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Graffiti
Harald Naegeli Der Sprayer von Zürich erregt - im doppelten Wortsinn - Aufsehen mit seinen Strichfiguren Wie Harald Naegeli zu seinem internationalen Ruf kam, dürfte einigermassen geläufig sein. Von 1977 bis Juni 1979 verzierte er Zürichs Betonwelt mit schätzungsweise 400 bis 600 Strichfiguren aus der Spraydose. Dann setzten die Strafprozesse ein: Verurteilung des Spraytäters wegen Sachbeschädigung durch das Zürcher Obergericht zu neun Monaten Gefängnis ohne Bewährung und 206'000 Franken Schadenersatz. (Das Bezirksgericht hatte zuvor ein wesentlich milderes Urteil gefällt). Das Bundesgericht in Lausanne bestätigte im November 1981 das Strafmass, wiederum in Abwesenheit des Angeklagten. Dieser hatte sich in die Bundesrepublik Deutschland abgesetzt, um sich dem Zugriff der Justiz zu entziehen. Aber auch hier riefen ihn kahle, seelentötende Mauern zu neuen Taten auf, in Stuttgart, Köln, Düsseldorf. Er wurde von Interpol gejagt. Am 27. August 1983 bekam man ihn in Puttgarden während des Grenzübertritts nach Dänemark zu fassen - später wurde er gegen eine Kaution freigelassen. Bis zur Stunde ist es noch ungewiss, ob der Sprayer in die Schweiz ausgeliefert wird. Der Kanton Zürich wäre nach erfolgter Auslieferung für den Vollzug der Strafe oder für eine Begnadigung zuständig. Der Sprayer von Zürich, für die Schweizer Gerichte ein Straftäter, ist aber in den Augen vieler - auch in meinen Augen - ein unersetzlicher Künstler. Rund siebzig Kunstschaffende unseres Landes forderten die Zürcher Behörden auf, von ihrem Auslieferungsbegehren abzusehen. In der Bundesrepublik verwendeten sich bedeutende Museumsleute und Künstler für ihn, allen voran Joseph Beuys und der Schriftsteller Erich Fried. Naegeli selbst bezeichnete sich in einem Interview mit dem «Sonntags-Blick» als «geschichtliche Figur», als «Symbol und Identifikationsfigur», als «politischen, gesellschaftlichen Fall». Er werfe die «Bombe Poesie», darin bestünde in Wahrheit seine Subversion, nicht in der Sachbeschädigung. Naegeli sieht sich in den Fussstapfen Till Eulenspiegels, des norddeutschen Schalks und Narren aus der Mitte des 14. Jahrhunderts, der seiner Zeit ebenfalls den Spiegel vorhielt. Seine trotzig-drolligen Männlein und Weiblein, Tiere und Teufelchen sollen auch warnen und erschrecken. Sie künden die «Eiszeit» an, unsere seelische Verödung im Gefängnis der in Abgasen erstickenden Städte. Die Wandaufschrift Ohne Justiz kein Sprayer in der Umgebung des Kunsthauses Zürich nimmt zwar ein durch ihren Witz; aber sie trifft die Sache nur halb. Zwar steuerte der Sprayer von vornherein auf den Skandal zu, wohl weil er glaubt, dass man sich heute nur noch als öffentliches Ärgernis Gehör verschaffen kann; aber ein solches Vorhaben gelingt denn doch nicht jedem. Ein Künstler ist ja nicht einfach ein Könner, sondern einer, der sich die ihm gemässen Bedingungen schafft, damit er überhaupt seine Kunst hervorbringen kann. Das ist Harald Naegeli gelungen. Er brauchte das Szenarium des nächtlich-erstorbenen Zürich als Stimulans; er brauchte die Gefahr, überrascht, ertappt zu werden. Er baute eine «Ästhetik des Risikos» (Georges Mathieu), arbeitete blitzschnell aus innerem Überdruck: Daraus kam die Sicherheit der Hand, dann sass der Strich, und keiner zuviel. Fritz Billeter Bianchi, Paolo (Hrg.): Graffiti. Wandkunst und wilde Bilder. Basel 1984 Graffiti - Index Links Partikelbewegungen im Raum Harald Naegeli, 1939 als Sohn einer Künstlerin und eines Psychiaters in Zürich geboren, trat erst im Jahre 1977 an die breite Öffentlichkeit. Im Unterschied zu manch Anderem tat er dies aber in völliger Anonymität: als Phantom sprühte er - meistens im Schutze der Dunkelheit -- rasche Strichgesten auf Gebäude, Brückenpfeiler und Betonwände, was ihm den Namen "Der Sprayer von Zürich" einbrachte. Solche "Kunst im öffentlichen Raum" traf den Nerv der Schweizer Bevölkerung: es wurde ein Kopfgeld auf die Ergreifung des Sprayers ausgesetzt, der aber erst zwei Jahre später festgenommen wurde. In der Folge dehnte Naegeli seine Aktivitäten auf deutsche Grossstädte aus, wobei gross angelegte Zyklen wie der ca. 600 Spraybilder beinhaltende Kölner Totentanz (1980/81) entstanden. Heute existieren nur mehr Photodokumente davon, da die Graffitis meist schon am nächsten Tag von städtischen Säuberungstrupps entfernt wurden. Ein internationaler Haftbefehl zwang Harald Naegeli, in verschiedenen europäischen Grossstädten unterzutauchen, ohne aber seine Sprayaktionen einzustellen. 1984 stellte er sich schliesslich den Schweizer Behörden und verbüsste eine mehrmonatige Haftstrafe. weiter... Ich mach‘ in Fresco - Ein Gespräch mit Harald Naegeli, Köln 1984 Harald Naegeli: Ich bin Schweizer Staatsbürger, leider, und die Auseinandersetzung mit der Schweiz bedeutet eine Auseinandersetzung mit dem Kapitalismus in diesem Land. Das heisst, man muss sich darüber klar sein, dass die Schweiz sich schon and den beiden Weltkriegen bereicherte und heute in einem nicht vergleichbaren Ausmass an der Dritten Welt schmarotzt. Alle diese Fluchtkapitalien, die in Schweizer Banken lagern, deuten auf diese Schuld hin, und selbstverständlich ist jeder Staatsbürger Nutzniesser dieser Kapitalien in irgendeiner Form. Meine Zeichen in der Zeit von 1977-79 waren ein erster stummer Aufstand. Und ich glaube, dass der Aufschrei der Jugend in der Schweiz ebenfalls die Äusserung eines tiefsitzenden Unbehagens gegenüber dieser gesellschaftlichen und politischen Situation war. Und ebenso wie die Jugendrevolte zusammengeknüppelt wurde, sind alle meine Zeichen ausgelöscht worden. weiter... |
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