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Marokko Casablanca: Mythos und Wirklichkeit |
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Vor 50 Jahren starb Humphrey Bogart, der als «Rick» die Hafenstadt in Marokko weltberühmt machte. Im Jahr 1942 beginnen die Dreharbeiten zu einem Propagandafilm gegen die Nazis. Ein Jahr später erhält er drei Oscars, darunter die Auszeichnung für den besten Film. «Casablanca» machte nicht nur Hauptdarsteller Humphrey Bogart zum Idol. Seitdem ist auch die marokkanische Hafenstadt ein Begriff. Am 14. Januar jährt sich der Todestag von Humphrey Bogart zum 50. Mal: Der Prototyp des «Bogartian man», des lässigen Typen in Trenchcoat und mit Zigarette, ein Zyniker mit romantischen Untertönen, starb mit 57 Jahren an Speiseröhrenkrebs. Bis zum Schluss rauchte er Kette und trank Martini. Nicht nur Bogart als «Rick», auch der Film-Mythos der Stadt lebt in den Köpfen der Kinogänger weltweit: Casablanca steht für «Rick’s Café Américain», und für den Piano-Spieler Sam. Doch was ist heute noch übrig von der Atmosphäre, die die Stadt im Zweiten Weltkrieg umgab? Eine Reise nach Casablanca ist eine Reise in die marokkanische Gegenwart - nicht in die Vergangenheit. Die 1,2-Millionen-Metropole ist die grösste Stadt Marokkos, eine moderne Grossstadt mit wenigen alten Bauwerken und wenigen marokkanischen Kulturelementen, aber unzähligen Cafés, Restaurants und Kinos. Vor allem aber spüren Besucher sofort ein südfranzösisches Flair, und das nicht nur, weil viele Häuser noch vom französischen Kolonialismus geprägt sind. Casablanca ist eine Stadt am Meer, mit Palmen, weiten Blicken und modern eingerichteten Bädern. Und entlang der berühmten Küstenstrasse Corniche versammelt sich allabendlich die Jugend von Casablanca, es wird gefeiert und getanzt. Vom Fenster im Hotelzimmer im vierten Stock fällt sofort auf, woher die Stadt Casablanca ihren Namen hat: Das Wort stammt aus dem Spanischen und bedeutet «weisses Haus». Tatsächlich sind die meisten Häuser weiss getüncht, selbst die Hochhäuser. Der arabische Name ist «Ad-Dar-el-Beida». Casablanca ist heute das wichtigste Handels- und Industriezentrum Marokkos und der grösste Hafen Nordafrikas. Es ist ein bisschen wie in Australien mit Canberra und Sydney: Rabat ist zwar die Hauptstadt Marokkos, aber Casablanca ist grösser und bedeutender. In der Nähe der Place Mohammed V. mit dem zentralen Springbrunnen, dem schönsten Platz der Stadt, serviert der freundliche Kellner Café au lait und dampfenden Thé à la Menthe, die Spezialität Marokkos. Aus grünem Tee, frischer Minze und Zucker aufgebrüht, wird der «marokkanische Whiskey» aus reich verzierten Teekannen in kleine Gläser gefüllt. Kunstvoll hebt der Kellner die Kanne immer wieder in luftige Höhe, während langsam ein Bächlein Pfefferminztee ins Glas fliesst. Das erste Glas wird dabei meist noch einmal zurück in die Kanne geschüttet, um den Geschmack des Aufgusses noch zu verbessern. «In Privathäusern sieht die Etikette vor, dass bei einem Empfang am Nachmittag oder nach dem Essen mindestens drei Gläser Tee getrunken werden», sagt ein Marokko-Experte. Im kleinen Imbiss-Restaurant «Hatab» an der Küstenstrasse werden köstliche Shawarma in arabischem Brot und Falafel aufgetischt, während die Gäste einen traumhaften Blick auf die Moschee Hassan II. geniessen. Die Moschee ist die drittgrösste der Welt, und obwohl sie erst rund ein Dutzend Jahre existiert, ist sie eine der Hauptattraktionen Casablancas. Etwa 6000 Handwerker aus Marokko waren an dem vier Jahre dauernden Bau der Moschee beteiligt, die von dem französischen Architekten Michel Pinseau entworfen wurde. Das 210 Meter hohe quadratische Minarett ist das höchste der Welt und wirft abends Laserstrahlen in Richtung Mekka in den Himmel. Im Inneren finden 25.000 Gläubige Platz, während 80.000 Menschen auf das riesige Areal passen, das die Moschee umgibt. Dekorierte Kacheln in Zellij-Mosaiktechnik in leuchtendem Grün, Holzschnitzereien aus Zeder, Marmor aus Agadir, Granit aus der Oasenstadt Tafraoute und Stuckverzierung - für das prächtige Bauwerk wurden keine Kosten gescheut. Insgesamt 500 Millionen Dollar sollen investiert worden sein. In dem Gebäude hätte der Petersdom problemlos Platz. Gewidmet ist die Moschee König Hassan II. aus der Alawiten-Dynastie. Nach dessen Tod im Jahr 1999 übernahm sein Sohn Mohammed VI. das Zepter. Nicht weit entfernt liegt die alte Medina Casablancas, ein Wirrwarr aus Strässchen und Häuschen, so eng und verwinkelt, dass ein Auto sich kaum seinen Weg bahnen kann. Die «Nouvelle Medina» - auch Quartier Habous genannt - wurde hingegen Anfang der dreissiger Jahre von den Franzosen gebaut und ist eine gelungene Mischung arabischer Baukunst und moderner Architektur. Das südöstlich vom Zentrum gelegene Viertel beherbergt auch den Königspalast. Touristen sollten sich durch die Strassen und entlang der prächtigen Boulevards von Casablanca treiben lassen. Schicke Geschäfte, gute Restaurants und das südfranzösische Flair vermitteln trotz des grossstädtischen Chaos eine gewisse Urlaubsatmosphäre. Auch nachts scheint die Metropole nicht still zu stehen, allerorts wird gehupt, und junge Marokkaner bevölkern die Corniche. Im Restaurant «Al Mounia» im Stadtzentrum werden Pastilla aus hauchdünnen Teigblättern mit Mandelpaste und Hühnchenfleisch und «Couscous aux Légumes» serviert. Im reich dekorierten Innenraum und dem schönen Garten können Casablanca-Touristen am Abend entspannen und dem Lärm der Grossstadt entfliehen. Und da erinnern die kleinen runden Tische mit ihren bunten Mosaiken, die in Grün, Rot, Braun, Weiss und Gold verzierten Wände, die Holzstühle mit ihren bestickten Kissen, die marokkanischen Dekorationen und die Kellner in der traditionellen Kleidung mit rotem Fez dann doch an vergangene Zeiten. Wie damals, als Sam «As time goes by» spielte. www.sueddeutsche.de 13.01.2007
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