bauen. Das gab den Anstoss zu jenem berühmt gewordenen Brief an Franklin D. Roosevelt, in dem Einstein den amerikanischen Präsidenten aufforderte, ein nukleares Forschungsprogramm zu starten. Später hat Einstein den Eindruck zu erwecken versucht, er habe bloss seine Unterschrift für den Brief hergegeben. Tatsache ist jedoch, dass er den Entwurf selbst verfasst hat. Das hat er später arg bereut. Dabei hatte der Brief nicht einmal viel bewegt. Für die Uranforschung wurden 1939 lediglich 6000 Dollar bewilligt. Bis zum «Manhattan Project» war es noch ein weiter Weg.

    An der Entwicklung der Atombombe hat sich Einstein im Gegensatz zu anderen Physikern nie beteiligt. Er hätte es auch gar nicht gedurft, da er vom amerikanische FBI als Sicherheitsrisiko angesehen wurde. Noch vor dem Abwurf der Hiroshima-Bombe kehrte Einstein zu seiner pazifistischen Grundhaltung zurück, an der er bis zu seinem Lebensende festhielt. Dafür nahm er sogar in Kauf, «unamerikanischer Umtriebe» bezichtigt zu werden - in der McCarthy-Zeit ein schwerwiegender Vorwurf. Es ist nicht zuletzt diese Zivilcourage, die dazu geführt hat, dass Einstein heute nicht nur als Physiker, sondern auch als Mensch bewundert wird.

    Spe. Neue Zürcher Zeitung 16. März 2005



    «Aus Ihnen wird nie etwas, Einstein!»

    Kindheit und Jugend

    Albert Einstein wird als einziger Sohn des liberalen jüdischen Ehepaars Hermann und Pauline Einstein am 14. März 1879 in der Bahnhofstrasse Nr. 135 in Ulm geboren. Er verbringt seine Kindheit in München, wo Vater und Onkel eine kleine elektrotechnische Firma besitzen. Schon früh lebt er in einer Gedankenwelt, die für ihn voller Wunder steckt. Zu den ersten dieser Wunder zählt der Kompass, den der Vater dem Vierjährigen zeigt. Wie kann eine Nadel sich immer nach Norden ausrichten, während alle anderen Gegenstände nach unten fallen?

    Einsteins Mutter ist eine hervorragende Pianistin und vermittelt Einstein, als er sechs Jahre alt ist, die Liebe zur Musik und zur Geige – eine Leidenschaft, die ihn sein Leben lang begleiten wird. Mit zwölf Jahren ist er fasziniert von der euklidischen Geometrie und fragt sich immer wieder, wie ein so vollkommen klares und sicheres logisches System erdacht werden konnte. Wenige Zeit später macht er sich vertraut mit den Prinzipien der höheren Mathematik – Differenzial- und Integralrechnung. Im Gymnasium fühlt er sich eingeengt durch Disziplin und Strafe: Die Neugier des Forschens werde dort erdrosselt, schreibt er später. Lehrer meinen, aus Einstein werde nie etwas, weil er sich mit seinem Eigensinn nichts sagen lässt und unaufmerksam ist. Um der eisernen Schuldisziplin und der deutschen Wehrpflicht zu entgehen, verlässt er München 1895 ohne Abschlussprüfung und reist zu seinen Eltern, die kurz zuvor nach Mailand gezogen sind. Dort verbringt er die Zeit im Selbststudium, um sich für die Aufnahmeprüfung an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich vorzubereiten. Er schreibt seinen ersten naturwissenschaftlichen Essay über die Frage, wie sich der Äther in einem magnetischen Feld verhält. Im Alter von 17 Jahren schafft Einstein im zweiten Anlauf die Immatrikulation an der ETH in Zürich. Auch hier als Student zeigt er sich als «Eigenbrötler»: Er fehlt oft bei den Pflichtveranstaltungen, um zu Hause die Meister der theoretischen Physik zu studieren. Kurz nach dem Abschluss-examen schickt er seinen ersten wissenschaftlichen Artikel an die damals grösste physikalische Fachzeitschrift Europas, die «Annalen der Physik». 1896 gibt Einstein die deutsche Nationalität auf: Er wird Bürger der Schweiz. Nach zwei Jahren erfolgloser Suche findet er eine feste Stelle am Schweizerischen Patentamt in Bern.

    Das «Wunderjahr»

    Als Patentexperte 3. Klasse verbringt Einstein sieben glückliche Jahre in Bern. Frei von Geldsorgen kann er abends und an den Wochenenden seinen Interessen nachgehen. Er heiratet gegen den Wunsch seiner Eltern Mileva Maric, die er während des Studiums an der ETH kennen gelernt hat und mit der er zahlreiche physikalische Probleme diskutiert. Noch vor der Eheschliessung wird die Tochter Lieserl (1902) geboren. Über das Schicksal des Kindes ist bis heute nichts weiter bekannt; Albert Einstein lernt sie nie kennen. Einsteins Äusserungen in Briefen an Mileva Maric lassen vermuten, dass Lieserl zur Adoption frei gegeben wurde. Aus der Ehe gehen zwei Söhne, Hans Albert (1904) und Eduard (1910) hervor. Zusammen mit seinen Freunden Paul Habicht und Maurice Solovine diskutiert Einstein in der selbstgegründeten «Akademie Olympia» Probleme der Physik und der Philosophie. Ihre Gedanken kreisen um verschiedene offene Fragen: Sind Atome nun real oder sind es mathematische Fiktionen? Wenn es Atome wirklich gibt, wie kann man dann ihre Grösse messen? Und wenn ihre Grösse messbar ist, wird es dann möglich sein, auf der atomaren Ebene eine Erklärung für gewisse Phänomene zu finden, beispielsweise dafür, dass Wärme immer in Richtung auf einen kalten Gegenstand fliesst und nie umgekehrt? Was ist eigentlich die Ursache von Elektrizität und Magnetismus? Welche Rolle spielen Elektronen und ihre Bewegungszustände dabei? Was hat es mit der Quantisierung der Absorption und Emission von Energie auf sich, die Max Planck 1900 postuliert hat? Ist tatsächlich die Energie quantisiert und wenn ja, gibt es sie dann in allen energetischen Prozessen? Das wäre ein Umsturz im physikalischen Weltbild!

    Fragen über Fragen. Einstein sitzt oft stundenlang da und grübelt. Charakteristisch für seine Arbeitsweise ist, dass er stets versucht, Fragen von allen Seiten zu betrachten und von ganz unterschiedlichen Disziplinen her zu beleuchten. Auf diese Weise, als Querdenker im wahrsten Sinne des Wortes, findet Einstein den Schlüssel zur Auflösung vieler Fragen. Im «Annus mirabilis» 1905 öffnet der 26-Jährige in kurzer Zeit mehr Horizonte in der Physik als irgendjemand vor ihm. So reicht er im März 1905 eine Schrift über die Strahlung und die energetischen Eigenschaften des Lichtes bei den «Annalen der Physik» ein. Er erklärt darin den photoelektrischen Effekt. Für diese Arbeit wird er 1921 den Nobelpreis für Physik erhalten.

    Im April 1905 schliesst er seine 21-seitige Dissertation ab. Darin beschreibt er, wie man die absolute Atomgrösse bestimmen kann. Mitte Mai liefert er erstmals die richtige Erklärung dafür, warum in Flüssigkeit suspendierte Pollen oder Rauchteilchen unter dem Mikroskop ganz kleine, ungeordnete Bewegungen ausführen. Einstein zeigt, dass das Zittern, das auch als Brown'sche Bewegung bekannt ist, verursacht wird von dem Zusammenstossen der Moleküle, die sich nach der bereits existierende Wärmetheorie dauernd, heftig und unregelmässig bewegen. Im Juni veröffentlicht er erstmals ein neues Prinzip, das er selbst als das «Relativitätsprinzip» von Raum und Zeit beschreibt. Im September folgt der nächste Artikel zu dem, was wir heute die Spezielle «Relativitätstheorie» nennen. Dieser enthält die wohl berühmteste aller Formeln: E = mc&sup²;. Im Dezember schliesslich führt er seine Gedanken über die Brown’sche Bewegung weiter aus.

    Im Blickpunkt der Öffentlichkeit

    Was kann nach so einem Wunderjahr noch folgen? Die Aufsätze stossen in Fachkreisen zunächst auf wenig Aufmerksamkeit, beruflichen Nutzen bringen sie ihm erst recht nicht. Einstein will sich an der Universität von Bern habilitieren, aber sein erster Versuch wird abgelehnt. Allmählich findet die Spezielle Relativitätstheorie Anklang. Einstein korrespondiert über die zentrale Botschaft seiner Theorien mit den bedeutendsten Physikern seiner Zeit. Im November 1907, während er einen Übersichtsartikel vorbereitet, kommt ihm die zündende Idee für die Allgemeine Relativitätstheorie. Er versucht, Newtons Gravitationslehre in die Spezielle Relativitätstheorie einzubauen. Aber es gelingt ihm nicht auf Anhieb. Acht lange Jahre, bis November 1915, braucht er, um die Allgemeine Relativitätstheorie, so wie wir sie kennen, mathematisch einwandfrei auszuformulieren. Er kann jetzt hauptberuflich daran arbeiten, erst mit einer Anstellung als Professor an der Universität von Zürich, danach in Prag und Berlin. In Berlin lebt und arbeitet Einstein von 1914 bis 1932. Im Blickfeld der breiten Öffentlichkeit wie auch privat verbringt er hier 18 bewegte Jahre. Das Sommerhaus in Caputh bringt ihm Ruhe, und er kann dort seiner grossen Leidenschaft nachgehen: Segeln.

    In seinem berühmtesten Buch «Über die Spezielle und die Allgemeine Relativitätstheorie» (1917) gibt er eine allgemein verständliche Erklärung seiner Gedanken. Im Rahmen einer Sonnenfinsternis-Expedition der Royal Society of London wird die Richtigkeit seiner Theorie 1919 bestätigt. Auf einen Schlag wird der Erfinder der Relativitätstheorie weltberühmt. Im November 1919 überschlagen sich die Zeitungen mit Überschriften wie «Revolution in der Wissenschaft!», «Eine neue Theorie des Universums!», «Newtons Gesetze sind gestürzt!», «Alle Lichter hängen schief am Himmel: Einsteins Theorie triumphiert!».

    «Deutsche, wehrt euch!»

    Einstein ist ein «Medienstar» geworden; aber schon bald hat er den Rummel satt. Er beginnt, seinen Namen verstärkt für seine politischen Überzeugungen einzusetzen. Er ruft, gemeinsam mit anderen Gelehrten in einem Manifesto, genannt «Aufruf an die Europäer”, gegen den Krieg auf. Ausserdem beteiligt er sich an der Debatte um einen autonomen jüdischen Staat in Palästina und engagiert sich aktiv für den Pazifismus. Das gefällt nicht allen. In der deutschen Physik entsteht eine Gruppierung, aus deren Sicht die «Relativierung» der Physik eine Begleiterscheinung der allgemeinen «Verwestlichung», «Liberalisierung» und «Verjudung» des geistigen Klimas ist. Statt sich mit den feststehenden Tatsachen der experimentellen Physik zu befassen, schweife die theoretische Physik immer mehr aus in «leere Abstraktionen», «unorganische Naturbetrachtungen» und «exzessive Mathematisierungen».

    Das wird als typischer Grundfehler des «jüdischen Urcharakters» angesehen. Am 20. April 1933 feiert die «Deutsche Gesellschaft für anschauliche Physik» Hitlers Geburtstag. Man gibt bekannt, dass man die «Befreiung deutscher Wissenschaft von jüdischen Einsteintheorien» unterstütze. Einstein wird als «zionistischer Hetzer» und «Scharlatan» dargestellt. Für Einstein, der die politische Entwicklung in Deutschland mit wachem Blick verfolgt, kommt der Nationalsozialismus nicht unerwartet. Noch auf der Rückreise von einer Vortragsreihe in Amerika nach Europa kündigt er an, dass er nicht nach Deutschland zurückkehren wird. Er tritt aus der Berliner Akademie der Wissenschaften aus. Daraufhin gibt Einstein der Deutschen Gesandtschaft in Brüssel den Auftrag, seine preussische Staatsbürgerschaft aufzuheben. Einsteins gesamtes Vermögen wird von den Nazionalsozialisten konfisziert, und er entscheidet sich, nach Amerika zu gehen.

    Auswanderung nach Amerika

    In Amerika erhält er den Ruf als Professor an das Institute for Advanced Study in Princeton. Auch in seiner neuen Position ist er politisch aktiv. Seine wohl berühmteste politische Tat sind vier Briefe, die er 1939/40 an den amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt schreibt. Er warnt darin vor der Gefahr «Hitler-Deutschlands» und äussert seine Befürchtung, dass die Nazis eine Atombombe entwickeln könnten, die eine ungeheure Vernichtungskraft hätte. Die Atombombe, die ohne Einsteins Mitwirken in den Kriegsjahren in Amerika gebaut wird, verwüstet 1945 die beiden japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki. Einstein bemüht sich noch zusammen mit anderen Physikern erfolglos darum, den Einsatz der Atombombe durch Präsident Truman zu verhindern.

    Nach dem Krieg setzt sich Einstein mit Nachdruck für eine Weltregierung ein, die dem Nationalismus vorbeugen und weltweiten Frieden bringen soll. Er wendet sich vehement gegen alle Formen der Unterdrückung und Militarisierung und ruft alle Intellektuellen dazu auf, sich für die Meinungsfreiheit einzusetzen. Wieder passen Einsteins politische Ansichten nicht in den allgemeinen Zeitgeist. Inhaltlich versucht Einstein jetzt vor allem, eine einheitliche Feldtheorie zu formulieren, die Gravitation und Elektrizität miteinander vereint. Das Ziel ist es, alle Materie und Kraftfelder des Universums in einer Formel, dem «vereinheitlichten Feld», zusammenzufassen. Einstein hatte erstmals in den 20er Jahren von einer derartigen Vereinheitlichung gesprochen. Aber auch nach langwieriger Arbeit – seine Frau Elsa beschreibt sie als das «Höchste und Tiefste, was er je geschaffen» – gelingt es ihm nicht, sie zu formulieren. Seitdem sind alle Versuche, eine einheitliche Feldtheorie zu definieren, auch «Weltformel» genannt, ohne Erfolg geblieben. Einstein stirbt am 18. April 1955 im Alter von 76 Jahren im Krankenhaus von Princeton an einem Riss der Aorta.

    Bundesministerium für Bildung und Forschung


    Albert Einstein
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