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Marzili: Berns begehrteste Insel Nicht mit Palmen bestückt und ohne kilometerlange Sandstrände und doch, Bern hatte einmal eine Insel und die Wogen schlugen hoch. So hoch, dass das Paradies in Bern in einem Atemzug genannt wurde mit den glamourösen Stränden an der Algarve und in St. Tropez. Ein kleines Paradies gibt es immer noch, die Insel ist verschwunden - zumindest was die real-pragmatische Begrifflichkeit angeht. Imaginär existiert sie bestimmt noch. Mancher Bernerin und manchem Berner wird das Marzili im Sommer zur sinnbildlichen Insel, die vertrauter ist als jede exotische Perle. Eine Insel, die auch jetzt noch ihren Reiz hat in der Welt des Alltags, wenn die Sonnenstrahlen nicht mehr ganz so heiss sind und dafür dem Dasein einen goldenen Glanz verschaffen. Das Aareufer war ein beliebter Ort, immer schon und ganz besonders im Marzili. Mit dem Zuviel an Zivilisation aber kam hier der Ruf nach Reglementierung. Die Industrialisierung zog die Menschen an. Die Sorge um deren sittliches Beisammensein machte sich breit. Die immer gleichen Fragen beschäftigten fortan die Obrigkeit: Darf der Berner mit der Bernerin gemeinsam baden? Und: Wie viel Stoff bedeckt die Scham? Die Stadt kaufte das Land auf der Insel und es galt Geschlechtertrennung in der nunmehr öffentlichen Badeanstalt. Ein erstes Reglement von 1886 verwies die Frauen auf die oberen, weniger attraktiven Badeplätze. Körperliche Ertüchtigung war ohnehin noch Vorrecht in Verantwortung des starken Geschlechts. Der Ausdruck Bubenseeli, zuvor den ganzen inneren Aarelauf bezeichnend, verwies zunehmend nur noch auf den untersten Teil, den Bueber. Dort fanden auch die alljährlichen Schwimmexamen statt - Volksfeste des männlichen Körperkultes, zu denen Frauen nicht einmal als zuschauende Mütter zugelassen waren. Bueber, Famer und Molejer Das Männerbad wurde in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts ausgebaut. Zuvor war schlicht an der Schiffländte gebadet worden. Dort, wo aus dem Oberland eingeflösstes Holz gesammelt und gelagert wurde. Eine neu erstellte Fussgängerbrücke trennte Nichtschwimmer- von Schwimmerbecken und mit dem Bau der Spundwand am Zusammenfluss von innerer und äusserer Aare wurde der erweiterte Bueber zum grosszügigen Badeplatz. Kurz vor der Jahrhundertwende schliesslich kam auch die Frauenwelt zu ihrer ersten ordentlichen Badeanstalt, inklusive Bassin für die kleinen Töchterchen und ringsum abgeschlossen mit Galerie und Sitzgelegenheiten, doch ohne Zugang hin zur offenen Aare. Gut zehn Jahre später schliesslich wurde der Molejer um ein Sonnenbad erweitert. Das erste Paradiesli stand damals jedoch noch an anderer Stelle als heute. Gemeinsam baden konnten man und frau lange nicht in der städtischen Badeanstalt auf der Insel. In den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts erst ist die Rede von einem so genannten Familienbad. Anfänglich nur ein kleiner Platz ohne direkten Wasseranstoss, wurde der Famer 1930 erweitert und etablierte sich mit einem Restaurationsbetrieb als eigentliches Zentrum der drei Badestätten im Marzili. Zum grossen Umbau kam es Ende der 1960er Jahre. Da erhielt das Marzili sein heutiges Gesicht - und verschenkte sich den Charme der topografischen Insel. Der Löifu, die innere Aare, wurde aufgeschüttet und seither zieht sich dort über die Aarestrasse der Asphalt hin. Den grössten Teil des Areals beansprucht nun das Familienbad. Doch die Diskussion um Sitte und Moral war damit noch nicht vom Platz verdrängt. Politik am Badekleid Zeitgleich mit dem Umbau kam auch der Ruf nach Gleichberechtigung im Badekleid. Ein neu aufkommendes Körperbewusstsein wurde von immer mehr Frauen veräusserlicht. Das Oberteil erschien verzichtbar - der Monokini wurde in. 1964 vom Berner Obergericht noch als unzüchtige Handlung taxiert, drohte eine Anzeige wegen Unzucht vor Kindern. Dennoch, erstaunlich schnell setzten sich die neuen Freiheiten durch. Von den nackten Tatsachen überrollt, musste die Berner Obrigkeit beigeben: Busenfreiheit von den Stränden der Algarve bis zu den öffentlichen Badewiesen in Bern - so titelten die internationalen Medien. Und trotzdem, mit Initiativen versuchten Sittenwächter die Demokratie zu mobilisieren und die alte Moral wieder herzustellen. Damals erfolglos, heute von den Entwicklungen des Zeitgeistes unterstützt - wenn auch unter anderen Vorzeichen: Wenn weniger nicht geht, ist mehr wieder mehr. Geblieben ist den getrennten Geschlechtern je nur noch ein kleiner, locker abgesetzter Platz zum Rückzug und zur Ruhe. Und das Paradiesli - ein exklusives Revier, in ausgleichender Gerechtigkeit für die jahrelange Benachteiligung heute auf der begehrten Insel nur noch ein Vorrecht für die Frauen. Wer als Mann textilfrei baden will, muss in die Lorraine ausweichen. Quelle: Peter Gygax: Marzili. Berner Welt am Aareufer. Münsingen-Bern: Fischer,1991. Vergriffen. Zum Thema: Christian Aeberhard, Denis Jeitziner, Felix Zimmermann (Hrsg.): Heimat Marzili. 80 Porträts aus dem Berner Aarebad. hier+jetzt: Baden, 2004. www.ensuite.ch Anne-Sophie Scholl 09/2006 ![]() |
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