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Opium - Tagebuch eines Entwöhnten Von Jean Cocteau Ich schreibe diese Zeilen nach zwölf schlaflosen Tagen und Nächten. Der Stift wird meine Pein besser ausdrücken: das, wozu die Unzulänglichkeit der Heilkunst die Kranken verurteilt, welche ein Mittel fortwerfen, das sich zum Herrn über sie macht. In dem Blut des Opiumsüchtigen ist keine Spur Opium nachweisbar. Man träumt: eines Tages werden die Ärzte das Versteck auffinden, das Gift durch einen wahlverwandten Stoff herausziehen, wie die Schlange durch Milch. Dann muss man aber auch noch den Körper einzuschläfern und dabei doch tüchtig zu erhalten verstehen. Wie soll er sonst jähen Übergang Herbst - Frühling ertragen! Solange sie solches nicht vermag, läuft die Wissenschaft ähnliche Gefahr wie einst bei der Hypnotisierung von Hysterikern. Erst der Doktor Sollier hat Versuche in Richtung einer Erkenntnis der Hysterie als eines Schlafzustandes gemacht. Er bringt die Kranken allmählich zum Wachen. Er kuriert nicht, sozusagen, den Morphinismus mit Morphiumgaben. Legt uns nicht die Natur das Gesetz Spartas und des Termitenhaufens auf? Darf man dieses dann verkehren? Wieweit reichen denn überhaupt unsere menschlichen Vorrechte? Wo ist die Grenze, die man nicht überschreiten darf? Nur allein unsere geistige Blindheit, das Vorurteil, alles nach eigenem Mass zu betrachten, hat uns die Trägheit der Pflanzen in lächerlicher Weise als stille Einfalt interpretieren lassen. Was aber bei einer Entgiftung vor sich geht, das erraten wir vielleicht aus den Zeitlupefilmen des Pflanzenreiches, aus den Verzerrungen, Gebärden und Krämpfen. Einen Schritt weiter auf dem Tongebiet - und wir wollen die Blumen schreien hören! Das Zerstörerische im Opium gehört der euphorischen, der wohlbehaglichen Gattung an. Die Qualen aber kommen aus der gewaltsamen Rückkehr in das normale Leben. Ein ganzer Frühling tobt dann in den Adern; die Eisblökke wie die Lavastücke werden mit fortgerissen. Wer erst seit acht Tagen entwöhnt ist, der mag seinen Kopf in den Arm nehmen, das Ohr anlegen und auf die Geräusche da drinnen lauschen. Katastrophen, Aufstände, in die Luft gehende Fabriken, geschlagene Armeen, die Sintflut - alles das vernimmt das Ohr, die ganze Apokalypse der gestirnten Nacht des Menschenleibes. Die Wiederkehr der sinnlichen Klarheit, das erste unzweideutige Anzeichen der Entgiftung, beginnt mit wiederholtem Niesen, mit Gähnen, Verschleimung und Tränenabsonderung. Ein weiteres Zeichen: Das Geflügel des Hofes mir gegenüber macht mich immer wütend, die Tauben laufen über ihre Zinkplatten hin und zurück; halten sie nicht die Hände auf dem Rücken? Am siebenten Tag aber hat mich der Hahnenschrei erfreut. Ich schreibe jetzt zwischen sechs und sieben Uhr morgens. Mit Opium aber fängt der Tag erst um elf Uhr an. Manche Organismen scheinen dazu bestimmt, Drogen zu unterliegen. Sie brauchen vielleicht ein Hilfsmittel, um die Aussenwelt in sich aufzunehmen. Diese leben, träumen in einem Dämmerzustand. Für sie ist die Welt ein Gespenst, solange nicht irgendeine fremde Substanz ihnen Körperlichkeit verleiht so wie das Wismut den Röntgenstrahlen. Diese Wesen finden selten Erleichterung. Oder die Erleichterung, die sie sich verschaffen, bringt sie gar um. Für sie bedeutet das durch das Opium erzeugte besondere Gleichgewicht einen Glücksfall. Es rüstet ihre leichten Korkseelen mit einem Tauchergewand aus. Für sie ist das Übel des Opiums geringer als das der anderen Gifte und vielleicht geringer als das Grundleiden, das sie also heilen wollen. Die Wiedergesundung der Sinne zeigt sich bei dem Manne mehr physiologisch, bei der Frau vor allem moralisch. Das Opium ändert nicht die Gesinnung des Mannes, es ändert sein Geschlecht. Bei der Frau wiederum erweckt es das Geschlecht und bringt das Gefühl zum Schweigen. Am achtzehnten Tag der Entwöhnung wird das Weib zumeist zärtlich, zum Heulen gestimmt. Darum scheinen in den Sanatorien auch die Weiber alle in den Arzt verliebt. Trotz allem, was ich erlitten, bleibe ich bei meiner Überzeugung, dass das Opium gut ist; es liegt nur an uns, es freundlich zu stimmen. Man muss damit umgehen können. Wir aber sind so ungeschickt wie möglich. Eine strenge Ordnung mit Abführmitteln, Leibesübungen, Ruhe, Leberdiät, unter anderem auch keine Attentate auf den Nachtschlaf, würde ein Mittel zulässig machen, das jetzt durch Unverständige in Verruf geraten ist. Man wende nicht ein, der Gewohnheitsraucher müsse die Dosen stets vergrössern. Es gehört zu den Geheimnissen des Opiums, dass der sachverständige, vorsichtige Raucher die Dosen nicht vergrössern muss. Das Problem des Opiums ist für mich kein anderes als das auch sonst unlösbare des Bequemen und Unbequemen. Was bequem ist, bringt um, das Unbequeme ist schöpferisch. Ich rede ebensowohl von der körperlichen wie von der geistigen Bequemlichkeit. Opium nehmen und doch der verlockenden letzten Bequemlichkeit nicht nachgeben heisst, in ein geistiges Bereich den stumpfsinnigen Scherereien entfliehen, die wahrhaftig nichts mit Bequemlichkeit und Unbequemlichkeit auf dem sinnlichen Gebiet zu tun haben. Es heisst immer, das Opium versklave. Das Gebot der zeitlichen Regelmässigkeit verleiht nicht bloss Disziplin, es verleiht auch Freiheit. «Das Bequeme bringt um», die Wahl geht also zwischen völlig Bequemem und dem völlig Unbequemen. Nun wird man frei vom Besuchszwang, von der Gesellschaft herumsitzender Leute. Nur der Hedonist findet diese sitzenden Leute mit ihren Liebesgeschichten und Geschäften spasshaft. Ich erwähne noch, dass das Opium im Gegensatz zur Spritze steht. Es macht den Menschen ruhig. Ruhig durch seinen Luxus, durch seine Zeremonien, den Geschmack der Lampen, der Zünder, der Pfeifen - durch die ganze weltliche Maschinerie um das altheilige Gift. Auch wenn keinerlei Bekehrungseifer sich einmengt, kann ein Opiumraucher nicht mit einem Nichtraucher zusammenleben. Beider Welten sind getrennt. Diese Verantwortlichkeit bildet eine der ganz wenigen Hemmungen des Rückfalles. «Ich bin innen mit Ruhe gepolstert.» Solches bringt vielleicht ein lebendig Geschundener zu seiner Ehre vor. Ein Bekannter schimpft: «Wer nicht leben kann, der verrecke! Alle Halbheit ist unmöglich, es sei denn an Frauen.» - Das Opium aber ist keine Flucht, es ist im Gegenteil ein Entschluss. Einen Fehler begeht nur, wer rauchen und dabei doch in den Umständen der Nichtraucher verbleiben will. Ein Raucher gibt selten sein Opium auf. Das Opium gibt ihn auf und zieht das andere mit sich. Es ist ein Stoff, der sich der Analyse entzieht, es ist lebendig, geradezu launisch und kann sich ganz plötzlich gegen seinen Raucher kehren. Das Opium ist ein Barometer von krankhafter Empfindlichkeit. Bei einem gewissen Feuchtigkeitsgrad in der Luft wird die Pfeife zum Giftrohr. Der Raucher reist ans Meer: die Droge läuft dort und will nicht sieden. Vor einem Schneefall, einem Gewitter, vor dem Mistral verliert sie an Kraft. So auch, wenn einer in der Nähe gar zu schwatzhaft ist. Mit einem Wort: keine Geliebte kann höhere Ansprüche stellen als dieses Mittel. Es treibt seine Eifersucht bis zu der richtigen Entmannung seines Rauchers. Die Symptome der Sucht ordnen sich nirgendwo ein und sind unbeschreiblich. Von ihnen haben nur die Wärter in den Sanatorien einen Begriff. Es sind ganz ernsthafte Störungen. Man stelle sich vor, der Mond nähere sich etwas der Erde, oder die Erde drehe sich ein wenig schneller, und man wird die Unruhe begreifen. Das Rad ist das Rad. Opium ist Opium. Alles andere ist kulturelle Erfindung. Ungefähr so, als hätte die Menschheit ohne die Kenntnis des Rades ihre Wagen auf künstlichen Pferdefüssen laufen lassen. Ich kann wirklich nicht schlafen. Ich will darum das Unmögliche versuchen, will die Sucht beschreiben. Byron sagt irgendwo: «Seekrankheit ist gewaltiger als Liebe.» Wie die Liebe und die Seekrankheit, so ist auch die Sucht allgegenwärtig. Widerstand ist nutzlos. Zu Anfang fühlt man Unbehagen. Dann wird die Sache peinlicher. Man denke sich eine Stille gegen ein Gequäke von Milliarden Kindern, die alle vergeblich nach der Brust schreien. Es ist die Unruhe der Liebe, übertragen in das Greifbare. Ein Nichtdasein, das Herr über einen ist, eine Tyrannei des Negativen. Danach werden die Erscheinungen deutlicher. Elektrische Seiden, Sekt in den Adern, Eiswasser und Gliederkrämpfe, Schweiss an den Haarwurzeln, der Mund fliesst, die Nase wird schleimig, in die Augen treten Tränen. Seid nun nicht länger beharrlich, oder alle Tapferkeit war vergeblich. Wenn du noch länger zögerst, wirst du deinen Stoff nicht hervorziehen, die Pfeife nicht mehr stopfen können. Rauche nun! Der Leib war gespannt auf diese Neuigkeit. Eine Pfeife und nicht mehr! Es ist leicht zu sagen: Das Opium unterbricht das Leben durch Unempfindlichkeit. Sein Wohlbehagen stammt aus dem Nichtsein. Doch ohne das Opium fröstle ich, erkälte mich, bin ich appetitlos, nervös, meine Einfälle sogleich loszuwerden. Wenn ich rauche, fühle ich mich erwärmt, kenne ich keine Erkältung, bin ich bei Appetit, gänzlich unnervös. Die Ärzte mögen das Geheimnis aufklären. - «Die Wissenschaft ist nicht neugierig», sagt Anatole France. Das ist wohl so. Das Opium ist das Schicksal, die Parze. Die Wärter heissen es auch das Luder. Es entzündet die Laternen vor den Pagoden. Ich bin nicht in der Lage, Enthüllungen zu machen. Wenn sogar die Wissenschaft hier die Heilkräfte nicht von den zerstörenden trennen kann, muss ich wohl stille sein. Niemals aber bedauerte ich so sehr, dass ich nicht Dichter und Arzt zugleich war - wie einst Apollon. Der Raucher wird eins mit den Gegenständen um ihn. Ihm fällt ein Finger aus der Hand, es war die Zigarette. Der Raucher ist stets auf gar schräger Bahn. Er kann seinen Geist nicht stramm halten. Elf Uhr, man raucht seit fünf Minuten. Man sieht nach der Uhr: es ist fünf Uhr morgens. Picasso sagte mir einmal: «Nichts in der Welt riecht so wenig dumm wie Opium. Vielleicht noch etwa der Zirkus und ein Hafen.» Bei seinem Individualismus, so aristokratisch, überflüssig, so unnatürlich jedes Meisterwerk sein mag, so bleibt es doch immer sozial gerichtet. Anderen zugänglich, dem Gefühl der Masse zu ihrer geistigen wie materiellen Bereicherung erreichbar. Das Bedürfnis, sich auszudrücken, in Beziehung zu der Aussenwelt zu treten, es verschwindet bei dem Hedonisten. Dieser will kein Meisterwerk herstellen, er will selbst zu einem solchen werden. Zu einem unbekannten, als ein hundertprozentiger Egoist. Man kann von einem Raucher, in seinem dauernden Zustand der Euphorie, nicht behaupten, er erniedrige sich. So wenig, wie man einen Marmorblock von Michelangelo ruiniert nennen kann oder eine Leinwand von Raphael befleckt, ein Blatt von Shakespeare beschmutzt. Und so wenig wie Bach ein Störer irgendeiner Stille ist. Nichts also ist weniger unrein als ein solches Meisterwerk, der Opiumraucher. Doch ist auch natürlich, dass die Gesellschaft, auf Teilung aufgebaut, es verurteilt als eine Schönheit, die allen unsichtbar bleibt, die sich nicht im mindesten verkauft. Der Maler, der mit Vorliebe Bäume malt, ist selbst zum Baum geworden. Kinder tragen ihr Opium in sich. Der Untergang der Heuchelei ist das Kind, bei seinem Pferdchenspiel selbst zum Pferd geworden. Kinder verfügen über die Zauberkraft, sich nach ihren Wünschen zu verwandeln. Dichter, grosse Kinder, leiden sehr unter dem Verlust dieser Fähigkeit. Und offenbar darum greifen Dichter auch zum Opium. Der Alkohol bewirkt Anfälle von Wahnsinn. Das Opium ruft Anfälle von Weisheit hervor. Diese Aufzeichnungen habe ich wahllos während meines Aufenthaltes in dem Sanatorium niedergeschrieben. Ich bin nicht vor Widersprüchen zurückgescheut, ich wollte nichts anderes als die Phasen der Behandlung wiedergeben. Es lag mir daran, frei weg vom Opium zu berichten, ohne literarische Ansprüche und auch ohne medizinische Kenntnisse oder Vorurteile. Die Psychiater scheinen die Kluft nicht zu kennen, die die Opiumsucht von den Opfern der anderen Gifte trennt, die Droge von den Drogen. Auch hat mein Arzt zugegeben, ein Kranker, der sich offenbart, könne der Medizin von grossem Nutzen sein. Ich will das Opium nicht im mindesten rechtfertigen. Ich will nur ein Licht in diese Dunkelheit werfen, die Füsse auf festen Boden setzen, Dinge, die man zu umgehen gewohnt ist, geraden Blicks ins Auge fassen. Ich nehme an: die jüngste Richtung der Medizin will das Joch abschütteln, einige lächerliche Vorurteile beiseite setzen. Sehr merkwürdig: Unsere körperliche Gesundheit vertrauen wir Ärzten einer Gattung an, die unsere sittliche Gesundheit auf dem Kunstgebiet zurückweisen würde. Werden die jungen eine wirksame Art der Entwöhnung entdecken, da die jetzige nicht viel leistet, oder wenigstens einen Weg, der die Wohltaten des Mohns zu geniessen ermöglicht? Quelle: Der Querschnitt - Das Magazin der aktuellen Ewigkeiswerte September 1930 Jean Cocteau (1889-1963) Französischer Künstler und Schriftsteller, der sich mit Poesie, Prosa, Film, Ballett, Malerei und Oper beschäftigte. Seine Werke sind beeinflusst von Surrealismus, Psychoanalyse, Katholizismus und Opium. Jean Cocteau war das Kind einer wohlhabenden Familie. Sein Vater war Anwalt und malte in seiner Freizeit. Er starb, als Jean zehn Jahre alt war. Als Neunzehnjähriger veröffentlichte Cocteau seinen ersten Gedichtband, Lamp d'Aladin (1908) und wurde durch seine Mitarbeit am Ballett Parade (1917) bekannt. Er schrieb den Text, Serge de Diaghile produzierte, Pablo Picasso machte die Bühnengestaltung und Erik Satie die Musik. Während des Ersten Weltkriegs diente Cocteau als Ambulanzfahrer an der belgischen Front. 1919 erschien das Fantasiestück Le Potomak, das Cocteaus Ruf als Schriftsteller festigte. Bald nach dem Krieg traf er den futuristischen Lyriker und Schriftsteller Raymond Radiguet, dessen früher Tod ihn in die Opiumabhängigkeit und eine Entziehungskur trieb. In den 20er Jahren wendete er sich mit Thomas l'Imposteur (1923) und Les enfants terribles (1929) dem psychologischen Roman zu, ausserdem arbeitete er mit Igor Stravinsky am Opernoratorium Oedipus-Rex. 1929 wurde er wegen einer Opiumvergiftung hospitalisiert. 1930 drehte Cocteau mit Le sang d'un poète seinen ersten Film. Sein grösstes Werk, La machine infernale (1934), schrieb er ebenfalls vor dem Zweiten Weltkrieg. Aufgrund einer Wette vervollständigte Cocteau das von Jules Verne in Around The World in 80 Days erdichtete Tagebuch unter dem Titel My First Voyage (1936). Seine enge Freundschaft mit dem jungen Jean Marais begann 1937, als Marais die Hauptrolle in Knights of the Round Table spielte, und seitdem schrieb er in seinen Werken Rollen speziell für ihn. In den 40ern kehrte Cocteau zum Filmemachen zurück, produzierte La belle et la bête (1946) und später Orphée (1950). Aufgrund gesundheitlicher Schwierigkeiten begann sich Cocteau 1953 zurückzuziehen, liess sich sein Gesicht liften und begann Lederhosen und Matador-Capes zu tragen. 1955 wurde er in die Belgische Akademie und in die Académie Française gewählt. Als er eine Radiosendung über Edith Piaf vorbereitete und von ihrem Tod hörte, sagte er: «Ah, la Piaf est morte, je peux mourir» und starb wenig später. |
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