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Marokko «Bordergames» - Das Einwanderer-Überlebensspiel |
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«Bordergames»: Jugendlicher schlägt sich in Spanien durch Videospiele handeln oft von Supermenschen, die ganz alleine feindliche Armeen vernichten oder heldenhaft einen verborgenen Schatz finden. Das hat nicht viel mit der Wirklichkeit zu tun. Verdächtig nahe kommt es ihr aber, wenn der Hauptdarsteller des Spiels ein jugendlicher Einwanderer ist, der sich in Spanien ohne Aufenthaltsgenehmigung durchschlagen muss. «Bordergames» heißt ein Videospiel, das die Madrider Künstlergruppe «La Fiambrera Obrera» entwickelt hat. Die Protagonisten sind in der Illegalität lebende junge Einwanderer. Abdellah El AruiWeder Afghanistan noch Irak sind die Kriegsschauplätze des Spiels, sondern das Mulit-Kulti-Stadtviertel Lavapiés im Zentrum Madrids. Der schwer bewaffnete Soldat wurde durch einen jungen Marokkaner ausgetauscht. Doch sein Kampf ums Überleben kommt dem des Videosoldaten verdächtig nahe. Er muss zwar nicht schießen und er wird auch nicht erschossen. Aber eine falsche Antwort kann dazu führen, dass er wieder in seine Heimat abgeschoben wird oder im Gefängnis landet. Somit sind die Abenteuer, die er zu bestehen hat, Gespräche. Sein Überleben in der Illegalität hängt von seinen Antworten ab. Gleich zu Beginn des Spiels läuft er nach Verlassen der U-Bahn-Station Lavapiés der Polizei in die Arme, die ihn um seine Papiere bittet. Er hat aber keine. Das Spiel bietet drei Antworten an: Gibt er an, dass er auf dem Weg zum arabischen Jugendzentrum ist, hat er die Hürde überwunden. Wenig später trifft der Protagonist auf einen Landsmann, der Minderjährige als Drogendealer anwerben will. Der Immigrant, dessen finanzielle Lage mehr als zu wünschen übrig lässt, kann damit viel Geld verdienen, aber auch im Gefängnis landen. Das Spiel zeigt jungen Einwanderern auch, wie schwierig es ist, ohne Papiere einen Job in Spanien zu finden. «All diese Szenen und Dialoge sind echt. Ich habe sie alle selber so erlebt», erzählt der 18-Jährige Marokkaner Abdellah El Arui. Abdellah hat zusammen mit Sozialarbeitern, Erziehern und Web-Designern der Künstlergruppe «La Fiambrera Obrera» das Drehbuch für das Videospiel konzipiert. «Ich habe ihnen einfach mein Leben erzählt und sie haben es in ein Videospiel verpackt», sagt Abdellah, der heute selber aktiv in den Workshops von «Bordergames» mitarbeitet. Abdellahs Leben ist das eines typischen Immigranten aus Marokko. Vor sieben Jahren verließ er sein kleines Küstendorf in der Nähe von Casablanca und versteckte sich unter einem LKW, der auf der Fähre von Tanger nach Algeciras übersetzte. Abdellah war damals gerade einmal elf Jahre alt. Von Algecrias aus fuhr er weiter nach Madrid. «Das Leben hier in Spanien ist kein Zuckerschlecken. Gerade als Marokkaner ist es unheimlich schwer, einen Job zu finden. Viele unangenehme Szenen, die beispielsweise mit Rassismus zu tun haben, sind erst gar nicht mit ins Spiel aufgenommen worden», sagt Abhellah. Von TV-Sendern eingeladen «Bordergames» will keinesfalls die Immigration in Spanien verherrlichen. «Das Leben hier ist schwer und sobald ich eine wirkliche Chance habe, etwas in Marokko aufzubauen, werde ich zurückgehen. Das Vaterland ist halt das Vaterland. Das werde ich auch meinen Landsleuten im Fernsehen erzählen», sagt Abdellah. Er wurde von zwei marokkanischen Fernsehsendern im August in seine Heimat eingeladen, um dort in TV-Reportagen von dem neuartigen Videospiel und dem Leben in Madrid zu berichten. Und es werden Hunderttausende von jungen Marokkanern sein, die sich die Reportage sehr genau anschauen werden. Sie alle warten nur auf eine Gelegenheit, ins reiche Spanien und nach Europa zu kommen. Gerade in den andalusischen Jugendzentren sind derzeit über 1500 Minderjährige aus Marokko untergebracht. Auf den Kanarischen Inseln sind es ebenfalls um die 1000 Jugendliche. Tendenz steigend. Unter den zahlreichen Immigranten, die in den vergangenen Wochen in kleinen Fischerbooten auf die Kanaren zusteuerten, befanden sich allein über 400 Minderjährige. Oftmals werden sie sogar absichtlich von ihren Eltern geschickt, da sie als Minderjährige nicht so einfach des Landes verwiesen werden können, wenn die Familie nicht akzeptiert, sie wieder zurückzunehmen. Kostenlos im Web Um die Jugendlichen aus Marokko vor der lebensgefährlichen Überfahrt in kleinen Fischerbooten zu warnen und über das harte Leben in der Illegalität aufzuklären, soll das Spiel in den kommenden Wochen auch kostenlos ins Internet gestellt werden. «So können die Kids in den marokkanischen Internet-Cafés bereits sehen, was sie wirklich erwartet», sagt der Sozialarbeiter und Erzieher Sergio Bollain, der zu den Gründungsvätern der Künstlergruppe «La Fiambrera Obrera» gehört. «Das Spiel hat gleich mehrere Ziele», erzählt er weiter. «Einerseits soll neu ankommenden jugendlichen Einwanderern spielerische eine Art Handbuch gegeben werden, wie sie sich am Besten durchs Leben schlagen können. Andererseits können die bereits hier wohnenden Einwanderer ihre Situation kreativ nachstellen und verarbeiten, denn das Spiel ist nicht nur zum Spielen dar, sondern zum selbstständigen Weitergestalten. Und auf der anderen Seite dient «Bordergames» dazu, die spanische Bevölkerung für die schwierige Situation von jungen Immigranten in Spanien zu sensibilisieren», sagt Sergio Bollain. Interesse aus Berlin Inzwischen interessieren sich auch Jugendprojekte aus Berlin, Wien, Athen und Paris für das Einwanderer-Überlebensspiel. Im Mai veranstaltete die Künstlergruppe «La Fiambrera Obrera» einen Workshop mit Kreuzberger Kindern. Die hauptsächlich türkischen Immigrantenkinder waren an dem Videospiel sehr interessiert. Damals lernten auch Barbara Weigel und Maike Jauer das Projekt der Spanier kennen und versuchen jetzt in Kreuzberg ein ähnliches Projekt ins Leben zu rufen. In der vergangenen Woche nahmen sie in Madrid bereits an einem «Bordergames»-Workshop teil, um Kontakte zu knüpfen, Ideen zu sammeln, Finanzmöglichkeiten auszuloten. Vor allem wollten sie sich mit der technischen Gestaltung des Videospiels vertraut machen, um es mit der virtuellen Welt Berlins und der spezifischen Probleme türkischer Kinder in Verbindung zu bringen. www.zdf.de von Manuel Meyer Madrid 30.07.2006 www.bordergames.org
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