Karte vom Irak

Hatra

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Irak - Kunst und Kultur
Unwiederbringlich
Bedrohte Kulturstätten in Irak


Eines der Unwörter der letzten Jahre ist das von den Kollateralschäden der modernsten Zerstörungstechnologie. Es wird nicht nur auf die Vernichtung von unbeteiligten, zivilen Menschenleben angewandt, sondern auch auf die Zerstörung von militärisch unbedenklichen Gebäuden und Stätten. Schon seit langem hatte sich die Idee in den Zukunftsplanerköpfen festgesetzt, dass neue Waffensysteme weniger Sachschaden anrichten müssten als die Bomben des Zweiten Weltkriegs. Doch ist dies, wie jüngst die Schadenskartierung des Bombenkriegs in Afghanistan aufwies, durchaus nicht so perfekt gelungen, wie es manchmal heisst.

In noch stärkerem Masse als Afghanistan ist Irak im kulturellen Gedächtnis der Menschheit verankert als Land einer der wichtigsten Hochkulturen für die Beherrschung der Natur durch den Menschen, mittels Technologie und systematisierter Naturbeobachtung. Darüberhinaus bewahrt uns das Land mit den lesbaren Schriftdokumenten aus 5000 Jahren einen einzigartigen Einblick in die Frühzeit der Staats- und Gesellschaftsbildung. Die Zahl der bekannten Dokumente geht in viele Hunderttausende, es ist möglich, dass eine viel grössere Zahl noch unentdeckt im Boden schlummert und ganz andere Geheimnisse eröffnen könnte - wenn sie erhalten blieben. Aus dem Mittelalter sind in Irak die Stätten der Entstehung der islamischen Kultur (der arabischen Wissenschaften, der Künste und Technologien) noch weitgehend unerforscht. Die berühmte Runde Kalifenstadt Bagdad ist archäologisch noch nie gefunden worden.

Zuletzt hiess es in amerikanischen Zeitungen, dass Expertenkommissionen den Militärverantwortlichen Listen mit schützenswerten archäologischen, kunsthistorischen und religiösen Stätten übergeben hätten, um sowohl die Gefühle der betroffenen Zivilbevölkerung als auch die Gewissen der Archäologen nicht noch weiter gegen den Krieg aufzubringen. Doch was sind schützenswerte Stätten, wie liegen sie zu den Kriegszielen und was gibt es für weitere Folgeschäden, auch ohne eine Zerstörung? Der Zweite Golfkrieg von 1991 hat die Experten einige Erfahrungen gelehrt, sicher sind sie berücksichtigt, aber es bleiben unendliche Befürchtungen um unwiederbringliche Schäden.

Eine von der irakischen Antikendirektion vor Jahren erstellte Liste verzeichnet etwa 10 000 bekannte archäologische Stätten, doch ist dies nur ein Bruchteil der tatsächlichen Siedlungsspuren und Denkmäler, die sich im ganzen Land aus einer vieltausendjährigen Hochkultur erhalten haben. Irak ist zu vier Fünfteln ein völlig flaches Land, in dem allein die Ruinenhügel Erhebungen darstellen und so teilweise als militärische Beobachtungsposten dienen. Gerade in deren Nähe finden sich auch moderne Städte, so Mosul neben den Ruinenhügeln des alten Ninive im Norden. Aus welchen Gründen auch immer hat das Regime militärische Anlagen und einige der Versuchsstationen für die fürchterlichen chemischen Kampfstoffe in die Nähe von Wohnstädten gelegt, im Falle von Samarra auch in unmittelbare Nähe zu einer kaum erforschten mittelalterlichen Palaststadt. Selbst wenn es in diesem Dritten Golf krieg gelänge, die ausgewiesenen Stätten von Zerstörungen freizuhalten, können gezielte und unbeabsichtigte Treffer nahezu überall unbekannte oder bisher für unwichtig gehaltene Stätten zerstören, deren Verlustwert wir gar nicht ausmachen können. Durchaus ermessen kann man allerdings die psychischen - und auf lange Sicht politischen - Schäden, die Treffer in eines der religiösen Heiligtümer des heutigen Irak auslösen werden. Dort wird der Hass auf die Angreifer gewissermassen überhöht, denn es ist weder Gebildeten noch Ungebildeten verständlich zu machen, dass solche Kollateralschäden im Dienste irgendeiner sinnvollen Sache hinzunehmen seien.

Es würde geradezu als Symbol des Angriffes auf die eigene Religion wirken - die Heiligen der Schia gehörten zur Familie des Propheten Muhammad, und die eignet nicht nur den Irakern, sondern allen Muslimen. Selbst wenn diese heiligen Stätten vor allem die Grabmoscheen schiitischer Imame aus der Frühzeit des Islams sind, würden auch Sunniten - heute wohl etwas weniger als die Hälfte der irakischen Muslime - eine selbst nur teilweise Zerstörung als Fanal verstehen.

Nach dem Zweiten Golfkrieg waren ausserdem erhebliche Schäden aus Kunsträubereien an bekannten und unbekannten Ausgrabungsstätten zu beklagen. Zahlreiches Diebesgut wird bis heute auf den internationalen Kunstmärkten angeboten, zum Beispiel assyrische Kalksteinreliefs aus dem berühmten Ninive. Die Armut der Bevölkerung hat es dem Handel leicht gemacht, auf Fischzug zu gehen, dies ist nach einer Zerstörung der politischen Ordnung im Lande erneut voraussehbar. Wohlgemerkt ist dies nicht den Irakern oder gar den Verantwortlichen der Antikenverwaltung anzulasten - es fehlt schlicht an Geld und Mitteln zum geeigneten Schutz der seit Monaten verlassenen Grabungen sowie der anderen Stätten.

Die irakischen Altertumsforscher und Archäologen sind selbstverständlich von der politischen Herrschaftsclique zu unterscheiden - selbst wenn einige beim Kunstraub in Kuwait während des Zweiten Golfkriegs von 1991 beteiligt waren oder sich den fragwürdigen Restaurierungsprojekten der Regierung gewidmet haben, sind die Arbeiten weitaus der meisten international anerkannt. Es dürfte insbesondere für die vielen amerikanischen Irak-Archäologen, eingefleischte Fans des Landes und seiner liebenswürdigen Normalbevölkerung, ein geradezu tragischer Zeitpunkt gekommen sein - bei aller Hoffnung auf bessere Zeiten nach dem Krieg.

Claus-Peter Haase
Direktor des Museums für Islamische Kunst, Berlin


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