Karte vom Irak

Hatra

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Irak - Kunst und Kultur
Krieg an der Wiege der Zivilisation

Archäologen warnen vor der Zerstörung der Bauwerke und Kunstschätze im Irak. Eine ernste Gefahr besteht am ehesten für die Objekte in Bagdad.

Natürlich will man nicht zynisch klingen. Das wichtigste sei jetzt das Schicksal der Menschen, schicken Archäologen und Altertumsforscher ihren Kommentaren immer voraus. Dennoch müssen auch sie ihre Arbeit tun. Und das heisst zur Zeit: warnen. Warnen vor der Zerstörung von Bauwerken und Kunstschätzen an Euphrat und Tigris als Folge des Irak-Krieges. Im Wüstensand Mesopotamiens liegt ein riesiges kulturelles Erbe der Menschheit aus mehr als 7000 Jahren begraben. Das Zweistromland gilt als Wiege der Zivilisation. Hier lebten Sumerer und Akkader, Babylonier, Assyrer, Chaldäer und Griechen, Parther und Perser. Städte wie Ur, Babylon oder Ninive gehörten zu den bedeutendsten Metropolen ihrer Zeit.

Internationale Archäologen und Wissenschafts-Institutionen haben die amerikanische und britische Regierung zum Schutz der historischen Stätten im Irak aufgerufen. Das wertvolle Erbe sei durch die jetzigen Bombardements und Kämpfe sowie spätere mögliche Plünderungen in Gefahr. Die amerikanische Regierung soll allerdings schon im vergangenen Herbst Archäologen und Islamexperten beauftragt haben, eine Karte der Kulturschätze im Irak zu erstellen.

Der Irak kümmerte sich in den vergangenen Jahren wenig um die internationale Anerkennung seiner Kulturstätten: Auf der Liste des Weltkulturerbes findet sich lediglich die 1985 aufgenommene Parther-Stadt Hatra mit ihrer riesigen Tempelanlage in der Wüste. Schon im ersten Golfkrieg kam es zu zahlreichen Plünderungen in den archäologischen Stätten; uralte Fundstücke tauchten auf dem westlichen Kunstmarkt auf. Westliche Archäologen wurden von Ausgrabungsprojekten im Irak weithin ausgeschlossen.

Nach Einschätzung der Weltkulturorganisation Unesco sind im aktuellen Krieg vor allem die Kulturstätten in und um Bagdad gefährdet: Gebäude wie die Kustansiriya-Moschee oder der Abbasiden-Palast, der schon im Golfkrieg 1991 in Mitleidenschaft gezogen wurde, liegen dicht neben potenziellen Angriffszielen. Das irakische Nationalmuseum beherbergt Kunstobjekte aus 15 Jahrhunderten, darunter mesopotamische Altertümer wie den 3500 Jahre alten geflügelten assyrischen Bullen sowie Statuen, Keilschrift-Tafeln und Steinfresken.

Im Norden von Bagdad liegt die assyrische Metropole Ninive mit seinen Palastbauten, im Süden die Garnisonsstadt Wasit und die sumerische Königsstadt Ur, der biblischen Überlieferung zufolge der Geburtsort Abrahams. Die einst bedeutende Hafenstadt bietet zahlreiche sumerische Ausgrabungsstücke, Ruinen und einen frühdynastischen Königsfriedhof. Aus der Zeit der 3. Dynastie ist die dreistufige Zikkurat erhalten, ein altorientalischer Stufenturm des Nanna-Heiligtums Ekischnugal. In der Region befindet sich auch die ehemalige Königs- und Hauptstadt Babylon. Vom legendären Turm zu Babel ist nur noch das Fundament erhalten, das zweite Weltwunder der Stadt, die hängenden Gärten der Semiramis, sind gänzlich verschwunden. Auch andere Bauten - teils bei früheren Grabungen abgetragen, teils nur als Lehmschutthügel erhalten - geben alles andere als ein anschauliches Bild. Um den Tourismus anzukurbeln, hat die irakische Regierung den Palast des neubabylonischen Königs Nebukadnezar (605- 562 v.Chr.) mit grossem Aufwand wieder aufgebaut. Es gab sogar Planungen, den Archäologie-Park mit Seilbahnen zu überspannen. Bis heute ist nichts daraus geworden. Statt dessen liess sich Saddam Hussein auf einem künstlich aufgeschütteten Hügel einen kleinen Palast errichten.

Assur, die erste Hauptstadt des assyrischen Reiches im 2. Jahrtausend. v. Chr., beherbergt Wehrmauern und ein Ruinenfeld mit einem Stufenturm. Die zweite Hauptstadt von Assyrien, Nimrud, baute Salmanassar I. im 13. Jahrhundert v. Chr. zum Zentrum seines Reiches aus. Erhalten sind Ruinen des Ninurta-Tempels und mehrerer Paläste.

Auch mit islamischen Kulturschätzen ist der Irak reicht bestückt: Zu den spektakulärsten gehört Samarra nördlich von Bagdad, eine der grössten Ausgrabungsstätten der Erde. Hier steht ein Kalifenpalast aus dem 9. Jahrhundert und die einst grösste Moschee der islamischen Welt, die zwischen 848 und 852 erbaut wurde. Das vielfach abgebildete, über 60 Meter hohe spiralförmige Minarett ist komplett erhalten, von der Moschee findet man nur noch Ruinen. Südlich der modernen Stadt erstrecken sich über eine Länge von 35 Kilometern die Ruinen des vorgeschichtlichen Samarra. Insgesamt gibt es nach Schätzungen von Archäologen etwa 10 000 historische Orte in der Region. Die Mehrzahl ist noch gar nicht erforscht und ausgegraben.

Die Wüstenstadt Hatra aus parthischer Zeit (1.-3. Jh.) ist das einzige Ensemble im Irak, das zum Welterbe der Unesco zählt. Befestigungsreste, ein Tempelbezirk mit Bauten und Skulpturen einer einst von Arabern getragenen Kultur mit römischen, griechischen und orientalischen Elementen zeichnen die einstige Handelsstadt heute aus.

Mounir Bouchenaki, Vizegeneraldirektor für Kultur der Unesco in Paris, bedauert, dass es nur diesen einen irakischen Eintrag in der Unesco-Liste gibt. Erst zwei Mal hat das irakische Kulturministerium die notwendigen Anträge gestellt. Für Hatra 1985 und erneut im Jahre 2000, als sieben neue Vorschläge des Landes eingereicht wurden, darunter Ur, das Wüstenschloss Ukhaidhir und Ninive. Doch diese Projekte wurden nicht weiterverfolgt.

Vor kurzem wurde der Antrag gestellt, Assur im Eilverfahren einzutragen, weil der Bau eines Staudammes die Stadt am Tigris bedrohe. Über den Antrag will die Unesco noch in diesem Jahr entscheiden.

www.welt.de
Rainer Haubrich 26.03.03
 


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