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Mailand - Der verlorene Führerschein
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Umberto Eco
Italienischer Schriftsteller und Sprachphilosoph, * 5. 1. 1932 Alessandria; Professor für Semiotik in Bologna; zahlreiche wissenschaftliche Abhandlungen zu Semiotik, Kunst und Literatur: «Das offene Kunstwerk» 1965, deutsch 1973; «A theory of semiotics» 1976; «Kunst und Schönheit im Mittelalter» 1987, deutsch 1991; hatte grossen Erfolg mit den Romanen «Der Name der Rose» 1980, deutsch 1982; «Das Foucault’sche Pendel» 1988, deutsch 1989; «Die Insel des vorherigen Tages» 1994, deutsch 1995; «Baudolino» 2000, deutsch 2001.

www.wissen.de



  • Mailand - Der verlorene Führerschein
  • Umberto Eco (Wikipedia)
  • Abbildungen



    Mailand - Der verlorene Führerschein

    Umberto Eco, Bestsellerautor und Mailänder, widerspricht vehement der landläufigen italienischen Ansicht, die Bürokratie Mailands sei nur noch mit der preussischen vergleichbar.

    Mailand, Anfang 1982. Dass ich diese Zeilen schreibe und der Espresso sie bringt, ist die letzte Bestätigung dafür, dass ich ein Privilegierter bin, wie man aus dieser Geschichte ersehen wird. Als gewöhnlicher Bürger hätte ich nicht bloss die Schikanen, von denen ich Zeugnis ablegen werde, sondern noch wesentlich schlimmere zu erdulden gehabt und wäre nicht einmal fähig, darüber zu sprechen. Dass ich hier noch sitze und schreibe, verdanke ich nur der Hilfe vieler Geheimgesellschaften, wie sie bei uns heute üblich sind. Der Leser wird mir daher verzeihen, wenn ich in meinem Bericht die Namen und Funktionen vieler Personen verschweige, um sie nicht in meinen Ruin mit hineinzuziehen.

    Also: im Mai letzten Jahres, auf Durchreise in Amsterdam, verliere ich (oder wird mir in der Trambahn gestohlen - denn Taschendiebe gibt es sogar in Holland) eine Brieftasche, die nur wenig Geld, aber diverse Ausweispapiere und Mitgliedskarten enthielt. Ich merke es erst im Moment der Abreise, beim Check-in am Flughafenschalter, und entdecke sofort, dass meine Kreditkarte fehlt. Dreissig Minuten vor dem Abflug stürze ich mich in die Suche nach einem Ort, wo ich den Verlust anzeigen kann, nach fünf Minuten werde ich von einem Beamten der Flughafenpolizei empfangen, der ein gutes Englisch spricht und mir erklärt, dass die Sache nicht in ihre Zuständigkeit falle, da mir die Brieftasche in der Stadt abhanden gekommen sei; dennoch ist er bereit, eine Anzeige aufzunehmen, versichert mir, dass er um neun, wenn die Schalter öffnen, persönlich bei American Express anrufen werde, und klärt den niederländischen Teil meines Falles in zehn Minuten. Zurück in Mailand, rufe ich bei American Express an, die Nummer meiner Kreditkarte wird in die ganze Welt signalisiert, und tags darauf habe ich die neue Karte. Wie schön ist das Leben in der Zivilisation, sage ich mir.

    Dann mache ich eine Aufstellung meiner anderen verlorenen Papiere und erstatte Anzeige beim Präsidium: zehn Minuten. Wie schön, sage ich mir, wir haben eine Polizei wie die niederländische (und dabei hatte sie damals noch nicht einmal den entführten General Dozier befreit). Unter den Ausweisen war eine Mitgliedskarte des Journalistenverbandes, und nach drei Tagen erhalte ich glücklich ein Duplikat. Wie schön. Leider war auch mein Führerschein dabei. Nicht so schlimm, denke ich mir, das betrifft die allmächtige Automobilindustrie, uns blüht bekanntlich ein italienischer Ford, wir sind ein Land voller Autobahnen. Ich rufe beim Automobilclub an und höre, dass es genüge, die Nummer des verlorenen Führerscheins anzugeben. Leider hatte ich sie mir, wie ich nun merkte, nie irgendwo notiert - es sei denn genau auf dem Führerschein. Ich frage, ob sie nicht unter meinem Namen nachsehen können, um die Nummer zu finden. Aber das scheint nicht möglich zu sein.

    Ich muss Auto fahren, koste es, was es wolle, und so beschliesse ich, etwas zu tun, was ich normalerweise nicht tue, nämlich abgekürzte und privilegierte Wege zu gehen. Normalerweise vermeide ich das, denn Freunde oder Bekannte zu belästigen ist mir unangenehm, und ich hasse diejenigen, die dasselbe mit mir tun, ausserdem lebe ich schliesslich in Mailand, wo es, wenn man eine Bescheinigung von der Kommune braucht, nicht nötig ist, mit dem Bürgermeister zu telefonieren, man stellt sich brav vor dem Schalter an, wo es eher zügig vorangeht.

    Aber wie es eben so ist, das Auto macht uns alle ein bisschen nervös, ich rufe also in Rom eine hohe Persönlichkeit vom Automobilclub an, die mich mit einer hohen Persönlichkeit vom Automobilclub in Mailand verbindet, die ihrer Sekretärin sagt, sie soll tun, was sie könne. Sie kann leider nur sehr wenig, trotz ihrer Freundlichkeit. Sie lehrt mich einige Tricks, drängt mich, nach einer alten Avis-Quittung zu suchen, auf der meine Führerscheinnummer steht, hilft mir, die vorgeschalteten Formalitäten in einem Tag zu erledigen, und erklärt mir dann, wo ich hingehen müsse, nämlich in das Ufficio Patenti, die Führerscheinabteilung der Präfektur, eine enorme Schalterhalle, gerammelt voll von verzweifelten und übelriechenden Menschen, so etwas wie der Hauptbahnhof von Neu-Delhi in Filmen über die Revolte der Cipays, wo die Wartenden, die sich Horrorgeschichten erzählen («Ich bin hier seit der Zeit des Libyenkrieges»), mit Thermosflaschen und Brötchen kampieren und am vorderen Ende der Schlange ankommen, wie es mir passiert, wenn der Schalter gerade schliesst.

    In jedem Falle, muss ich sagen, ist es nur eine Sache von wenigen Tagen des Schlangestehens, in deren Verlauf man jedesmal, wenn man vorne beim Schalter ankommt, erfährt, dass man noch ein weiteres Formular ausfüllen oder noch eine weitere Stempelmarke kaufen und sich dann wieder hinten anstellen muss. Aber das ist bekanntlich normal. Alles in Ordnung, sagt man mir schliesslich, kommen Sie in zwei Wochen wieder. Bis dahin: Taxi.

    Zwei Wochen später, nach Übersteigen einiger Antragsteller, die inzwischen zusammengebrochen sind und im Koma liegen, eröffnet man mir am Schalter, dass die Führerscheinnummer, die ich der alten Avis-Quittung entnommen hatte, sei's wegen eines Abschreibfehlers, sei's wegen mangelnder Qualität der Blaupause, sei's wegen fortgeschrittener Zersetzung des bejahrten Papiers, nicht die richtige sei. Man könne nichts machen, wenn ich die richtige Nummer nicht angebe. «Gut», sage ich, «sicher können Sie keine Nummer suchen, die ich Ihnen nicht zu nennen weiss, aber Sie können doch unter dem Namen Eco suchen und die Nummer dort finden». Mitnichten: sei's aus Böswilligkeit, sei's aus Arbeitsüberlastung, sei's dass die Führerscheine nur unter den Nummern archiviert worden sind, jedenfalls ist das nicht möglich. Versuchen Sie's doch mal da, wo Sie den Führerschein ursprünglich gemacht haben, wird mir geraten, also in Alessandria, vor Jahrzehnten. Dort müsste es möglich sein, Ihre Nummer zu finden.

    Ich habe keine Zeit, nach Alessandria zu fahren, auch weil ich ja nicht mit dem Auto hinfahren darf, und so versuche ich es mit der zweiten Abkürzung: Ich telefoniere mit einem alten Schulkameraden, der jetzt eine hohe Persönlichkeit im lokalen Finanzamt ist, und bitte ihn, mit dem «Inspektorat für Motorisierung», das heisst dem Strassenverkehrsamt zu telefonieren. Er entschliesst sich zu einem nicht minder zwielichtigen Schritt und telefoniert direkt mit einer hohen Persönlichkeit in besagtem Amt, die ihm erwidert, dergleichen Daten könne man niemandem ausser den Carabinieri geben. Ich denke, der Leser wird sich darüber im klaren sein, welche Gefahr in der Tat die Behörden liefen, würden sie meine Führerscheinnummer einfach an Hinz und Kunz weitergeben: Gaddafi und der KGB warten doch nur darauf. Also, top secret.

    Ich gehe meine Vergangenheit durch und finde einen anderen Schulkameraden, der jetzt eine hohe Persönlichkeit in einer öffentlichen Anstalt ist, aber ich lege ihm nahe, sich möglichst nicht an hohe Persönlichkeiten im Verkehrsamt zu wenden, da die Sache gefährlich sei und am Ende gar zu einer parlamentarischen Untersuchung führen könnte. Lieber solle er, rege ich an, eine niedere Persönlichkeit ausfindig machen, vielleicht einen Nachtwächter, der sich bestechen lässt und bei Nacht die Nase in die Archive steckt. Die hohe Persönlichkeit in der öffentlichen Anstalt hat das Glück, eine mittlere Persönlichkeit im Verkehrsamt zu finden, die nicht einmal bestochen zu werden braucht, da sie gewohnheitsmässig den Espresso liest und aus Liebe zur Kultur sich entschliesst, ihrem bevorzugten Kommentator (also mir) diesen gefährlichen Dienst zu erweisen. Ich weiss nicht, was diese kühne Person unternimmt, Tatsache ist jedoch, dass ich am nächsten Tage die Nummer des Führerscheins habe, eine Nummer, die der Leser mir erlauben wird, hier nicht zu enthüllen, denn ich habe Familie.

    Mit der Nummer (die ich mir jetzt überall notiere und, im Blick auf künftige Diebstähle oder Verluste, in Geheimfächern aufbewahre) überwinde ich weitere Schlangen im Amt für Strassenverkehr zu Mailand und schwenke sie vor den misstrauischen Augen des Beamten am Schalter. Dieser eröffnet mir mit einem Lächeln, das nichts mehr von Menschlichkeit hat, ich müsse auch die Nummer des Vorgangs angeben, mit welchem seinerzeit in den fünfziger Jahren die Behörden in Alessandria meine Führerscheinnummer den Behörden in Mailand mitgeteilt hatten.

    Erneute Telefonate mit Schulkameraden, die unselige mittlere Persönlichkeit, die schon so viel riskiert hat, macht sich ein weiteres Mal auf die Socken, begeht ein paar Dutzend Delikte, entwendet eine Information, nach der, wie es scheint, die Carabinieri lechzen, und lässt mich die Nummer des Vorgangs wissen. Eine Nummer, die ich hier gleichfalls nicht offenbare, denn bekanntlich haben die Wände Ohren.

    Ich begebe mich wieder ins Mailänder Amt für Strassenverkehr, brauche ein paar Tage Schlange zu stehen und bekomme das Versprechen, in zwei Wochen das magische Dokument zu erhalten. Der Juni geht bereits seinem Ende entgegen, da erhalte ich ein Papier, auf dem mir bestätigt wird, dass ich einen Antrag auf Ausstellung eines Führerscheins gestellt habe. Natürlich gibt es kein Formular für verlorengegangene Führerscheine, das Papier ist ein «provisorischer» Führerschein, wie er bei uns für Anfänger ausgestellt wird, die erst noch üben müssen, bevor sie den richtigen Führerschein kriegen. Ich zeige es einem Schutzmann und frage ihn, ob ich damit fahren dürfe. Sein Blick erstarrt, der brave Beamte gibt mir zu verstehen, falls er mich damit am Steuer erwischen sollte, würde ich es bereuen, jemals geboren zu sein.

    Tatsächlich bereue ich und kehre zum Ufficio Patenti zurück, wo ich nach ein paar Tagen erfahre, dass mein Papier sozusagen ein Aperitif war: Ich müsse warten, bis ich ein anderes Papier bekäme, in dem mir bescheinigt werde, dass ich meinen Führerschein verloren habe und fahren dürfe, bis ich den neuen bekomme, da die Behörden inzwischen geklärt hätten, dass ich den alten besass. Also genau, was längst alle wissen, von der niederländischen Polizei bis zum Präsidium in Mailand, und was auch die Mailänder Führerscheinausstellungsbehörde weiss, nur will sie es nicht klar sagen, bevor sie erst noch eine Weile darüber nachgedacht hat. Man beachte, dass die Behörde alles, was sie in Erfahrung zu bringen wünschen könnte, schon weiss, und dass sie nichts weiter erfahren wird, mag sie auch noch so lange darüber nachdenken. Aber Geduld. Gegen Ende Juni erkundige ich mich wiederholt nach dem Schicksal des Papiers Nummer zwei, aber es scheint, dass seine Erstellung viel Arbeit kostet. Eine Zeitlang bin ich sogar versucht, das zu glauben, da ich so viele Unterlagen und Fotos habe beibringen müssen, anscheinend ist dieses Dokument so etwas wie ein Pass mit zahlreichen fälschungssicheren Seiten.

    Ende Juni, nachdem ich inzwischen schwindelerregende Summen für Taxis aufgewandt habe, versuche ich eine erneute Abkürzung. Ich schreibe schliesslich für Zeitungen, Himmelnochmal, da müsste mir doch jemand helfen können, und sei's mit der Ausrede, dass ich aus Gründen der Gemeinnützigkeit mobil sein müsse! Mit Hilfe zweier Mailänder Redaktionen (der Repubblica und des Espresso) gelingt es mir, ins Pressebüro der Präfektur vorzudringen, wo ich eine freundliche Dame finde, die bereit ist, sich um meinen Fall zu kümmern. Die freundliche Dame denkt auch gar nicht daran, etwa bloss zu telefonieren: Sie begibt sich voller Courage persönlich ins Führerscheinausstellungsamt und dringt in sakrale Bezirke ein, die profanen Sterblichen streng verschlossen sind, mitten zwischen labyrinthische Reihen von Akten, die dort seit unvordenklichen Zeiten lagern. Was sie dort tut, weiss ich nicht (ich höre erstickte Schreie, Gepolter von stürzenden Aktenbergen, Staubwolken quellen durch die Ritzen der Tür). Schliesslich erscheint sie wieder, in der Hand ein gelbliches Formular aus dünnem Papier wie jene, die von Parkwächtern unter die Scheibenwischer geschoben werden, Format neunzehn mal dreizehn Zentimeter. Es hat kein Foto, es ist mit Tinte beschrieben, mit einer dicken klecksigen Feder, die in ein altes Tintenfass eingetaucht wurde, so eins voller Bodensatz und Schleim, der Fäden auf dem porösen Papier zieht.

    Es enthält meinen Namen mitsamt der Nummer des verlorenen Führerscheins, und der gedruckte Text besagt, vorliegendes Blatt ersetze den «oben angegebenen» Führerschein, und es verfalle am 29. Dezember (das Datum ist offensichtlich gewählt, um das Opfer zu überraschen, während es ahnungslos die Kehren zu einer alpinen Ortschaft hinauffährt, womöglich im Schneegestöber, fern von zu Hause, so dass es von der Strassenpolizei verhaftet und gefoltert werden kann). Das Blatt ermächtigt mich, in Italien zu fahren, aber ich fürchte, es bringt mich in ernsthafte Schwierigkeiten, wenn ich es einem Polizisten im Ausland zeige.

    Aber Geduld, jetzt fahre ich erst mal wieder. Um es kurz zu machen, im Dezember ist mein Führerschein immer noch nicht gekommen, ich stosse auf Widerstände, als ich um Verlängerung der provisorischen Fahrerlaubnis ersuche, ich gehe erneut ins Pressebüro der Präfektur, und am Ende habe ich wieder dasselbe Blatt, auf das eine ungelenke Hand geschrieben hat, was ich selbst hätte schreiben können, nämlich dass es bis zum 28. Juni verlängert worden ist (wieder so ein Datum, das mich wehrlos überraschen soll, während ich eine sommerliche Küstenstrasse entlangfahre). Immerhin wird mir mitgeteilt, man werde, wenn jenes Datum erreicht sei, für eine erneute Verlängerung sorgen, denn mit dem Führerschein werde es noch etwas dauern. Mit gebrochener Stimme erzählen mir die Leidensgenossen beim Schlangestehen, es gebe Leute, die seit zwei bis drei Jahren auf ihren Führerschein warten.

    Vorgestern habe ich nun die neue Jahresmarke auf das Papier geklebt. Der Tabakhändler hat mir geraten, sie nicht zu entwerten*, denn falls mein Führerschein endlich kommen sollte, müsste ich sonst eine neue kaufen. Aber ich fürchte, mit der Nichtentwertung habe ich ein Delikt begangen.

    An diesem Punkt drei Bemerkungen. Erstens: Dass ich die provisorische Fahrerlaubnis nach zwei Monaten hatte, liegt allein daran, dass es mir dank einer Reihe von Privilegien, die ich qua Herkunft und Erziehung geniesse, gelungen ist, eine Reihe von hohen Persönlichkeiten in drei Städten zu mobilisieren, Funktionsträger in sechs öffentlichen oder privaten Anstalten plus einer Tageszeitung und einem Wochenmagazin von nationaler Verbreitung. Wäre ich Angestellter oder Drogist, müsste ich mir jetzt ein Fahrrad kaufen. Um mit einem Führerschein zu fahren, muss man Licio Gelli** sein.

    Zweitens: Das Blatt, das ich eifersüchtig in meiner Brieftasche hüte, ist ein Dokument ohne jeden Wert, kinderleicht zu fälschen, mithin ist Italien ein Land voller Autofahrer, die sich in schwer identifizierbaren Situationen bewegen. Massenhafte Illegalität oder Legalitätsfiktion.

    Die dritte Bemerkung verlangt, dass der Leser seine Vorstellungskraft bemüht, um sich einen Führerschein bildlich vor Augen zu halten: ein Büchlein von zwei bis drei Seiten, mit Foto, aus schlechtem Papier. Diese Büchlein werden nicht bei Fabriano hergestellt wie die bibliophilen Drucke von Franco Maria Ricci, sie werden nicht handgepresst von erlesenen Spezialisten, sie können in jeder beliebigen Klitsche gedruckt werden, und seit Gutenbergs Zeiten ist die westliche Zivilisation in der Lage, Zigtausende davon in wenigen Stunden zu produzieren. Was also hindert uns, sie in genügender Menge verfügbar zu halten, das Foto des Opfers einzukleben und sie, warum nicht, in Münzautomaten zu verteilen? Was geschieht in den labyrinthischen Gängen der zuständigen Behörde?

    Wir alle wissen, dass ein Rotbrigadist imstande ist, in wenigen Stunden Dutzende von falschen Führerscheinen zu fabrizieren - und man beachte, dass es mühsamer ist, einen falschen zu fabrizieren als einen echten. Also : Wenn wir nicht wollen, dass brave Bürger, denen ihr Führerschein abhanden gekommen ist, übel beleumdete Bars frequentieren in der Hoffnung, dort Kontakte mit den Roten Brigaden zu knüpfen, gibt es nur eine Lösung: die «reuigen» Rotbrigadisten in den Führerscheinämtern anzustellen. Sie haben das nötige Know-how, sie haben genügend Zeit, Arbeit macht, wie man weiss, frei, auf einen Schlag werden viele Gefängniszellen verfügbar, Personen, die bei erzwungener Untätigkeit in gefährliche Omnipotenzphantasien zurückfallen könnten, leisten gesellschaftlich nützliche Dienste, sowohl dem Bürger mit vier Rädern als auch dem Hund mit sechs Beinen wäre gedient ... Aber vielleicht ist das alles zu einfach gedacht. Ich sage, hinter dem mysteriösen Mangel an Führerscheinen steckt mal wieder die finstere Hand einer auswärtigen Macht.

    * In Italien entrichtet man eine besondere Führerscheinsteuer durch den Kauf einer (relativ teuren) jährlichen Wertmarke, die man in Tabakläden erhält und beim Einkleben in den Führerschein wie einen Scheck entwertet. (A. d. Ü.)
    ** Gründer der berüchtigten Freimaurerloge P2. (A. d. Ü.)



    Umberto Eco
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