Karte vom Irak

Hatra

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Irak - Kunst und Kultur
Schmalkost für den Geist
Im Irak sind neue Bücher und Zeitschriften Mangelware


Was passiert etwa mit Studenten naturwissenschaftlicher Fächer, deren aktuellste Literatur zehn Jahre alt ist? Wie bilden sich Ärzte fort, wenn die Einfuhr von Fachliteratur de facto verboten ist? Was lesen die Menschen im Irak für Literatur, wenn es keinen Austausch gibt mit dem Rest der Welt?

Die Bildungssituation im Irak ist erbärmlich, sagt Hans Graf von Sponek, der humanitäre UN-Koordinator in Baghdad. Eine ganze Generation werde vom Wissensnachschub abgekoppelt. Gleichzeitig sind viele Iraker gezwungen, ihre Bücher auf eigenen Märkten zu verkaufen, weil sie Geld zum Überleben dringender brauchen als Gedrucktes...

Ein Burda-Heft, Titel Was man trägt von 1981, eine Ausgabe des Spiegel vom September 1996 und jordanische Tageszeitungen von -immerhin - 1998 - sie werden hier in der Al-Mutanabie-Strasse fein säuberlich sortiert auf dem Bürgersteig zum Verkauf feilgeboten - und finden Abnehmer. Daneben sind auch alte, zerlesene Bücher im Angebot, so zum Beispiel Alice in Wunderland, Dostojewskis Idiot, ein Reiseführer über Budapest, Anleitungen zur Reparatur verschiedener Autotypen, Gedichtbände, Geschichtsbücher und natürlich die verschiedensten Ausgaben des Koran. Wie an jedem Freitag ist der Büchermarkt besonders belebt. Samir Hamid verkauft hier seit fast 10 Jahren. Er begann mit Exemplaren aus seiner eigenen Bibliothek, jetzt ist er in erster Linie Zwischenhändler:

Der An- und Verkauf gebrauchter Bücher begann im grossen Stil während des zweiten Jahrs der UN-Sanktionen. Dieser Markt ermöglichte es den Leuten, wieder Literatur zu kaufen. Nach Jahren des Embargos gibt es keine Buchmessen mehr wie früher, es gibt auch kein Papier, also haben Buchläden keine neuen Bücher. Und die Menschen fingen an, aus Finanznot ihre eigene Bibliothek zu verkaufen und so hat sich das weiter entwickelt.

Der Preis von Papier und Druckerschwärze ist unter dem Embargo extrem gestiegen, deshalb werden im Irak immer weniger Bücher gedruckt. Der Import ausländischer Literatur ist mangels Devisen nahezu unmöglich. Kommt mal ein ausländisches Buch ins Land, so ist es für die meisten unerschwinglich. Das gelte nicht nur für schöne Literatur, meint Jaafar. Auf die Frage, was er am meisten verkauft, erklärt er:

Wissenschaftliche Bücher, für Studenten der Ingenieruswissenschaften, vor allem realtiv neue Bücher aus den achziger Jahren.

Man trifft sich auf dem Büchermarkt in der Altstadt Baghdads. Viele pilgern jeden Freitag hierher: Ganze Familien, zahlreiche Studenten, aber auch Lehrer und sogar Professoren. Abdel Razzak el Ahbari ist Profesor für Arabische Literatur. Er kommt ausschliesslich als Käufer hierher. Mehr als 5.000 Bände umfasst seine Bibliothek. Auch El Ahbari klagt, dass man immer weniger Bücher in Baghdad finde, vor allem keine neuen.

Die kultivierten Menschen leiden unter dem Fehlen der Bücher, sie haben keinen kulturellen Austausch mehr mit der Welt.

Natürlich habe man auch früher nicht alles auf dem irakischen Buchmarkt gefunden, meint ein Passant. Aber die heutige Situation sei unerträglich. Hamid Said, stellvertretender Minister für Information und Kultur und selbst Schriftsteller, erläutert, er sei einer der Glücklichen, die Freunde in aller Welt hätten:

Wenn ich ein Buch bekomme, dann beginnt eine Kettenreaktion, einer nach dem anderen in meiner Umgebung liest es. Manchmal haben am Ende mehr als 20 Leute, dasselbe Buch gelesen.

Die UN-Sanktionen seien auch in diesem Sinne ein Anschlag auf die Würde der Iraker:

Ich glaube, dies ist eine Attacke auf die einfachsten und grundlegendsten Rechte eines Menschen. Und das ist das Recht auf Wissen, wird man dessen beraubt, dann ist dies ein schwerer Angriff auf die Menschenrechte.

Der Irak sein ein Land mit einer Jahrtausende alten Kultur. Es gebe eine Tradition der Musik, der Gedichte und der Geschichten.

Diesem Land das Wissens zu nehmen, ist noch härter als ihm Nahrungsmittel und Medizin vorzuenthalten.

Es gibt ein Sprichwort in der arabischen Welt: Ägypten schreibt, der Libanon druckt und der Irak liest. Die Iraker lesen immer noch gerne, wie man auf dem Büchermarkt in Alt-Baghdad festellen kann. Nach neun Jahren Un-Sanktionen suchen sie allerdings verzweifelt nach Lesbarem, ausser dem, was sie schon kennen und was die staatlichen Druckereien heute noch auf den Markt bringen.

Von Birgit Kaspar
Birgit Kaspar 1963 in Köln geboren. Mit der Entsendung nach Amman ging für Birgit Kaspar ein lang gehegter Traum in Erfüllung - Korrespondentin im Nahen Osten zu werden. Der Weg von der Bonner Rundschau ins ARD-Studio Amman war abwechslungsreich: Nach dem Geschichtsstudium in Bonn, Toulouse und Berlin arbeitete sie zunächst als freie Mitarbeiterin bei verschiedenen Tageszeitungen, dann als Redakteurin bei Privatfunk und Privatfernsehen, bis es sie 1994 schliesslich zum Westdeutschen Rundfunk nach Köln verschlug und von dort 1998 nach Amman.


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