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Ein beeindruckendes Zeugnis ungebrochenen Traditionsbewusstseins und intensiven Lebensgefühls im heutigen Marokko ist das sieben Tage währende Schauspiel einer marokkanischen Hochzeit - eine faszinierende Mischung aus fremdländischer Musik, wirbelnden Tänzen und farbenprächtigen Trachten, umweht von den herrlichen Aromen der marokkanischen Speisen und Gewürze sowie dem Duft brennender Räucherstäbchen.

Eine Heirat wird in Marokko, besonders in ländlichen Gegenden, häufig von den Eltern des jungen Paares arrangiert. Doch Azziz hatte sich - ganz europäisch - in das Mädchen von nebenan verliebt. Die beiden jungen Leute waren niemals zusammen ausgegangen, ja, sie hatten noch nicht einmal ein einziges Wort gewechselt, doch für Azziz »haben ihre Augen deutlich genug gesprochen«. Beide wussten, dass sie sich lieben, und so wurde die Hochzeit angemessen in die Wege geleitet. Die Väter trafen sich, man einigte sich schliesslich über den Brautpreis, und der Zeitpunkt für die Hochzeit wurde festgelegt. Es sollte eine Hochzeit im traditionellen marokkanischen Stil werden, zu der sich die Vorbereitungen über sieben Tage erstreckten. Unzählige kleine Kuchen und Honignaschereien, grosse Mengen B'stillasund M'hannchas mussten zubereitet werden. In den Küchen schmorten zahllose Hühnchen für ebenso viele Tajines mit eingelegten Zitronen und Oliven; Lammviertel wurden mit cremig gelbem Couscous, Rosinen und Nüssen gefüllt. Hunderte von Mandeln verwandelten sich in eisgekühlte Mandelmilch. Seltene Gewürze wurden in Mörsern zermahlen, und süsses Gebäck mit Honig und Nüssen wurde zu den phantastischsten Formen geschlungen.

Die wichtigste Vorbereitung aber galt der Braut, ihrer siebentägigen rituellen Läuterung. In einer Reihe von Zeremonien wurde sie auf den Stand der verheirateten Frau eingestimmt. Sieben Nächte hintereinander wurde sie von ihren Schwestern und befreundeten Frauen zu rituellen Bädern in den Hamam geleitet. Und jeden Morgen kehrte sie in einer kleinen Prozession nach Hause zurück, begleitet von Gesang und den mitreissenden Rhythmen der Trommeln und Tamburine, deren Klang durch die Strassen schwebte, um der Welt von ihrem Glück zu erzählen. Am siebten Tag war die Zeit für das >Ritual der Zuckerhüte< gekommen: ein Tag, an dem der Friseur, der Schminkkünstler und der Henna-Meister zusammen mit den Frauen der Familie und engen Freundinnen die Regie im Hause übernahmen, um die Braut für die Hochzeit herzurichten.

Es beginnt mit der Henna-Zeremonie: Die Braut, traditionsgemäss in Grün und Weiss gekleidet, sitzt mit den Frauen in einem Zimmer. Zu ihren Füssen steht ein grosses Messingtablett mit den vorgeschriebenen Schalen voll Henna, getrockneter Rosenknospen und Nelken sowie den Zuckerhüten (Symbole der Reinheit), Eiern (Symbole der Fruchtbarkeit) und den drei Tellerchen mit Dufthölzern oder Gewürzen, die verbrannt werden und einen intensiven Geruch verbreiten, der die bösen Geister von der Braut fernhalten soll. Während der Neqqacha (der Henna-Meister) in stundenlanger Arbeit Hände und Füsse der Braut mit einem kunstvollen Spitzenmuster aus Henna bemalt, nippen die Frauen am Tee, essen Kuchen, lachen, schwatzen, singen und tanzen sie zu den Klängen der Tamburine und dem metallischen Rhythmus eines aus einer grossen Schere improvisierten Instruments, mit dem eine der Frauen zu der ausgelassenen, fast heidnisch anmutenden Atmosphäre des Fests beiträgt.

Dann ist die Reihe am Friseur, der die nassen Haare der Braut mit Henna bestreicht, die schlammige grüne Paste in der Sonne einziehen lässt und nach geraumer Zeit wieder auswäscht. Das Haar wird mit getrockneten, zerriebenen Rosenknospen und Nelken parfümiert und von Zweigen wilden Majorans, die in Rosenwasser getaucht werden, durchzogen, bevor es kunstvoll eingerollt und mit bunten Kämmen und leuchtenden Bändern befestigt wird.

Nun beginnt der Schminkkünstler, das Gesicht und die Wangen der Braut mit allerlei Cremes und gefärbten Pomaden einzureiben, mit Kohl betont er ihre Augen, mit roter Salbe färbt er ihre Lippen und dann schmückt er noch ihre Wangen mit winzigen Silberplättchen und Bergkristallsplittern, die er in geometrischen Mustern anbringt. Das junge Mädchen hat sich jetzt vollkommen gewandelt und leuchtet als Braut in geheimnisvollem orientalischen Glanz.

Inzwischen wird das Schaf - ein Geschenk der Familie des Bräutigams - herbeigebracht, um in Gegenwart der engsten Mitglieder beider Familien geopfert zu werden. Die Mutter der Braut reicht auf einem Messingtablett Datteln und Milch, die Symbole der Gastfreundschaft. Sie trägt ein rotgoldenes Tuch über der Schulter. Mit diesem Tuch wird das Schaf bedeckt, und der Imam schneidet mit geübter Hand dem Tier die Kehle durch. Begleitet wird diese Handlung von den Klängen der Trommeln und Tamburine und dem schrillen Geheul der Frauen, die so ihre Erregung und ihr Glück zum Ausdruck bringen. Als abschliessende Geste wird Salz über die Stelle gestreut, wo das Opfer stattgefunden hat, um den Bösen Blick abzuwehren.

Seit dem frühen Morgen brennt schon das Feuer, so kann das Schaf - jetzt gehäutet und bratfertig mit Öl, Kräutern und Gewürzen eingerieben - auf den Spiess gesteckt und langsam über der Glut geröstet werden, damit es rechtzeitig zur Hochzeitsfeier fertig ist. Jedes Familienmitglied und jeder Gast wird dann ein Stück davon nehmen, um so dem neuvermählten Paar Glück und Segen zu wünschen.

Mittlerweile ist es später Nachmittag. Zeit, dass der Bräutigam von seinen Brüdern und Freunden in den Hamam begleitet wird, um sich für die Hochzeitsnacht vorzubereiten. Die Braut feiert unterdessen mit ihren Freundinnen und den Frauen der Familie ein letztes Fest in ihrem Elternhaus.

Und dann ist die Nacht da. Der Bräutigam, umringt von den männlichen Mitgliedern der Familie und seinen Freunden, kehrt aus der Mosque zurück. Die Frauen, ausgestattet mit Kerzen, Laternen und Musikinstrumenten, gehen ihm in den belebten Strassen der Medina entgegen. Die Braut, die jetzt im vollen Ornat mit hennagefärbten Händen und Füssen, kunstvoll frisiertem und parfümiertem Haar und in aufsehenerregende goldene Gewänder gehüllt einherschreitet - ihre Füsse stecken in zierlichen neuen Pantoffeln, einem Geschenk des Bräutigams -, wird auf jeder Seite von einer Neggafate (einer Hochzeiterin, die engagiert wurde, um als Brautführerin zu dienen) gestützt und feierlich in den Raum geführt, wo die Festlichkeiten stattfinden sollen.

Der Bräutigam, von einem weissen Burnus mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze völlig verhüllt, klopft an die Tür des Hauses und bittet um die Erlaubnis, eintreten zu dürfen. Er wird von dem Gnoua-Orchester empfangen und im Triumphzug zu seiner prächtig geschmückten Braut geleitet, die er vor den Augen der Gäste zum erstenmal küsst, und zwar nur ganz leicht auf die Stirn. Er bietet ihr eine Dattel und einen Schluck Milch zu trinken an. Sie erwidert diese Geste, und dann sitzen sie glücklich da, während die Musikanten zu spielen anfangen und die Feierlichkeiten beginnen. Gläser mit dampfend heissem Minztee und kleine Kuchen Ghoriba mit Mandeln und Smen, honigtriefende Briouats und Kaab el Ghzal - werden an die vielen Gäste herumgereicht, die auf diesen Augenblick gewartet haben. Die Musik schwillt an; ein Orchester wechselt sich mit dem anderen ab, während die grossen Schalen mit Zuckerwerk weitergereicht werden und Bewegung in die Gäste kommt, sie singen, sie tanzen oder sie bewundern das glückliche Paar, das im Mittelpunkt des Festes thront.

Dann wird die Braut von ihren Begleiterinnen weggeführt, um sich umzukleiden. Insgesamt wird sie in dieser Nacht siebenmal die Gewänder wechseln, was jeweils wieder anderen Schmuck und andere Schleier erfordert, und jedesmal handelt es sich um die Tracht aus einer anderen Gegend oder anderen Provinz Marokkos. Alle Gewänder, komplett mit Schmuck, Tüchern und Schleiern, stammen ebenso wie die beiden Neggafates von einem Verleiher.

Gegen Mitternacht ist das Festmahl fertig, und die Gäste verteilen sich auf verschiedene Räume um den Innenhof, wo sie auf niedrigen Diwans um niedrige runde Tische herum Platz nehmen. Dann wird eine mit Taubenfleisch gefüllte B'stilla serviert, gefolgt von duftenden, mit Couscous, Rosinen und Mandeln gefüllten Lammvierteln sowie Huhn M'hammar. Als Dessert gibt es eine grosse süsse M'hanncha für jeden Tisch, bestäubt mit Puderzucker und Zimt, und begleitet von weiterem Zuckerwerk.

Jetzt ist es fast Morgen. Braut und Bräutigam werden in einem letzten Ausbruch von Begeisterung und Energie hochgehoben und zum Klang von Fanfarenmusik, schrillem Geheul und Gesang von den Gästen auf den Schultern herumgetragen, bevor sie sich schliesslich für die wenigen noch verbleibenden Stunden der Nacht in ihre privaten Gefilde zurückziehen können.

Robert Carrier
Die Kultur der marokkanischen Küche
DuMont, 1988
ISBN 3-7701-2263-1




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