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Draa-Tal - Inventar schutzwürdiger Berberburgen
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Marokko dokumentiert seine historisch und architektonisch wertvollen Berbersiedlungen im Draa-Tal, dabei steht den Behörden das Berner Architekturbüro Hostettler zur Seite.

Wenn man die alten Lehmburgen und Wehrsiedlungen des Draa-Tals im Süden Marokkos auf den Fotos sieht, möchte man gleich hinfahren und sie sich vor Ort ansehen. Der blaue Himmel, die braunrote Erde, die mit Palmen bewachsene Oasenlandschaft, die herrliche Lehmarchitektur, die Ruhe, die die alten Siedlungen vermitteln: Sie sprechen das Herz unmittelbar an. Dem Berner Architekten Hans Hostettler mag es gleich ergangen sein, als er vor Jahren das erste Mal über Marrakesch nach Quarzazate hinunter an den Draa reiste, zu jenem Fluss, der die Besiedlung des Tals erst möglich macht und sich rund tausend Kilometer entfernt in den Atlantischen Ozean ergiesst.

Strukturen ändern sich

Dem ersten Besuch folgten weitere. Hans Hostettler war nicht nur von der Architektur der Bauten fasziniert. Er sah, dass die einmaligen, historisch bedeutungsvollen Siedlungen gefährdet sind, weil sich die sozialen Strukturen in der Gegend verändern und die Menschen neue Bedürfnisse haben. Die Folge davon ist, dass viele Häuser nicht mehr unterhalten und ausserhalb der alten Siedlungen durch neue, teilweise sind es Beton- und Backsteinbauten, ersetzt werden. Die alten Siedlungen hingegen werden dem Zerfall preisgegeben. Hans Hostettler sagt dazu: «Plötzlich eintretende Wolkenbrüche und Winde, die nicht nur im Herbst und Winter, sondern auch im Hochsommer eintreten können, fügen den Bauten grossen Schaden zu. Wie Blei fällt dann der Regen auf das ausgedörrte Land und kann sehr schnell die Lehmmauern in formlose Lehmhügel verwandeln. Und wenn dann die Lücken, die die Wassermassen in das kunstvolle Werk von Menschenhand gerissen haben, nicht schnell ausgebessert werden, ist die Kasbah (Bezeichnung für befestigte berberische Bauten) bald ein Erdhügel. Heute nimmt man sich leider nur noch selten die Zeit, besonders kunstvoll ausgeführte Bauwerke, wenn sie erst einmal ernstlich gelitten haben, in derselben Form wieder herzurichten.»

Einbruch der Moderne

Die Probleme, mit denen die Schweiz vorwiegend in den sechziger Jahren zu kämpfen hatte - nämlich die Abwanderung vom Land in die Stadt und der Einbruch der Moderne -, und die sie dank forcierter Unterstützung der ländlichen Regionen einigermassen gut meisterte, zeigen sich heute in Marokko mit mindestens ebenso grosser Intensität. In der Schweiz führte diese Entwicklung zu einem systematischen Aufbau eines Inventars der historischen Baudenkmäler (Isos). Am Isos arbeiten die Kantone seit Jahren: Es hat massgeblich dazu beigetragen, dass Teile der lokalen Bautraditionen erhalten und überliefert worden sind. Hans Hostettler ist sich dieser Tatsache bewusst: «Wir wissen heute, dass historische Kontinuität in unserem Lebensraum notwendig ist, um eine Umgebung zu erhalten und zu schaffen, die es dem Individuum erlaubt, sich mit ihr zu identifizieren und sich vor abrupten sozialen Veränderungen sicher zu fühlen.»

Ausstellung in Marokko

In den siebziger Jahren begann er sich mit dem Gedanken zu befassen, das Wissen, das in der Schweiz beim Aufbau von historischen Inventaren vorhanden ist, auch Marokko zur Verfügung zu stellen. Er nahm mit dem marokkanischen Kulturministerium Kontakt auf und schlug die Erstellung eines Inventars mit Hilfe von Luftbildern vor.

Der Besprechung folgte 1988 eine Ausstellung in den Städten Rabat, Fes und Marrakesch. Getragen wurde sie vom Icomos (International Committee of Monuments and Sites, eine Institution der Unesco) und vom marokkanischen Kulturministerium. Federführend war Hans Hostettler. Ziel war es darzulegen, wie ein systematisches Bauinventar mithilfe von Laufaufnahmen, Vermessungen, Zeichnungen und lokal erhobenen Daten angefertigt werden kann. In Rabat wurde weiter ein wissenschaftliches Kolloquium zum Thema durchgeführt. 1996 fuhr der Berner Architekt mit dem Fotogrammetrie-Spezialisten Professor Otto Kölbl von der Ecole Polytechnique Fédérale de Lausanne (EPFL) nach Marokko, um den Vorschlag mit den lokalen Spezialisten und dem dortigen Centre de Conservation et Rehabilitation du Patrimoine Architectural Atlas et Subatlasique (Cerkas) zu diskutieren.

Pilotprojekt bewilligt

Die Initiative hatte Erfolg und man begann, konkret über eine schweizerisch-marokkanische Zusammenarbeit beim Aufbau eines Bauinventars für das Draa-Tal nachzudenken. Hans Hostettler reichte ein entsprechendes Projekt bei der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza, Projektleitung Andi Bisaz) des Departements für auswärtige Angelegenheiten ein. Dieses sprach einen Kredit für ein Pilotprojekt in der Höhe von 90 000 Franken, Geld, das für die Arbeiten vor Ort eingesetzt wird, Hans Hostettler und Otto Kölbl leisteten ihren Beitrag bisher unentgeltlich.

Die marokkanischen Behörden ihrerseits erklärten sich bereit, topografische Karten sowie Luftaufnahmen im Massstab 1:20 000 und 1:60 000 des Draa-Tals zur Verfügung zu stellen. Das in Taourirt bei Quarzazate stationierte Cerkas seinerseits begann, aufgrund der Ortofotopläne, die an der EPF Lausanne erstellt wurden, die Details vor Ort zu erheben. Das heisst, dass sämtliche ausführenden Arbeiten durch lokale Spezialisten (Architekten, Soziologen, Ethnologen, Fotografen und Handwerker) erledigt werden. Die Gesamtleitung des Pilotprojekts wurde Hans Hostettler übertragen.

Heute sind die als Planungsgrundlage dienenden Ortofotopläne für rund einen Drittel des Draa-Tals vorhanden. Wer eine kleinmassstäbliche Karte im Massstab des Draa-Tals vor sich legt, wird sehen, dass damit rund 50 bis 60 Siedlungen erfasst sind, weitere 100 bis 150 sind noch zu bearbeiten.

Professor Kölbl, der für die fotogrammetrischen Arbeiten zuständig ist, gibt sich bei der Auskunft über das Verfahren zugeknöpft. Der Grund liegt darin, dass Marokko bei der Publikation und Interpretation von Karten sehr zurückhaltend ist. Immerhin, das Verfahren ist dermassen interessant, dass dazu einige Worte unumgänglich sind. Professor Kölbl sagt zur Konzeption des Inventars: «Es galt, für das Vallée du Draa ein möglichst effizientes System auszubauen, bei dem die modernen Mittel der Datenverarbeitung soweit als sinnvoll eingesetzt werden. Schliesslich wurde das CAD-System Mikrostation gewählt, welches dreidimensionale Konstruktionen erlaubt sowie die Verknüpfung zu einer relationalen Datenbank und über den Engineering-Link die Verbindung zu Bilddateien.»

Konkret werden die Luftbilder durch ein Stereoskop betrachtet, wodurch diese dreidimensionale Qualität erhalten. Diese dreidimensionalen Bilder werden digital erfasst, weiterbearbeitet und bis ins Detail vermessen. Dadurch lassen sich Analysen des baulichen Zustands der Siedlung, der Bewohnerschaft, der Erschliessung, der Infrastrukturanlagen, der Plätze und der einzelnen Gebäude (Wohnhaus, Schule, Koranschule, Hamam, Post, Moschee, Synagoge, Souk, Einkaufs- und Handwerksladen, Bazar) machen. Die wichtigsten Elemente der Siedlung würden in zehn Zeichenebenen planmässig erhoben, stellt Professor Kölbl fest.

Strukturanalysen

Die lokalen Spezialisten machen in der Folge die Strukturanalysen vor Ort und klassieren die Objekte unter den Stichworten «bon état» (werden weiter bearbeitet), «récupérable» (werden ebenfalls weiter bearbeitet) und «en ruine» (werden nicht weiter bearbeitet).

Die zur Weiterbearbeitung empfohlenen Objekte würden die Grundlagen für Revitalisierungs- und Sanierungsprojekte liefern und mithelfen, die Abwanderung in die Städte zu stoppen, erklärt Hans Hostettler. Um dieses Ziel zu erreichen, müssten Infrastruktur und Hygiene (Wasser, Abwasser, Elektrizität) sowie die Wohnsituation der Bewohnerschaft verbessert werden. Ebenso sei eine Stärkung der Landwirtschaft anzustreben. Das heisst, es geht den Fachleuten nicht nur darum, die Lehmarchitektur und die historischen Bauformen autoritär unter Schutz zu stellen. Ähnlich wie in dem im Lugnez gelegenen Vrin (das 1998 für seine Anstrengungen mit dem Schweizerischen Heimatschutz-Preis ausgezeichnet worden ist) soll versucht werden, die lokalen Strukturen so weit zu verstärken, dass die Bewohnerschaft ein Einkommen und Bleiben findet. Dabei wird der Wirtschaftsfaktor Tourismus auch im Draa-Tal künftig eine wichtige Rolle spielen und indirekt zur Erhaltung der Bauten beitragen.

Ein eigener Zauber

Es ist zu wünschen, dass eine bestmögliche Mischung zwischen touristischer Nutzung und lokaler Tradition möglich ist. Denn das Draa-Tal gehört zu jenen Regionen im trotz rasantem Bevölkerungswachstum immer noch landschaftlich herausragend schönen Marokko, die einen eigenen Zauber haben.

Die Bewohnerschaft besteht aus Berbern, Arabern und früher auch Juden, die in Sippen und Grossfamilien zusammenleben. Die Baukunst der Berber ist wie das Volk selbst alt und traditionsreich. Der Architekturhistoriker Titus Burckhardt schrieb dazu: «Wahrscheinlich hat sich hier, in diesen abgelegenen Buchten am Wüstenrande, eine sehr alte Bauart erhalten, die einst über weite Gebiete des Nahen Ostens und des nördlichen Afrika verbreitet war und deren letzte Ausläufer auch in Südarabien zu finden sind. Der maurische Einfluss hat den Stil dieser Baukunst nicht wesentlich verändert; er hat nur die archaischen, in die Lehmmauern vertieften Zierarte aus Rauten und Treppenlinien um ein paar Zeichen bereichert. So dürften diese kühnen Berberburgen noch gleich aussehen wie zu den Zeiten Sumers und Assurs oder wie im alten Kanaan. Und weder die grosse Landschaft, in deren roter Einöde die wenigen, am Flussufer gereihten Felder wie grüne oder gelbe Teppiche liegen, noch die strengen Gestalten der Berber in ihren einfachen Mänteln und dem wie ein Kranz geflochtenen Turban widersprechen diesem Bilde einer uralten, wie zeitlos verharrenden Welt.»

Erde und Lehm

Die Architektur Marokkos und des Draa-Tals wird durch die Materialien Erde und Lehm geprägt. Hohe Druckfestigkeit sowie die Fähigkeit, Wärme und Feuchtigkeit aufzunehmen und wieder abzugeben, zeichneten Lehm aus, erläutert Hans Hostettler. Hingegen seien die geringe Abriebfestigkeit und die Wasserlöslichkeit wesentliche Nachteile. Ein mehrstündiger oder gar Tage andauernder Regen könne wie eingangs geschildert gar katastrophale Folgen haben.

Was demnach aus ökologischer Sicht beneidenswert gut funktioniert, nämlich der praktisch vollständige, umweltunschädliche Rückbau, stellt für die Bauten als solche ein grosses Problem dar. Wenn heute die marokkanischen Behörden vermehrt versuchen, diese historischen Bauten zu pflegen, so tun sie dies nicht nur um der Erhaltung alter Kulturstätten willen. Die Auseinandersetzung mit den traditionellen Bauformen erlaubt die Entwicklung neuer identitätsstiftender Stilelemente. Diese braucht es, damit die Moderne nicht wie andernorts rücksichtslos Einzug hält. Wenn die Schweiz dazu einen Beitrag leistet, ist das nur erfreulich.

© Bund; 1999-08-21; Seite Z1; Nummer 194 - Der kleine Bund - Katharina Matter


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