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Marokko Marrakesch - Die Ware und das Gute |
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Frühmorgens geschäftiger Markt, tagsüber Arena für Gaukler und Artisten, abends riesiges Freiluftrestaurant - ein Besuch in der Altstadt von Marrakesch. Rosen. Damit hatte keiner gerechnet. Es ist Winter. Im Hotelzimmer: Rosenblätter auf dem Kopfkissen, Rosenblätter in der Badewanne, Rosenblätter auf der Fussmatte. Neben der Schale mit Obst, Mandeln und Pistazien steht der Rosenstrauss. Zu beiden Seiten der Avenue Mohammed VI., über die man ins Stadtinnere fährt, blühen rote Rosen. Ocker, rosa, rot, in den Lehmfarben der Landschaft leuchten die Neubauten: Wohnhäuser, Grandhotels, der Kongresspalast am Rand der königlichen Strasse. Auch der König, heisst es, kommt gern nach Marrakesch. Mohammed VI., geistlicher und weltlicher Herrscher des Landes, stellte, nachdem er 1999 den Thron bestiegen hatte, so gut wie alles auf den Kopf, so weit Staatsfinanzen und Staatsbürger dies zuliessen. Mohammed VI. trägt den Beinamen «Frauenkönig», denn zu den zahlreichen Reformen, die er durchsetzte, zählen das Ehe-, Scheidungs- und Erbrecht. Auch die Polygamie wurde eingeschränkt: Nur, wenn die erste Frau zustimmt, kann der Mann eine zweite Frau nehmen. Im Moment allerdings machen die Geister, die er rief, dem König selbst zu schaffen. Erstmals in der Geschichte des Landes veröffentlichte eine Zeitschrift die immensen Summen, die der Unterhalt der zahllosen Verwandten, der Paläste und Palastdiener verschlingt. Ein unerhörter Tabubruch. Je näher man dem Zentrum kommt, desto höher ragt das Minarett der Koutoubia, der grössten und ältesten Moschee der Stadt, desto dichter wird der Verkehr. Das Mofa beherrscht Strassen und Stadt. Es respektiert weder Geschlechtertrennung noch Generationsunterschiede und befördert Fahrer und Fahrerin in Kapuzenmantel, Anorak, Anzug, Jeans, auf dem Rücksitz die Aktentasche, ein Bündel, eine Kiste, das Kind. An der Kreuzung dirigiert die Polizistin von ihrem Podest mit Baldachin herab lässig das Ensemble. Hinterlassenschaften der Franzosen Vom Prachtboulevard, den «Champs Élysées» der Stadt, geht es in eine schmale, von Bäumen gesäumte Strasse, an deren Rändern Strassenkehrer nach heruntergefallenen Blättern suchen. Auf diesem Weg gelangt man zur Stadtmauer, sie ist sechs bis neun Meter hoch, kilometerlang, im 12. Jahrhundert erbaut wie auch die Koutoubia-Moschee, ein Verteidigungswall aus Lehm. Ocker, rosa, rot. Die Stadtmauer trennt die Vorstadt, die Ville Nouvelle, wie sie seit der Franzosenzeit heisst, von der Medina, der Altstadt, der Verheissung des Orients. Die Franzosenzeit begann offiziell 1912, als die europäischen Grossmächte ihre Ansprüche auf das Sultanat Marokko nach langem Geschacher unter Dach und Fach gebracht hatten. Frankreich nahm sich das grösste und wirtschaftlich wichtigste Gebiet zum Protektorat. Wilhelm II., der ein Auge auf Marrakesch und den Süden geworfen hatte, liess, um seinen Anspruch zu bekräftigen, im Sommer 1911 das Kanonenboot Panther nach Marokko auslaufen. Vergeblich. Das Deutsche Reich wurde mit einem Stück Französisch-Kongo abgefunden, die zeitgenössische Karikatur erfreute ihr Publikum mit dem «Panthersprung nach Agadir». 44 Jahre, von 1912 bis 1956, dauerte die französische Besetzung. Sie schaffte Reichtümer aus dem Land, modernes Know-how ins Land, hinterliess das Französische als Schulfach und endete vergleichsweise gesittet. Der Orient hinter der Stadtmauer beginnt auf dem Platz Jemaa el Fna. Ursprünglich der Henkersplatz, gilt «la place», wie die Marrakschis ihn nennen, seit Jahr und Tag als der berühmteste, grösste Fest- und Freudenplatz Marokkos. Wer die Reiseführer studiert hat, die Fotos gesehen, die Schilderungen von Elias Canetti und Hubert Fichte aus den fünfziger und siebziger Jahren gelesen und bei Paul Bowles geblättert hat, der weiss, was einen erwartet: Schlangenbeschwörer, Tänzer in Trance, Akrobaten, Wasserverkäufer, Wahrsager, Fleischspiesse, gekochte Schafsköpfe. Tausendundeine Nacht. Ein Junge auf dem Fahrrad fährt vorbei, rechts und links am Lenker baumeln, kopfüber, je zwei lebende Hühner, hinter dem Platz liegt der Basar. Der Schlangenbeschwörer hört auf, die Cobra und Viper aufzuscheuchen, sie sollen sich vor der nächsten Darbietung erholen. Die schreiend bunt gekleideten Gnaoua, Kindeskinder der Sklaven aus Mali oder Mauretanien, schlagen die Trommeln, rasseln mit den Eisenkastagnetten. Tanzen für einen Platz im Paradies Sie lassen ihre Köpfe kreisen, dass ihnen die Bommeln an den Mützen um die Ohren fliegen, sie tanzen in und aus der Reihe, mit und ohne Zuschauer. Sie tanzen für sich und vielleicht auch für einen Platz im Paradies. Der Koran sagt: «Siehe, Wir erschufen, was auf Erden ist, als ihren Schmuck, auf dass Wir prüfen, wer unter ihnen (den Menschen) an Werken der beste ist.» Die meisten auf diesem Platz haben das Paradies verdient. Sie preisen die Schönheit der Schöpfung. Sie putzen einem die Schuhe blank, bieten Orangen und Suppe an, bemalen einem die Hände mit Henna, besingen das Leben, sagen dem, der ihre Sprache versteht, die Zukunft voraus. Die Kunst des Wahrsagens steht in hohem Ansehen. Sie kann bis zu zehn Euro wert sein. Der Berberaffe auf der Schulter, der Wasserverkäufer fürs Erinnerungsfoto haben wie jede Wohltat keinen festen Preis. «Jama Rhab», Ort des Geldverdienens, ist ein anderer Name für «la place». Zum Lob der Schöpfung gehört, dass man das Beste daraus macht. Trotz der vielen Menschen, die über den Platz promenieren, wirkt die Szene beschaulich. Touristen und Einheimische schieben sich geduldig durch die Menge. Die Schausteller machen sich ans Werk. Der Schlangenbeschwörer lockt Cobra und Viper aus dem Schlaf. Die Akrobaten formieren sich zur Pyramide. Der Wasserverkäufer stellt sich in Positur. Er tritt von einem Bein auf das andere, so dass die Messingschälchen, die wie Perlen aufgeschnürt, zu beiden Seiten seines Oberkörpers herabhängen, im Licht glänzen. Von hier oben erkennt man eine strenge Marktordnung. Jede Dienstleistung, jede Darbietung hat ihren Platz. Eine Marktpolizei in Zivil hält Diebe und Mörder fern. An den Rändern des Platzes zocken Glücksspieler, die ersten Armen ziehen die Kapuze ihrer Dschellaba über den Kopf und legen sich schlafen. Rauchschwaden und Düfte steigen von den Essensständen auf, Trommel, Tambourin, Flöte, Gesang senden ihre frohe Botschaft in den Himmel, aus dem herab Störche zum Landeflug auf ihre Nester rund um den Platz ansetzen. Hinter dem Jemaa el Fna liegen die Souks, die Marktstrassen, der Bazar, die Welt der Waren in engen Gassen. Die Geschäfte, Gelasse und Verkaufsstände reihen sich, nach Branchen sortiert, dicht aneinander. Die Ware liegt offen aus. Es gibt von allem und von allem viel: Teppiche, Möbel, Ledertaschen und Gürtel, Tücher, Silberschmuck, Gewürze, getrocknete Früchte, Fleisch und Fisch. Am Dattelstand erklärt ein Einheimischer, er ginge nie auf den Basar, aber die Frau sei krank. Er hasse das Prüfen der Ware, das Palaver über den Preis, die Zeitverschwendung. Als die Fremden das Wechselgeld für die Premiumdatteln, die «Royals», Münze für Münze nachzählen, guckt der junge Verkäufer so verblüfft, dass sie sich bei ihm entschuldigen. Manche Händler halten einen Armreif oder Schal hin, zeigen auf ein Paar besonders reich bestickter Babuschen, andere dösen vor sich hin. Keiner zupft einen am Ärmel, niemand läuft einem hinterher. Vielleicht haben die Händler einen Kurs in europäischen Verkaufsstrategien absolviert, vielleicht üben sie auch nur Nachsicht mit den ausländischen Barbaren, die über Muster und Farbpracht des Keramiktellers kein Wort verlieren, die nicht danach fragen, aus welchem Holz, ob Eukalyptus, Thuja oder Zeder, die Schmuckkassette ist, die stattdessen sofort zu feilschen beginnen, wie im Reiseführer empfohlen, und das Schnäppchen dann schnell wegpacken. «Es ist erwünscht», schreibt Canetti, «dass das Hin und Her der Unterhandlungen eine kleine, gehaltreiche Ewigkeit dauert.» Den Händler freut die Zeit, die man sich zum Kaufe nimmt. Man kann würdevoll oder beredt sein. Am besten ist man beides. Durch Würde zeigt man auf beiden Seiten, dass einem nicht zu sehr an Kauf oder Verkauf gelegen ist. Durch Beredsamkeit erweicht man die Entschlossenheit des Gegners. Es gibt Argumente, die bloss Hohn erwecken, aber andere treffen ins Herz. Jeder Zauber ist erlaubt, ein Nachlassen der Aufmerksamkeit ist unvorstellbar.» Irgendwann geht der Basar in die Wohnviertel der Altstadt über. Die Strassen sind so eng und verwinkelt wie die Marktgassen. Nur die Farben fehlen. Die Altstadt ist grau. Sie wirkt still. Dann ertönt der Ruf balak, balak - ein Eselkarren holpert vorbei, ein Auto sucht eine Lücke, um dem Karren auszuweichen, die Mofafahrer drosseln das Tempo und lassen beide Beine auf dem Boden schleifen. Katzen - Lieblingstiere des Propheten Vier, fünf Wochen alte Katzen bewegen sich gelassen von der Strassenmitte weg. Katzen sind nützlich, sie fangen die Kakerlaken und anderes Ungeziefer, und sie sind geschützt durch die Worte des Propheten, dass Mensch und Tier gleichermassen zu achten seien. Von Mohammed wird berichtet, dass er seine Lieblingskatze im Ärmel seines Mantels schlafen liess, und, als er ihn ausziehen wollte, den Ärmel sogar aufschnitt, um den Schlaf der Katze nicht zu stören. Ein Mann winkt die Besucher in eines der grauen alten Häuser, ein Stadtpalais. Im Salon bunt gewirkte Teppiche, Ruhepolster, Kissen, auf Fluren und an den Wänden vielfarbige Kacheln, im Innenhof Büsche, Blumen, ein Springbrunnen, Dutzende Spatzen fliegen auf. Nur für die Freude des Herzens Die Altstadt ist wie das Land. Bestückt mit teuren Hotels und Restaurants, bevölkert von Arbeitern und Gelegenheitsarbeitern, von Bauern, die Wasserarmut und Missernten in die Stadt trieben, von Arbeitslosen, denen der Aufstieg zum Türsteher und Kellner im Traum erscheint. Der Schriftsteller Hubert Fichte, der die Männer liebte, erzählt von einer unerwarteten nächtlichen Begegnung mit einem Marokkaner in der Nähe des Jemaa el Fna-Platzes. Als er dem Zufallsfreund danken will, antwortet der: «Kein Geld, es ist für die Freude des Herzens». «Lebenspflichten» hat Ludwig Christoph Hölty das Gedicht überschrieben, in dem er dem Leser zuruft: «Rosen auf den Weg gestreut, / und des Harms vergessen! / Eine kleine Spanne Zeit / Ward uns zugemessen.» Wir haben Gärten und Paläste besucht, die Zeugnisse der maurischen Kunst bewundert, die Keramiken und Deckengemälde bestaunt und uns am Rand der Wasserbecken ausgeruht. Wir haben viele Tassen Tee getrunken und unser Unwissen beklagt. Den Rosenstrauss aus dem Hotelzimmer nahmen wir mit. Das Bild des Hohen Atlas, dessen Berge sich hoch über den Palmen im Osten der roten Stadt erheben, bewahren wir in unserem Herzen. www.sueddeutsche.de Agnes Hüfner 09.03.2006
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