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Gilberte de Courgenay

Gilberte Schneider-Montavon (1895-1957)

Gilberte Montavon war 18jährig, als sie bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914 das Pensionat verliess und nach Courgenay heimkehrte. Ihre Eltern führten dort das «Hotel de la Gare», wo sie in den nächsten vier Jahren unentbehrlich war. Nahe der französischen Grenze gelegen, wurde Courgenay bis 1918 zum Truppenstützpunkt; das bedeutete Tausende Soldaten und Offiziere, von denen viele im «Hotel de la Gare» eine Ersatzstube fanden. Truppen aus allen Landesteilen wechselten sich ab und verbreiteten den Ruf der charmanten Wirtstochter Gilberte Montavon, besser bekannt als «Gilberte de Courgenay», die mit ihrer herzlichen Art viele für sich einnahm.

Soldatensänger Hanns in der Gand, der in offiziellem Auftrag der Armeeleitung bei den verschiedenen Truppen unterwegs war, fasste im Februar 1917 die schwärmerische Verehrung der Soldaten in Liedform und trug damit entscheidend bei zur Popularität der Gilberte. In der Folge häufte sich die Feldpost im «Hotel de la Gare» - darunter waren auch Briefe von Major Francke, der Gilberte mehrfach in seinem Tagebuch erwähnt, zum ersten am 25. November 1917: «...geistreiches flottes Mädel, das in der Militärorganisation besser beschlagen ist als wir. Kennt alle Off» [R. VON FALKENSTEIN 1994, 319). Auch als die Truppe von Major Francke zum Jahreswechsel 1917/18 in Bonfol an der Grenze stationiert war, ging er weiterhin gerne nach Courgenay zu Gilberte. Dies trug ihm einen Tadel seines eifersüchtigen Vorgesetzten ein, der wohl vielen Qualen ausgesetzt war, denn: «...elle connait trois cent mille soldats et tous les officiers! C'est la petite Gilberte, Gilberte de Courgenay...», wie es im Refrain des Liedes von Hanns in der Gand heisst.

Mit dem Abzug der Truppen zu Kriegsende kehrte im Sommer 1918 wieder Ruhe ein in Courgenay. Der öffentliche Teil der Gilberte-Biographie wäre jetzt eigentlich zu Ende gewesen oder dann spätestens 1923 mit den Pressemitteilungen zu ihrer Hochzeit.

Die Figur der Gilberte de Courgenay erfuhr jedoch im Zweiten Weltkrieg eine ungeahnte Renaissance. Gerade rechtzeitig vor Kriegsausbruch erschien 1939 ein Gilberte-Roman; das darauf beruhende gleichnamige Theaterstück erlebte seine Premiere in Basel am 24. August 1939 - eine Woche vor dem deutschen Einfall in Polen. Es traf den Nerv der Zeit und war in verschiedenen Schweizer Städten jeweils wochenlang ausverkauft. Der gleichnamige Film war nur eine Frage der Zeit. Der Produzent der Praesens-Film AG, Lazar Wechsler, reagierte rasch, sicherte sich die Rechte am Stück, das Einverständnis von Gilberte SchneiderMontavon und das Patronat der Schweizerischen Nationalspende. An der Spitze dieser Stiftung für die Soldaten und ihre Familien standen General Guisan als Obmann und der Fürsorgechef der Armee, Oberst Feldmann, als ausführendes Organ. Die Bewilligung des Projektes durch den Armeefilmdienst und die Unterstützung der Behörden waren dadurch gesichert. Der Preis für das Patronat der Nationalspende war eine Gewinnbeteiligung von gegen 200'000 Franken [BA E 5795/552: Oberst Feldmann warb mit dieser Summe bei General Guisan um Truppen für den Film).

Eine weitere Bedingung war die Übertragung der Regie an einen Schweizer - als Wunschkandidat wurde von dieser Seite der junge Franz Schnyder durchgesetzt. Lazar Wechsler (zu seinem Glück seit 1924 eingebürgert) hatte 1939 den Unmut patriotischer Kreise auf sich gezogen, als er die Regie für den Film «Füsilier Wipf» an den Ausländer Leopold Lindtberg übertragen hatte. Die eigentlichen Dreharbeiten erfolgten im Februar/März 1941. Selbst der General liess sich zum Schluss überreden, Truppen für die Militärszenen zur Verfügung zu stellen. Am 14. März 1941 schrieb er an Oberstkorpskommandant Borel: «D`emblee, je n'ai pas ete tres enthousiaste de mettre ä disposition de cette firme une batterie ä Courgenay. Si je me suis decide ä vous demander ce prelevement sur l'Artillerie de la 2. Division, c'est que le Departement federal de l'Interieur m'a prie de faciliter les prises de vues pour le film en question» [BA E 5795/132].

«Gilberte de Courgenay. Ein Film aus der Grenzbesetzung 1914-18» wurde zum überwältigenden Erfolg, obwohl das Rührstück nur mässige Kritik erhielt, die vom Pflichtlob bis zur Schelte des jungen Kanoniers Max Frisch reichte. Einen wichtigen Anteil daran hatte sicher Anne-Marie Blanc in der Hauptrolle; sie verlieh der Gilberte de Courgenay ein Gesicht, das sich bei der Schweizer Bevölkerung bis über den Zweiten Weltkrieg hinaus einprägte. Die folgende Beschreibung der idealisierten Figur stammt aus einem siebenseitigen Brief von Oberst Feldmann von der Nationalspende an General Guisan, den er darin um Truppen für die Filmarbeiten bat.

«Durch... innere Kraft und Festigkeit, die zur selbstloser Hilfsbereitschaft und Tätigkeit anspornt, wächst die kleine Gilberte Montavon zu der Idealgestalt der Gilberte de Courgenay heran und wird so über eine gewöhnliche Soldatenfreundin hinaus zu einer der ersten Soldatenfürsorgerinnnen und damit zum Frauenideal überhaupt, das als bestes Beispiel von uneigennütziger Einsatzbereitschaft der Frau im Dienste der Armee hell aufleuchtet. Ganz besonders weist sie einen jungen Kanonier zurecht, der sich irrtümlich von seiner Verlobten verlassen glaubt und deshalb in jugendlichem Weltschmerz nur noch mit halben Sinnen Dienst leistet. Dieser Soldat reift unter der Führung der Gilberte zu einem gefestigten Mann heran... Die Gilberte, der es gelingt, diese moralische wie praktische Wendung herbeizuführen, ist nicht nur eine Fürsorgerin, sondern zugleich eine Stauffacherin, die auf ihre Art mit Erfolg für das Vaterland kämpft» (BA E 27/552].

Gilberte, oder eher die patriotische Silhouette, die man sich von ihr machte, wurde so zu einer Trumpfkarte der geistigen Landesverteidigung.

Quellen und Lit.: Akten Bundesarchiv (BA],1941: E 27/9311, E5795/ 132 und E 5795/552. - HANS GEORG W1RZ: Gedenkbuch 25 Jahre Schweizerische Nationalspende für unsere Soldaten und ihre Familien, 1918-1943. Bern 1945. - Nachrufe aus verschiedenen Zeitungen in: Biographischer Katalog der Schweizerischen Landesbibliothek. - HERVE DUMON'r: Geschichte des Schweizer Films. Spielfilme 1896-1965. Lausanne 1987. - RAINER VON FALKENSTEIN (Hrsg.): A Cheval. Zwischen Kavallerie und Unternehmung. Das Tagebuch von Wilhelm Hugo Francke 1914-1918. Brugg 1994.

Quelle: Marianne Berchtold
Biographien - Bernisches Historisches Museum 1996


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