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Ramadan ist der arabische Fastenmonat. Während dieser Zeit verzichten gläubige Moslems zwischen Sonnenauf- und Sonnenuntergang auf Essen und Trinken, auf Tabak und sogar auf Arzneimittel.

Der Ramadan beginnt offiziell mit einer Salve von sieben Kanonenschüssen, die beim ersten Auftauchen des zartesten Silberstreifen nach Neumond abgefeuert werden. Und mit dem ersten Lichtstrahl der folgenden Morgendämmerung beginnt das Tagesfasten, das erst wieder bei Sonnenuntergang gebrochen werden darf. 30 Tage lang leben die Marokkaner nach einem neuen Rhythmus: träge und schläfrig am ,Tage, emsig und aktiv bei Nacht. Ramadan bedeutet nicht totales Fasten, sondern nur die strikte Disziplin während der Tagesstunden. Und in der Nacht wird gefeiert.

Eine Woche vor Beginn des Ramadan macht sich in den Strassen von Marrakesch Unruhe bemerkbar. Besorgungen müssen erledigt, Einkäufe getätigt werden; getrocknete Hülsenfrüchte für die Harira werden erstanden sowie Vorräte an Honig, Datteln und Mandeln, um die köstlichen Gerichte aus in Honig getauchtem süssem Gebäck zubereiten zu können, die für diese Feierlichkeiten so wichtig sind.

Der islamische Kalender ist zehn Tage kürzer als der gregorianische, so dass der Ramadan - ebenso wie die anderen religiösen Festtage - nach und nach durch alle Jahreszeiten wandert. Wenn der heilige Monat des Ramadan mitten in den afrikanischen Hochsommer fällt, verlassen die Menschen in ländlichen Gegenden ihre Häuser kaum jemals vor dem Abend, denn die Hitze und das ausgedehnte, ausdörrende Fasten macht sie reizbar und übellaunig.

Das Fasten des Tages endet mit dem Sonnenuntergang, und Gebetsstimmen dringen gleichzeitig vom Minarett und aus dem Radio. Mit einemmal sind die Strassen der Städte wie leergefegt; die Moslems sitzen alle zu Hause und warten auf den Moment, wo sie wieder etwas zu sich nehmen dürfen - ein Glas Limonade, eine Tasse Café au lait zunächst und dann vielleicht eine Schale voll dampfend heisser Harira, die traditionelle >Fastenunterbrechungssuppe< des Ramadan.

Harira

Harira - eine ausgewogene Mischung aus Lammbrühe, Lammfleisch, Linsen, Kichererbsen, gehackten Tomaten, Zwiebeln, Knoblauch, frischen Kräutern und Gewürzen, in der letzten Minute angedickt mit Hefe oder Mehl und verquirlten Eiern - ist die traditionelle Fastenunterbrechungssuppe des Ramadan: wärmend, stärkend und nicht teuer. Inzwischen wird sie immer häufiger auch ausserhalb des Fastenmonats serviert, als erster Gang einer Abendmahlzeit oder als Abendessen überhaupt, nach Belieben mit etwas frischem Zitronensaft aromatisiert.

Während des Ramadan wird diese wunderbare, stärkende Suppe in der Minute, in der der Muezzin ruft und die Familie nach Hause eilt, zur ersten Mahlzeit des Tages. Wenn sie gekocht wird, ist das ganze Haus von ihrem Duft erfüllt, und die Familie setzt sich glücklich an die Schüsseln mit der heissen Suppe. Dazu gibt es eine Auswahl süsser und herzhafter Leckerbissen: frische Datteln, getrocknete Feigen, hartgekochte Eier, süsse Kuchen und kleine Pasteten, gefüllt mit Mandeln, Lamm oder Huhn. Traditionell wird Harira aus einer grossen, bauchigen Terrine in kleine Tonnäpfe ausgeschenkt und von geschnitzten Suppenlöffeln aus Zitronenholz gegessen.

An heissen Sommertagen wird in Fes eine spezielle Diät-Version der Harira serviert, gewürzt mit Kümmel, Mastix und Ambrosiakraut, als ein leichtes Sommeressen zur Reinigung von Magen und Leber. In Meknes habe ich Harira in einer Variante mit Brunnenkresse und den gehackten Blättern von zitronenduftendem Portulak gekostet.

Doch zum ersten Mal muss man Harira in einem der kleinen Strassenrestaurants - es sind eher offene Buden - rund um den Marktplatz von Marrakesch probieren oder in der Grande Rue de Fes ei Jadin oder am Place Boujeloud in Fes. Es wird ein Erlebnis sein.

In einer Sammlung maurischer Rezepte findet sich ein Rezept für Kufta, eine aromatische, äusserst würzige Version von Harira mit Hammelfleischstücken »in Dattelgrösse« und Safran, Pfeffer, Ingwer, Smen, feingehackter Zwiebel sowie drei Stückchen Zimtrinde. Ganz zum Schluss werden feingehackte Petersilie, Kerbel und 4 Esslöffel rohe Kefta-Mischung eingerührt und für einige Minuten auf schwacher Hitze mitgekocht.

Robert Carrier
Die Kultur der marokkanischen Küche
DuMont, 1988
ISBN 3-7701-2263-1




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