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Marokko Essen und Trinken in Marokko Die Tee-Zeremonie français |
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Man sagt, Marokko sei ein Land, das sein Wesen nur jenen offenbart, die sich die Zeit nehmen, Wasser zu schöpfen und eine Kanne Tee aufzugiessen. Es ist immer genügend Zeit, sich hinzusetzen und mit einem Freund ein Glas Tee zu schlürfen; Zeit zu beobachten, wie die zarten Triebe frischer, grüner Minze in die dickbauchige Kanne gegeben werden, von den grossen Zuckerstücken sorgfältig etwas abgebrochen und vor dem kochenden Wasser zugefügt wird; Zeit, den Tee ziehen zu lassen; Zeit, die blassgrüne Flüssigkeit kunstvoll in dünnem Strahl in die kleinen, farbigen Gläser zu giessen; Zeit, das Glas etwas abkühlen zu lassen, damit man es in die Hand nehmen und den Inhalt geniessen kann.
Mit frischer Minze aromatisierter Tee wird untrennbar mit Marokko in Verbindung gebracht, dabei wurde Tee überhaupt erst 1854 hier eingeführt, und zwar während des Krimkrieges, als britische Händler gezwungen waren, sich neue Absatzmärkte für ihre Ware zu suchen. Sie lieferten grosse Mengen von Tee nach Tanger und Mogador, und die Marokkaner nahmen das neue Getränk mit Begeisterung auf. Sie übernahmen es, doch sie machten etwas Eigenes daraus - wie mit vielen aus dem Ausland importierten Dingen zuvor - indem sie die Triebe frischer Minze hinzufügten, die überall im Land gedeiht. Es war schon seit Jahrhunderten Sitte, daraus einen Kräutertee zu bereiten, angereichert mit Wermut, Eisenkraut und Majoran. (Wermut, in grossen Mengen schädlich wegen seiner Auswirkungen auf das Nervensystem, wird gelegentlich auch in getrocknetem Zustand in kleinen Mengen in Suppen oder Tajines verwendet.) Die Teezubereitung ist heute in Marokko fast ebenso zum Ritual geworden wie in China oder Japan, genau wie das Teetrinken eine Zeremonie ist, egal, ob das Getränk zum Abschluss einer Mahlzeit gereicht wird oder man es gemeinsam mit einem Freund in einem schlichten Strassencafé zu sich nimmt. Ohne ein Glas mit heissem Minztee ist éine geschäftliche Unterredung oder ein abgeschlossener Handel undenkbar. Selbst die Strassenarbeiter unterbrechen ihre Arbeit zur morgendlichen Pause mit heissem Minztee, Brot und ein paar Oliven. Aus einem zerknitterten Stück Zeitungspapier oder einem Fetzen Stoff in ihrer Tasche fördern sie eine wohlgehütete Prise Tee zutage, brechen ein Stück Zucker ab und geben ein paar Triebe frischer Minze in eine säuberlich gespülte Teekanne. Dann brühen sie sich ihren Tee über einem kleinen offenen Feuer zu ihren Füssen, das sie aus ein paar Zweigen entfacht haben, oder über einem einflammigen Kerosinöfchen, und giessen anschliessend die duftende Flüssigkeit in kleine Gläser. Manchmal habe ich von den verschiedenen Maurern, die an meinem Haus in der Medina arbeiteten, eine Kostprobe ihres Mittagsmahls erhalten: Zwiebelringe und Tomatenscheiben, etwas gehackte Petersilie und frische Korianderblätter, eine Prise Salz, Kreuzkümmel und Cayennepfeffer, das Ganze kurz in Öl gedünstet, bevor der Geschmack mit einigen Stückchen Lammfleisch angereichert wird und grobgeschnittene Kartoffeln dazukommen. Alle sitzen um den gemeinsamen Topf, brechen sich von dem knusprigen arabischen Brot kleine Stücke ab und tauchen sie ein: Bismillah. Eine einfache, aber wohlschmeckende Kost. Das gleiche gilt für den Tee - von blassgrüner Farbe, aromatisch und erfrischend -, der dazu getrunken wird. »Ein Geschenk Allahs«, sagen sie. Tee ist für die Marokkaner zum Allheilmittel geworden. Er entspannt und beruhigt oder regt an und vertreibt die Schläfrigkeit. Tee dient als Arznei oder als Placebo, man sagt ihm nach, dass er Tatendrang dämpft oder Unwohlsein lindert. Minztee, Nâa-naa, gehört zum Ritual marokkanischer Gastfreundschaft wie in Europa der Kaffee. Er wird in Büros serviert, in den bescheidensten Häusern, beim Friseur und oft auch in Läden. Am besten zur Geltung kommt er jedoch am Ende eines Mahles. Er muss sehr süss sein, und nach altem Brauch übernimmt es der Hausherr, den Zucker in Stücke zu brechen und ihn zum Tee in die Kanne zu geben. Nun fügt er eine Handvoll frische Gartenminze zu und füllt die Kanne mit kochendem Wasser. Er lässt den Tee einen Augenblick ziehen, zerkleinert die Minze ein wenig, begutachtet den Tee in einem Probeglas, , dessen Inhalt sofort wieder zurück in die Kanne geschüttet wird. Der Brauch verlangt nun vom Gast, dass er drei Gläser Tee trinkt, wenn er seinen Gastgeber nicht verletzen will. Tee mit frischer Minze Dies ist eine unkomplizierte Variante der Tee-Zeremonie, wie sie bei den Ölmühlen von Ouled-Aissa nahe Taroudannt demonstriert wurde. 2-3 Teelöffel grünen Tee in eine Kanne geben. Kochendes Wasser zugiessen und schnell wieder abschütten, um den Tee von Staub zu befreien. Zuckerklümpchen in die Kanne geben. Wieder mit kochendem Wasser füllen und die Kanne 1 Minute erhitzen, damit der Tee quillt. Minzeblätter waschen und zu dem Tee in die Kanne geben. Die Kanne erneut aufs Feuer stellen und einige Sekunden länger ziehen lassen. Ein Glas Tee eingiessen und zurück in die Kanne schütten. Diesen Vorgang wiederholen und dann den Tee in kleine Gläser giessen, dabei die Kanne hoch halten, damit der lange, dünne Strahl mit genügend Luft in Berührung kommt. Robert Carrier Die Kultur der marokkanischen Küche DuMont, 1988 ISBN 3-7701-2263-1 ![]() ![]() ![]() |
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