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Im Gegensatz zu Natur bezeichnet Kultur die Komponenten des menschlichen Lebens, die nicht biologisch determiniert sind, sondern durch den Menschen als ein soziales Wesen geschaffen oder verändert werden. Als Resultat des globalen ökologischen Bewusstseins und der Entwicklung von modernen Bio-Technologien hat sich jedoch die Grenze zwischen Mensch und Natur immer mehr verwischt.

Kulturelle Identitäten verschwimmen

Kultur bezeichnet die Summe von Merkmalen, die eine Gruppe von einer anderen unterscheidet. Die globale Mobilität von Menschen, Gütern und Ideen macht jedoch kulturelle Grenzen immer durchlässiger. Kulturelle Identitäten werden verändert, hybridisiert durch die Verbindung mit Elementen aus anderen Kulturen und durch die Entwicklung zu einer transnationalen ,Weltkultur' überformt. Wie der Neologismus Glokalisierung (Robertson) zeigt, kommt auch die modische Bezugnahme auf lokale, autochthone oder partikularistische Traditionen ohne die Bezugnahme auf die Globalisierung nicht aus. Weiter bezeichnet der Begriff in der vertikalen normativen Klassifikation menschlicher Gruppen die angeblich überlegene, fortgeschrittene, gebildete Lebensweise. Das Gegensatzpaar ist dann gerne Kultur gegen Barbarei, Hochkultur gegen Volkskultur. Die heute festzustellende Vereinheitlichung von Konsumgewohnheiten und dergleichen macht den Unterschied zwischen ,hoch und niedrig’ nun immer weniger bedeutsam. Einerseits ist das deutlichste Kennzeichen der gegenwärtigen globalen Hegemonie die McDonaldisierung der Welt, andererseits finden wir natürlich auch eine Vereinheitlichung von Trends in den modernen Künsten, in der Literatur usw.

Der Stellenwert der bildenden Kunst in der modernen islamischen Kultur

Lassen Sie mich zunächst als Beispiel einen Bereich herausgreifen, der bisher wenig in die zahlreichen unterschiedlichen innerislamischen und islamisch-westlichen Diskussionen einbezogen worden ist, den der bildenden Kunst. Man mag ihn für marginal halten. Er ist aber sehr konkret und macht mit einem Aspekt moderner islamischer Kultur bekannt, der für die westliche Öffentlichkeit durchaus von Interesse ist. Bekanntlich ist die Haltung des islamischen Rechts gegenüber bildlichen Darstellungen von Menschen oder überhaupt lebenden Wesen eher zurückhaltend. Es ist sicher nicht ausreichend differenziert, wenn man von einem Bilderverbot im Islam spricht, denn viele islamische Hochkulturen haben eine bemerkenswerte Malerei, vor allem im Bereich der Miniaturen, entwickelt.

Islamische bildende Kunst durch die Kalligraphie geprägt

Seit den 20er Jahren unseres Jahrhunderts gibt es nun in der Mehrzahl der islamischen Staaten Kunstakademien, in denen junge Menschen zunächst von europäischen, später auch von einheimischen Lehrern in moderne Formen von bildender Kunst eingeführt und schliesslich auch selbst Maler oder Bildhauer werden. Diese jungen Künstler kennen natürlich die europäischen und amerikanischen Kunstentwicklungen dieses Jahrhunderts und haben sich von ihnen inspirieren lassen. Angesichts ihrer Werke wird man in vielen Fällen kaum feststellen können, woher die Künstler stammen. Ihre Werke weisen keinen spezifisch islamischen Charakter auf. Ihre Herkunft lässt sich in der Regel aus den Motiven herleiten, nicht jedoch aus der Technik oder dem Stil. Den Werken älterer Künstler sieht man noch die Suche an. Sie wirken oft recht amateurhaft.

Gegenwartskunst ist sehr vielfältig

Heute ist die Szene insgesamt sehr vielfältig und kaum noch zu überblicken. Es gibt deutliche nationale Sonderentwicklungen. Zugleich besteht aber auch eine enge Verbindung von Künstlern der islamischen Welt zur internationalen Kunstszene unseres Jahrhunderts, von den Impressionisten über die Expressionisten, von Pop- und Op-art bis hin zu aktuellen Bewegungen. Insofern haben wir es mit einer Globalisierung auch im Bereich der bildenden Kunst zu tun. Daneben findet sich aber auch eine spezifische Form von moderner islamischer Kunst, die sich vom Nahen Osten bis nach Südostasien feststellen lässt. Das ist die Rückkehr zur Kalligraphie, die wir in den wichtigsten künstlerischen Zentren der islamischen Welt feststellen können. Diese Art und Weise des Umgangs mit der Linie, die ja eine Vielzahl von künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten bietet, findet sich bisher ausschliesslich in einem künstlerischen Kontext mit islamischem Hintergrund, wenngleich sich der ästhetische Reiz dieser Werke auch demjenigen nicht verschliessen wird, der aus einem anderen kulturellen Kontext stammt.

Gemeinsamkeiten westlicher und islamischer Kunst

Vergleichbare Entwicklungen liessen sich auch aus dem Bereich der Literatur und des Films beibringen, während sich die Bereiche der E-Musik der gegenseitigen Befruchtung in der Moderne fast verschliessen. Dies mag mit der Tatsache zusammenhängen, dass die sogenannte ernste Musik ein nahezu ausschliessliches westliches Phänomen darstellt. Auf den Einfluss der türkischen Musik auf Mozart oder auch Beethoven muss ich nicht weiter eingehen. Aber westliche E-Musik hat auf einen vergleichbaren Musikbereich in der islamischen Welt kaum Einfluss gehabt. Anders wäre es hier mit dem Jazz und der Unterhaltungsmusik, bei denen der Austausch beträchtlich ist. Hier finden sich in der Melodik und in der Rhythmik zahlreiche gegenseitige Beeinflussungen.

Auszug aus Die islamische Welt als Promotor und Produkt kultureller Transformationen
Peter Heine, geboren 1944, Studium der Islamwissenschaft, Philosophie und Ethnologie in Münster und Baghdad



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