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Wie 's Vreneli auf die Münze kam



Eine Geschichte von Jürg Willi für Margaretha Dubach

1911 wurde da, wo das heutige Hotel Bellevue steht, die eidgenössische Münzstätte abgerissen, in der die ersten eidgenössischen Münzen geprägt worden waren. Jedermann kennt die stehende Helvetia auf dem 1-Franken-, 2-Franken- und 50-Rappen-Stück, als klassisch gewandete, mit Speer und Wappenschild bewaffnete Frau, aber kaum jemand interessiert sich für die Frau, die darauf abgebildet ist. Das hätte leicht anders sein können. Darüber wird folgende Geschichte berichtet: Für die ersten eidgenössischen Münzen wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben, bei welchem sich am Ende die Entwürfe zwei sehr verschiedener Künstler gegenüberstanden. Die Entwürfe von Antoine Bovy aus Genf, die siegreich aus dem Wettbewerb hervorgingen, lehnten sich an die Antike an und zeigten - dem damals vorherrschenden Geschmack entsprechend - eine allegorische, unpersönlich wirkende Frau. Unterlegen waren die Entwürfe von Ami Jean Jacques Landry aus Le Locle, der mit seiner lebendigen und natürlichen Frauendarstellung der damaligen Zeit weit voraus war.

Für den Vorschlag Landrys hatte sich einer der ersten Bundesräte, namens Ulrich Ochsenbein, mit Vehemenz eingesetzt. Dabei ging es ihm ebenso um das Werk wie um die dargestellte Person namens Verena Leu, allgemein bekannt als Mutter Helvetia.

Über diese damals sehr umstrittene Person ist eben ein Buch Das wahre Leben der Helvetia erschienen. Im Schweizerischen Landesmuseum Zürich sind die wichtigsten Szenen aus ihrem Leben in der Ausstellung VIVAT HELVETIA zu sehen (Juli bis Dezember 1998). Verena Leu hatte im Alter von 28 Jahren auf Anhieb den Wettbewerb für das Festspiel in Zug von 1852 gewonnen. Sie übernahm in dieser Aufführung die Hauptrolle der Helvetia, der Mutter aller Völker, und spielte diese Rolle so überzeugend und ergreifend, dass die Gäste in Scharen aus dem In- und Ausland herbeiströmten. Verena, nun nur noch Helvetia genannt, wurde zur Kultfigur des europäischen Hochadels und der Künstler und Dichter aller Welt. Auf deren Drängen hin gründete Verena Leu bei Seelisberg eine Lebensschule, eine Schule, wo der europäische Hochadel von ihr das wahre und natürliche Leben lernen wollte.

Ulrich Ochsenbein war anlässlich des Festspiels in Zug auch unter den Verehrern Verenas und wartete ihr nach der Aufführung mit einem grossen Strauss roter Rosen auf. Seine Avancen blieben von Verena allerdings unbeantwortet. Ochsenbein war jedoch nicht der Mann, der sich leicht entmutigen liess. Als es darum ging, eidgenössische Münzen zu prägen, erinnerte er sich - jetzt Bundesrat - an die schöne Verena und lud sie zu einem Gespräch ins Hotel Falken nach ern ein. Er stellte ihr die trage, ob sie Interesse hätte, auf den schweizerischen Münzen abgebildet zu werden. Er versicherte ihr, seinen massgeblichen Einfluss geltend zu machen, und dies mit Erfolg. Verena, immer mit gutem Sinn für Dramatik, konnte es nicht lassen, mit Ochsenbein ein kleines Spiel zu treiben. Er konnte ja nicht wissen, dass sie über ihn bestens informiert war und ihm einige Jahre zuvor eine peinliche Niederlage bereitet hatte.

Es handelte sich um den zweiten Freischarenzug im Frühjahr 1845. Damals zog eine Schar von 7000 Männern aus dem Mittelland gegen Luzern, um dort die klerikal gesinnte Regierung mit Gewalt zur Abdankung zu zwingen. Anführer dieser Truppe war Hauptmann Ulrich Ochsenbein. Doch der Freischarenzug lief schon falsch, bevor es zu eigentlichen Kampfhandlungen hätte kommen können. Aus unerfindlichen Gründen war nämlich plötzlich Ochsenbeins Adjutant Balthasar Kneubühler nicht mehr auffindbar. Dieser verfügte über die Pläne für die Artilleriebeschiessung Luzerns und kannte Verbindungsleute, die den Freischaren die Stadttore hätten öffnen sollen. Was war geschehen? Verena Leu, entschlossen, Luzern vor den Freischaren zu retten, hatte es verstanden, Kneubühler derart den Kopf zu verdrehen, dass er seine kriegerischen Pflichten völlig vergass und sich als Katholikenhasser mit ihr auf eine zweitägige Wallfahrt begab.

Es blieb für Ochsenbein unerklärlich, wie es zu dieser Panne hatte kommen können. Weit entfernt lag ihm der Gedanke, dass er ausgerechnet der hübschen Person, für die er sich nun so sehr ins Zeug legte, dieses Desaster zu verdanken hatte. Verena nahm die Huldigungen dieser stolzen Herren schmunzelnd entgegen. Sie gab vor, in das Angebot, sich für die Münzen porträtieren zu lassen, nur einzuwilligen, wenn der Bundesrat in corpore am 1. August ihre Lebensschule besuche, um mit den Gästen aus aller Welt eine nationale Feier abzuhalten. Ochsenbein, dem jede Gelegenheit recht war, die Beziehung zu Verena zu vertiefen, setzte seine ganze strategische Begabung ein und erreichte dieses Ziel. Er war allerdings ziemlich verwirrt, als er seinen früheren Adjutanten Kneubühler jetzt als Ehemann an der Seite Verenas vorfand. Die beiden Herren taten, als ob sie einander nicht kennten, und gingen einander aus dem Wege.

Auf Veranlassung Ochsenbeins war Verena dem Künstler und Graveur Ami Jean Jacques Landry Modell gestanden, und es war ein wunderschöner Vorschlag für die Münzen entstanden. Dennoch unterlag Landrys Vorschlag überraschend jenem von Antoine Bovy, weil ihm Ochsenbein nach dem unerfreulichen Besuch in Seelisberg «aus persönlichen Gründen» seine weitere Unterstützung versagte. Aber Landrys Vorschlag ging nicht verloren. Er wurde später von seinem Neffen Fritz wieder aufgegriffen. Ab 1897 wurden in der eidgenössischen Münzstätte in Bem die 20-Franken-Stücke mit dem Porträt von Verena Leu geprägt. Schon bald wurden diese Münzen zärtlich Goldvreneli genannt, sie geniessen bis heute bei den Numismatikern höchste Beliebtheit.

Ochsenbein aber trug die beunruhigende Frage mit ins Grab, ob er ausgerechnet jener Frau zu dauerndem Ruhm verhalf, die ihm die Blamage seines Lebens zugefügt hatte.

Quelle: du 8/1998

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