gayCH
Google
Web g26.ch
PLATTFORM FÜR
SCHWULE IN DER SCHWEIZ

Home  Bern  Basel  Zürich  Chats
Lexikon  Galerien  Gesetze  Lifestyle
Organisationen  Inserate  News

g26.ch
«Homosexuelle spüren Druck»

Homosexualität ist weder auf eine biologische noch eine medizinische, psychische oder anderweitige Störung zurückzuführen. Dennoch fühlen sich viele lesbische und schwule Menschen einem gesellschaftlichen Druck ausgesetzt. Der Psychologe Kurt Wiesendanger erklärt die Gründe und wie Betroffene besser damit zurechtkommen.

Herr Wiesendanger, Homosexuelle outen sich, gleichgeschlechtliche Paare geben sich in der Öffentlichkeit zu erkennen, Homosexualität ist heutzutage ein Thema. Warum fühlen sich viele Lesben und Schwule immer noch an den Rand der Gesellschaft gedrängt?

Kurt Wiesendanger: Homosexualität wird vor allem in eher ländlichen oder katholisch-konservativ geprägten Gebieten immer noch häufig als abnorme Neigung betrachtet. Natürlich setzt dies gleichgeschlechtlich Empfindende unter enormen Druck, vor allem wenn sie ihre Sexualität selbst nicht akzeptiert haben. Dieser Druck kann zur Verzweiflung mit entsprechenden psychischen Reaktionen wie etwa Depressionen, Zwängen oder Suchtverhalten führen oder treibt sie schlimmstenfalls gar in den Suizid. Der Druck, welcher der Vatikan derzeit gegen Homosexuelle ausübt, fördert dies zusätzlich.

Woher kommt denn die Homosexualität? Kann man Homosexuelle zu Heterosexuellen therapieren?

Wiesendanger: Über die Ursachen von Homosexualität rätselt die Wissenschaft auch heute noch. Vergeblich wurde nach einem entsprechenden Gen geforscht. Fest steht bloss, dass der Homosexualität keine medizinische, psychische oder biologische Störung zugrunde liegt. Somit kann sie auch nicht «geheilt» werden. Dies hat schon Sigmund Freud vor hundert Jahren erkannt, indem er sagte, dass es genauso absurd wäre, das Umgekehrte zu versuchen, also einen Heterosexuellen «umzupolen». Gleichgeschlechtliche Liebe hat es zu allen Zeiten gegeben, unterschiedlich offen waren die Gesellschaften diesem Phänomen gegenüber. In den vergangenen fünf, zehn Jahren ist jedoch die Toleranz stark gewachsen, vor allem in skandinavischen Ländern, in Holland, Deutschland, in der Schweiz, in einigen Staaten der USA sowie in Kanada. Wenig geändert hat sich in südeuropäischen Ländern, wo der Einfluss der katholischen Kirche nach wie vor stark ist.

Wenn sich Prominente als gleichgeschlechtlich veranlagte Menschen zu erkennen geben, müsste das doch auch vielen andern Mut machen.

Wiesendanger: Solche Coming-outs sind positiv zu werten, doch das Hauptproblem bleibt bestehen, solange Teile der Gesellschaft und der Kirche Homosexualität ablehnen. Vor allem vor dem eigenen Akzeptieren des gleichgeschlechtlichen Empfindens bedeutet dies für Betroffene einen hohen psychischen Druck. Aber auch nach einem Coming-out stellt sich für Lesben und Schwule immer wieder die Frage, wie offen sie mit ihrer Sexualität in ihrem familiären, beruflichen oder gesellschaftlichen Umfeld umgehen wollen. Da fragt zum Beispiel ein Klient von mir, ob er seine Homosexualität dem Chef mitteilen soll. Oftmals gibt es keine eindeutige Antwort darauf, denn vor allem in hierarchischen Strukturen ist der Umgang damit heikel. Die Abneigung vieler Menschen bekommen Schwule und Lesben auch in Witzen oder rabiaten Ausdrücken wie «Du schwule Sau» zu spüren, was für einen pubertierenden Jugendlichen, der seine Homosexualität entdeckt, besonders verhängnisvoll ist. Und schliesslich kann Antihomosexualität bis zu physischer Gewalt führen.

Was treibt Menschen, sich so zu äussern?

Wiesendanger: Wir nennen dieses Verhalten Homophobie oder antihomosexuelle Gewalt. Diese hat vordergründig mit Wut und Abscheu gegenüber Lesben und Schwulen, tiefgründig und meist unbewusst hingegen mit Angst und Unsicherheit in der eigenen Identität zu tun. Homophobie ist in einigen Aspekten vergleichbar mit Rassismus oder Antisemitismus. Das Fremde muss bekämpft werden, damit das Eigene nicht hinterfragt wird.

Wie können gleichgeschlechtlich empfindende Menschen ihren psychischen Druck abbauen?

Wiesendanger: Es gibt nur eine Lösung: Sie müssen ihre Sexualität akzeptieren lernen. Oft benötigen sie hierbei fachliche Unterstützung. Vielleicht hilft es ihnen auch zu wissen, dass fünf bis zehn Prozent der Menschen gleichgeschlechtlich empfinden, dass also mindestens jede 20. Person, der sie begegnen, auch so fühlt.

Wie sollen junge Menschen reagieren, die ihre Homosexualität eines Tages wahrnehmen?

Wiesendanger: Wenn sie einen Menschen haben, dem sie vertrauen können, ist es gut, mit ihm darüber zu reden. Das kann ein Freund, der Bruder oder die Schwester sein oder auch ein Lehrer, vielleicht auch Vater oder Mutter. Im Übrigen ist es wichtig, dass sie andere Gleichempfindende kennen lernen, etwa in einer homosexuellen Jugendgruppe. Die nächste befindet sich in Zürich: «Spot 25», zu finden unter www.spot25.ch.

Schwule und Lesben verarbeiten ihre Probleme wahrscheinlich ganz unterschiedlich.

Wiesendanger: Rund ein Drittel lebt nach dem Coming-out in einer gefestigten Identität mit seiner Sexualität und hat damit keine Probleme. Ein Drittel bleibt auf halber Strecke in seiner homosexuellen Identitätsfindung stecken und tut sich mal mehr mal weniger schwer damit. Und nochmals ein Drittel spaltet seine Gefühle völlig ab und gibt sich niemandem zu erkennen. Häufig wagen diese Menschen es nicht einmal, sich einem Psychologen gegenüber zu öffnen, auch wenn gerade dies besonders wichtig wäre.

Viele meinen, Lesben und Schwulen seien an ihrem Gebaren zu erkennen.

Wiesendanger: Das ist ein Vorurteil. Es sind nur wenige, die durch betont tuntenhaftes Benehmen oder Ähnliches auffallen. Die meisten aber leben unerkannt mitten unter uns. Darüber hinaus bedenke man: 30 Prozent der Lesben und Schwulen leben in heterosexuellen Beziehungen, sind zum Teil verheiratet und haben Kinder. Und niemand weiss davon. Häufig ahnt der Partner oder die Partnerin allerdings nach gewisser Zeit etwas.

Tun sich Frauen schwerer als Männer mit ihrer Homosexualität?

Wiesendanger: Das ist ungefähr ausgeglichen. Frauen leiden darunter, weil sie als Lesben kaum ernst genommen werden. Bei Schwulen wirkt sich erschwerend aus, dass Homosexualität als Verlust von Männlichkeit betrachtet wird, unsere patriarchal organisierte Umwelt sich dadurch bedrängt fühlt und dann mitunter mit offenem Hass reagiert.

Kurt Wiesendanger: Schwule und Lesben in Psychotherapie, Seelsorge und Beratung. Vandenhoeck & Ruprech, Göttingen, 2001. Fr. 35.90. Kurt Wiesendanger, Udo Rauchfleisch und andere: Gleich und doch anders. Klett-Cotta, Stuttgart, 2002. Fr. 47.-.

Kurt Wiesendanger

Kurt Wiesendanger (39), Psychologe FSP, arbeitet als Psychotherapeut in privater Praxis in St. Gallen und Zürich. Er promovierte mit dem Thema Homosexualität und Psychotherapie und ist Buchautor im Themenbereich sexuelle Identität. Viele seiner Klienten lieben gleichgeschlechtlich.

St.Galler Tagblatt AG
Fredi Kurth 06.09.2003