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Carnevale di Venezia - Karneval in Venedig
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  1. Der venezianische Karneval
  2. Geschichte
  3. Gesellschaft in Maske
  4. Feste
  5. Fasten
I. Der venezianische Karneval

«Vom Karneval in Venedig ist überall die Rede. Die grösste Zerstreuung bietet zu dieser Zeit hier die Maskierung, wie übrigens auch zu anderen Festen. Die Venezianer - von Natur aus festlich gestimmt - lieben es, sich in die Massen und Vergnügungen derartiger Anlässe zu stürzen und dabei ihre Identität hinter Vermummungen zu verbergen. In der Tat sind sie ja vor die Notwendigkeit gestellt, Zerstreuungen ausfindig zu machen, die der Natur ihres Wohnortes entsprechen und sie für die entgangenen Vergnügungen der Landbewohner entschädigen. Diese Verkleidungen eröffnen jede Gelegenheit für eine Unmenge an Liebesabenteuern, denn die Amouren von Venedig sind intrigenreicher als in irgend einem anderen Land.»

So charakterisiert der englische Reisende Joseph Addison zu Beginn des 18. Jahrhunderts den venezianischen Karneval. Seine «Remarks an several Parts of Italy» zählten zu den meistgelesenen Reisebeschreibungen der Epoche vor Klassik und Romantik. Ihr Urteil, ihre Sicht entsprachen dem Geschmack des bürgerlichen und adeligen Publikums dieser «vormodernen» Zeit. So wie Addison sah man, erwartete man und - in zunehmender Zahl - erlebte man in ganz Europa den Karneval in Venedig. Der Zauber, die Verlockung Venedigs erschienen in seinem Karneval auf geheimnisvolle Weise vervielfältigt. Allerdings entsprach es dem «Zeitgeist», solch geheimnisvolle Zusammenhänge in vernünftigen Erklärungsmodellen auszudrücken, ohne dabei allerdings auf den Prickel ganz anders gearteter Erwartungen zu verzichten. Die Vernunft gab allenfalls die Maske für magische, erotische, libertine Hoffnungen und Sehnsüchte ab.

Innere und äussere Natur - so fand man mit Addison - machten Venedig zur Stadt des Karnevals. Aber hinter der Maske dieser scheinbar rationalen Erklärung lugte dann doch die eigentliche Attraktion der Lagunenstadt hervor: Venedig, das war ein europäisches Zentrum der Vergnügungen, der Feste, der Liebe. Seit Jahrhunderten galten die venezianischen Kurtisanen als die Königinnen ihrer Profession. Schon im 16. Jahrhundert erschienen gedruckte Kataloge vor allem natürlich für die Besucher der Stadt, in denen die Adressen und die besonderen Reize der raffiniertesten und teuersten der Lust-Damen aufgezählt wurden. Und zu gleicher Zeit wundert sich Michel de Montaigne in seinem schönen Reisetagebuch, «sie in solcher Zahl zu treffen, etwa hundertfünfzig, die an Möbeln und Kleidern den Aufwand einer Prinzessin treiben». Allerdings blieb er nur eine Woche in Venedig, und die eigene Anschauung mag durch die Berichte begeisterter Freunde ergänzt worden sein. Das Venedig-Bild des 18. Jahrhunderts, das Addison gleichsam einleitet, ist dann gänzlich von erotischen Erwartungen durchzogen. Wilhelm Heinse, mit seinem Roman «Ardinghello» Begründer des ästhetischen Immoralismus in Deutschland, notiert in seinem italienischen Tagebuch am 3. August 1783:

«Die Venezianerinnen sind gewiss reizende Geschöpfe und ganz gemacht zur Wollust ... So bald sie nur einen Jüngling ansehen, scheint eine bräutliche Schaamröthe um ihren Mund herum in einem wollüstigen Lächeln aufzugehen, als ob man sie schon vor dem Bett halb entkleidet vor sich hätte. Alles stimmt bey ihnen auf den Hauptzweck, die Wollust, bis auf ihre Gondeln, die die vollkommenste Lage zum bequemsten Genuss anbieten; einen weichen Polster für den Hintern, der den Wollusttheilen völligen Raum und alle Freyheit lässt, und zwey Bänke daneben, die Beine darauf auszubreuten. Jeder Ruck des Gondelführers mit dem Ruder ist ein Wolluststoss.» - Im Karneval, in der Freiheit der Maske, schien diese vielversprechende Anlage der Venezianer zur Liebe, von allen Schranken und bedrückenden Konventionen entlastet, endlich verwirklicht zu werden. Ungeahnte, unerhörte Möglichkeiten schienen den reisenden Fremden zu erwarten.

II. Geschichte

Geschichte ist im venezianischen Karneval, in seinen Kostümen, Zeremonien, Festen stets präsent. Anspielungen, Zitate, Erinnerungen an grosse politische oder militärische Ereignisse, an städtische Rivalitäten, Kämpfe, Unterwerfungen, aber auch an Mythen, Märchen und Moden des Volkes durchziehen die Maskenzeit. Aber natürlich hat die Maskierung selbst, ihr Ritual als Jahresfest ebenfalls eine Geschichte, die überall in Europa, wo dér Karneval gefeiert wird, aus stereotypen und aus besonderen, einzigartigen Elementen besteht. Denn im Karneval erscheinen zugleich alte, sich nur allmählich wandelnde Haltungen und Überzeugungen als Teil einer weit verbreiteten «Volksreligion» und daneben oder besser darüber gelagert strukturelle Eigentümlichkeiten der Gesellschaft, die sich jeweils miteinander, gegeneinander die Maske aufsetzt. Wie in ganz Italien standen auch in Venedig antike Maskenfeste Pate bei der Entstehung des Karnevals, allen voran die Saturnalien, die im ganzen römischen Imperium als Fest der Jahreswende mit allen attraktiven Möglichkeiten der Maskenorgie aufwarteten.

Trotz wie überall heftiger Gegnerschaft der Kirche feierten die Venezianer ihren Karneval seit dem Bestehen der Stadt. Die Kostümierung hatte zu Beginn noch wenig vom Raffinement und von der Vielfalt, die später die Bewunderung Europas erregen sollten. In Felle gehüllt und mit Zweigen geschmückt zogen Gruppen junger Männer mit Saiteninstrumenten durch die Stadt, besangen die Frauen, vor allem aber die Aussichten auf gutes und reichliches Essen, das die Festzeit bringen würde: «Trinkt, esst, guten Käse, gute Früchte, gutes Fleisch, gute Nudeln, gutes Huhn, guten Kapaun, trinkt und esst, bis es nicht mehr geht!»

Denn der Karneval begann mit dem Tag des Heiligen Stephan, am 26. Dezember, in jener Zeit also, in der die ersten Vorräte aufgezehrt waren und der Rest dennoch lange reichen musste. In diese Lage der Vorsorge und wohl berechneten Einteilung brach der Karneval als Gegenwelt des Überflusses, der Verschwendung, der Unberechenbarkeit herein. Für einen Augenblick traten die Menschen aus dem Reich der Notwendigkeit ein in das Reich der Freiheit. Zu dieser Freiheit gehörte nicht nur gutes Essen, sondern mit nicht geringeren Rechten die Freilassung der von Kirche und Obrigkeit drangsalierten Sexualität. Schon echt venezianisch wurden aber hier Offensive, Verhüllung, Tat und Symbol spielerisch zusammengehalten. Im «Giuoco degli Ovi», dem «Eierspiel» zogen als Teufelchen verkleidete Männer vor die Häuser der jeweils ins Auge gefassten Frauen und Mädchen und bewarfen - angeführt vom Mattaccino, einem weiss-rot gekleideten Kavalier - die Fenster oder besser noch die dahinter stehenden Damen mit Eiern, die in schon sehr galanter Weise mit Duftwasser gefüllt waren. Offenbar ging es dabei nicht sehr streng zu, denn für das «Regierungsviertel», den Bezirk um San Marco, verbietet der Grosse Rat im Jahr 1268 das bis ins 17. Jahrhundert beliebte Spiel.

Überhaupt begann jetzt die Epoche der Verbote. Am 12. Februar 1339 verbot dasselbe Gremium des adeligen Patriziats das Tragen von Masken, da unter ihrem Schutz Verbrechen und Betrug in die Stadt eingezogen seien. Offensichtlich fand das Verbot keine Resonanz, denn ein Jahrhundert später sieht sich der Rat der Zehn veranlasst, gegen Männer vorzugehen, die als Frauen maskiert zur Karnevalszeit in Nonnenklöster eindrängen, um dort «viele Schamlosigkeiten» zu begehen. Drei Jahre nach diesem Dekret, 1461, erlässt diese mächtige Behörde ein neues, das die Entscheidung von 1339 gegen jegliche Maskierung wieder aufnimmt. Aber alle Verbote scheinen totes Papier geblieben zu sein, denn in immer kürzeren Abständen werden sie erneuert. 1502 verbietet der Rat der Zehn «das Tragen falscher Bärte, künstlicher Haare, der Masken und überhaupt jede Form der Verkleidung». 1504 folgt eine wörtliche Wiederholung. Im Laufe des Jahrhunderts folgen weitere Verbote, die nun auch das Tragen von Waffen mit einbeziehen.

Was aber war der Sinn dieser hartnäckigen Vermummungsverbote? War der venezianische Karneval im 14. Jahrhundert gewalttätig, ausschweifend, kriminell geworden? - Sicher nicht, oder wenigstens nicht mehr - gewiss auch nicht weniger - als zuvor. Die Ursachen für die Verbote lagen mehr auf jener Seite, die die Verbote aussprach, als auf der, der sie galten.

Der venezianische Staat hatte zu Beginn des 14. Jahrhunderts den entscheidenden Wandlungsprozess zur Ausbildung fester Herrschaftsinstitutionen, zur Etablierung von Hierarchie und Autorität durchschritten. Dieser Prozess war bezeichnet durch die Erblichkeit der Mitgliedschaft im Grossen Rat und durch die Ausbildung einer politischen Überwachungsbehörde, des Rats der Zehn, aus dem im 16. Jahrhundert ein zusätzliches Kontrollorgan hervorgehen sollte: Die berüchtigte Staatsinquisition. Der Zuwachs an «Staat», an disziplinierender, kontrollierender Gewalt hat sowohl als Apparat als auch im Interesse der Mächtigen die Tendenz, die gesamte Gesellschaft zu erfassen, Zonen der Unkontrollierbarkeit auszuschalten. Gesellschaften wie die Venedigs im Spätmittelalter mit einer Fülle von Eigengewalt und Eigenmacht «privater» Herren und Gruppen, mit noch einem hohen Anteil vorzivilisatorischer Aggressivität ziehen durchaus Vorteile aus der wachsenden Autorität des Staates. Das Leben wird sicherer - für fast alle. Der Preis dafür ist Machtsicherung, Machtzuwachs für jene Gruppen, die diese Gesellschaft beherrschen.

Der Karneval stellte nun gewiss ein Freiheitsreservat von jener Art dar, die geeignet war, das Ordnungsinteresse des nach innen expandierenden venezianischen Staates auf sich zu ziehen. Die hinter Maske und Vermummung verborgene Identität der Personen, die Exaltiertheit des Festes und die in seinem Ritual angelegte Ausschaltung oder gar Verkehrung sonst bereits gültiger Zivilisationsnormen, Aggressivität und enthemmte Sexualität und nicht zuletzt die potentielle Gefährdung der politischen Ordnung boten den Behörden genügend Anlass, ordnend und kontrollierend in den Karneval einzugreifen.

Aber diese Versuche erwiesen sich als wenig oder gar nicht erfolgreich. Vor allem Maske, Vermummung und Verkleidung zeigten sich resistent gegenüber allen Verboten. 1606 wenigstens beschränkten sich die Behörden wieder darauf, das über 150 Jahre alte Verbot zu erneuern, maskiert die Nonnenklöster heimzusuchen.

Gerade Maske und Verkleidung hatten in der Epoche der Verbote die erstaunlichsten Fortschritte gemacht. Zu den traditionellen «wilden Männern», den Eier werfenden Teufelchen, den Männern in der «Gnaga», der Frauenmaske, den Lumpenkostümen und verlarvten oder nur geschwärzten Gesichtern traten nun im Venedig der Renaissance Mythologie der Antike und poetische Phantasie der neuen Zeit in einen Wettstreit der Kostüme. Beobachter des venezianischen Karnevals im 16. Jahrhundert sahen dort «Himmels- und Meeresgötter, an die zweihundert der phantastischsten und bizarrsten Verkleidungen, eine Gruppe mit so viel Gold, Juwelen und Perlen, dass man aus dem Staunen nicht herauskam. Da waren auch die sieben Planeten, vorzüglich dargestellt und überaus reich geschmückt, mit Pferden und Trompeten am Kopf des Zuges und verschiedenen Instrumenten in der Mitte ... Sie sangen und spielten verschiedene Phantasien, wobei jede einzelne Maske ihren Teil beitrug.» Dazu kam das ganze Arsenal der von Venedig kolonisierten, unterworfenen oder auch nur mit Handelskontakten drangsalierten Volks- und Völkergruppen, die im Karneval als Kostüm gebraucht, in der Fastenzeit aber auch real in Szene gesetzt wurden und bis zum Ende der Serenissima der Stadt die so eigentümliche, nirgends sonst anzutreffende Ost-West-Exotik verliehen: Die Stratioten, Türken, Dalmatiner, Korfioten, Kreter, Albaner, Armenier, die Neger, Deutschen, Schweizer, dazu extravagante Berufe aus aller Welt, persische Seidenhändler, holländische Seeleute, arabische Karawanenführer oder Fischer aus Piran.

Das kleinlaute Dekret des Rats der Zehn aus dem Jahr 1606 wird 1608 wiederholt unter Fortlassung des Verbots, in Maske die Nonnenklöster zu visitieren oder überhaupt kirchliche Gebäude zu betreten. Statt dessen enthält die neue Verordnung in breiter Ausführlichkeit und unter Androhung schwerer Kerker- und Galeerenstrafen das Verbot, «in dieser Stadt, sei es allein oder begleitet, in Maske zu gehen zu welcher Jahreszeit auch immer, ausser in jenen Tagen des Karnevals, die durch allgemeinen Gebrauch die Erlaubnis dazu besitzen, wobei unter Maske zu verstehen ist, dass auch jene angesprochen sind, die falsche Bärte oder anderes auf ihrem Gesicht haben, das den Habitus der Maske abgibt, und ebenso Frauen, die im Habitus der Männer erscheinen».

Hier wird nun deutlich, dass es offenbar schon lange nicht mehr um die Durchsetzung des totalen Maskenverbots ging, sondern im Gegenteil die Vermummung offensiv geworden war. Die Gesellschaft hatte noch in der Epoche der Verbote damit begonnen, die Maskenzeit auszudehnen. So begann im 17. Jahrhundert der eigentliche «Karneval» Venedigs, jene ausgedehnte Maskenzeit, die bereits im Oktober ihren Anfang nahm, für nur kurze Zeit zu Weihnachten unterbrochen wurde, um dann am 26. Dezember nach alter Tradition offiziell eröffnet zu werden, aber nun keineswegs am Aschermittwoch ein endgültiges Ende fand. Vielmehr flammte bei Jahresfesten, bei allen politischen Festen, bei öffentlichen Amtseinführungen und bei Staatsbesuchen die Maskenzeit immer wieder auf. Im 18. Jahrhundert hatte sich diese Infiltration der Gesellschaft durch die Maske endgültig durchgesetzt, und das maskierte Venedig war zur Attraktion des vorindustriellen Tourismus geworden.

III. Gesellschaft in Maske

Einer dieser «Touristen», der Parlamentspräsident von Bordeaux Charles de Brosse, bringt 1739 in einem Brief nach Hause die Rolle der Maske in der Settecento-Gesellschaft Venedigs auf den Begriff. Er schreibt

«Der Karneval beginnt ani 5. Oktober, und dann gibt's noch einen kleinen zu Himmelfahrt. Danach kann man auf gut sechs Monate rechnen, wo hier alle Welt maskiert geht, Priester und Laien, selbst der Nuntius und der Türschliesser der Kapuziner. Denken Sie nicht, dass ich im Scherz rede. Maske gehört zum Anzug. Die Pfarrer, sagt man, werden unwillig auf ihre Pfarrkinder, der Erzbischof auf seine Geistlichen, wenn sie nicht die Maske auf der Hand oder auf der Nase haben.»

«Maske gehört zum Anzug» - damit ist präzise ausgedrückt, was den Besucher des 18. Jahrhunderts auf den Kanälen, den Campi, auf Piazza und Piazetta, in den Calli Venedigs erwartete - und was natürlich auch er selbst erwartete. Dass zudem auch der Beginn der Maskenzeit nicht so punktuell festgelegt war, wie der geistreiche Parlamentspräsident meinte, zeigt die Notiz eines anderen Besuchers fast fünfzig Jahre später. Er heisst Johann Wolfgang Goethe und notiert am 4. Oktober 1786 in sein Tagebuch : «Es war mir die Lust angekommen mir einen Tabarro mit den Apartinentien anzuschaffen, denn man lauft schon in der Maske. Hernach dauerte mich aber das Geld und bin ich ihnen nicht schon Maske genug? ich will mir dafür einen Vitruv kaufen und mir eine Freude bereiten die auch ausser Venedig und dem Carneval dauert.» - Tatsächlich aber machte der aus Deutschland flüchtende Dichter einen Kompromiss: Das Ausgabenbuch zur italienischen Reise verzeichnet unter dem 29. September den Kauf von Hut und Maske, daneben natürlich den sehr viel teureren Vitruv. Der «Tabarro», den Goethe offenbar nicht kaufte, war der inzwischen typische Maskenmantel der Venezianer. Goethes Reiseführer in Italien, Volkmanns «Historisch-kritische Nachrichten von Italien», beschreibt das venezianische Maskenkostüm : «Die venezianische Maske besteht in einem Mantel von schwarzer Seide, wie die Abbeemäntel - (das ist der Tabarro) -, die Bürger tragen sie auch von rothem oder grauen Tuch, weil sie dauerhafter sind. Auf dem Kopfe trägt man eine Bahute (Bauta) oder Kappe, welche den Kopf bis ans Kinn bedeckt, und bis über die Schulter hinab geht. Das Gesicht ist mit einer weissen Wachsmaske (volto) bedeckt, welche bis auf den Mund geht, und man setzt einen weissen Federhut dazu auf - (d. h. einen schwarzen Hut mit weissen Federn) -, um sie fest zu halten ... Dieses ist die allgemeine Tracht beyderley Geschlechts, man unterscheidet die Frauenspersonen nur an den unter dem Mantel hervorragenden Röcken.»

«Maschera nobile» heisst diese Maske. Erst seit 1756 ist sie auch den Frauen erlaubt und gilt seitdem als die venezianischste der Masken. Gesellschaftliche, ständische Unterschiede hebt sie scheinbar auf, macht alle ihre Träger gleich. «Sior Maschera» - das genügt als Anrede. Aber dennoch ist sie nur eine von vielen Möglichkeiten der Maskierung. Immer grösser, immer üppiger, immer phantastischer zeigen sich Zahl, Motiv, Form und Farbe der Kostüme. Vor allem die Commedia dell'Arte entlädt das Arsenal ihrer Figuren in den venezianischen Karneval. An erster Stelle steht da Pantalone, venezianischer Kaufherr mit spitzem Bart, schwarzer Maske und rotem Kostüm, ältlich wie Venedig selbst, kraftvoll in Pose, dann sogleich wieder kränklich, galant, lüstern und doch stets aufs neue betrogen. Aus Bergamo - aus der venezianischen Terraferma - kommen die beiden «Zanni»: Arlecchino und Brighella. Der erste im bunten Flickenkostüm und mit schwarzer plattnasiger Beulenmaske ist lustig, ungeschickt, hilfsbereit, naiv-liebenswürdig, oft sogar geistreich, ohne es allerdings zu wissen, ein Traumtänzer in prosaischer Wirklichkeit. Brighella ist Intrigant, unerschöpflich an listigen Einfällen, schlagfertig, bissig mit hohen Herren, sanft mit schönen Mädchen, stets gut bei Kasse, der elastischste Mensch, der sich denken lässt. Beide repräsentieren in Venedig eine grosse soziale Gruppe, sie stehen für alle, die vom italienischen Festland in die Weltstadt kamen, um hier in Diensttätigkeiten Lohn und Brot zu erhalten. In ihnen sieht man an die 13 000 Diener, Träger, Beleuchter, Ausrufer, Läufer, Strassenkehrer und viele andere mehr. Die Beliebtheit dieser beiden Masken in Venedig ist kaum zu übertreffen - weder auf der Bühne noch als Kostüm im Karneval.

Um die drei venezianischen Masken gruppieren sich die anderen Charaktere der Commedia dell'Arte, alle repräsentieren sie zugleich lokale Eigentümlichkeiten der Städte und Provinzen Italiens. Da ist der «Dottore» aus Bologna, wie Pantalone ein Vertreter patrizisch-bürgerlicher Autonomie und ebenso wie dieser dauernd enttäuscht, getäuscht, betrogen. Dann einer der beliebtesten: Der Spaghetti-Spassmacher aus Neapel, Pulcinella, in weissem Kostüm mit schwarzer Maske, dumm, faul, gefrässig, aber Realist. Aus Neapel stammt auch Scaramuccia, der nichts fürchtet als die Gefahr. Siena entsendet den elegant-schwarzseherischen Cassandro; sonst ist die Toskana für die Liebespaare, die Ubermütigen, allzu Feinen, Überzärtlichen zuständig, für Orazio und Coralina, Cintio und Flaminia, Lelio und Silvia, Leandro und Isabella. Aus Oberitalien sodann der naive Pagliaccio, der nach Frankreich auswandert und als Pierrot zurückkehrt; in Venedig zieht Casanova mit diesem Kostüm in den Karneval. Aber es gibt noch andere: Tartaglia, der stottert, Coviello aus dem Süden, ein Luftikus, der auf alles mit einer Melodie antwortet, Francatrippa, der sich voll frisst, seine «Verwandten» Fritellino, Gianfarina, Scapino, Mezzetino, Fracasso, Truffaldino und Trivelino. Die Liste ist schier endlos. Noch sind alle Hauptrollen gar nicht benannt. Da fehlen der Capitano, Columbine, Ruzzante, Stenterello und Pasquariello. Alle diese Figuren finden sich im venezianischen Karneval verdoppelt. Sie stehen auf den Bühnen der Lustspieltheater und laufen, gaffen, rempeln, schreien im Masken

treiben auf der Piazza. Dort treffen sie auf die alten und neuen Kostüme des Karnevals. Der Phantasie, der Verkleidungswut und -kunst sind keine Grenzen mehr gezogen. Neben Türken, Mauren, Dalmatinern, Teufeln, Satyrn, himmlischen und irdischen Göttern sieht man verführte Mädchen, die als «Kind» ihren Pudel gewickelt haben, Opfer der «französischen Krankheit» mit riesigen entstellten Geschlechtsorganen, die «sieben Todsünden», ganze Totentänze, Mörder, Erhängte mit Strick, Verurteilte mit Henker oder auch schon ohne Kopf, Wüstlinge, Geizige, Überfromme. Auch die «verkehrte Welt» ist vertreten: Geistreiche verkleiden sich als Deutsche, Verschwender als Schweizer, Frauen als schnurrbärtige Athleten, Männer als Frauen in Männermaske - alles ist möglich, kein Kostüm undenkbar.

Was aber war es, das so plötzlich die Maske offenbar nicht nur erlaubt, sondern geradezu erforderlich machte? Was war neu, anders als in der «Epoche» der Verbote?

Hatten die Maskenverbote die Konsolidierung und interne Durchsetzung des venezianischen Staates begleitet, so signalisierte die expansive Maskenfreiheit Venedigs seit dem 17. Jahrhundert eine Identitätskrise der Gesellschaft. Der ungeheure wirtschaftliche und gesellschaftliche Vorsprung der Serenissima gegenüber allen anderen Systemen und Ordnungen in Europa war im Laufe des 16. Jahrhunderts dahingeschmolzen. Dem wirtschaftlichen, politischen, militärischen und mit dem Aufstieg des Bürgertums auch gesellschaftlichen Wandel in Europa hatte die Lagunenstadt nur Stagnation und Krise entgegenzusetzen: Krise und Zusammenbruch der heimischen Industrien, Stagnation des Handels, Erstarrung der internen Ordnung, militärische Niederlagen, territoriale Verluste. Im Fest, hinter der Maske liessen sich die veränderten Verhältnisse am besten ertragen, am besten verdrängen. Festzeit und Maskenzeit begannen sich auszudehnen. Luxuskonsumenten waren die venezianischen Kaufmannsadeligen schon sehr früh gewesen. Doch ihre so überaus prächtigen Paläste des 13. Jahrhunderts waren wie auch noch die des 16. Jahrhunderts Zeugnisse einer konstruktiven, optimistischen, langfristig planenden Gesinnung gewesen. Ihr Konsum war zugleich Zukunftsinvestition. Ihre Nachfahren des 17. und mehr noch des 18. Jahrhunderts aber begannen ihre Vermögen ganz für sich selbst zu verschwenden, für den Augenblick, die Attraktion des Scheins. Sie bauten Festdekorationen, Luxuskulissen, liessen Feuerwerke entflammen, veranstalteten Spiele, Regatten, Redouten, Bälle. Die ganze Gesellschaft verschwand durch solche Ausgaben immer mehr hinter der Maske der Festdekoration und des Festzeremoniells. Warum sollten die Menschen nicht selbst hinter der Maske verschwinden? Und liebenswürdig, wie der Adel der Serenissima nun einmal war, liess er alle teilhaben an seinen Vergnügungen und gewann selbst neues Vergnügen an der gesellschaftlichen Freiheit der Maske, die durch die Beteiligung aller plötzlich entstand. Dass diese Freiheit nur scheinbar war, selbst nur Maske für die tatsächlichen Macht- und Herrschaftsverhältnisse in jener Gesellschaft, erhöhte den Reiz und entrückte das System gegenüber Kritik und Protest.

Doch auch die Ökonomie tat ihre Wirkung. Dem Verlust an Produktivität und der Stagnation des Handels begegnete die Serernissima mit der Entwicklung einer neuen Industrie: Dem Tourismus. Bei etwa 140 000 Einwohnern beherbergte die Stadt im Karneval des Jahres 1701 nicht weniger als 30 000 Fremde. Dieser Luxustourismus stand dem expandierenden Festkonsum der venezianischen Oberschicht hilfreich zur Seite, machte Arbeiter und Seeleute zu Dienern und half auch sonst überall nach seinen uns inzwischen wohl vertrauten «Kräften».

Maske, Liebe, Spiel hiessen die Erwartungen der Besucher. Als in einer letzten Attacke der puristischen Kräfte eine der Attraktionen der Maskenzeit, das Spielkasino, der berühmte «Ridotto», geschlossen wurde (1774), war das Ausbleiben der Fremden sofort zu spüren - an empfindlichster Stelle. Eine Denkschrift rechnet vor, dass wegen des Ausbleibens der Fremden 30 000 Masken weniger verkauft worden seien, was mit einem Verlust von 600 000 Lire veranschlagt wird. Damit aber nicht genug, es kommt zu Umsatzrückgängen im Textilgewerbe, bei den Gondolieri, bei den Gastwirten. «Es genügt wohl» - so schliesst die Schrift - «wenn ich sage, dass über dreissig Manufakturen ohne Beschäftigung sind.» Maskenzeit und Tourismus werden im Venedig des 18. Jahrhunderts zu von einander abhängigen, sich gegenseitig steigernden Bedingungen der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Stabilität der Serenissima - und sind doch zugleich Zeichen von Stagnation und Krise.

IV. Feste

Die Maskenzeit begann Anfang Oktober, der Karneval aber nach alter Tradition am 26. Dezember, am Stephanstag. Tatsächlich eröffnete auch im 18. Jahrhundert erst an diesem Tag einer der untersten Diener der Signoria offiziell die Maskerade auf der Piazza - bekleidet natürlich mit einer Travestie der «machera nobile», mit schiefsitzender Bauta, durchlöchertem Volto und einem Flickenteppich von Tabarro. Erst jetzt trug man Maske den ganzen Tag über, in der Zeit vorher war sie wenigstens am Vormittag verpönt. Auf der Piazza, der Piazzetta, dem Molo, den Campi aber erhoben sich nun plötzlich Zelte, Buden schossen aus dem Boden, und man sah immer wieder neu überrascht die Wunderwelt der Jahrmärkte - Panoramabilder, Menagerien, Erzähler, Artisten, Zauberer, Taschenspieler, Marionettentheater mit maskierten Puppen und alle anderen Sensationen der bekannten und unbekannten Welt. Sogar ein Rhinozeros war zu besichtigen. Im Karneval 1751 zeigte ein stolzer Menageriebesitzer das exotische Tier. Ganz Venedig kam und staunte. Pietro Longhi malte ein Bild, die Signoria prägte eine Medaille zu Ehren des sicherlich geschmeichelten Tieres. Auf ihr kann man sogar den täglichen Futterbedarf ablesen: 60 Pfund Heu, 20 Pfund Brot und 14 Eimer Wasser. Ein Pfiffikus aber wälzt die Chroniken und überrascht die Zeitgenossen mit der Nachricht, dass dieses nicht das erste Rhinozeros in Venedig ist; im 14. Jahrhundert hatte man schon einmal eines gesehen - im Karneval.

Aber auch normale Wunder finden ihre Zuschauer: Seiltänzer aus Dalmatien, irländische Riesen, Feuerschlucker aus der Türkei, ein Kanarienvogel, der bis dreissig zählen kann. Und immer mehr Menschen strömen auf die Piazza, aus allen Schleusen speit die Stadt den Strom auf den zentralen Platz. Es gibt offiziöse und private Schätzungen über die Menge der Menschen, die sich dort an nur einem von vielen Nachmittagen zusammenfindet. Man spricht von 50 000, einige sogar von 100 000 maskierten Schau- und Festwütigen. Alle Läden, Botteghen, Cafés sind bis in den Morgen hinein geöffnet. Man feiert, isst, schläft und feiert wieder auf der Piazza.

Am Abend des 26. Dezember öffnen auch die berühmten sieben Theater Venedigs. Keine Stadt hat mehr. Dazu kommen die Privattheater des Adels, die Marionettentheater und Puppenspiele auf den Strassen. Zwei der öffentlichen Bühnen sind in aller Welt bekannt: Das Theater San Luca - hier spielt der grosse Komödiendichter Italiens, Carlo Goldopi - und am Ende des Jahrhunderts das eleganteste aller Theater, das «Fenice». Jeden Abend im Karneval eilen die Venezianer zu ihren geliebten Bühnen -- in Maske, wie sich versteht. Der Adel will inkognito erscheinen, die Bürger machen es nach, und die Damen sind sogar zur Maske gezwungen; ein Dekret verlangt es.

Jetzt beginnen auch die Karnevalsfeste. Eröffnet wird der Festreigen mit einem dreitägigen Ball im Hof des Fondaco dei Tedeschi, des Hauses der deutschen Kaufleute, am Rialto gelegen. Es folgen andere Bälle auf allen nur möglichen offenen Plätzen, auf den Zattere, in den öffentlichen Corti der Klöster, auf den Campielli. Aber das alles ist nur der Anfang. Aus uralten, vorrömischen Mythen flammen zum Karneval die Stierhetzen wieder auf. Die «Festa dei Tori», das Fest der Stiere, kann den ganzen Karneval hindurch auf den grossen Campi fast an jedem Tag ausser freitags gefeiert werden - eine blutige Feier. Denn mit Hunden und Schwertern macht man Jagd auf die Tiere, nachdem man zuvor im Spiel Mut, Kraft und Geschicklichkeit an ihnen erprobt hat. Auf einigen Plätzen finden besondere «Caccie dei Tori» statt, zur Erinnerung an alte Privilegien einer Familie oder zum Empfang eines reisenden Fürsten. Am letzten Sonntag des Karnevals werden die Damen der Dogaressa geehrt. Vor ihnen und anderen adeligen Zuschauern machen maskierte Mitglieder der Schlachterzunft im Hof des Dogenpalastes Jagd auf drei Stiere. Auch hier helfen Hunde, werden Hunde von den Stieren getötet. Die Geschicklichkeit, mit der die maskierten Schlachter am Schluss des Spektakels die Stiere enthaupten - vielleicht sogar mit nur einem Schlag -, bietet stets Anlass zu besonderem Jubel oder zu verächtlichem Zischen. Die Hofdamen klatschen freundlich. Die abgeschlagenen Köpfe werden dem Gefolge des Flogen präsentiert, die Innereien dem Ospedale della Carità angeboten - Krankenkost. Das Fleisch der Stiere erhalten die Gefangenen der berüchtigten «Prigioni», des neben dem Palast gelegenen Staatsgefängnisses. Dazu gibt es eine Sonderration Reis und Wein. Karneval für alle.

Tote gab es allerdings auch auf seiten der Menschen. In den Brückenkämpfen zwischen «Nicolotti» und «Castellani» starben durchaus immer wieder einige Teilnehmer an diesen Schauduellen und wurden andere schwer verletzt. Die beiden Gruppen, die hier aufeinanderstiessen, repräsentierten sehr alte Rivalitäten innerhalb von Stadt und Lagune. Im frühen Mittelalter waren es die Einwohner der «Ursiedlungen» Jesolo und Eraclea gewesen, die sich in symbolischen Kämpfen ihrer Gegensätzlichkeiten entledigten. Zwischen den Stadtsechsteln Venedigs hatte sich dieser alte Gegensatz erhalten. Die östlichen Sestieri als «Castellani» kämpften in den ersten Monaten der Maskenzeit gegen die Nicolotti aus den westlichen Stadtsechsteln. Nur bis zum Dezember waren diese auf nahezu allen Brücken der Stadt ausgetragenen Gruppenkämpfe mit Stöcken und Fäusten erlaubt. Schon im 17. Jahrhundert wurden allerdings die Stöcke abgeschafft, und auch der Kampf mit der blossen Faust hielt sich - wenigstens offiziell - nur bis 1705. In diesem Jahr verbot der Rat der Zehn sogar die blosse Ansammlung von Menschen an Brücken.

Die Rivalität zwischen Castellani und Nicolotti blieb der Stadt dennoch im Fest sichtbar. Auf dem Höhepunkt des Karnevals, am Giovedi Grasso, dem letzten Donnerstag der Maskenzeit, bauten die beiden alten Gegner im Wettkampf auf der Piazza Menschenpyrainiden auf. Diese Spiele hiessen «Forze d'Ercole» und erforderten Kraft, Akrobatik, Schnelligkeit. Die höchsten, schönsten und am zügigsten aufgebauten menschlichen Figurentürme gewannen. Ein Schwertertanz der beiden Gruppen, die Moresca, beendete diese Schaustellung ritualisierter historischer Gegensätze.

Überhaupt spielte der Giovedi Grasso intensiv auf Geschichte an. Ausgangspunkt des Festes war nämlich der Sieg Venedigs über den Patriarchen von Aquileia im Jahr 1162. Mit diesem Erfolg hatte sich die Republik nicht nur einen wichtigen Teil kirchlicher Autonomie, sondern auch die Herrschaft über das benachbarte Friaul gesichert. Dabei war der Patriarch Ulrich von Aquileia mit zwölf seiner Kanoniker gefangen und eine Reihe friaulischer Burgen erobert worden. Als Symbol der Unterwerfung hatten die Venezianer nicht ohne Anzüglichkeit im Austausch gegen die Gefangenen einen Jahrestribut von zwölf Schweinen und einem Bullen verlangt. Die Tiere wurden seitdem in einem jährlichen Verhöhnungsfest feierlich zu Tode gebracht. Vor Doge und Volk stürzte man die Schweine vom Markusturm, dem Bullen schlug man den Kopf ab. Das war der Höhepunkt des Karnevals. Im 16. Jahrhundert verfeinerten die Venezianer dieses Fest. Statt der Schweine schwang sich ein Akrobat von einem Floss im Bacino di San Marco an einem Seil auf die Spitze des Campanile und liess sich von dort quer über die Piazzetta auf die Dogenloggia im Palazzo herunter - «pfeilschnell», wie die Chronisten sagen - und überreichte dem Dogen einen Blumenstrauss. Nach dem ersten dieser Akrobaten, einem Türken, hiess dieser Teil des Festes seitdem «volo del Turco», der Flug des Türken, auch wenn dieser schon im 16. Jahrhundert ein festes Privileg der « arsenalotti», der Werftarbeiter Venedigs wurde. Als Privileg für zwei Handwerkszünfte war auch die feierliche «Hinrichtung» des Bullen angelegt. Schmiede und Schlachter führten diesen Akt gemeinsam aus, der allerdings bereits im 15. Jahrhundert seine politische Bedeutung verloren hatte. Als Teil des offiziellen Höhepunktes der Maskenzeit, als Teil des Karnevals blieb er jedoch erhalten. Der «Giovedi Grasso» endete mit einem prächtigen Feuerwerk auf Holztürmen, Relikte der Erinnerung an die eroberten Kastelle von Friaul.

Am « martedi Grasso», Karnevalsdienstag, schlugen die Wogen des Karnevals noch einmal hoch. Das war der Tag des Konfettis und der extremen Maskierung. Noch einmal traf sich auf der Piazza das ganze maskierte Venedig. Doch die Piazzetta blieb leer, denn hier standen bereits die Aufbauten für die hölzerne Predigtkanzel, von der aus während der Fastenzeit der Klerus zur Busse aufrufen sollte. Um Mitternacht schlug dann mit schwerem Klang vom Campanile die «marangona», und die Fastenglocke von San Francesco della Vigna rief die Masken zur Absage an die Freuden des Fleisches und des Karnevals.

V. Fasten

Das grosse Fasten kam für die Maskengesellschaft Venedigs im Frühjahr 1797. Am 2. Mai dieses Jahres stand Bonaparte mit den französischen Truppen bei Mestre an der Lagune.`Am 12. Mai legte der letzte Doge Lodovico Manin sein Amt nieder, der Grosse Rat löste sich auf. Die «Serenissima Repubblica» hatte aufgehört zu existieren; mit erschöpfter Gebärde hatten sich ihre Herren die Maske selbst vom Gesicht genommen. Auch der Karneval Venedigs war damit zu Ende. Was blieb, konnte überall stattfinden: Einige Maskenzüge, einige Schaustücke, ein paar Arien, maskierte, lärmende Unterschicht. Die Feste des Staates und der Gesellschaft, die Freiheit der «maschera nobile», der Rausch, das Spiel - das alles war verflogen. In der Ecke eines Cafés sieht man einige Gestalten «in moderner, aber völlig abgetragener Kleidung, durch düstere und verfallene Züge von den andern unterschieden. Es sind Nobili, fast die grössten Namen des goldenen Buchs, völlig verarmt, zu hochmüthig, um zu arbeiten, kaum stolz genug um nicht zu betteln; der Kaiser giebt ihnen eine Unterstützung (täglich zwei Zwanziger), um ihrer Namen willen.» So schreibt ein Karnevalsbesucher des Jahres 1830 über die Lage der ehemaligen Herren Venedigs unter ihren neuen Herren, den Österreichern. Ohne das Bedürfnis und die Lust dieser Klasse an Fest und Maske war die Serenissima tief in die Fastenzeit versunken.

Erst jetzt ist sie wieder erwacht, die Maskenzeit. Die moderne Signoria der Lagunenstadt - der Massentourismus - hat sie wieder erweckt. Und als sei nichts gewesen, steht sie ohne jede Altersrunzel in den alten Masken, doch mit neuen Träumen wieder vor uns.

Von Prof. Dr. Achatz Freiherr von Müller

  1. Der venezianische Karneval
  2. Geschichte
  3. Gesellschaft in Maske
  4. Feste
  5. Fasten

Venedig
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