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Marokko Mit dem Auto übers Mittelmeer |
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Ein kalifornischer Architekt will eine schwimmende Brücke über die Meeresenge von Gibraltar bauen
Mohammed VI. wird seinen Augen kaum trauen, wenn ihm Eugene Tsui seine Pläne präsentiert. Der kalifornische Architekt und Designer spricht demnächst beim marokkanischen König vor, um ihm ein gewagtes Projekt vorzuschlagen: Er will Afrika und Europa mit einer Brücke über die Meeresstrasse von Gibraltar verbinden. Sollten Mohammed VI. sowie die spanische Regierung tatsächlich einwilligen, wäre es das grösste Architekturprojekt der Welt, sagt Tsui. Grösser noch als der Drei-Schluchten-Damm in China und Ground Zero in New York. Und es würde mit 14,5 Kilometern die längste aller Brücken erstehen. Ob das gigantische Bauwerk jemals in Auftrag geht, ist fraglich. Es zeigt aber zumindest interessante Architekturlösungen. Die Brücke beginnt im spanischen Tarifa als mehrspurige Strasse auf festem Grund und kippt nach 1,5 Kilometer Strecke langsam ins Mittelmeer. Drei Kilometer lang wird die Brücke zu einem gigantischen Tunnel, ehe der Weg in der Mitte der Meeresenge wieder über der Wasserlinie auftaucht, dann erneut absinkt und am marokkanischen Point Cires das andere Ufer erreicht. Am tiefsten Punkt befindet sich das Bauwerk 200 Meter unter der Wasseroberfläche. Das schafft Platz für grosse Schiffe, die die Seestrasse passieren. Die Schlangenform ist das Ergebnis einer Überlegung: Ich habe mich gefragt, wie wohl die Natur eine solche Verbindung entwickelt hätte, und mein Modell ist das Resultat, sagt Tsui. Vor einigen Jahren hat schon einmal ein Architekt ein Modell entworfen, das Mittelmeer zu überbrücken. Der US-Ingenieur T. Y. Lin wollte eine ähnliche Konstruktion wie die Golden Gate Bridge in San Francisco bauen, nur fünfmal grösser und als Bindeglied zwischen zwei Kontinenten. Lin hätte drei Träger, jeweils 1,6 Kilometer hoch, im Meeresboden verankert. Das wäre jedoch zu kostspielig gewesen und hätte für Fische wichtige Lebensräume am Meeresboden zum Teil zerstört. Das Gibraltar-Projekt von Tsui schwimmt dagegen im Meerwasser. Alle Einzelteile können Techniker an Land herstellen und sie mit einem Transportschiff an ihren Einsatzort im Mittelmeer bringen. Die Enden der Teilstücke bestehen aus wassergeschützten und rostfreien Kabelsteckverbindungen, die nach ihrem Zusammenschluss Strom entlang der Brücke führen. Unterhalb der Strasse befinden sich mit Luft gefüllte Tanks. Bei Bedarf fluten automatische Steuerungen die Behälter mit Wasser, um sie abzusenken und zu stabilisieren. Die Strasse besteht ansonsten aus elektrolytischem Beton, rostfreiem Stahl und Aluminium sowie aus Röhren, um die Tunnelabschnitte gut zu belüften. Je Fahrtrichtung passen acht Spuren für Autos, vier für Lastkraftwagen und Busse auf die Konstruktion. Insgesamt soll der motorisierte Verkehr 24 Bahnen beanspruchen können. Dazu kommen vier Gleise für Züge und zwei für Hochgeschwindigkeitsbahnen. Ausserdem gibt es einen 30 Meter breiten Pfad, der aus Sicherheitsgründen einen Meter höher als die übrigen Spuren liegt. Diese Schneise ist reserviert für Fussgänger und Radfahrer sowie - hier beweist Tsui durchaus Humor - für Reiter auf Pferden oder Kamelen. Am Wegesrand plant der Architekt mit windbeständigen Grünpflanzen, allerlei Wasserfällen und Raststätten. Die Allee führt auf eine Insel, die genau zwischen Marokko und Spanien liegen soll und so einen Blick auf Europa und Afrika bietet. Die Insel ist fünf Kilometer lang. Damit sie stabil im Wasser liegt, sind luftgefüllte Pontons an ihrer Unterfläche angebracht, während ihre Fischform den grössten Wind- und Wasserdruck abfedert. Bei Orkanen bewegt sich die Insel leicht hin und her, bleibt aber stabil. Welt am Sonntag Thomas Jüngling 05.09.04 g26.ch PLATTFORM FÜR KUNST KULTUR UND GESELLSCHAFT |