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Marokko Die Wüste will leben - und braucht Geld aus dem Ausland |
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Seit Jahrzehnten steckt Marokko in Armut und Unterentwicklung. Jetzt will die Regierung die Misere beenden - als Billigstandort europäischer Konzerne. Wenn Hassan Bernoussi von der Zukunft spricht, hört sich das meist ziemlich unproblematisch an. Gern wählt der Investitionsbeauftragte der marokkanischen Regierung dafür Luxushotels. Dort steht er unter dem künstlichen Sternenhimmel der hauseigenen Disco und kündigt Zeiten an, in denen die Wirtschaft seines Landes um sieben Prozent pro Jahr wächst. Die Lage aber ist weit weniger glitzernd. 50 Jahre nach der Unabhängigkeit von Frankreich leben 44 Prozent der gut 30 Millionen Einwohner des nordafrikanischen Königreichs in Armut. Fast die Hälfte kann weder lesen noch schreiben, und in den Städten sucht jeder Fünfte vergeblich nach Arbeit. Das Pro-Kopf-Einkommen stieg seit 1956 von 696 auf gerade 1510 Dollar. So manche Familie überlebt nur dank Schwarzarbeit, Geld aus dem Cannabis-Anbau oder der Überweisungen von Angehörigen aus dem Ausland. Im vergangenen Jahr wuchs das Bruttoinlandsprodukt (BIP) nur um magere 1,2 Prozent. Wenn nicht bald etwas geschehe, warnte die Weltbank jüngst, seien Unruhen nicht auszuschliessen. Um das zu verhindern, will die Regierung in Rabat jetzt mit Macht modernisieren. Tourismus und billige Produktionsstandorte sollen das Land auf dem schnellsten Weg aus der Armut herausführen. Ein Grossteil des nötigen Kapitals dafür soll von aussen kommen. Bis 2010, sagt Bernoussi, würden Auslandsinvestitionen in Marokko auf fünf Milliarden Euro jährlich verdoppelt: «Das ist sehr realistisch.» In seinem Büro liegt ein Stapel dicker Mappen. «Das sind allein drei Tourismusprojekte im Wert von zwei Milliarden Euro», sagt er. Vor allem der Fremdenverkehr soll die Abhängigkeit von der Landwirtschaft lösen. Diese macht fast 20 Prozent der Wirtschaftsleistung aus und beschäftigt beinahe die Hälfte der Bevölkerung. Doch wenn der Regen ausbleibt, reisst sie alles mit nach unten. Im vergangenen Jahr sanken die Einnahmen des Sektors so um 17,7 Prozent. Aus Dubai und den Vereinigten Arabischen Emiraten fliessen tatsächlich bereits Milliarden in Tourismusprojekte. Riesige Hotelanlagen mit Golfplätzen in Marrakesch, Saphira oder an der Nordostküste bei Saida. Auch Skifahren im Hohen Atlas soll Trend werden. Auch sollen endlich Schlüsselbranchen für ausländische Investoren geöffnet werden. Eisenbahn, Schifffahrt oder die staatliche Fluggesellschaft Royal Air Maroc stehen auf der Privatisierungsliste. Investoren aus dem In- und Ausland seien zudem an Versorgungs- und Telekommunikationsunternehmen interessiert, weiss Bernoussi. An Maroc Télécom hält die französische Vivendi-Gruppe bereits 51 Prozent. Siemens hat ein Angebot für ein neues Windkraftwerk im Norden des Landes abgegeben. «Der Lebensstandard in Marokko hat sich in den vergangenen Jahren erhöht, es gibt ehrgeizige Tourismusprojekte. Das schlägt sich auch im Energieverbrauch nieder», sagt Mazen Sowan, Siemens-Chef in Casablanca und Präsident der Deutsch-Marokkanischen Handelskammer. «In den nächsten fünf Jahren werden zu den vorhandenen 5500 Megawatt Leistung weitere 1500 bis 2000 Megawatt benötigt.» Mit Ausnahme seines Konzerns und einiger Franzosen und Spaniern halten sich europäische Investoren allerdings noch zurück. Die Präsenz deutscher Unternehmen ist mit drei Prozent der Investitionen aus dem Ausland verschwindend gering. Einen grossen Anteil daran hat die Bremer Logistikgruppe Eurogate. Zusammen mit der italienischen Contship erhielt sie 2005 den Zuschlag für Bau und Betrieb eines Containerterminals des neuen Hafens Tanger Méditerranée, der bis 2007 entstehen soll. «Marokko versteht es nicht, sich zu verkaufen», sagt Sowan. Nicht einmal ein Büro zur Exportförderung gebe es in Deutschland. Dabei ist die Ausgangssituation tatsächlich recht günstig. Von der Europäischen Union (EU) ist Marokko an der engsten Stelle der Meerenge von Gibraltar nur 15 Kilometer entfernt. Durch das Anfang 2006 in Kraft getretene Freihandelsabkommen zwischen Marokko und den USA könnte Europa das Land als Plattform nutzen, um den Handel mit Amerika auszuweiten. Für den afrikanischen Kontinent versteht sich Marokko ohnehin gern als Eintrittstor. «Wir öffnen einen Markt mit gut einer Milliarde Menschen», sagt Bernoussi. Dafür investiert Marokko schon einmal zweistellige Millionenbeträge in Schnellbahn- und Strassenanbindungen an den neuen Hafen Tanger Med, eine Küstenautobahn von Tétouan nach Melilla und plant eine weitere von Fès nach Oujda an der algerischen Grenze. «Marokko könnte das Mexiko Europas werden», sagt Bernoussi und meint damit die sogenannte Maquiladora-Industrie: jene Montagewerke im Norden des südamerikanischen Landes, wo billige Arbeitskräfte für US-Unternehmen schuften. Am liebsten wäre den meisten marokkanischen Politikern dafür sogar eine Brücke oder ein Tunnel zwischen Marokko und Spanien, um den Waren- und Personenverkehr mit der EU so rasch wie möglich abwickeln zu können. Doch was ökonomisch wünschenswert wäre, lässt sich politisch wohl kaum durchsetzen. Der EU graut davor, dass illegale Einwanderer künftig bequemer als bisher nach Europa gelangen könnten. Mit ein wenig Marktöffnung und besserer Infrastruktur wäre es allerdings ohnehin kaum getan. Nach wie vor gilt Marokko als unsicheres Land mit politisch eher islamistischen Tendenzen. Solange das so bleibt, dürfte sich auch die ökonomische Anziehungskraft gen Norden in Grenzen halten. Ein weiteres Problem ist die Bürokratie. Für die Genehmigung eines Investitionsprojekts aus dem Ausland benötigt man das entsprechende Formular bislang in 18-facher Ausfertigung. Um nachhaltiges Wachstum zu garantieren, reiche es nicht aus, das Staatsdefizit zu reduzieren und die Märkte zu öffnen, sagt daher auch Habib al-Malki, Leiter des Wirtschaftsinstituts CMC. Und der auf Geheiss der EU geführte Kampf gegen die Einwanderer kostet Marokko laut Khalid Zerouali, Direktor für Migration und Grenzüberwachung, pro Jahr 100 Millionen Euro. Laut den Ökonomen der Weltbank müsste Marokko ein jährliches Wachstum von mindestens sechs Prozent erzielen, um seiner Misere Herr zu werden. Bis das eintrifft, dürfte Hassan Bernoussi noch das eine oder andere Mal in einer Hotellobby stehen. http://www.wams.de Karin Finkenzeller 13.08.2006
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