Irakkrieg - Opfer durch USA Bomben

Irak
Kriegsverbrecher Blair

Shuckburgh ist eine freundliche alte Dame, nicht alle formulieren ihren Widerspruch so dezent. Diane Abbott zum Beispiel, die 1987 als erste schwarze Abgeordnete ins Unterhaus gewählt wurde, nimmt kein Blatt vor den Mund. «Ich habe mich noch nie so sehr für diese Regierung geschämt», sagt sie auf einer Antikriegsveranstaltung in ihrem Wahlkreis Hackney. «Das ist Mister Blairs Krieg, und das Blut, das jetzt vergossen wird, klebt an seinen Händen.» Noch einen Schritt weiter geht das Magazin «Labour Left Briefing», das sich vor allem an Parteimitglieder richtet. Sein letztes Titelbild zeigt ein Foto des Premiers, darunter nur ein Wort: «Kriegsverbrecher». Das sehen viele genauso - jedenfalls gibt es derzeit kaum eine Versammlung, kaum eine Kundgebung, auf der nicht verlangt wird, Blair vor den Internationalen Strafgerichtshof zu bringen.

Die Empörung über den Krieg hat «Schwarze und Weisse, Christen und Muslims, Stadt und Land geeint», sagt die Abgeordnete Abbott. Am 15. Februar die grösste Demonstration in der Geschichte des Landes, am 22. März die grösste Demonstration, die es je zu Kriegszeiten gegeben hat, dazu zweimal hintereinander massive Rebellionen in der Labour-Fraktion, und ein Ende der Proteste ist nicht absehbar. Vor allem die Minderheiten im Land sind wütend. Tony Blair habe doch seine Argumente gewechselt wie andere ihre Hemden, nur um rechtzeitig in den Krieg zu ziehen, sagt beispielsweise Mehmet Berker. «Er will, dass man seinem Urteil vertraut, aber er hat zu oft gelogen.» Im Büro des Architekten Berker denken alle so. Der Premier verliert derzeit offenbar nicht nur die Unterstützung der ImmigrantInnen, die seit je für Labour votierten, sondern auch jener Schichten, die er einst heftig umworben und an deren Interessen er seine Politik ausgerichtet hat.

Diese Stimmung zeigt sich auch in Meinungsumfragen. Vor dem Krieg hatten sich über 70 Prozent der Befragten gegen einen Krieg ohne Uno-Mandat ausgesprochen. Als die Attacke begann, stellten sich jedoch 59 Prozent hinter Blair - und für einen kurzen Moment sah es so aus, als würde dessen Rechnung aufgehen. Immerhin hat er einen Grossteil der Medien auf seiner Seite: die TV-Anstalten inklusive BBC («Blairs Broadcasting Corporation», wie sie von KriegsgegnerInnen mittlerweile genannt wird), die auflagenstarken Zeitungen von Rupert Murdoch («Times», «Sunday Times», «Sun», «News of the World»), den erzkonservativen «Daily Telegraph», die Revolverblätter «Daily Express» und «Daily Mail». Dieser geschlossenen Front mit einer Gesamtauflage von zehn Millionen Exemplaren pro Tag stehen nur drei Zeitungen mit insgesamt knapp drei Millionen Auflage gegenüber: der «Daily Mirror», der «Guardian», der «Independent». Zu Jahresbeginn hatten sich viele gefragt, wieso Blair, der doch so viel auf Umfragen gibt, die weit verbreitete Skepsis der Bevölkerung ignoriert. Nun wissen sie es: Noch viel wichtiger als die Meinung der Menschen ist für Blair die Meinung der Verleger. Der US-australische Medienzar Murdoch oder der kanadische «Telegraph»-Eigner Lord Conrad Black (er kontrolliert auch die «Jerusalem Post») stehen stramm hinter Bush.

Auszug aus
Britannien: Tony Blair verliert den Krieg - Sieg im Irak, Niederlage daheim
Von Pit Wuhrer, Fairford
WoZ 10.04.2003


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