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Kunst - Kunstrichtungen - Epochen ab 1850     → Künstlerlexikon

Jugendstil

Um die Jahrhundertwende verbreitete Stilrichtung, die in Deutschland nach der seit 1896 in München erscheinenden Zeitschrift Jugend und ihrer Art der grafischen Gestaltung benannt wurde. Der deutschen Bezeichnung Jugendstil entsprechen französisch Art Nouveau und englisch Modern Style oder Style Liberty. Der Jugendstil war international verbreitet und entwickelte sich gleichzeitig in Frankreich aus dem Symbolismus (P. Gauguin, G. Moreau, O. Redon, Nabis), beeinflusst auch durch japanische Farbholzschnitte, und in England aus den kunstgewerblichen Aktivitäten der Präraffaeliten. Er nahm Einfluss auf alle Künste, hatte aber seinen Schwerpunkt im Bereich der bildenden Künste.

Typisch für den Jugendstil sind stilisierte florale und geometrische Ornamente, wie man sie in der Malerei vollendet bei A. Beardsley findet. Auch Künstlerpersönlichkeiten, die sich nicht in einen engen Stilbegriff zwängen lassen, wie E. Munch mit seinen umhüllenden Umrisslinien und H. Toulouse-Lautrec mit seinen Plakaten, sind in diesem Zusammenhang zu nennen. Vom Schwung dieser Ornamentik wurde auch die Innenraumgestaltung erfasst (H. van de Velde). Im Kunstgewerbe wurden in erster Linie von der Glaskunst die Ideen des Jugendstils aufgegriffen (L. C. Tiffany in den USA). Die Architekten O. Wagner, J. Hoffmann und J. Olbrich entwickelten einen schlichten Baustil, der die folgenden nüchternen Architekturauffassungen vorwegnahm. Zentren des Jugendstils waren München, Berlin (W. Klinger), Darmstadt, Wien (G. Klimt).

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  • Aubrey Beardsley
  • Eugène Grasset
  • Gustav Klimt
  • William Morris
  • Kolo Moser
  • Toulouse-Lautrec
  • Félix Vallotton

  • Jugendstil I
  • Jugendstil II
  • Jugendstil III
  • Jugendstil IV



    Jugendstil

    Der Jugendstil, wörtlich neue Kunst, ist eine komplexe und innovatorische europäische Kunstbewegung der letzten zwei Jahrzehnte von 1800 und dem ersten Jahrzehnt von 1900. Es fand Ausdruck in einer breiten Auswahl von Kunstformen der Architektur, Indesign, Möbel, Plakaten, Glas, Töpferwaren, Textilien und Buchabbildung und wurde durch seine Hingabe an gewölbten und wellenförmigen Linien charakterisiert, die oft als Peitschenschlaglinien gesprochen wurden.

    Der Begriff Jugendstil wird von Maison de l'Art Nouveau hergeleitet, ein Pariser Geschäft welches im Jahre 1896 vom Händler Siegfried Bing eröffnet wurde.Der Jugendstil hat seine Wurzeln in den Künsten und Handwerksbewegungen in England (1861 gegründet vom Designer William Morris), welcher heftig die Schäbigkeit einiger Massenproduktionstechniken ablehnten. Jugendstil brachte es auf und arbeitete die Künste und die Handwerksmanifestation aus, genannt nach der Schaffung eines vollkommen neuen Stiles und der Hingabe zu Handarbeiten.

    Der Jugendstil borgte sich Motive von Quellen, wie variierte japanische Drucke, gotische Architektur und die symbolischen Gemälde aus dem 18. Jahrhundert des englischen Dichters und Künstlers William Blake, um einen sehr dekorativen Stil mit starken Elementen der Phantasie zu schaffen. Als die frühesten Beispiele des Jugendstils werden normalerweise die Arbeiten des englischen Architekten Arthur Mackmurdo betrachtet,insbesondere entwarf er ein Stuhl um 1882 und eine eingravierte zweite Titelseite für ein Buch (Wren's Early Churches) von 1883, beide sind Ausstellungsstücke mit geschmeidig fliessenden Linien, und das schienen die Kennzeichen des Jugendstils zu werden.

    Die Stoffentwürfe, die von Arthur Lasenby Liberty in seinem berühmten Londoner Geschäft verkauft wurden, (gegründete im Jahre 1875) und die Abbildungen von Aubrey Beardsley, insbesondere jene für die Zeitschrift Das Gelbe Buch (1894) und für Salomé (1894) vom englischen Schriftsteller Oscar Wilde, trugen den englischen Jugendstil zu seiner Höhe. Jährliche Ausstellungen der Künste und der Handwerksausstellungsgesellschaften, angefangen im Jahre 1888, halfen den Stil zu verbreiten und eine neue Zeitschrift The Studio (gegründet im Jahre 1893) half dem Jugendstil sich nach Europa auszubreiten.

    Der Jugendstil erschien zuerst in Belgien in den Arbeiten des Architekten Victor Horta und Henri van de Velde; ihre Entwürfe für Reihenhäuser brachten das Zusammendrehen von schmiedeeisernen Treppen, Balkons, und Toren elegant. Charles Rennie Mackintosh, ein Glasgower Architekt, praktizierte Ersatz, eine strenge Version des Jugendstils in seinem Indesign, Möbel, Glas und Glasurarbeiten. In Frankreich war der Stil höchst offensichtlich in der Arbeit des Architekten Hector Guimard (insbesondere versetzte ihn die exotische Pariser Metro U-Bahn in Verzückung, 1898-1901), der Glasmacher Émile Gallé, der Möbeldesigner Louis Majorelle und der Plakatkünstler Alphonse Mucha. Es war auch modern in der Innenausstattung, auffallend beim Restaurant Maxime in Paris.

    In München, als der Jugendstil (zu deutsch youth style) und in Wien, als der Sezessionstil (zu deutsch secession style) war, drangen angewandte Künste und Zeitschriftabbildungen durch und erreichte einen Höhepunkt in den Gemälden von Gustav Klimt und in den Möbeln und architektonischen Entwürfen von Josef Hoffmann. In den Vereinigten Staaten war die führende Figur Louis Comfort Tiffany, wessen schimmernde Favrile Glasvasen und fleckige Glaslampenschirme schillernde Phantasien waren. In Spanien hatte Jugendstil seinen möglicherweise originellsten Praktiker, Antoni Gaudi; sein sehr idiosynkratischer Güell Park und Casa Milá Apartment House in Barcelona haben keine gerade Linien und geben den Eindruck von natürlichen Organismen die auf die Erde übergesprungen sind, wieder.

    Der Jugendstil ging 1910 zurück und überlebte den ersten Weltkrieg nicht, er war aber erfolgreich bei der vornehmen Kunst des Deco Stil's. Es war nie ein weitverbreiteter Stil gewesen, weil die besten Arbeiten zu kostspielig und ungeeignet waren um sie wie Waren zu sammeln, aber der Stil wurde in der Mitte des 20. Jahrhunderts mit Ausstellungsstücken in Zürich um 1952, in London von 1952 bis 1953 und in New York um 1960 wiederentdeckt. Jugendstil war eine entscheidende Entwicklung in der Geschichte der Kunst, insbesondere in der Architektur. Durch den neudefinierten Stil und die Menschheitsbeziehungen zur Industrie, half es seinen Praktikern den Weg vorzubereiten für den Beginn der moderner Kunst und Architektur.



    Jugendstil

    Der Verleger Georg Hirth gründete 1896 in München eine Zeitschrift namens Jugend; zeitkritischen jungen Literaten und Künstlern sollte ein Forum geboten werden. Sie huldigte einer seit dem Beginn des Jahrzehnts sich anbahnenden neuen ästhetischen Weise der Illustration, und schon im Jahr darauf, ausgehend von der Leipziger Kunstgewerbeausstellung, wurde in Anlehnung an den Zeitschriftentitel für die moderne, gegen die historizierenden Stile des 19. Jahrhunderts gewandte Kunstrichtung die Bezeichnung Jugendstil kreiert. In Frankreich wird diese Kunst Art nouveau genannt, in England ebenso (daneben Modern Style), in Österreich Sezessionsstil.

    Der Jugendstil war bis zum Ersten Weltkrieg vorherrschend in Europa. Er erstreckte sich auf das Kunstgewerbe, die Malerei, die Grafik, die Buchkunst, das Plakat, die Theaterdekoration, die Teppich- und Möbelgestaltung, die Bildhauerei, auch die Architektur. Die Namen A. Beardsley, A. Gaudí, G. Klimt, C. R. Mackintosh, L. C. und C. L. Tiffani, H. de Toulouse-Lautrec, H. van de Velde, J. M. Olbrich und P. Behrens mögen für die vieler anderer Jugendstilkünstler stehen. Die beiden zuletzt Genannten gehörten der 1899 ins Leben gerufenen Darmstädter Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe an. Auch um die Jahrhundertwende von O. J. Bierbaum, R. Dehmel, A. Mombert, St. George, G. Heym, H. von Hofmannsthal, E. Lasker-Schüler, R. M. Rilke geschaffene Dichtungen werden heute zum Jugendstil gezählt. Die faszinierende Ornamentik und Linearität des Jugendstils machen seine Schöpfungen - und auch die Nachahmungen - noch heute sehr begehrt.

    Definition

    Jugendstil, nach der in München erscheinenden Zeitschrift Die Jugend benannt, ist die deutsche Bezeichnung für die europäische Kunstrichtung der Art Nouveau. Sie ist gekennzeichnet durch stark ornamentalen und symbolischen Charakter. Das betont dekorative Element dieser Kunstrichtung ist gestalterischer Ausdruck einer Krise um die Jahrhundertwende in Auseinandersetzung mit dem sinnentleerten und politisch wie gesellschaftlich stagnierenden Leben in den späten Monarchien. Der Jugendstil wendet sich gegen die bloss historisierenden Züge des 19. Jahrhunderts. Zugleich bricht sich im Jugendstil aber auch bereits ein neues Kunstverständnis Bahn, wenn sich die Künstler in Architektur, Innenarchitektur oder Kunstgewerbe mit der Gestaltung von Alltagsgegenständen mithilfe moderner Industrie und neuen Materialien befassen. Der Weg zur Funktionalität und zur Massenproduktion ist damit beschritten. Richtungen wie das Bauhaus werden darin vorweggenommen. Insofern ist der Jugendstil auch eine das ganze Leben umfassende, ganzheitliche Kunstrichtung.

    Ursprünge in Frankreich

    Besonders reich ist die Jugendstilkunst in ihrem Ursprungsland Frankreich. Sie entstand als Reaktion auf den Impressionismus, als sich Émile Bernard und Paul Gauguin von japanischen Holzschnitten zu einer betont flächigen und linienhaften Kunst inspirieren liessen. Hinzu traten Armand Séguin und Paul Sérusier. Diese bretonische Gruppe des Pont-Aven war die Keimzelle des Jugenstil. Die Pariser Gruppe der Nabis (Propheten) mit Paul Ranson, Pierre Bonnard und Edouard Vuillard erweiterte den Kreis. Weltbekannt sind die Plakate, die Henri de Toulouse-Lautrec für das Pariser Theater malte. Sie prägten den neuen Stil, denn der französische Name des Jugendstils lautet Art nouveau. In der Glaskunst schuf Émile Gallé wunderbare florale Gebilde. Er machte Nancy neben Paris zu einem weiteren Zentrum des französischen Jugendstils.

    Britischer Jugendstil

    Vorläufer des Jugendstils finden sich in den dekorativen Arbeiten von William Morris (Buchillustrationen, Stoffe, Tapeten) und einigen Präraffaeliten, die versuchten, das mittelalterliche Kunsthandwerk wiederzubeleben. Auch Sir Edward C. Burne-Jones und Arthur J. Gaskin waren erfolgreiche Maler und Grafiker. Bedeutend war die Buchillustration Aubrey Beardsleys. In Architektur und Kunstgewerbe setzte der Schotte Charles Rennie Mackintosh Massstäbe. Seine Frau Margaret Macdonald und deren Schwester Francis setzten den Jugendstil in Kunstgewerbe und Grafik um.

    Belgien und Niederlande

    In Belgien vereinten sich Einflüsse des französischen und englischen Jugendstils. Henry van den Velde wurde zum bekanntesten und einflussreichen Künstler. Er begann als Maler, wurde aber vor allem als Architekt und Kunstgewerbler stilbildend. In Deutschland baute er eine Villa für Karl Ernst Osthaus in Hagen und das Folkwangmuseum in Essen. In Weimar gründete und baute er die kunstgewerblichen Lehranstalten. In Malerei und Grafik traten ausserdem Fernand Khnopff und Henri Evenpoel hervor. Für die Niederlande sind darüber hinaus Antoon Johan van der Kinderen, Jan Toroop sowie Jan Thorn Prikker zu nennen.

    Deutscher Jugendstil

    Das Zentrum des deutschen Jugendstils war München, wo neben Franz von Stuck Otto Eckmann, Hermann Obrist, Adolf Endell und Richard Riemerschmid arbeiteten. Die Maler des Blauen Reiters und die späteren Expressionisten Wassilij Kandinsky, Franz Marc und Paul Klee schufen in München-Schwabing auch Werke des Jugendstils. Durch die satirische Zeitschrift Simplicissimus wurden Thomas Theodor Heyne und der Norweger Olaf Gulbransson berühmt. Darmstadt (Mathildenhöhe) wurde zu einem weiteren Hauptort, als sich dort eine Künstlerkolonie gründete, in der Henry van de Velde und Peter Behrens aktiv waren. Ein von van de Velde gebautes Wohnhaus für den Hagener Industriellen Karl Ernst Osthaus ist heute ein bedeutendes Museum moderner Kunst. Der Berliner Walter Leistikow schuf neben kunstgewerblichen Entwürfen Bilder und Lithographien zu denen ihn die märkische Landschaft inspirierte. In Sachsen lebte der Maler und Bildhauer Max Klinger. Auch Käthe Kollwitz, Ernst Ludwig Kirchner und Emil Nolde, sonst eher als Expressionisten bekannt, sind mit Teilen ihres Werkes im Jugendstil vertreten.

    Österreichischer Jugendstil

    In Österreich wird die Jugendstilkunst auch Sezessionsstil genannt, als nach einem Krach im Wiener Künstlerverein eine Sezession genannte Gegengruppe ihre eigenen Vorstellungen vertrat. Der bekannteste Maler des Wiener Jugendstils dürfte Gustav Klimt sein. Hervorragend war der ebenso sensible wie schwierige Maler Egon Schiele. Beträchtlich sind die Leistungen des österreichischen Jugendstils in Architektur und Kunstgewerbe. Grosse Namen für die Architektur sind Otto Wagner und Josef Hoffmann. Die Jugendstilarchitektur ist ein prägender Einfluss im Wiener Stadtbild. Die Wiener Werkstätten erlangten Weltruf. Auch Oskar Kokoschka kam aus dem Wiener Jugendstil.

    Schweizer Jugendstil

    Die Schweiz hat einen hervorragenden Vertreter der Jugendstilmalerei. Ferdinand Hodler schuf monumentale Bilder der Berge und Menschen. Seine Gestalten sind oft symbolistisch. Er malte unter anderem Deckengemälde für den Waffensaal im Schweizerischen Landesmuseum Zürich und das Treppenhaus im Kunsthaus Zürich, die Aula der Universität Jena und den Sitzungssaal des Hannoveraner Rathauses. Weniger bekannt als Hodler ist Felix Vallotton, der sich eher nach Frankreich hin orientierte.

    Italienischer Jugendstil

    Italiens Beitrag zum Jugendstil ist weniger originär als rezeptiv; so spricht die Forschung sogar von einem Schweigen Italiens diesen Stil betreffend. Vertreter sind Antonio Rizzi, Brunelli, Alberto Micheli und Adolphus de Carolis.

    Tschechoslowakischer Jugendstil

    Der böhmische und mährische Jugendstil mit Zentrum in Prag hat ebenfalls wertvolle Beiträge geliefert. Nicht nur entstand mit dem Repräsentationshaus und anderen Grossbauten grossartige Architektur, sondern auch reich ornamentierte Malerei und Grafik. Der berühmteste Vertreter ist Alfons Mucha, aber auch Josef Váchal und Frantisek Bilek wurden bekannt.

    Skandinavischer Jugendstil

    Die skandinavischen Länder leisteten ihren Beitrag zu dieser Kunstrichtung; beispielsweise verfügen sie mit dem Norweger Edvard Munch über einen weltbekannten Jugendstilmaler. Sein psychologisierendes Bildthema Der Schrei ist eines der Hauptwerke internationaler Malerei der Epoche. Idyllisierend sind dagegen die Familienbilder des Schweden Carl O. Larsson. Stärker von der Grafik geprägt sind die Werke von Einar Nerman und Gerhard Peter Munthe. Romantisch-national ist der Stil des schwedisch-finnischen Künstlers Axel Gallén.

    Russischer Jugendstil

    Abgesehen von dem bedeutenden Wassilij Kandinsky, der in seiner Frühzeit dem Jugendstil anhing, bevor er seinen Stil wandelte und selbst eine ganz neue Art der Malerei schuf, sind russische Künstler des Jugendstils weniger bekannt. Die russischen Bilder des Jugendstils muten in ihrer romantisch-sagenhaften Motivik beinahe märchenhaft an. In diesem Stil malte nicht nur der junge Kandinsky, sondern auch Iwan J. Bilibin. Als Illustratoren wurden Eugen J. J. Lanceray und Constantin Andrejewitsch Ssomoff bekannt.

    Amerikanischer Jugendstil

    Der an sich europäische Jugendstil griff über den Atlantik auf die Neue Welt über, wo Louis Comfort Tiffany farbenprächtige Glasfenster und Glasobjekte schuf. Seine Lampen erlangten Weltruhm.

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    Jugendstil

  • Einleitung
  • Grossbritannien
  • Frankreich
  • Niederlande
  • Norwegen
  • Schottland
  • Österreich
  • Tiffany
  • Spanien


  • Einleitung

    Man denke an eine sinnliche Linie; an eine fliessende Linie; eine Linie, die an ihren Ausgangspunkt zurückkehrt. Man denke an weibliche Formen, sich rundend und kurvenreich. Man denke an pflanzliche Formen, die wachsen und spriessen. Man denke an Blumenknospen, an Knospen, die sich zur Blüte öffnen, sich entfalten. Man denke an Linien, die frei nebeneinander herlaufen. Man d nke an Wellen, an Frauenhaar, an Rauchschwaden. Man denke auch an organisierte Linien: Linien, die zunächst parallel verlaufen, dann auseinanderstreben und sich schliesslich überschneiden. Man denke schliesslich an die sich daraus ergebenden Spannungen. So wie es der englische Künstler Walter Crane, einer der frühesten Vertreter des Jugendstils, 1889 ausdrückte: Die Linie ist das Wichtigste. Die Linienführung ist das erste, was ein Entwerfer zu lernen hat - die bestimmende Linie, die ausdrucksvolle Linie, die gebrechliche Linie, die zielbewusste Linie, die beherrschende und alles vereinigende Linie.

    Dann stelle man sich dies alles mit Architektur, Innenräumen, Möbeln, Keramiken, Gläsern, Schmuck, Druckkunst, Plakaten, Kaffeetassen, Lampen und Tafelbesteck verschmolzen vor - dann bekommt man eine Vorstellung, was Jugendstil bedeutet.

    Doch zuerst sollte man sich daran erinnern, welcher Geschmack das ausgehende 19. Jahrhundert insgesamt bestimmt hatte. Die ganze zivilisierte Welt, die von der industriellen Revolution erfasst worden war, jede Wohnung der oberen oder mittleren Klasse, war vollgestopft mit Möbeln und Gegenständen, welche Formen der Klassik, der Renaissance, des Barock und des Rokokostiles nachahmten. In den meisten Fällen handelte es sich um ziemlich abgeschmackte Kopien, Erzeugnisse einer fortschreitenden Industrialisierung, die für eine neureiche Klasse produzierte, der man damit das Gefühl geben wollte, einen guten Geschmack und wirkliche Kunstwerke zu besitzen. Ihre Wohnhäuser drückten aussen und innen diesen Geschmack aus, ebenso wie ihre öffentlichen Gebäude, die Rathäuser, Museen, Bahnhöfe und Bibliotheken, die den Tempeln der Griechen ähnelten, die an Renaissancepaläste oder gotische Kirchen erinnerten.

    Eine Reaktion auf all das war schliesslich unvermeidlich. Viele Künstler konnten diese nachahmende Kunst und die von der Maschine hergestellten Produkte nicht mehr vertreten. Sie wollten zum Handwerk, zur Einfachheit und zur Natur zurückkehren. Sie forderten, dass die Erzeugnisse der Kunst auch der Gesellschaft der Gegenwart ensprechen sollen. Otto Wagner, ein österreichischer Architekt, schrieb 1895, dass der neue Stil nicht eine Wiedergeburt, sondern eine Geburt sei. Das gegenwärtige Leben müsse die Grundlage jeder künstlerischen Schöpfung sein. Diese Prämisse wurde jedoch niemals vollkommen verwirklicht. Man muss einräumen, dass viele Künstler der Jugendstilbewegung den Blick zurück wandten, doch die meisten der geschaffenen Gegenstände zeigten selbständige Formen und waren ein echtes Zeugnis der Zeit, in der sie entstanden sind. Die Epoche des Jugendstils war ausserordentlich kurz: Genaugenommen dauerte sie kaum 20 Jahre, ungefähr von 1890 bis 1910. Aber trotz dieser Kürze stellte der Jugendstil einen originellen Ausdruck des schöpferischen menschlichen Geistes dar. Selbst wenn man nicht allem zustimmen kann, muss man seine Kühnheit und seinen Erfindungsreichtum bewundern.

    Aber keine Kunstepoche zeigt sich von Anfang an fertig ausgebildet. Die Anregungen kamen oft aus weit zurückliegenden Jahrhunderten. Jugendstilideen kann man bis in die Zeit der Kelten, in die Gotik, ins Rokoko und in die Kunst Japans zurückverfolgen. Die industrielle Revolution störte die natürliche Entwicklung von einer Periode zur anderen, weil sie es erlaubte, alle Formen der Vergangenheit gleichzeitig nachzuahmen. Schon im späten 18. Jahrhundert drückten die Schriftsteller ihr Missfallen über den verhängsnisvollen Einfluss der Maschinen aus, doch erst 1851, bei der Ausstellung im Londoner Kristallpalast, wurde eine wirkliche Reaktion gegen diese Entwicklung offenkundig.

    Hier entdeckt man ein Paradoxon: Dieser Kristallpalast, diese geniale Schöpfung von Joseph Paxton, war selbst eine revolutionierende Tat. Aus Eisen und Glas wurde eine einfache und funktionelle Form der Architektur geschaffen. Sie sah aus wie eine märchenhafte Seifenblase; aber es war eine Seifenblase, die weiterwirkte. Die leichte Hülle aus Eisen und Glas konnte als Prinzip den verschiedensten Bedürfnissen entsprechend abgeändert werden und jeglichen Raum, jegliches Volumen überspannen. Zunächst war ein solches Gebäude als Ausstellungshalle konzipiert worden; doch es lag im Rahmen der Möglichkeiten des neuen Materials, es auch bei anderen Gebäudetypen zu verwenden. Die Entwicklung bestätigte schliesslich diese erste Konzeption.

    William Morris, ein weitsichtiger, von sozialen Ideen erfüllter Künstler, war einer der Wegbereiter der Jugendstilbewegungen in England; er selbst war von dem Schriftsteller John Ruskin und den präraffaelistischen Malern beeinflusst worden. Ruskin hasste die Maschine und die moderne Welt und plädierte für eine Wiedererweckung des Mittelalters. Doch in dieser Hinsicht waren seine Ideen nicht zukunftsträchtig, ebensowenig wie jene der Präraffaeliten, die sich in eine reine Welt des Mittelalters, der Zeit vor Raffael, zurückversetzen wollten. Sie vertraten die Ansicht, dass nur das Natürliche annehmenswert wäre und verwendeten darauf ihr ganzes Augenmerk. Mit Hilfe ihrer Kunst hofften sie, die materialistische Entwicklung aufhalten und verändern zu können.

    Doch William Morris ging weiter. Indem er der gehassten Maschine den Rücken zukehrte, predigte er eine Kunst für alle, Kunst nicht als eine Ausnahme, die nur von begnadeten Künstlern geschaffen werden könnte. In seinen Augen war jedermann ein Künstler. Er müsste sich nur dem Vorbild des Mittelalters zuwenden, jener Zeit, da das Kunsthandwerk die gesamte Umwelt prägte, um selbst Werke hervorzubringen, die unbestreitbar schön seien.

    1861 gründete Morris mit einigen Gesinnungsgenossen die Arts and Crafts Movement. Alle Erzeugnisse ihrer Werkstätten waren Handarbeit. Möbel, Tapeten, Stoffe, Keramiken: Alle Produkte mussten sowohl schön wie nützlich sein. Dies sollte die Voraussetzung dafür sein, dass solche Arbeiten vom Käufer geschätzt würden. Morris forderte eine Kunst für jedermann, und er forderte auch Bildung und Freiheit für jedermann.

    Doch er machte sich offensichtlich nicht klar, dass handgearbeitete Produkte für die Massenbedürfnisse in der Herstellung zu teuer sein müssen, zu teuer für die Massen, die unter dem Einfluss der Industrialisierung immer ärmer wurden. Er übersah, dass die viktorianische Gesellschaft mit der mittelalterlichen nicht verglichen werden konnte. So ernst seine Absicht war, sie musste deshalb fehlschlagen.

    Aber er brachte den Ball ins Rollen. Ohne seine grundlegenden Ideen wären die meisten kunsthandwerklichen Werkstätten, die in der Folgezeit entstanden, ihre Verkaufsläden, die Kunstschulen, die Ausstellungen, die Kunstzeitschriften, kaum erfolgreich gewesen. Einer seiner einfallsreichsten Schüler war Arthur H. Mackmurdo, der 1881 die Century Guild gründete. Wie Morris war er der Typ des neuen Künstlers, der alle Gegenstände des täglichen Bedarfs neu entwarf. Diese Vielseitigkeit bewirkte zugleich den Erfolg der Jugendstilkünstler. Nur wenige von ihnen waren nicht in der Lage, ein Messer und eine Gabel mit dem gleichen Stilwillen zu entwerfen, mit dem sie auch ein Gebäude, ein Möbelstück oder ein Gemälde schufen.

    Bald folgten andere Künstlervereijuigungen. Walter Crane, Buchkünstler und Illustrator, gründete 1884 die Art Workers' Guild. Die Arts and Crafts Exhibition Society und die ,Guild of Handicrafts, letztere von C. R. Ashbee angeregt, wurden 1899 gegründet.

    Eine anderen Anregung erhielt der Jugendstil durch den amerikanischen Maler James McNeil Whistler. Wenn er sich nicht so sehr für japanische Kunst interessiert hätte, wäre deren Einfluss auf den Jugendstil nicht so stark gewesen. Von der östlichen Kunst übernahm er die subtilen Farbgebungen, deren Sparsamkeit, die gefühlvollen Linien und die meisterhafte Beherrschung der Fläche. Sein eigenes Haus richtete er 1863 und nochmals 1867 im japanischen Stil ein. Zwischen 1867 und 1877 entwarf er das berühmte Pfauenzimmer (heute in der Freer Gallery of Art Smithsonian Institution, Washington), bei dem er sich von den bizarren Formen dieses Vogels inspirieren liess, der zu einem Leitmotiv für viele Jugendstilkünstler wurde. Von Bedeutung war, dass er die gesamte Raumausstattung schuf.

    Diese Idee, dass ein Entwerfer einen Raum oder ein ganzes Haus in einem einzigen Stil durchzugestalten habe, war der wichtigste Beitrag des Jugendstils zur Innenarchitektur. Darin lag zugleich seine Stärke und seine Schwäche. Zur Schwäche wurde es, wenn ein Jugendstilraum so überladen und selbstherrlich dekoriert war, dass man kaum darin leben konnte. Da die Formen des Raumes immer auch Stimmung und Gefühle ausdrückten, war es durchaus möglich, dass diese nicht dem Selbstgefühl des Bewohners entsprachen und auf ihn bedrückend wirken mussten. Hier lag auch einer der Gründe, warum sich sehr bald Reaktionen gegen den Jugendstil bemerkbar machten und viele der Räume dann bald wieder umdekoriert wurden, und deshalb sind auch so wenige vollständige Jugendstilräume erhalten.

    1862 fand in Paris eine Japanausstellung statt. Eine englische Firma, die in London Waren aus dem Fernen Osten anbot, kaufte die ganze Ausstellung auf. Als diese Firma, Arthur Lazenby Liberty, 1874 zumachte, erwarb Mr. Liberty die gesamten Bestände und eröffnete damit ein Geschäft in der Regent Street. So war eine der berühmtesten Firmen des Jugendstils entstanden, und Liberty & Company unterstützten Jugendstilkünstler, die sich um den neuen Ausdruck bemühten; die Bezeichnung Liberty-Stil war von da an einer der Namen der neuen Bewegung. Ihr erster Impuls kam also aus England, und ihr erster Exponent war der bereits erwähnte Arthur Mackmurdo. Sein erstes Jugendstilerzeugnis war ein Lehnstuhl in schwingenden Kurven, den er noch vor 1881 entwarf. Diesem ersten Werk folgten weitere Möbel und Tapeten. 1883 entwarf er die Titelseite für ein Buch von Christopher Wren, City Churches. Mackmurdos Entwurf hatte nichts mit dem Gegenstand des Buches zu tun, sondern, ähnlich der Stuhllene, zeigte sie flammende und züngelnde Pflanzenformen, die die ganze Fläche mit dynamischem Rhythmus erfüllten. In seiner Architektur und seinen Möbeln machte Mackmurdo eine schwingende vertikale Linie zu seinem Leitmotiv, mit welcher er auch die Architektur von Künstlern wie Voysey und Mackintosh beeinflusste. Seine Stilisierungen gingen von naturalistischen Formen aus, die er dann abstrahierte, ohne die Erinnerung an den Ausgangspunkt ganz aufzugeben.

    C. R. Ashbee, Architekt und Silberschmied, schuf die typisch englische Lösung für Leben und Kunst: Die des Kompromisses. Er schloss sich der Arts and Crafts-Movement an und liess sich vor allem vom frühen englischen Jugendstil beeinflussen.

    Charles Annesley Voysey war ebenfalls ein Künstler, dem man den eher unschmeichelhaften Titel eines Kompromisslers geben muss. Japanischen Einfluss übertrug er auf seine Wohnhausarchitektur, und die von ihm entworfenen Gebäude zeichneten sich durch klare Proportionen, leichte Asymmetrie und sparsame Ornamentierurr: aus. Seine Dekorationen enthalten eine Art von Leitmotiv - die Andeutung eines Phallus-Symbols: Line natürliche Ergänzung femininer Motive, die von der ganzen Bewegung überreichlich angewendet wurden.

    Wie die meisten Propheten, so haben manche dieser englischen Künstler und Architekten mehr Beachtung auswärts als in ihrem eigenen Land gefunden. Einer von ihnen war Hugh Ballie Scott, Möbelentwerfer und Architekt, der die Jugendstilelemente weniger auf das gesamte Objekt seiner Gestaltung übertrug, sondern fast nur auf dessen Oberfläche applizierte.

    Aubrey Beardsley, einer der berühmtesten englischen Künstler, der schon sehr früh bekannt wurde, ist mit dem Begriff Jugendstil fast synonym geworden. Doch wir müssen unterscheiden zwischen jenen Künstlern, die streng nach den Jugenstilprinzipien arbeiteten, und solchen, welche Jugendstilformen und -motive verwendeten, aber nicht ausdrücklich dieser Bewegung zuzurechnen sind. Ähnlich wie Toulouse-Lautrec war Beardsley ein unabhängiges Genie, der die Jugendstilformen für seine persönlichen Absichten einsetzte. Seine Illustrationen für die Salome von Oscar Wilde mit, ihrem japanischen Geschmack, den stilisierten Frauengestalten, Rosen und Pfauen sind ein Sonderfall.

    Insgesamt handelt es sich beim Jugendstil also um eine englische Reaktion auf die konventionelle Mode des viktorianischen Zeitalters, welche die Arts and Crafts-Bewegung entstehen liess, der sich bald auch auf dem Kontinent die Künstler anschlossen. Wenn auch im weiteren Verlauf der Epoche in England weniger Bedeutendes entstand, so war die Entwicklung doch von englischer Seite her eingeleitet und gefördert worden, einerseits durch die in ganz Europa gelesene Zeitschrift The Studio, andererseits durch Liberty und sein Geschäft in der Regent Street.

    Ein Prinzip der bei Liberty angebotenen Waren bestand darin, dass sie anonym bleiben sollten, d. h. nicht vom Künstler signiert wurden; deshalb ist es schwierig, englische Werke mit Sicherheit zu bestimmen. Weissmetall, als Tubric bezeichnet, und Silber mit der Bezeichnung Cymbric stammen von hier; alle übrigen Werke kann man zum Teil durch ihre Ähnlichkeit dazu in Beziehung setzen. Auf der anderen Seite machte Liberty den Jugendstil populär. Leider ermunterte er damit aber auch ärmliche Nachahmungen und unglückliche Massenproduktionen.

    Die Zeitschrift The Studio, die über Ausstellungen in ganz Europa berichtete, bedeutete für den Jugendstil eine wertvolle Unterstützung. Sie setzte Massstäbe für alle Arten von Einrichtungsgegenständen, für Wandgestaltungen, Brunnen oder Kamine. Für viele galt diese Zeitschrift als eine Art von Musterbuch, dessen Vorlagen nachgeahmt wurden. Diese Nachahmungen aber brachten die Bewegung leider auch in Verruf, da die Muster sehr häufig auf Gegenstände übertragen wurden, für die sie nicht gedacht waren und mit denen sie auch nicht harmonieren konnten.

    Grossbritannien

    Englische Designer und Künstler demonstrierten ihre neuerworbene Freiheit Ende 1880 und 1892 in Brüssel: In diesem Jahr begann einer der glänzendsten Sterne der Bewegung, der belgische Architekt Victor Horta (1861-1947), das erste bedeutende Jugendstilhaus auf dem Kontinent zu bauen: das Maison Tassél in Brüssel. Als es 1893 fertiggestellt war, galt es als eine Art von Musterbeispiel des Jugendstils, da es sowohl zwei- wie auch dreidimensionale architektonische und dekorative Ansichten vereinigte. Vor ailem Schmiedeeisen verwendete er auf völlig neue Art: Besonders im Treppenhaus dieses Gebäudes, das einer märchenhaften Ranke glich, wie überhaupt Pflanzenformen seine wichtigste Inspirationsquelle waren. Als Kompliment an Mackmurdo verwendete er eine von dessen Tapeten in diesem Hause. Horta entwarf andere wichtige Gebäude in Brüssel: Das Hotel van Etvelde 1899, das Hotel Solvay und das Maison du Peuple von 1895-1900. Das letztgenannte ist besonders bemerkenswert durch seine aus Eisen und Glas bestehende Fassade.

    Ein anderer Belgier, Henry van de Velde (1863-1957), liess es gleichfalls nicht an Mut fehlen, das 19. Jahrhundert mit seiner kulturellen Unselbständigkeit zu überwinden. Zwar begann er als Maler zu arbeiten, doch bald interessierte ihn die Herstellung von Möbeln, von Innenarchitekturen, Tapeten, Silber und Schmuck. Er vertrat konsequent die Ansicht, dass die Eigentümlichkeit des Materials auch die Form zu bestimmen habe, ganz gleichgültig, was für ein Gegenstand gestaltet und geschmückt werden sollte.

    Frankreich

    Frankreich, das in so manchen Stilschöpfungen der Geschichte den Ausschlag gegeben hatte, lieferte die verführerischsten und exzentrischsten Beispiele von Jugendstilgestaltungen. Hier nannte man diese Stilrichtung Art Nouveau. Alle Künstler schienen die Definition von Walter Crane zu bestätigen, der den Jugendstil als eine Krankheit bezeichnete. Paris, das in kultureller Hinsicht als Nabel der Welt bezeichnet worden war, wurde zu einem der Zentren für die neuesten, besten und ausgefallensten Produkte des neuen Stils, ungeachtet ihrer praktischen Verwendbarkeit.

    Die Pariser Weltausstellung von 1900 bezeichnet den Höhepunkt des Kapitalismus und seines Einflusses; von nun an bestimmte die Seinemetropole die moderne Entwicklung und schrieb die Mode für ganz Europa vor. Die göttliche Sarah Bernhardt förderte Mucha und Lalique. Oscar Wilde, der bedeutendste internationale Schriftsteller, verfasste in Frankreich seine Salome. Beardsley, der englische Künstler, der die perversesten und skandalösesten Buchillustrationen schuf, war am stärksten von Frankreich her beeinflusst worden. Toulouse-Lautrec hatte die Music Hall, die Bühne, die Prostituierten und Lesbierinnen durch seine reine Kunst in eine Art von Heiligkeit transponiert und dies in seinen Gemälden, Lithographien und Plakaten zum Ausdruck gebracht.

    Die Franzosen konnten das, was sie England und Morris verdankten, nicht verleugnen. Aber nicht nur Paris hatte das Monopol französischen Schöpfertums gepachtet: Nancy war ebenfalls ein wichtiges Zentrum, das unter anderem so bedeutende Entwerfer wie Majorelle, die Gebrüder Daum und Emile Gallé beherbergte. Letzterer kam 1872 bei einem Besuch in England in enge Berührung mit der Arts and Crafts-Bewegung. Davon erfüllt und in Verbindung mit seiner angeborenen Feinfühligkeit, experimentierte er in der von seinem Vater geerbten Keramikwerkstätte und erreichte dort eine perfekte Technik der Glasherstellung, mit der er die gesamte Jugendstilentwicklung beeinflusste. In einem besonderen Verfahren deckte er die Glasflächen mit Wachs ab und ätzte die ungeschützten Partien, so dass er eine zweifache Oberfläche, matt und glänzend, erzielte. Dieses Glas mit seinen vielfältigsten Variationen von Farben und Formen glich in vielen Fällen einem wahren Wunder. Grüne und gelbe, rosa und braune, violette und orange Töne, alle Nuancen flossen ineinander, liessen die Materie transparent und unwirklich erscheinen.

    Doch er beschäftigte sich nicht nur mit Glas, sondern ebenso mit Möbeln. Viele von diesen wohlgeformten Stücken schmückte er mit wundervollen Einlegearbeiten und Inkrustationen aus Perlmutter.

    Louis Majorelle, der ebenfalls in Nancy geboren war, eiferte Gallé nach. Er schloss sich der Tradition französischer Möbelkunst an und bereicherte sie mit den neuen Formen des Jugendstils, vor allem durch kostbare Applikationen von Gold und Bronze. Holz und Metall verband er in spielerischer Weise, doch war er stets der Herr, niemals der Sklave seines Materials.

    Zu den berühmtesten und am leichtesten erkennbaren Produkten des Jugendstils gehören die Metro-Stationen in Paris aus der Zeit um 1900. Ihr Entwerfer war Hector Guimard, einer der interessantesten französischen Architekten und Designer. Horta hatte Einfluss auf ihn, doch liess sich Guimard von einer besonderen Blütenart inspirieren, während Horta mehr die Blattformen abwandelte. Sein erster architektonischer Erfolg war das Castel Béranger, das er in Paris zwischen 1894 und 1898 errichtete. Viele Einzelheiten des Gebäudes, besonders das Treppenhaus, folgten den Ideen Hortas, doch besonders in dem eisernen Türgitter werden Guimards eigene Ideen in voller Schönheit sichtbar.

    1895 eröffnete Samuel Bing, ein Sammler japanischer Kunst, ein Geschäft in Paris, das er La Maison de l'Art Nouveau nannte. Henry van de Velde wurde zwar die Erfindung des Namens Art Nouveau zugeschrieben, doch erst durch die Bezeichnung von Bings neuem Geschäft, das wie ein Brennpunkt für viele Künstler wirkte, erhielt diese Bewegung in Frankreich ihren offiziellen Namen. Bing gab einem jungen unbekannten englischen Künstler, Frank Brangwyn, den Auftrag, die Wände des Ladens zu bemalen. Dem Beispiel Bings folgten bald viele andere Geschäfte, die in Paris eröffnet wurden.

    Nicht nur Franzosen, sondern auch der Tscheche Alfons Mucha wurde in Paris berühmt, besonders durch seine Plakate für die Schauspielerin Sarah Bernhardt. Er schuf aber auch Wandbilder, Buchausstattungen, arbeitete für Werbung und Zeitschriften und entwarf Schmuckstücke.

    Auf dem Gebiet der Schmuckkunst wurde in der Jugendstilperiode fraglos ein Höhepunkt erreicht, und vor allem die französischen Entwerfer wie Vever, Fouquet und vor allen René Lalique schufen die besten Werke. Gold, Obsidian, Perlen, Opale, Emaille, Diamanten, Rubine, Durchbrucharbeiten und Glasschnitte wurden zu unübersehbaren Varianten von Schmuck, Broschen, Haarspangen, Ohrringen, Kämmen und anderen kostbaren Objekten verarbeitet. Die Bernhardt trug diesen Schmuck, der sich dadurch rasch in der Gesellschaft durchsetzte und damit einen guten Boden für die weitere Entwicklung gewann. In der Gestaltung dominierten pflanzliche Formen, Pfauenmotive, kostbar schimmernde Insekten und merkwürdige Mischwesen von der Schlange bis zur Fledermaus; man zitierte weibliche Gesichtszüge, Brüste und Haare. Die Oberfläche dieser Gebilde schimmerte, irisierte und opalisierte und liess von diesen Geschmeiden einen verführerischen Glanz ausstrahlen.

    Niederlande

    Die Holländer, die auf den kunsthandwerklichen Jugendstil nicht sehr ansprachen, produzierten einige Keramiken, die J. Jurriaan Kok schuf, errichteten ein oder zwei Gebäude, schufen einige graphische Entwürfe, brachten jedoch zwei wichtige Maler hervor, Jan Toorop und Joahn Thorn Prikker. Sie waren von der Kunst der Präraffaeliten und der Kelten beeinflusst und idealisierten weibliche Gestalten in echter Jugendstilmanier. Toorops Frauengestalten sind ernst, als ob sie einer anderen Welt entstammten, und bewegten sich in quasi-religiösen Zusammenhängen. Unverkennbar ist der Einfluss französischer Symbolisten auf seine Malereien. Prikker, der stärker von der stilisierenden Plakattechnik ausging, besass ein feines Gefühl für Farben und widmete sich ebenfalls religiösen Motiven. Beide Künstler zeigen eine Vorliebe für literarische Themen.

    Norwegen

    Aus Norwegen stammt ein Künstler von höchster Bedeutung: Edvard Munch, der seine Studienjahre in Paris verbrachte und dann einige Jahre in Berlin blieb, wo er grossen Einfluss auf den deutschen Expressionismus ausübte. In seiner der Natur nahebleibenden Form spiegelt er die Einsamkeit des Menschen wider, und in der Form seiner Umrisse, fliessenden Linien, manchmal heftig, manchmai verschwimmend hat er sich eng der internationalen Jugendstilbewegung angeschlossen. In seinen Gemälden spiegeln sich seine Gefühle von Eifersucht und Melancholie, Angst und Vergänglichkeitsempfinden wider, und von ihm konnte man sagen, dass Sigmund Freud in seinen Werken eine bildhafte Entsprechung gefunden hat.

    Schottland

    Merkwürdigerweise wurde Schottland zum wichtigsten Exponenten der Bewegung, obwohl es geographisch weit von den europäischen Zentren entfernt lag. Hier entstand eines der interessantesten und wichtigsten Zentren der Bewegung. Von England wurden die Entwicklungen in Schottländ kaum bemerkt, während sie auf dem Kontinent um so stärker in die allgemeine Entwicklung eingriffen. Der bedeutendste Künstler war Charles Rennie Mackintosh, Architekt, Möbelentwerfer, Maler und Schmuckkünstler.

    Er lebte in Glasgow und gründete hier eine berühmte Schule: The Four; sie bestand aus ihm selbst, seiner Frau Margaret, Margaret Macdonald und ihrer Schwester Frances. Ihre Gruppe wurde vor allem von der Wiener Sezession geschätzt und 1897 zu einer Ausstellung eingeladen. Auch in Turin zeigte sich diese Gruppe 1901 in einer wichtigen Ausstellung. Im Gegensatz zu den floralen, überreich kurvigen Motiven, welche die meisten Jugenstilmuster beherrschten, zeigten die Werke von Mackintosh und seinen Freunden einen klaren ernsten Stil, mit langen geraden Linien, sorgfältig disponierten Flächen und vor allem kühlen Farben, wie Weiss, Mauve, Grün und Grau, oftmals durch schwarze Farbe akzentuiert.

    Ausser einigen Privathäusern entwarf Mackintosh drei Gebäude, die eng mit seinem Namen verknüpft sind. Alle befinden sich in Glasgow: Das Gebäude der Kunstschule, der Willow Tea Room und Miss Cranston's Tea Room. Nur das Gebäude der Kunstschule ist vollständig erhalten geblieben. Darin zeigt sich, dass Mackintosh in der Hauptsache dem lokalhistorischen Stil verpflichtet war, den die schottischen Barone bestimmt hatten und dem er delikate Eisenarbeiten und emporstrebende Fensterkonstruktionen hinzufügte. Im Innern bestimmt der Kontrast grosser Flächen und subtiler Details den Eindruck. Im Direktorzimmer gibt es unter anderem ein Beispiel von kubistischer Interpretation eines dorischen Kapitells.

    Sein Willow Tea Room war ein Meisterwerk - mit seinen hölzernen Türfüllungen, kombiniert mit vielfarbigem Glas und Metall. Für diese Räume entwarf er alles: Stühle, Tische, Teppiche, Beleuchtungskörper, ebenso schuf er die Wandgestaltung.

    Österreich

    In Wien beteiligte er sich an der 8. Sezessionsausstellung und erregte dort grosse Bewunderung. Österreich und Deutschland schlossen sich dem neuen Stil etwas später an. Hier war es die Wochenzeitschrift Jugend, die dem neuen Stil ihren Namen gab. Van de Vélde unterrichtete den rh-:en Stil in Krefeld 1895, stellte seine eigenen Arbeiten 1897 in Dresden aus, und als er 1899 nach Berlin übersiedelte, wurde er zum anerkannten Führer der Sezessionisten.

    In Deutschland vertrat u. a. Hermann Obrist die neue Richtung des Jugendstils. Er entwarf einen völlig neuartigen Wandteppich und schuf Keramiken und Skulpturen, deren Hauptmotive aus Spiralen und Wirbeln, aus Stein und Keramikmaterial bestanden. Tiffany und Gallé beeinflussten die deutsche Glaskunst, und Johann Lötz aus Österreich, dessen Werkstätte später von seiner Witwe weitergeführt wurde, schuf Meisterwerke mit irisierenden subtilen Farben, die den Werken der genannten Vorbilder sehr nahe kamen.

    Die deutschen und österreichischen Jugendstilkünstler hatten einen Hang zur Gewichtigkeit. Sie nahmen Britisches, Französisches und Belgisches in ihre Werke auf, jedoch ohne deren Delikatesse. Der Münchner Architekt August Endell schuf jedoch Fassaden und Innenräume mit wirbelnden und kurvenden Formen von grosser Leichtigkeit. Zu den Möbelentwerfern, die den deutschen, schwerfälligen Stil mit Erfolg vertraten, gehörte Richard Riemerschmid, dessen Schöpfungen eine strenge Einfachheit zeigen und die noch während längerer Zeit in unserem Jahrhundert hergestellt wurden.

    Andere Architekten, die von Mackintosh beeinflusst waren, sind der Deutsche Peter Behrens, die Österreicher Joseph Hoffmann und Otto Wagner, die zu den erfolgreichsten Architekten des beginnenden Jahrhunderts gehören: Wagners Postsparkasse in Wien wurde zwischen 1904 und 1906 errichtet. Diese Architekten, die ebensogute Künstler waren, wurden von einem bedeutenden Mäzen unterstützt, dem Fürsten von Darmstadt, der 1901 mehrere Künstler in die Residenzstadt einlud, wo sie eine Künstlerkolonie gründeten. Olbrich entwarf mit Peter Behrens die meisten der für diese Kolonie errichteten Häuser mitsamt ihrer Inneneinrichtung. Bemerkenswert ist vor allem die Bibliothek in Behrens' eigenem Haus, mit ihrer einfachen Linienführung und reinen Holzfarbe, der Einheit, die das Ganze beherrschte und sich an Mackintosh anlehnte. Peter Behrens ist auch deshalb bedeutend, weil er nicht nur in seiner Zeit wirkte, sondern auch die Architekten der Zukunft inspirierte, wie Walter Gropius und Le Corbusier.

    Der Österreicher Joseph Hoffmann, der das Palais Stoclet in Brüssel von 1905-1911 baute, dessen Speisezimmer von Gustav Klimt meisterhaft dekoriert wurde, schuf auch Innenräume für Häuser und Ausstellungen mit schablonierten Tapeten, Kabinetten und Sitzmöbeln, die man mit solchen von Mackintosh fast verwechseln könnte.

    Gustav Klimt wurde bereits erwähnt: Er war Gründungsmitglied der Wiener Sezession und einer der bedeutendsten Maler der Bewegung. In Bildnissen und Wandbildern stellte er vor allem Frauen dar; während jedoch die meisten Frauenfiguren des Jugendstils nahezu geschlechtslos erschienen, malte Klimt sie mit einer überschäumenden sinnlichen Vitalität. Gleichzeitig aber waren seine Bilder im strengsten Sinne dekorativ, flächig und fast kubistisch. Überhaupt kann man das Werk der österreichischen Jugendstilkünstler vor allem an ihrer streng kubistischen Tendenz erkennen, die Mackintosh viel verdankt, dagegen wenig Einfluss von Frankreich aufnimmt. Das einflussreichste und erfolgreichste österreichische Kunstmagazin, Ver Sacrum, zeigt diese Tendenz deutlich, vor allem die Beziehung zu einem variantenreichen Kubismus.

    Tiffany

    Allen ist der Name Tiffany bekannt - man kennt seine Lampen, die wie Pilze aus Glasmalerei wirken und die Jugendstilvorstellung prägten. Sein Vater war Juwelier in New York und besass eine Tochterfirma in der Regent Street in London, wo sich der junge Tiffany öfters aufhielt und dabei mit den Werken von Ruskin und Morris in Berührung kam.

    Wieder nach New York zurückgekehrt, entwarf er die Dekorationen vieler Häuser für die neureichen Amerikaner, doch erst gegen Ende der 90er Jahre begann er seine Glasarbeiten zu entwickeln, durch die er berühmt wurde. 1880 liess er sein Favrile-Glas patentieren, eine irisierende Materie, bei deren Herstellung auf das heisse Glas metallische Dämpfe und Oxyde aufgeschmolzen wurden. Damit wurde er rasch berühmt und häufig nachgeahmt, doch niemals glückte den Nachahmern die Vollendung und der einzigartige Reiz dieser Erzeugnisse. Tiffany produzierte eine grosse Auswahl delikater exotischer und phantasievoller Vasen sowie Gläser und Lampen. 1892 stellte er ein Glasfenster in Europa aus, das auf dem Kontinent ungeheuren Einfluss ausübte und ihm die Einladung von Samuel Bing einbrachte, dessen Förderung einen Künstler in Europa rasch bekannt machte. Ungeachtet vieler Nachahmer in Amerika blieb Tiffany der einzige, wirklich originelle Jugendstilkünstler, den die Vereinigten Staaten hervorgebracht hatten.

    Für die Architektur aber wurde Louis Sullivan der führende Mann, der die amerikanische Baukunst dieser Epoche prägte. In Anlehnung an Mackintosh arbeitete er mit Licht, einfachen Linienführungen und sparsamen Kurven. Die Motive seiner Dekorationen entnahm er keltischen und byzantinischen Vorbildern. Die Bradly Residence, 1909 vollendet, zeigt japanische Einflüsse: Flächige Partien, einfache gestreckte Formen und klare Raumdispostionen. An diesen Stil knüpfte später der bedeutendste amerikanische Architekt, Frank Lloyd Wright, an.

    Spanien

    Auch Spanien, an der Peripherie der Entwicklung, brachte dabei jedoch seinen eigenen Beitrag zum Jugendstil hervor und beherbergte einen genialen und schöpferischen Menschen: Antoni Gaudi. Die kurvenreichen Formen seines Park Guell und der Casa Milâ wirkten wie die Wogen eines Meeres, die in ihrer Bewegung erstarrt sind, und aus diesem Wogenmotiv schuf er seine wahrhaft revolutionierende Bauweise. Wie alles, so geriet auch das Schmiedeeisen in exotischen Formen über den reinen Materialcharakter hinaus.

    Gaudis ausserordentliche Imaginationskraft und seine strenge Religiosität befähigten ihn, sein Meisterwerk in Angriff zu nehmen, die unvollendete Kathedrale der Heiligen Familie in Barcelona. Er wandte jeden architektonischen Trick an, jede Möglichkeit vorgetäuschter Bewegung, um das Auge zu verwirren und zu erregen. Von seiner Leidenschaft besessen und aufgezehrt, beendete er sein Leben fast wie ein Mönch, und es ist zu bedauern, dass er sein Lebenswerk unvollendet lassen musste.

    Ein einziger Architekt kann mit ihm verglichen werden und kommt ihm in seinem Werk nahe: Der Amerikaner Simon Rodia, auch er ein Exzentriker, der 1920 einen Dom der Freude errichtete, aus einer Anzahl von Türmen über dem Gerüst aufsteigenden Stahls, phantastisch, ähnlich den Werken Gaudis. Rodia verarbeitete auch Gaudis Erfindung, der in Mauern eingebetteten, zerbrochenen Ziegel und Keramiken mit der Wirkung eines lebhaften, den Blick irritierenden Mosaiks.

    Geoffrey Waren
    Welt in Farbe - Jugendstil
    Emil Vollmer Verlag Wiesbaden




    Jugendstil

    Mit dem Begriff Art Nouveau lässt sich ein Dutzend von Stilen der westlichen angewandten und bildenden Kunst klassifizieren, von denen ein jeder offenbar originell und selbständig, zugleich aber Teil einer Bewegung ist, die mit dem Ziel verbunden war, zu schockieren, zu revoltieren und vor allem zu verändern. Die wachsende Homogenität der westlichen Zivilisation wird durch die Schnelligkeit bezeugt, mit der Art Nouveau sich entwickelte, denn die Bewegung währte kaum 30 Jahre von ihren Anfängen um das Jahr 1885 bis zum Ersten Weltkrieg - und hatte den Höhepunkt ihrer schöpferischen Kraft bereits nach der Hälfte dieser Zeitspanne überschritten.

    Der neue Stil trat überall in Europa unter einer Vielzahl unterschiedlicher Namen in Erscheinung. So war er in Frankreich als «Style Moderne» oder (aufgrund der nudelartigen Haarflechten, die die Mädchen auf den meisten Art Nouveau-Plakaten schmückten) als «Style Nouille» bekannt. In Deutschland hiess er «Jugendstil», in Österreich «Secessionsstil» und in Spanien «Modernista». Der Begriff Art Nouveau selbst wurde erst 1895 geprägt, als Samuel Bing seinen Laden «La Maison de l'Art Nouveau» in Paris eröffnete.

    Die Anfänge des Jugendstil - wenn man überhaupt davon sprechen kann, dass solche Dinge an irgendeinem bestimmten Ort beginnen - lagen in England. England war der natürliche Nährboden für eine derartige künstlerische Revolte, denn in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts reagierten William Morris und seine «Arts and Crafts»-Bewegung, die Präraffaeliten und die «Aesthetic Movement» bei all ihren Schwächen nicht nur auf den kitschigen Neoklassizismus und akademischen Traditionalismus, sondern versuchten zugleich auch, die Kunst auf das Maschinenzeitalter einzustimmen. So wurde die an eine Peitschenschnur erinnernde langgezogene Schlangenlinie - ein Vermächtnis William Blakes - zum Kennzeichen des Jugendstil.

    Die Ausformung und das Fortleben des neuen Stils, der trotz der verstohlenen und dandyhaften Dekadenz seiner Schmuckelemente ebensosehr in einem Gegensatz zur «Arts and Crafts»-Bewegung und zu den Präraffaeliten stand wie diese ihrerseits zu den Bewegungen, die ihnen vorausgegangen waren, ist vor allem das Verdienst zweier Männer: Arthur Heygate Mackmurdo und Aubrey Vincent Beardsley. Beide, Mackmurdo und Beardsley, begannen ihre ansonsten völlig verschiedenen künstlerischen Laufbahnen als Anhänger Morris' und der Präraffaeliten.

    Mackmurdo gründete später eine Werkstatt für Inneneinrichtung und brachte «The Hobby Horse» heraus. Diese Zeitschrift war das Publikationsorgan der «Century Guild», der ersten Gruppe, die sich gegen Morris auflehnte, als dessen anfangs revolutionäre Rückwendung zur Gotik in konservativem Historismus verflachte. Einer von Mackmurdos frühesten Entwürfen war für das Titelblatt von «Wrens City Churches» bestimmt. Zehn Jahre später sollte er zum Vorbild eines völlig neuen Stils werden, eines Stils, der zwar introvertierte und narzisstische Züge entwickelte, jedoch niemals ganz die wesentlichen Eigenschaften von Mackmurdos Entwurf verlor.

    In Beardsleys Leben scheint sich fast das Leben der gesamten Bewegung widerzuspiegeln. Der Künstler wurde nur 28 Jahre alt, und nur in den letzten sechs oder sieben Jahren war er zeichnerisch tätig, nachdem Burne-Jones ihn dazu ermuntert hatte. Es gelang Beardsley, einen völlig neuen Stil zu kreieren, in dem das Dekorative der durch plane Flächen schneidenden Linie die dreidimensionale Darstellung der Realität ersetzte - ein Akzent, der für die Entwicklung des Jugendstil fundamental war und durch so verschiedenartige Künstler wie Bradley und Klimt übernommen wurde.

    Die Wirkung, die die nach Europa eingeführte japanische Kunst auf den Jugendstil ausübte, bringt es mit sich, dass die Bewegung mehr als nur Teil einer in ständiger Veränderung und Entwicklung begriffenen Kunstszene ist. Mitte der 50er Jahre des 18. Jahrhunderts setzte der Handelsverkehr mit Japan ein, und im Austausch für europäische Investitionen im Fernen Osten strömten japanische Drucke, Holzschnitte und künstlerische Objekte aller Art nach Paris und London. Die Bedeutung der japanischen Kunst bestand darin, dass sie als eine gänzlich fremde graphische Tradition den Künstlern einen neuen Ansatzpunkt für die Entwicklung eines Stils gab, der nicht länger mehr allein auf dem künstlerischen Vermächtnis Europas basierte. Die flachen, nervösen Gesichter auf den Plakaten von Toulouse-Lautrec, die nicht-perspektivischen Mosaiken Beardsleys und die lineare Entwicklung der Draperie bei den Frauengestalten Muchas legen sämtlich Zeugnis ab für diesen neuen künstlerischen Katalysator.

    Die ausserordentliche Vitalität des Art Nouveau in seiner Zeit erweist sich in der Unmittelbarkeit, mit der er aus seinen britischen und japanischen Ursprüngen heraus zum nationalen Stil so vieler verschiedener Länder heranwuchs.

    Die Besonderheit des französischen Art Nouveau bestand dabei darin, dass der Stil nur in diesem Land hauptsächlich in angewandter Form vorkam. U-Bahn-Stationen, Möbel und vor allem Bibelots, Schmuck und Glas wurden von den neuen, sich krümmenden und windenden plastischen Pflanzenformen erobert; die Arbeiten von Gallé und Guimard wurden weltberühmt, und auch die Leere der neu angelegten Avenuen und Boulevards von Paris wurde durch eine Fülle von vielfarbigen Plakaten belebt.

    Die einzige offensichtliche Verbindung zwischen dem Secessionsstil in Wien und dem westlichen Art Nouveau bestand in der Aura ungestümer Revolte, die beide umgab und die in Wien sogar noch stärker als in England war, weil die österreichische Revolte nicht unter der mässigenden Wirkung der Präraffaeliten und der «Arts and Crafts»-Bewegung stand. Über dem Eingang des Wiener Secessions-Gebäudes von 1898 sind die Worte eingemeisselt: «Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit». Dies war das Motto einer Revolution in einer Stadt, in der nahezu jedes einzelne öffentliche Gebäude auf denkbar oberflächlichste Art und Weise die Renaissance nachahmte.

    Auch im Deutschen Reich war eine Reaktion auf den Mangel an künstlerischer Sensibilität nicht nur des preussischen Adels, sondern auch der neuen Mittelschicht entstanden. Der Jugendstil setzte in München mit den Wandbehängen Hermann Obrists ein und nahm bald eine Form an, die dem floralen englischen Jugendstil nicht unähnlich war. Sein führender Künstler war Otto Eckmann, nach dessen Tod ein neuer und abstrakter, nahezu architektonischer Stil aufkam.

    Die Wirkung des österreichisch-deutschen Jugendstil beruht zum Teil auf seiner Ernsthaftigkeit: Denn während die Franzosen Hunderte von fröhlichen und bunten Plakaten und Tausende von kunsthandwerklichen Objekten und Bibelots herstellten, waren insbesondere die Secessionisten entschlossen, planmässig eine komplette revolutionäre Lebensart zu entwickeln, in der buchstäblich jedes Objekt, mit dem der Mensch in seinem Alltagsleben in Berührung kommt - und sei es auch die Toilettenbrille einer U-Bahn-Station - nach den Idealvorstellungen der Secession entworfen wurde. In keinem anderen Teil der Welt reichten die Apostel der neuen Kunst an die Rigorosität und Aggressivität eines Schiele oder die hohen Prinzipien der Secession heran. Der revolutionäre Akzent des Art Nouveau, der in England einen Anflug von Dekadenz hat und in Frankreich spielerische Züge aufweist, wird in Österreich am deutlichsten spürbar.

    Grundsätzlich ist es richtig, dass der Jugendstil - wie so viele seiner Künstler - durch den Ersten Weltkrieg sein Ende fand, insofern nämlich, als der Stil ihn mit Sicherheit nicht überlebte, doch waren der Krieg und Jugendstil Produkte eben derselben sozialen Kräfte. Seit der Niederlage Napoleons veränderte wachsende Industrialisierung die Grundlagen der europäischen Gesellschaft; die Ausbreitung von Nationalgefühl, Sozialismus und Kommunismus stellte die anerkannten Strukturen der politischen Macht in Frage. Doch einmal abgesehen von gelegentlichen Erschütterungen und Erhebungen, wie es die Ereignisse von 1848 waren, blieben die äusseren Formen von Recht, Staatsapparat und Regierung in Europa im Grunde die gleichen - erstarrt in der konservativen Reaktion, die auf Waterloo folgte. So wie der Erste Weltkrieg das letzte und tödliche Symptom dieses Zwiespalts war - ein Blutsturz, der Europa endlich von den alten Reichen befreite -, so war der Jugendstil ein früheres intellektuelles Symptom.

    Aber das, was Art Nouveau von allen anderen künstlerischen Bewegungen abhob, war seine Verbindung von Altem und Neuem. Art Nouveau kombinierte die unverdorbene Stärke der neuen Kräfte mit dem erfahrungsgesättigten, aber absterbenden Geschmack des Alten. Es war dies die einzige gewaltlose Auflösung der Spannung, die die europäische Gesellschaft zuliess. Bis zu einem gewissen Grad wurde dies erkannt. Muchas Plakate galten vielen als Teil eines Komplotts mit dem Ziel, die Jugend zu verderben. Der österreichische Kaiser Franz Joseph war über die secessionistische Architektur so empört, dass er seinen Kutschern untersagte, jemals an den von Adolf Loos geschaffenen Gebäuden vorbeizufahren. Die öffentliche Entrüstung zur Zeit des Wilde-Prozesses hatte solche Ausmasse erreicht, dass die Büros von «The Yellow Book» mit Steinen beworfen wurden und ein Rezensent im Hinblick auf die Zeichnungen Beardsleys öffentlich die Ansicht vertrat, dass «solche Sachen» vom Parlament gesetzlich verboten werden sollten. Obwohl also der Jugendstil eine untadelige künstlerische Ahnenreihe besass, muss er als das gesehen werden, was er war - als das letzte Lebenszeichen in einer sterbenden Gesellschaft.

    Thomas Walters (Hrsg.)
    Jugendstill Graphik (Einleitung)



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