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Homosexualität von '68 bis heute Eine Lawine kommt ins Rollen: die schwule Bewegung Die 68er-Revolution in Deutschland hat gesellschaftlich so einiges verändert. Die Menschen wurden liberaler, offener und entkrampfter. Und 1969 wurde dann auch endlich der berüchtigte § 175 entschärft: Schwuler Sex war fortan nicht mehr strafbar. Doch die direkten und indirekten Auswirkungen waren – vor allem auf lange Sicht – noch viel weitreichender und haben schliesslich den Weg geebnet, der es uns heute überhaupt erst möglich gemacht hat, dass ein offen schwules Leben im Jahr 2005 zumindest in einigen Teilen Deutschlands absolut problemlos vonstatten gehen kann. Was ist also seitdem so alles passiert? Welche Hürden galt es zu überwinden? Wir haben die wichtigsten Meilensteine in einer Reportage für dich zusammengetragen. Eine Lawine kommt ins Rollen: die schwule Bewegung Freitag, 27. Juni 1969, New York Manhattan, Christopher Street: Eine Truppe Polizeibeamter stürmt das Stonewall, eine ziemlich heruntergekommene, wegen fehlender Alkohollizenz illegal geführte Schwulenbar, die insbesondere dafür bekannt war, ein beliebter Treffpunkt für junge Schwule zu sein, die als Minderjährige in andere Bars nicht hineinkamen. Die Cops, deren vornehmliches Ziel das Schliessen von illegal geführten Latino- und Homosexuellenbars war, hatten wohl mit vielem gerechnet – nicht aber mit einem derartigen Widerstand: Aus einer sich friedlich vor der Bar versammelnden Masse wurde schliesslich ein Kampf um die Stonewall Kneipe, der sich schon bald zu einer tagelang andauernden, äusserst brutalen Schlacht um die ganze Christopher Street und darüber hinaus weiter entwickeln sollte. Heterosexuelle wurden am Passieren gehindert und einzelne Polizisten mit Rufen wie «Christopher Street belongs to the queens!» oder «Catch them! Fuck them!» gejagt - der Christopher Street Day, kurz CSD, war geboren. Die Geschehnisse aus den USA schwappten auch sehr bald nach Deutschland über und das schwule Selbstbewusstsein erhielt einen ordentlichen Schub. Und spätestens als 1971 dann Rosa von Praunheims berüchtigte Film «Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in die er lebt» gezeigt wurde, bildeten sich Land auf, Land ab schwule Gruppen – die Schwulenbewegung war auch hierzulande wieder im Aufschwung und man trat mutig auf die Strasse, um für seine Rechte einzutreten. Die ersten CSDs gab es in Deutschland übrigens 1979 in Bremen, Stuttgart und Westberlin, zehn Jahre nach den Geschehnissen in New York. Die erste offizielle Schwulendemo der Bundesrepublik fand 1973 in Münster statt. Dass auch heute noch wilde Protestmärsche erfolgsversprechend sein können, zeigt das Beispiel des Kölner Jugendzentrums anyway: Als 1997 die Diskussionen um die Einrichtung eines schwullesbischen Jugendzentrums in Köln so festgefahren waren, dass es weder vorwärts noch rückwärts ging, versammelten sich am Welt-Aids-Tag unter Begleitung von RTL einige Dutzend wütender schwuler und lesbischer Jugendlicher vor dem Kölner Rathaus und blockierten unter lauten Protestrufen das Gebäude. Die Folge: Der Oberbürgermeister stand unter Druck und lud zu einem Gespräch – und zwar bereits am nächsten Tag. Wenig später war das Jugendzentrum beschlossene Sache. Schritt für Schritt: schwule Rechte Zwar wurde der § 175, nach dem schwuler Sex unter Strafe stand, bereits 1969 kräftig entschärft, übrig blieb aber der Absatz, der das Schutzalter schwuler Jugendlicher auf 21 festsetzte – bei Heterosexuellen galt ein Alter von 18 Jahren. Wer mit Jugendlichen unter dieser Grenze Sex hatte, der machte sich strafbar. 1971 wurde die Grenze unter Schwulen dann auf 18 herabgesetzt – im gleichen Atemzug bei Heteros allerdings auf 16. Es sollte bis 1994 dauern – die DDR schaffte das bereits sechs Jahre zuvor – bis diese Ungerechtigkeit endlich der Vergangenheit angehörte. Heute gilt eine allgemeine Schutzgrenze, ganz egal ob schwul oder hetero, von 16 Jahren. Der Grund, warum die schwule Bewegung so sehr auf die Streichung des Paragraphen pochte, war nicht, dass man unbedingt Sex mit Minderjährigen haben wollte, sondern viel mehr die Tatsache, dass eine gesonderte Behandlung Schwuler schon aus Prinzip ein Ende finden sollte. Der nächste Meilenstein sollte nicht lange auf sich warten lassen: 2001 war es endlich so weit – das Lebenspartnerschaftsgesetz trat in Kraft. Zwar können Schwule und Lesben noch immer nicht richtig heiraten und müssen daher auf eine ganze Reihe an Rechten verzichten, der Gesetzgeber erkennt gleichgeschlechtliche Partnerschaften nun aber endlich rechtlich an. Ein Schritt in die richtige Richtung, dem mit Sicherheit noch einige weitere folgen werden. Alarmstufe Doppelrot: der Aidsschock Die 80er Jahre waren für die schwule Welt wohl die einschneidendsten und traurigsten seit dem Dritten Reich. Von Amerika breitete sich eine neue, tödliche Krankheit aus, über die man so gut wie gar nichts wusste: Aids. Da Schwule im Gegensatz zu Heterosexuellen nicht schwanger werden konnten, sah man kaum eine Notwendigkeit, Kondome beim Sex zu benutzen und so kam es, dass vor allem in Grossstädten mit florierender schwuler Szene die Leute massenweise starben. Viele mussten das Wegsterben des halben Freundeskreises oder Partners mit ansehen und zu allem Überfluss wurden die Schwulen auch noch beschuldigt, neben Drogenabhängigen und Prostituierten der Seuchenherd für die Krankheit zu sein. In den Augen der Öffentlichkeit war vor allem ein «unmoralischer Lebenswandel» Grund für die Krankheit – die schwule Welt wurde somit mit einem Schlag wieder von vielen Seiten aus attackiert, Vorurteile geschürt. Sehr heftig ist in diesem Zusammenhang die vorgeschlagene «bayrische Lösung» des Problems. Während die bald deutschlandweit operierende Aidshilfe auf Aufklärung, Prävention und kostenlose Verteilung von Kondomen setzte, wollten einzelne Leute wie Peter Gauweiler, CSU, das Problem ganz anders angehen: Gauweiler wollte nicht die Seuche an sich bekämpfen, sondern vielmehr die «unmoralischen Schuldigen», die Träger der Krankheit. Infizierte sollten gemeldet und isoliert oder notfalls eingesperrt werden, damit sich das Virus nicht weiter ausbreiten könne. Und heute? Die schwule Welt im Jahr 2005 Wie sieht die schwule Welt heute aus? Sicher ist noch nicht alles so wie wir es gerne hätten: Wir werden weiterhin rechtlich benachteiligt, vor allem in ländlichen Gegenden diskriminiert und sehr oft auf der Strasse schräg angeschaut, wenn wir Händchen haltend mit unserem Freund durch die Stadt laufen. Homozentren wie Köln zeigen aber, dass es auch anders geht. Und Filme wie Sommersturm oder Kinsey bringen der Gesellschaft schonend aber stetig bei, dass schwul sein etwas völlig Normales ist. In jeder halbwegs grossen Stadt gibt es eine mehr oder weniger grosse schwule Szene mit zahlreichen Möglichkeiten, andere schwule Jungs kennen zu lernen. Und wer davon nichts hält, der setzt eben auf schwule Internetportale wie dbna oder Gayromeo. In vielen Grossstädten gibt es schwule Sportvereine, schwule Buchläden, schwule Saunen und schwule Jugendgruppen. Die vielen Christopher Street Days in ganz Deutschland locken jedes Jahr wieder Millionen Besucher an und während es bis in die 90er Jahre nicht gerade selten vorkam, dass Politiker oder andere Prominente durch den Vorwurf der Homosexualität an Popularität einbussen mussten, machte spätestens der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, mit seinem berühmten Satz «Ich bin schwul und das ist auch gut so» endgültig Schluss damit. Heute hat man viel mehr den Eindruck, dass sich Stars und Sternchen fast schon am laufenden Band outen. Langsam aber sicher erkennt man also die angeblich 5-10 Prozent Homosexuellen. So kann es gerne weitergehen. www.dbna.net 16.05.2005 | ||||||