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Hassliebe junger Marokkaner zum Westen
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Zukunftschance Europa - Sympathien für El Kaida

Es ist irgendwie paradox. Auf der einen Seite fühlen die jungen Marokkaner sich vom Westen magisch angezogen und sehnen sich danach, nach Frankreich, Spanien oder Deutschland auszuwandern. Manche setzen sogar ihr Lebens aufs Spiel, um bei Nacht und Nebel mit Holzkähnen und Fischerbooten die europäischen Küsten zu erreichen. Auf der anderen Seite verspüren viele von ihnen einen beinahe abgrundtiefen Hass auf die westliche Gesellschaft. Dies ist das Resultat einer umfassenden Studie der Wirtschaftszeitung «L'Economiste» über die jungen Leute in Marokko.

Danach sehen mehr als 60 Prozent der Marokkaner im Alter von 16 bis 29 Jahren ihre einzige Zukunftschance darin, nach Europa auszuwandern. In einer früheren Studie hatten sogar über 80 Prozent der Abiturienten den Wunsch geäussert, im Ausland zu leben. Zugleich aber hegt ein erheblicher Teil der jungen Leute in dem nordafrikanischen Land Sympathien für Osama bin Laden, den grössten Feind des Westens. 44 Prozent meinten, El Kaida sei keine terroristische Organisation.

Die Zeitung führt dies vor allem auf den Irak-Konflikt zurück: «76 Prozent der jungen Marokkaner verurteilen die US-Intervention. Sie sehen in El Kaida eine Opposition zur Macht der USA.» Der marokkanische Soziologe Hamid El Yabouri meint: «Junge Leute suchen nach Helden, mit denen sie sich identifizieren können. Früher waren das Cowboys oder Superman. Heute ist es in ihren Augen Bin Laden, weil er sich gegen die Supermacht der USA erhebt.»

Die Studie von «L'Economiste», die erste dieser Art in Marokko, zeigt, dass die jungen Marokkaner trotz ihres Hangs zum Radikalismus zugleich auch konservativ und sehr religiös sind. 90 Prozent beten gelegentlich oder regelmässig, 99 Prozent halten den Fastenmonat Ramadan ein. 58 Prozent würden nur einen Partner muslimischen Glaubens heiraten und 57 Prozent sind dafür, dass die Frauen ein Kopftuch oder einen Schleier tragen.

Dies verdeutlicht, vor welch schwierigem Spagat König Mohammed VI. steht. Der 42-jährige Monarch will auf der einen Seite die Traditionen wahren, auf der anderen Seite aber das Land modernisieren, an den Westen heranführen und Investoren anlocken. Der König, als «Herrscher der Gläubigen» auch das religiöse Oberhaupt des Landes, tritt für eine tolerante Version des Islams ein.

Die Hassliebe der Marokkaner zum Westen scheint auf den ersten Blick ein Widerspruch zu sein, aber sie ist es nicht. Die jungen Leute bewundern auf der einen Seite den Wohlstand und die Freiheiten in Europa, aber sie empfinden den Westen zugleich als arrogant und als eine Bedrohung für ihre Kultur und Traditionen. Die Studie zeigt, dass dieser Zwiespalt in den ärmsten Schichten - wie unter den Slumbewohnern von Casablanca - besonders ausgeprägt ist. «Je ärmer die Leute sind, desto mehr mögen sie El Kaida», schreibt «L'Economiste».

Die Kontraste in der Gesellschaft zeigten sich kürzlich in den Reaktionen auf den Film «Marock». Der Streifen der in Paris lebenden Marokkanerin Laila Marrakchi handelt von der Liebesgeschichte zwischen einem Muslim und einer Jüdin. Der Schauspielerverband und andere Organisationen warfen der Regisseurin in wütenden Protesten vor, «marokkanische Werte» zu verraten. Dagegen riefen in Zeitungen mehrere Leserbriefschreiber zur Toleranz auf. Sie erinnerten daran, dass in Marokko, wo eine jüdische Minderheit lebt, Romanzen zwischen Muslimen und Juden nicht neu seien.

http://www.mz-web.de 09.02.2006


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