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Trend: Die Mode feiert den Dandy als stilisierten Mann: Stil vor Inhalt, Leder statt Plastik
Die Ankündigung erfolgte bereits vor fünf Jahren und kam in Streifenform daher. Genauer: in Nadelstreifen. Als die Männermode damals wieder auf den traditionellen Anzug mit Londoner City-Chic referierte, war klar, dass am Schlusspunkt dieses neokonservativen Mode-Revivals nur eine einzige Figur stehen würde, der Dandy. Diesen Sommer kulminiert die Chronik dieser angekündigten Entwicklung in einer gänzlich stilisierten Männlichkeit à la Beau Brummell, Oscar Wilde , Brian Ferry, Tom Wolfe oder Helmut Berger. Halb Kunstfigur, halb Literat, halb Geschäftsmann, halb schwul ist der Dandy ein Ästhet ohnegleichen, einer, dem die Form über alles geht, der Etikette, Oberfläche und Stil über den Inhalt stellt. Ein Dandy, meinte der französische Schriftsteller Charles Baudelaire, «muss leben und schlafen vor dem Spiegel». Für die Wiederkunft des Superästheten gibt es nicht nur modische Symptome. Die neuerdings boomende Benimm-Branche, die mit Kursen und Büchern gegen die Verrohung der Umgangsformen und für eine stilvolle Etikette ins Feld zieht, ist ebenso Anhaltspunkt für die Renaissance der Eleganz wie die US-TV-Sendung «Queer Eye for the Straight Guy», wo fünf schwule Experten modisch unterbelichtete Heteros aufpeppen. Die neue Dandy-Ästhetik ist die Gegenbewegung zur Balkanisierung Zweistellige Wachstumsraten der Männerkosmetikbranche und hyperästhetische Inszenierungen der Bar- und Klubszene mögen ebenfalls als Indikator für neues Stilbewusstsein gelten. Wenn der Tresen aus schwarzem Mahagoni geschreinert wurde, die Kellner mit Bügelfalte und gestärktem Kragen die Drinks servieren, dann muss sich ein Gast in Jeans und T-Shirt wie im falschen Film vorkommen vorausgesetzt sein Stilbewusstsein sei nicht total verkümmert. Die neue Dandy-Ästhetik ist sozusagen als Antithese zum Casual-Look, als Gegenbewegung zur Balkanisierung der Dresscodes zu verstehen. Brauner Feincord-Anzug statt Trevira-Trainer, Bügel falten statt Dreistreifen-Look, Leder statt Plastik, zweifarbige Golfer statt Sneaker, Panama statt Baseball Cap, Hermès-Weekender statt Adidas-Tennistasche, weisse Leinenhosen statt profane Surfershorts so lauten die wichtigsten modischen Stilansagen dieses Sommers. Die Blume im Knopfloch ist unverzichtlich Kaum ein Modemacher, der sich dieser männlichen Neupositionierung im Zeichen der feinen Unterschiede nicht verschrieben hätte. Roberto Cavalli, sonst der Vorzeige-Exzentriker unter den Mailänder Modemachern, liess seine Dandys in weissen, dreiteiligen Anzügen über den Catwalk stolzieren mit ausgefallenen weissen Taschen in der Hand. Joop! setzte ebenfalls auf den Tod-in-Venedig-Look: leicht glänzender weisser Anzug, schwarze Lackschuhe und Hemd, und, welch Frivolität, eine violette Blume im Knopfloch. Die Knopflochblume als Dandy-Stilmittel hat zwar einen leicht verwegenen, um nicht zu sagen, halbseidenen Touch. Doch als formales Accessoire ist sie unverzichtlich, um die leicht versteifte Silhouette aufzubrechen. Während der Dandy in seiner Ursprungsform zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit der Blume im Knopfloch seinen Müssiggang zur Schau stellte, wird damit heute lediglich eine individualistische Lebenshaltung nach aussen gekehrt. Wer damals keiner Arbeit nachging, war erfolgreich und griff zu teils drastischen Mitteln, um dies der Welt zu zeigen: «1839 war es elegant», bemerkte der Kulturphilosoph Walter Benjamin, «beim Promenieren eine Schildkröte spazieren zu führen.» Heute wird Exzentrik zwar nicht mehr derart offensiv nach aussen getragen, doch grundsätzlich verhält es sich nicht viel anders als zur Blütezeit der männlichen Selbstinszenierung. Tatsächlich ist die neue Dandymode nämlich eine Kampfansage an die pflegeleichte Functional Fashion. Aufwändige Verarbeitungstechniken, etwa nach aussen gekehrte Säume, kunstvoll genähte Knopflöcher, gestärkte Hemdkragen und Manschetten, die mit edelmetalligen Manschettenknöpfen verschlossen werden, oder kunstvolle geknüpfte Foulards signalisieren handwerkliches Können und zeitintensive Pflege, die sich deutlich vom casualen Reiss- und Klettverschluss abgrenzt. Während schmutzige Turnschuhe vom heissen Wasserstrahl der Duschbrause oder in der Waschmaschine gereinigt werden, muss der zweifarbige Rahmengenähte sorgfältigst von Hand geputzt, getrocknet, gecremt und danach poliert werden. Und zur Schau tragen darf man ihn erst noch nur jeden zweiten Tag. Offenkundigstes Symbol der Dandy-Renaissance ist jedoch die Farbe Weiss, die diesen Sommer bei keinem einzigen Modemacher in der Kollektion fehlen darf. Weiss symbolisiert nicht nur Unschuld, sondern soll vor allem deutlich machen, dass der Träger eines hellen Anzugs mindestens drei Exemplare davon besitzt. Jenen, den er gerade an der Vernissage der Biennale in Venedig trägt, den zweiten, der sich als Reserve im Hotelschrank befindet. Und einen dritten, der eigentlich immer in der Reinigung ist. Von Christoph Doswald www.sonntagszeitung.ch 17.04.2005 | ||||||