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Graffiti
Index «Graffiti» und gesprayte Parolen prägen seit den späten sechziger Jahren das Erscheinungsbild des städtischen Strassenraums mit: Rohstoff für die Künstler, welche sich als Seismographen gesellschaftlicher Veränderungen und entsprechender Kommunikationsformen verstehen. Stichworte zu einer Ästhetik der Graffiti Die New Yorker U-Bahn-Graffiti gediehen anfangs der 70er Jahre. Die portugiesische Revolution im Jahre 1974 brachte über Nacht politische Parolen und Wandbilder in den Strassen Lissabons zum Vorschein. Die Jugendunruhen Ende der 70er Jahre brachten subversiv militante Sprüche sowie eine neue Form des visuellen Protests, das Farbbeutelwerfen, ans Tageslicht. Die 80er Jahre sind von skurrilen, absurden Äusserungen von No-Future-Mittdreissigern, der Null-Bock-Generation und von der Punk- und New-Wave-Ästhetik geprägt. Mit Hilfe einer Farbversprühung kann man jedem Gegenstand eine aufreizende Note und einen glamourhaften Glanz verleihen; die einfache Handhabung der Sprühdose und deren problemloser Erwerb führte zu einer neuen Form der verbalen Aussage und des graphischen Ausdrucks. Viele Menschen benützen die Farbsprühdose als Requisit, um die Gesellschaft mit ihrem Zeichen zu markieren. - Ein Panoptikum von immer wieder neu formulierten ästhetischen Erfahrungen bietet sich zur Betrachtung an. weiter... Künstlerarbeit mit Eindrücken von der Strasse 1971 schrieb der Berner Künstler Rudolf Mumprecht das Wort Liberté schwarz auf eine «lebensgrosse», 83 x 200 cm messende Leinwand. Die Schrift erscheint spontan und schnell auf die Fläche geworfen mit breitem Pinsel. Es entsteht der Eindruck von einem Mauerbild, von illegaler Fassadenmalerei. Der Schriftzug mit seinen Fliess- und Spritzspuren entstammt nicht nur formal, sondern auch von seiner verbalen Bedeutung her der revolutionären Praxis, politische Schlagwörter direkt und monumental im öffentlichen Raum, in der Strasse einzusetzen. weiter... Die Mauer als erogene Zone «Graffiti? Jederzeit, wenn sie nicht beleidigend oder schwachsinnig sind, und nicht alles verschmutzen». Gemeinplatz einer schier unbegrenzt variierbaren Intoleranz, ähnlich wie: «Nacktbaden? - Gerne, vorausgesetzt mir werden keine betagten, dickbäuchigen Herren zugemutet.» Es gibt einen sich liberal wähnenden, sich auf die geeichte und somit unerfüllbare Norm der Museen berufenden Schönheitsrassismus, der darauf abzielt, alles und jeden zu marginalisieren. Hüten wir uns also vor einer ästhetischen Legitimation der Graffiti. Hüten wir uns davor, uns in den Kreis der Schönen Künste einschliessen zu lassen, und dies zu einem Zeitpunkt, wo gerade die Graffiti dabei sind, ihn zu sprengen und vor unseren Augen die Stadt zu erschliessen. Ihre verstohlenen Urheber malen keineswegs unwissentlich Klees und Tapiès', im Gegenteil, sie produzieren ganz bewusst Zeichen, die gegen jede ästhetische Kolonisation abgesichert sind: Bilder auf Mauern, gleichzeitig jedoch auch Bilder ausserhalb der Mauern, Bilder, die ganz grundsätzlich fehl am Platze sind, sich jeglicher räumlichen Zuweisung, jeder Einrahmung - auch der photographischen - versperren. Wohl eher unfreiwillig zeigen dies die luxuriösen Bildbände, die man ihnen seit einiger Zeit widmet. weiter... Skizze eines Hin und Zurück: Graffiti, Vandalismus, Zensur und Zerstörung Diese spezifischen Züge haben dazu geführt, dass die Graffiti in einem schon alten Prozess der progressiven (und relativen) Legitimierung begriffen sind, der während des letzten Jahrzehnts eine rasche und spektakuläre Entwicklung in den westlichen Stadtkulturen durchgemacht hat. Die Veränderung in der Aufnahme der Graffiti, die daraus resultiert, ist offensichtlich: In einer völligen Umkehr der Perspektive lässt sich die Frage stellen, ob es nicht die Zensur und vor allem die Zerstörung der Graffiti sind, die eine Form von Vandalismus darstellen und verboten werden müssten. Aber es ist auch das Wesen der Graffiti selbst, das radikal modifiziert wird. Um eine kurze Bestandsaufnahme einiger Anzeichen dieser Veränderung zu skizzieren, muss man innere und äussere Aspekte dieser Entwicklung unterscheiden. weiter... Harald Naegeli - Der Sprayer von Zürich Harald Naegeli erregt - im doppelten Wortsinn - Aufsehen mit seinen Strichfiguren Wie Harald Naegeli zu seinem internationalen Ruf kam, dürfte einigermassen geläufig sein. Von 1977 bis Juni 1979 verzierte er Zürichs Betonwelt mit schätzungsweise 400 bis 600 Strichfiguren aus der Spraydose. Dann setzten die Strafprozesse ein: Verurteilung des Spraytäters wegen Sachbeschädigung durch das Zürcher Obergericht zu neun Monaten Gefängnis ohne Bewährung und 206'000 Franken Schadenersatz. (Das Bezirksgericht hatte zuvor ein wesentlich milderes Urteil gefällt). Das Bundesgericht in Lausanne bestätigte im November 1981 das Strafmass, wiederum in Abwesenheit des Angeklagten. Dieser hatte sich in die Bundesrepublik Deutschland abgesetzt, um sich dem Zugriff der Justiz zu entziehen. Aber auch hier riefen ihn kahle, seelentötende Mauern zu neuen Taten auf, in Stuttgart, Köln, Düsseldorf. Er wurde von Interpol gejagt. Am 27. August 1983 bekam man ihn in Puttgarden während des Grenzübertritts nach Dänemark zu fassen - später wurde er gegen eine Kaution freigelassen. weiter... Harald Naegeli - Der Sprayer von Zürich Zwischen «recht» und «rechtens». Straffreiheit für den Sprayer? Als «Europas prominentesten Sprayer» bezeichnete ihn Radio DRS anlässlich eines Streitgesprächs in der «Samstagsrundschau»: Harald Naegeli, Zürcher, wurde wegen sprayender «Sachbeschädigung» zu neun Monaten Haft verurteilt und - nach seiner Verhaftung in der Bundesrepublik - in die Schweiz ausgeliefert. Verzicht auf diese Auslieferung hatten 72 Schweizer Kulturschaffende gefordert: Naegelis künstlerische Botschaft wiege schwerer als formaljuristische Erwägungen. In der «Samstagsrundschau» traten sich unter der Leitung von Roberto Binswanger der Schriftsteller Adolf Muschg als Vertreter der 72 und der Zürcher Staatsanwalt Marcel Bertschi als Vertreter der Behörde gegenüber. weiter... Harald Naegeli - Der Sprayer von Zürich Es geschieht in diesem Land Das von sadistischem Belehrungsdrang getragene Urteil über den Urheber der Männchen, seine stillschweigende Vollstreckung werfen Schatten; nicht nur auf den Menschen in der Zelle, dem - logisch - der offene Strafvollzug nicht gewährt wurde und den man zu den schweren Burschen legte. Ein paar Männchen haben die ganze Nation bis auf die Knochen blamiert. Wieviel Souveränität ist noch übrig? Die Kapitäne können sich vorn einen dezenten Umgang mit der nichtverstandenen Kultur offenbar noch leisten, während achtern bereits das Gespenst ihrer Strangulierung sichtbar wird. weiter... Bianchi, Paolo (Hrg.): Graffiti. Wandkunst und wilde Bilder. Birkhäuser Basel 1984 ISBN: 3-7643-1617-9 (vergriffen). Paolo Bianchi, geboren 1960, arbeitet als Kulturpublizist und freier Ausstellungsmacher, aktuell: LKW. Lebenskunstwerke, Linz 1999, Bregenz und Biel 2000. Er ist Senior Curator am O.K Centrum für Gegenwartskunst und Gastherausgeber der Zeitschrift Kunstforum International, u. a. Weltkunst - Globalkultur 1992, Afrika 1993, Ästhetik des Reisens 1997, Lebenkunst als Real Life 1999, Das Gartenarchiv 1999. 1998-2000 Gastprofessor an der Universtität für Kunst und Gestaltung Linz. US-Polizei jagt Graffiti-Sprayer mit Satellitenunterstützung Los Angeles - Die US-Polizei jagt Graffiti-Sprayer jetzt mit modernster Technik: Mehrere kalifornische Städte haben tragbare Sensoren angeschafft, die auf den unverkennbaren Sprühton aus der Dose reagieren. Anschließend übermitteln sie den per Satelliten-Navigation berechneten Standort des Sprayers per Funk an die Polizei. weiter... |
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