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Kunst - Kunstrichtungen - Epochen ab 1850     → Künstlerlexikon

Realismus

Eine Gestaltungsweise in Malerei und Plastik, deren Ergebnis ein Abbild der sichtbaren Wirklichkeit ist; darüber hinaus kann realistische Darstellung zugleich Deutung und Wertung des abzubildenden Sujets beinhalten. Hier liegt der Unterschied zum Naturalismus, der auf die naturgetreue, objektive Wiedergabe des Bildmotivs hinzielt. Der Begriff Realismus wird in der Kunstgeschichte z. B. für die spätromanische Porträtplastik angewandt. Der Realismus als Kunstrichtung des 19. Jahrhunderts (J. Millet und G. Courbet) ist als Reaktion auf den idealisierenden Klassizismus des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts zu verstehen.

In der jüngsten Zeit ist eine neue Hinwendung zu wirklichkeitsbezogener Darstellung zu beobachten, etwa in der Pop-Art und im Fotorealismus.

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  • Gustave Courbet
  • Jean-François Millet
  • Théodore Rousseau



  • Realismus (Kunst und Literatur)

    Die Bezeichnung für den Versuch einer wirklichkeitsgetreuen Darstellung der (äusseren) Realität. In diesem Sinn wird der Begriff oft gleichbedeutend mit Naturalismus verwendet. Der Begriff ist theoretisch-ästhetisch und kunst- wie literaturgeschichtlich sehr problematisch; er wird nicht einheitlich benutzt und bezieht sich sowohl auf Methoden der Darstellung als auch auf Epochen und Richtungen von Kunst und Literatur.

    Kunst

    Realistische Tendenzen gab es seit der Antike in vielen Epochen der Kunstgeschichte. Unter Realismus versteht man in diesem Sinne alle Versuche, in der Malerei, Graphik und Bildhauerei die sichtbare Wirklichkeit (im Unterschied etwa zu den am Idealismus orientierten Programmen) möglichst naturgetreu abzubilden. In diesem Sinne war vor allem die Entdeckung der Perspektive in der Renaissance ein Wendepunkt etwa für die Landschaftsmalerei. Im Bereich des Porträts waren Maler wie Albrecht Dürer, Hans Holbein der Jüngere oder Lucas Cranach der Ältere wegbereitend. Als Bezeichnung für Kunstrichtungen begann sich der Realismusbegriff erstmals mit Gustave Courbets stilbildende Ausstellung Le réalisme 1855 durchzusetzen. Hier wurde er verwendet, um bestimmte Arbeiten von Werken der Romantik abzugrenzen. (Zeitgleich hierzu begann sich im 19. Jahrhundert die Ideologie des Materialismus zu etablieren, der dem Realismus ein theoretisches Fundament verlieh.) Realisten in diesem Sinn waren neben Courbet Honoré Daumier, Adolf Menzel, Jean François Millet und (für die deutsche Kunst besonders wichtig) Wilhelm Leibl. Motive waren verstärkt die freie Natur (herausragend etwa die Freilichtmalerei der Schule von Barbizon), vor allem aber die durch die Industrielle Revolution veränderte Arbeitswelt mit ihrer Fabriklandschaft sowie urbane Motive generell.

    In der russischen Kunst gibt es im 19. und 20. Jahrhundert starke realistische Tendenzen. Ein herausragender Vertreter ist zum Beispiel Ilja Repin. Viele seiner Gemälde und die seiner Zeitgenossen zeigen gesellschaftskritische Absichten. Die offizielle Kunst- und Literaturdoktrin der Sowjetunion seit den dreissiger Jahren wird als sozialistischer Realismus bezeichnet. Auch der Impressionismus wird bisweilen als subjektiver Realismus bezeichnet. Eine Kunstrichtung der zwanziger Jahre, die aus dem Expressionismus hervorging, war die Neue Sachlichkeit, die wiederum den Magischen Realismus hervorbrachte. Die gesellschaftskritischen Impulse des Realismus wurden im 20. Jahrhundert zum Beispiel von Käthe Kollwitz und John Heartfield fortgeführt. In den sechziger Jahren entstand parallel zur Pop-Art – und in Abgrenzung zur von Abstraktionstendenzen geprägten Kunst der klassischen modernen Kunst und Architektur – der Photorealismus oder Hyperrealismus als Übersteigerung realistischer Darstellungsmöglichkeiten und als künstlerische Reflexion der visuellen Wahrnehmung. Eine Spielart stellt auch die Wiener Schule des phantastischen Realismus dar.

    Literatur

    Neben stilistischen und dichtungstheoretischen Momenten bezeichnet der Begriff des Realismus in der Literaturgeschichte eine zwischen 1830 und 1880 anzusiedelnde Literaturperiode vor allem der englischen, russischen, französischen, deutschen und amerikanischen Literatur. Der Epochenbegriff geht auf Jules Champfleurys Aufsatzsammlung Le réalisme (1857) zurück. In Frankreich begann der Realismus mit den Romanen und Erzählungen Gustave Flauberts, Stendhals, Guy de Maupassants und Honoré de Balzacs. In Russland sind Fjodor M. Dostojewskij, Leo N. Tolstoj, Iwan Turgenew und Iwan Gontscharow, in England Charles Dickens und George Eliot dem Realismus zuzurechnen. In Amerika entstand mit den Werken Nathaniel Hawthornes und Hermann Melvilles eine ganz eigene Ausformung realistischer Literatur, deren Detailgenauigkeit auf eine zweite Wirklichkeit verweist (symbolischer Realismus).

    Nach der Revolution von 1848 begann sich auch im deutschsprachigen Raum der literarische Realismus durchzusetzen; beliebte Gattungen waren u. a. der Gesellschaftsroman und die Novelle, aber auch die Dorfgeschichte. Jeremias Gotthelf, Wilhelm Raabe, Gottfried Keller, Theodor Storm, Adalbert Stifter und Theodor Fontane entwickelten einen Stil, der genaue Realitätsbeschreibung mit einer subjektiven Erzählhaltung kombinierte (poetischer Realismus). Später wurde der Realismusbegriff immer wieder ins Spiel gebracht, um literarische Werke von solchen des Symbolismus, Expressionismus oder Surrealismus abzugrenzen. So wird Thomas Manns Werk etwa dem bürgerlichen Realismus zugerechnet. Auf eine (teils sozialkritische) Wirklichkeitsbeschreibung zielen bestimmte Romane Alfred Döblins, Lion Feuchtwangers, Arnold Zweigs, Heinrich Manns und Louis Aragons (kritischer Realismus). Im Magischen Realismus wird Wirklichkeit als Folie eines dahinter verborgenen Wunderbaren transzendiert; realistische und phantastische Literatur berühren sich. In den vierziger Jahren entstand innerhalb der italienischen Literatur der Neorealismus.

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