Marokko
Zauberland am Atlasrand
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Marokko, das «Tor Afrikas», besticht durch seine überwältigende Fülle an Farben, Licht und Düften

Wer sich dem westlichen Eckpfeiler Nordafrikas in der Einflugschneise über Agadir nähert, der mag auf den ersten Anschein leicht enttäuscht sein von Marokko: Agadir, die touristische Offensive an der Küste des Landes, ein uniformes Konglomerat von Urlaubersilos und hochbetonierten Architektur-Entgleisungen. Aber kaum geraten die nüchternen Betonklötze ausser Sichtweite, spinnt die marokkanische Magie schon bald ihre ersten Fäden um einen. Es beginnt ein sinnbetörender Reigen orientalischer Eindrücke und Erlebnisse - es beginnt Marokko.

Gäbe es nur einen einzigen Ort, den man in Marokko besuchen könnte, so fiele die Wahl nicht schwer: Es sollte Marrakesch sein, die «rote Perle» im Tensift-Tal, für viele die schönste Stadt des gesamten Maghreb, also des Staatenbundes zwischen Algerien, Libyen, Marokko, Mauretanien und Tunesien. Hier kulminieren alle nur denkbaren urbanen Schlaglichter des Landes, und das vor der umwerfenden Kulisse des Hohen Atlas, mit seinen teils schneebedeckten, über 4000 Meter hohen Gipfeln. Marrakesch, ehemals Landeshauptstadt und neben Fès, Meknès und Rabat eine der vier Königstädte, strahlt im Glanz seiner maurischen Kulturbauten. Als sakrales Wahrzeichen thront das berühmte Minarett der Koutoubia-Moschee über den Dächern der Stadt. Seinen architektonischen und kulturellen Reichtum verdankt die Stadt, sogar das gesamte Land, nicht zuletzt dem glücklichen Umstand, dass man hier von den osmanischen Eroberungszügen weitgehend verschont blieb. Zudem setzte die Phase der Kolonisation, anders als in den östlichen Maghrebstaaten, erst 1912 ein.

Wer jedoch die Seele von Marrakesch und den Pulsschlag des Orient in seiner vollen Bandbreite wahrnehmen möchte, kommt an einem Ort nicht vorbei: dem «Djemaa el Fna». Ein Platz der seinesgleichen in Nordafrika sucht, eine feurige Drehscheibe des Lebens, ein unvergleichliches Freilicht-Varieté und schäumendes Sammelbecken für Schlangenbeschwörer, Wahrsager, Quacksalber, Gaukler, Zahnausreisser, Akrobaten und Wunderheiler.

Auch und gerade weil der Tourismus sowie die Einflüsse des westlich geprägten Lebens schon seit Jahrzehnten ihre Wirkung hinterlassen, befindet sich das Land in einer Phase des Umbruchs. So herrscht auf der einen Seite nach wie vor die altmaghrebinische Kultur und Lebensweise mit ihren seit Jahrhunderten tradierten Normen. Das gilt für alle ländlichen Bereiche, aber auch für prunkvolle Städte wie Meknès und Fès. Im krassen Gegenzug nehmen strikt neuzeitlich orientierte Konzepte und Stadtbilder ihren Raum ein: besonders deutlich am Wirtschaftszentrum Casablanca und dem Regierungssitz Rabat zu erkennen. Hier dominieren Computer und Parabolantennen das Geschehen. Verstärkt weht der frische Wind seit der Thronfolge durch den jungen König Mohammed VI. im Jahr 1999. Auf seinen Fahnen stehen die Leitlinien für Demokratisierung, soziale Gerechtigkeit und den Schutz der Menschenrechte. Vergleichsweise vorbildlich funktioniert das soziale Nebeneinander von Arabern, Berbern, schwarzafrikanischen Haratin, Juden und Christen.

Diese Wechselspiele zwischen den Kulturen, das Pendeln zwischen dem Alten und dem Neuen, und die faszinierende Vielfalt einer Landesnatur von geradezu biblischer Wucht, lockte auch Generationen von Künstlern, Schriftstellern und Filmschaffenden nach Marokko. So lebte der amerikanische Autor Paul Bowles mehr als 50 Jahre in Tanger, Jimi Hendrix und Bob Marley machten das pittoreske, ehemalige Piratennest Essaouira zu ihrer Wahlheimat.

Wer die Raffinessen der Landesküche nicht kennenlernt, dem fehlt ein gutes Stück von Marokko. Ein Streifzug durch die zahllosen Souks und Lebensmittelmärkte verdeutlicht, welchen Stellenwert man der Küche einräumt: Nase und Augen erliegen einer harmonischen Reizüberflutung beim Schlendern, vorbei an den Schalen und Körben der Händler, randvoll mit duftenden Gewürzen in allen Nuancen von Rot, Braun und Gelb. Zu den wesentlichen Geschmacksträgern zählen Ingwer, Kurkuma, Nelken, Zimt und nicht zuletzt das edelste und teuerste Gewürz der Welt: Safran, aus den Anbaugebieten zwischen Quarzazate und Taroudannt. Zu den famosen Nationalgerichten gehören Couscous und Tajine, die höchst variationsreich auf die Teller kommen.

Um die Verlockungen der opulenten Landesküche nicht ungebremst an der eigenen Taille haften zu sehen, bietet sich als probater Ausgleich Sport an. Neben Trekking, Tennis, Reiten und Angeln sei besonders das Golfen hervorgehoben. Wirkliche Bedeutung verlieh erst König Hassan II, ehemals selbst passioniert mit Holz und Eisen zugange, dem Sport. Inzwischen gibt es 18, teils international renommierte Plätze, darunter der berühmte rote Parcours des «Royal Golf Dar es-Salam» in Rabat, eine der schönsten Anlagen der Welt.

www.welt.de Florian Mikorey 12.11.2005


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