Marokko
Islam, cool
Home
Kulinarisch
Highlights
Lifestyle
Kunst Kultur
Welterbe
Guide
Links

g26.ch



Google



Suche www
g26.ch
Wer an einem friedlichen und dauerhaften Dialog interessiert ist, muss das «Paralleluniversum» des Islam nicht anerkennen, sondern endlich ernsthafte Antworten auf ein paar Fragen liefern

Wenige Monate nach dem 11. September führte mir der 15-jährige Abdallah, der in Tanger in einem Lebensmittelgeschäft arbeitete, schmunzelnd die rauchenden «Twin Towers» auf seinem Telefondisplay vor. Dazu einen piepsenden Klingelton. Was man im Westen geschmacklos und menschenverachtend nennen würde, wurde in Marokko von den Kunden und auch den Kollegen im Geschäft als kindliche Spinnerei eines Jugendlichen abgetan, der einfach über das Ziel hinausgeschossen war. Eine Verbindung zu Terrorismus sah niemand und wollte auch niemand sehen.

Die «Twin Towers» bezogen sich, anders als die Hakenkreuze der Punks oder die Bin-Laden-T-Shirts der Stockholmer Hells Angels, nicht auf eine kleine Subkultur, sondern auf eine Haltung, die in der moslemisch-arabischen Welt in den letzten Jahren zum sogenannten «Mainstream» geworden ist. Politisch ist das ein Anti-Amerikanismus, die Forderung für mehr Gerechtigkeit in der Welt, vor allen Dingen in Palästina, damals noch in Afghanistan und heute natürlich auch im Irak. Religiös getragen vom Islam, der nach dem Niedergang aller linken Ideen und Bewegungen der neue Hoffnungsschimmer für eine gerechtere Welt geworden ist. Gegen die Diktatoren in den eigenen Ländern, gegen die Ausbeutung durch den westlichen Kapitalismus und die damit verbundene kulturelle Nivellierung. Religion und Politik neu zusammen gemischt, eine modische Grundhaltung, die sich in der gesamten moslemisch-arabischen Welt findet, so vielgestaltig und widersprüchlich sie auch sein mag.

Der Islam als modische Haltung?

«Selbst für meine Studentinnen, die ein 40.000 Dollar Auto fahren, Röcke und High Heels tragen», sagt Amal Saad-Ghorayeb, Politikwissenschafterin an der libanesisch-amerikanischen Universität in Beirut, «ist es ‰cool', während des Ramadans zu fasten». Nachdenklich schenkt sie mir eine Tasse Kaffee ein. «Das ist ein neuer Trend, vor 15 Jahren war das noch undenkbar». Islam sei eine Mode geworden, was die junge Wissenschaftlerin auf eine Identitätskrise, besonders der jüngeren Generation zurückführt. «Sie war zwischen ihrer moslemisch-arabischen Tradition und dem westlichen Lebensstil hin und hergerissen». Ganz auf die Seite des Westens, der sie seit dem 11. September zurückweist und marginalisiert, konnten sie nicht gehen. «Um den Konflikt zu lösen, befolgt man alle moslemischen Rituale und bewahrt sich gleichzeitig die westlichen Aspekte des Lebens».

Den Islam als modische Haltung zu bezeichnen, dürfte im Westen, wo die moslemisch-arabische Welt hauptsächlich in Form von schlechten Nachrichten existiert, auf Unverständnis stossen. Gerade in den USA könnte das als Verharmlosung des Terrorismus ausgelegt werden, wobei ausser Acht gelassen wird, dass das Phänomen «Terror» in der Regel ein Indiz für grosse gesellschaftskritische Bewegungen ist. In den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts liessen sich auch brave Familienväter ihre Haare lang wachsen, die Mütter kürzten ihre Röcke und die ganze Welt trug weite «Schlaghosen». Mit dem «bewaffneten Kampf» der «Roten Brigaden» in Italien oder der «Roten Armee Fraktion» in Deutschland hatte das wenig zu tun.

In der arabischen Welt ist das heute nicht anders. Terrorismus ist das Unternehmen einer Minderheit.

Alle Bewegungen, sobald sie populärer werden, haben nicht nur einen Demonstrations-, sondern auch einen grossen Nachahmungseffekt. Die Globalisierung, welche die Welt in technischer, nicht in sozialer Hinsicht kleiner gemacht hat, bewirkte eine Potenzierung dieses Nachahmungseffekts
Nizar Hamzeh, Professor für Politikwissenschaft an der Amerikanischen Universität Beirut
In der arabischen Welt funktioniere das nicht anders als im Westen. «Ja, der Islam ist zur Mode geworden, das kann man so sagen».

Das Paralleluniversum der arabischen Satellitenprogramme

Die meisten Europäer, die zum erstenmal in ein arabisches Land reisen und nicht in Agadir oder in Sharm El Sheik am hoteleigenen Strand liegen, sind verblüfft, wenn sie in den ersten Tagen durch die arabischen Satellitenprogramme zappen. Al-Jazeera, den Nachrichtensender aus Katar, kennt man noch. Der Rest aber ist ein weisser Fleck. «Da findet man ja alles, was es im westlichen Fernsehen auch gibt, nur als arabische Version», musste Hans Nieswandt (vgl. Von Checkpoint zu Checkpoint [1]), bekannter deutscher DJ, erstaunt feststellen, als er auf Einladung des Goethe Instituts im Nahen Osten unterwegs war. «Endlos viele Musiksender, mit total teuer produzierten Videos. Wie auf MTV, nur mit anderer Schrift», fügte er lapidar hinzu.

Es ist ein für den Westen meist unbekanntes «Paralleluniversum» mit Game- und Talkshows, Superstar-Wettbewerben, Kindersendungen, Nachrichten- und Musikkanälen, sogar mit Fernsehpredigern im Stil der amerikanischen Televangelisten. Bis auf die grossen Kinofilme, alles arabische Produktionen, mit arabischen Themen und auf den Musiksendern überwiegend auch arabische Musik. Im allgemeinen sind die Sendungen religiös korrekt, islamkompatibel und familiengeprüft. Sexuell Freizügiges ist eher selten zu finden. Bei Spielfilmen werden lange Kuss- oder Nacktszenen herausgeschnitten. Wie rigoros das gemacht wird, ist von Land zu Land verschieden. Im Notfall schaltet man eben um.

Im Internet finden sich unzählige islamische Webseiten, von «Al-Qaeda» bis zu liberalen Reformern. Es geht dabei nicht nur um religiös-theoretische Fragen, sondern auch um praktische Lebenshilfen. Heranwachsende diskutieren in Chatforen über «Dating», vorehelichen Sex, und Mode. Im Internet gibt es auch «alles für die islamische Familie». Für die Kinder das «Jihad-Sweatshirt» und eine Kappe mit der Aufschrift «Property of Allah», für den Papa die «extra komfortable, Transpiration absorbierende Pilgerkleidung» und für die Dame des Hauses einen modischen, langen schwarzen Kaftan mit dazu passendem schwarzen Schleier. Ganz abgesehen von «islamischen» Haarölen, Beauty-Seifen, natürlichen Zahnbürsten, Parfüms, Räucherstäbchen, Schmuck, Unterwäsche, sowie interaktiven Koranausgaben, Gebetsteppichen, Uhren und Telefonen, die weltweit die richtigen Gebetszeiten ansagen. Auf der Website «Modest cloth for modest people» entschuldigte man sich dafür, dass alle Kopftücher ausverkauft seien.

Das Kopftuch: ein feministisches Statement

Vor gut 30 Jahren war der ‰Hijab' in Kairo oder Beirut, damals westlich orientierte Metropolen, noch ein «Counter-Culture-Symbol», das Rückständigkeit, Anti-Moderne signalisierte. «Heute ist es ein feministisches Statement», wie Amal Saad Ghorayeb behauptet, die sich selbst als Agnostikerin bezeichnet. «Das Kopftuch befreit von den Modediktaten, den Schönheitsidealen und den Avancen der Männer». Tayyibah Taylor, die Chefredakteurin von «Azizah», ein Frauenmodemagazin, das in Chicago erscheint und sich an amerikanische Musliminnen wendet, sieht das ähnlich:

Frauen, die ihren Körper freizügig zeigen, vertrauen auf ihre sexuelle Ausstrahlung, um weiter zu kommen. Muslimfrauen dagegen, die sich sittsam kleiden, setzen auf ihren Intellekt und ihre spirituelle Kraft, etwas zu erreichen.
In «Azizah» gibt es demzufolge nur Frauen zu sehen, die sich selbstbewusst und ganz selbstverständlich bedeckt halten. Modisch modern, versteht sich. Das neu entdeckte islamische Frauenselbstbewusstsein ist wohl auch der Grund dafür, dass mehr und mehr TV-Nachrichtensprecherinnen, wie Khadeeja Bin Kana, von «Al Jazeera», sich plötzlich ihrem Millionenpublikum mit Kopftuch zeigen. Aber auch im Supermarkt oder im Reisebüro erscheinen immer mehr junge Frauen plötzlich mit Kopfbedeckung.

Man entkommt nicht, eine Meinung zu haben

Eine derartige «Umwertung der Werte» erfolgt natürlich nicht von heute auf morgen. In den 70er Jahren wurde der Islam als «Dritter Weg» zwischen Kapitalismus und Sozialismus entdeckt, als neues Versprechen einer besseren und gerechteren Welt.

Zugegeben, der Islam hat sich zwar in den letzten drei Jahrzehnten enorm ausgebreitet, aber islamische Ansichten und Meinungen sind interessanterweise erst seit ein paar Jahren massiv in der Öffentlichkeit präsent.
Amal Saad Ghorayeb, Politikwissenschaftlerin
Eine «Präsenz», die erst durch die «arabische Medienrevolution» möglich wurde, für die der 11. September ein Stichtag ist. «Plötzlich gab es in der arabischen Welt ein Bedürfnis nach anderen, nicht westlichen Nachrichten», erklärt Ibrahim Mousawi vom hisbollah-nahen «Al-Manar TV», der mit rund 10 Millionen Zuschauern zu einem der drei beliebtesten Fernsehsendern zählt. «Man wollte einfach die Wahrheit sehen», fügt er schmunzelnd hinzu.

Heute wird die «Wahrheit» von «Al Manar», «Al Jazeera» oder «Al Arabyia» in die ganze Welt ausgestrahlt: Bilder von Israel oder den USA getöteten Zivilisten in Palästina und Irak, von «Widerstandskämpfern und Märtyrern» oder von den gefolterten Gefangenen in Abu Ghraib. Während der US-Invasion in Afghanistan war das noch etwas Neues, Revolutionäres. Heute ist diese Nachrichtenperspektive alltäglich. Man entkommt nicht, eine Meinung zu haben, bei der es obendrein um eine «bessere Moral» geht: Auf der Seite (der vom Westen) Unterdrückten und Gedemütigten. Wie in Europa oder den USA sind die Medien Teil eines kulturellen und politischen «common sense», deren Werte und Normen sie ständig reproduzieren. Mit Raketen auf die Büros von «Al Jazeera» in Kabul oder Bagdad lässt sich dieser, mit dem Westen so kritische «common sense», nicht aus der Welt schaffen.

Ob in privaten Gesprächen oder bei offiziellen Anlässen, wie auf der von der Friedrich-Ebert-Stiftung vor einigen Monaten in Beirut mitveranstalteten Konferenz zum Dialog zwischen Islamischer Welt und Europa, geht es immer wieder um die gleichen Fragen. Wann endlich wird der Westen aufhören mit zweierlei Mass zu messen und nach Gutdünken Diktatoren unterstützen oder abzusetzen? Warum wird den Palästinensern kein Widerstandsrecht anerkannt, wo doch unter israelischer Besatzung tagtäglich Frauen und Kinder getötet werden? Sind diese Toten weniger wert als die Toten von Madrid oder New York? Warum nimmt man uns nicht als gleichwertige Menschen wahr und reduziert uns auf Steinzeitalterphilosophie und Terroristenklischees?

Fragen, die nicht nur in Washington als an der Realität vorbeigehende Kritik abgetan und obendrein als terrorismusverdächtige Positionen einer kleinen Minderheit geoutet werden. In Beirut, Tanger, Kairo oder Damaskus sind diese Standpunkte Bestandteile des täglichen Lebens, nahezu Allgemeinplätze. Es ist ein Paralleluniversum, in dem unbequem und altmodisch mehr Gerechtigkeit gefordert wird. Wer an einem friedlichen und dauerhaften Dialog interessiert ist, muss dieses «Universum» nicht anerkennen, sondern endlich ernsthafte Antworten auf die Fragen liefern.

www.telepolis.de
Alfred Hackensberger 22.08.2004



Top    Home
g26.ch PLATTFORM FÜR KUNST KULTUR UND GESELLSCHAFT