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Berühmte Berner und Bernerinnen

Michael Stettler

1.1.1913 - 18.06.2003 Ortbühl

Schweizerischer Architekt und Schriftsteller. Drei Museen hat er entscheidend geprägt in einem einzigen Leben: Das Bernische Historische Museum, das Schweizerische Landesmuseum und die Abeggstiftung in Riggisberg. Ausserdem war er Mitglied mehrerer bedeutender kultureller Institutionen. Für sein vielfältiges Schaffen ist er mit literarischen Preisen von Stadt und Kanton Bern sowie mit Ehrendoktoraten der Universitäten Freiburg i. Ü. und Bern bedacht worden.



  • Michael Stettler
  • Zum Tod von Michael Stettler
  • Schloss Oberhofen
  • Campagne Ortbühl
  • Abegg-Stiftung in Riggisberg
  • Historisches Museum Bern
  • Schweizerisches Landesmuseum Zürich



    Michael Stettler (1913–2003)

    Drei Museen hat er entscheidend geprägt in einem einzigen Leben! Als erstes führte er zwischen 1948 und 1961 das Bernische Historische Museum aus dem 19. Jahrhundert in die Gegenwart, inspiriert vom Victoria and Albert Museum in London. Fast gleichzeitig zwang er den Kanton Bern, das Schloss Oberhofen als Geschenk anzunehmen, und wagte es, darin auch die Wohnkultur des noch verpönten Historismus zur Geltung zu bringen. Dann hielt er diese Aufgaben für erfüllt und sah sich nach neuen um. Das Schweizerische Landesmuseum suchte einen Nachfolger für Direktor Fritz Gysin, doch Michael Stettler liess sich vom Sammlerpaar Werner und Margaret Abegg gewinnen für die Idee einer neuen Museumsstiftung mit Schwerpunkt auf den meist stiefmütterlich behandelten Textiien. So baute er von 1961 bis 1977 eine Institution auf, die den Namen des bernischen Dorfes Riggisberg in der ganzen Welt bekannt machte.

    Um das Wohl des Schweizerischen Landesmuseums kümmerte er sich 1964–1976 als Mitglied von dessen eidgenössischer Kommission. Seinen gewichtigsten Beitrag für dieses Haus hatte er geleistet, indem er 1948–1965 als Präsident sowie 1965–1980 als Mitglied der eidgenössischen Kommission für die Gottfried Keller-Stiftung tätig war und 1958 massgebend mithalf, das «Gradulale von St. Katharinenthal» aus England zurückzukaufen und diese ausserordentliche Zimelie hier zu bewahren. Nicht weniger als 95 der 293 Objekte im Katalog «Meisterwerke der Gottfried Keller-Stiftung», der zu deren 75-jährigem Bestehen 1965 erschien, wurden während seiner Präsidentschaft erworben. Er gab dieses Präsidium ab, um jenes der Pro Helvetia zu übernehmen, deren Stiftungsrat er seit 1952 angehörte. 1970 wechselte er für sechs Jahre zum Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung. In den Schaltzentren der wichtigsten Förderungsinstitutionen hat er die Schweizer Kultur der Nachkriegszeit geprägt wie kein anderer, weitsichtig und sachdienlich, ohne Prestigedenken.

    Begonnen hatte er als Architekt mit dem ETH-Diplom 1936 und der Dissertation 1940, verfasste dann anderthalb Bände der «Kunstdenkmäler des Kantons Aargau» sowie Werke über die Bilder der Schodoler-Chronik und die Königsfelder Kirchenfenster, ehe ihm die Leitung des Berner Museums übertragen wurde. Mit seiner Gattin Barbara von Albertini (1920–2000) zog er vier Töchter gross.

    Für den Spross einer Architektendynastie standen nicht Bauten im Vordergrund, der Gestalter dreier Museen rückte nicht Kunstobjekte ins Zentrum, sein Hauptinteresse galt dem Menschen. «Die schönste Landschaft ist das menschliche Antlitz», lautete einer der vielen unauffälligen Verständnisschlüssel, die er mir gesprächsweise mitgab. So hat er uns trefflich geschilderte literarische Porträts von geschätzten Menschen hinterlassen; als Schriftsteller schuf er das, was von ihm bleiben wird: der Alten (1963), Bernerlob (1964), Neues Bernerlob (1967), Aare, Bär und Sterne (1972), machs na (1981). Im Ruhestand folgten Ortbühler Skizzenbuch (1982), Sulgenbach (1992), Lehrer und Freunde (1997), Erinnerungen aus dem eigenen Leben und an Freunde und andere bedeutende Persönlichkeiten, denen er begegnet war. Selbst Gedichte hat er veröffentlicht Göb i o wett, 1988, Die Rose blüht auch ohne uns, 1993), streng nach den Regeln Stefan Georges, der den 18-Jährigen unauslöschlich beeindruckt hatte. Für seine Publikationen erhielt er 1953 den Literaturpreis des Kantons und 1964 jenen der Stadt Bern. Später kamen Ehrendoktorwürden hinzu, 1973 der Universität Freiburg i.Ü. und 1979 der Universität Bern; 1983 bekam er eine Festschrift zu seinem 70. Geburtstag.

    Er blieb stets derselbe bescheiden-umgängliche Mensch ohne Machtgelüste und Stargehabe, kein Mann zum Anfassen, ein freundlich lächelnder Herr zum Ansprechen. Nur wem es gegeben ist, sich mit vorzüglichen Mitarbeitern zu umgeben, geschickt die Lasten zu verteilen und stets das richtige Mass im Auge zu behalten, kann so grosse Leistungen hervorbringen, ohne sich vorzeitig aufzubrauchen.

    Er verfügte über ein unvorstellbares Beziehungsnetz, vermochte für sich einzunehmen, brauchte nie den Chef herauszukehren, meist genügten Argumente und Ausstrahlung; mit samtweichem Takt, notfalls setzte er sich mit glattseidener Diplomatie durch. So musste Michael Stettler seine Herkunft aus dem «Berner Adel» nie fühlen lassen: überlegene Grösse wirkt als natürliche Autorität. Getreu dem Grundsatz «Servir et disparaître» zog er sich vor Anbruch des Rentenalters zurück in seine gediegene Campagne nach Ortbühl bei Steffisburg.

    Am eindrücklichsten dürfte Michael Stettler allen, die ihn näher kannten, durch seine Kunst des Gesprächs im Gedächtnis bleiben. Statt in unverbindlicher Konversation zu plätschern, war man bei ihm gleich in einem rechten Gespräch. Im Tone der Belanglosigkeit steuerte er auf Wesentliches zu. Er besass ein untrügliches Gefühl für den Wert von Persönlichkeiten. Fast schien mir, an der Art seiner Wertschätzung sei die Grösse seiner Zeitgenossen ablesbar. Er wusste den passenden Ton anzuschlagen, die richtigen Fragen zu stellen, unaufdringlich sich einfühlend, mit Wärme von Mensch zu Mensch, ohne dass einer der Partner etwas hätte preisgeben müssen. Er nahm lebhaft teil, lobte und bedauerte kenntnisreich. Schien ihm etwas tadelnswürdig, gelang es ihm durch ein paar Fragen eine geeignetere Lösung anzudeuten, ohne im Geringsten lehrhaft zu wirken – ehe er gewandt zu einem andern Thema überging. Geklagt hat er selten, umso öfter und lieber gelacht.

    Am 18. Juni 2003 ist im Ortbühl eine der bedeutendsten Schweizer Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts still und leise eingeschlafen.

    Peter F. Kopp



    Zum Tod von Michael Stettler

    Das Gedächtnis - im Sinne des Gedenkens - stand inspirierend und treibend im Hintergrund all seiner Tätigkeiten. Im hohen Alter von über neunzig Jahren ist der Berner Michael Stettler am 18. Juni gestorben. Wo Menschen des 20. Jahrhunderts in anderen Landstrichen schmerzlich nach ihrer verlorenen Herkunft gesucht haben, war er, am Neujahrstag 1913 in Bern geboren, in schöner Selbstverständlichkeit darin geborgen. Doch hat er sein Wissen um all die Geschichten der Gassen und Lauben, der Brunnen und Figuren an viele weitervermittelt und ist darüber zum Connaisseur reicher bernischer Tradition geworden. «Bernerlob», so hiess 1963 eine seiner viel beachteten Essaysammlungen, die er als «Versuche zur heimischen Überlieferung» einstufte.

    Eine Vielzahl von Texten erschien von Michael Stettler im Lauf der Jahre, die immer wieder die Begegnung ins Zentrum rückten: von berndeutschen Gedichten über Porträtstudien und die Monographie zu Otto Meyer-Amden bis hin zu autobiographischen Aufzeichnungen. Das «Ortbühler Skizzenbuch» (1982), welches in die Kindheit mit ihren entscheidenden sinnenhaften Prägungen zurückreicht, wies ihn als einen Autor von sensibler Wahrnehmung innerer Vorgänge aus, als sprachbewussten Gestalter der Erinnerungen, für den Bild und Wort im gleichen Mass bedeutsam waren.

    Regsam auch im äusseren Leben verankert, stand der diplomierte Architekt von 1948 bis 1961 dem Historischen Museum Bern als Direktor vor; danach engagierte er sich in gleicher Funktion bis 1977 für die Abegg-Stiftung Riggisberg. Ausserdem war er Mitglied mehrerer bedeutender kultureller Institutionen. Für sein vielfältiges Schaffen ist er mit literarischen Preisen von Stadt und Kanton Bern sowie mit Ehrendoktoraten der Universitäten Freiburg i. Ü. und Bern bedacht worden.

    Beatrice Eichmann-Leutenegger
    Neue Zürcher Zeitung 26. Juni 2003



    Michael Stettler

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