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Irak - Kunst und Kultur
Ur-Ängste um Gilgamesch Der Irakkrieg kann den archäologischen Stätten Mesopotamiens nur wenig anhaben. Was ist Kulturzynismus? US-Verteidigungsminister Rumsfeld kündigt eine Operation shock and awe an mit nie gesehenen Schrecknissen, und die Kulturbeflissenen des alten Europas entsinnen sich, dass im Operationsgebiet vor über 6000 Jahren Zivilisation entstand. Der trauerumflorte Blick richtet sich nicht auf das Leben im heutigen Irak, sondern auf die von Wind und Sand geschleiften Städte der Sumerer, Assyrer und Babylonier. 10'000 archäologische Stätten seien in Gefahr. Weltwunder , wie der Spiegel titelt. Und die Wochenzeitung Die Zeit entfaltet auf zwei Seiten ein düsteres Kriegsszenario in historisch dichter Landkarte: Bomber über Babylon - wohlgemerkt nicht über Bagdad! Dazu gibt es dann wundervoll plastische Bilder des von der irakischen Antikenbehörde rekonstruierten Palastes von Nebukadnezar II. Ein Neubau der achtziger Jahre, der sich über den Mauerstümpfen der chaldäischen Anlage aus dem sechsten vorchristlichen Jahrhundert erhebt. Und sie damit auch vor potentiellen Zerstörungen schützt, wie Margarete von Ess, stellvertretende Leiterin der Orientabteilung des Deutschen Archäologischen Instituts lakonisch feststellt: Wenn Bomben und Raketen etwas zerstören können, dann ist es zuerst die Rekonstruktion. Frühe Hochhausdebatte Babylon heute, das ist ein gigantischer Archäologie-Park, der sogar mit Seilbahnen überspannt werden sollte. Aus dem hochfliegenden Tourismus-Projekt wurde nichts, statt dessen liess sich Saddam Hussein auf einem der aufgeschütteten Plateaus der Gondelbahn einen kleinen Palast bauen. Sucht der Diktator doch den Vergleich mit dem Erbauer des legendären Babylons, der dem Land zwischen Euphrat und Tigris Frieden und Reichtum brachte. Babylon ist den Europäern literarisch bestens vertraut. Galten doch die hängenden Gärten in der Antike als siebtes Weltwunder. Mehr noch, die Bibel widmet der Grossstadt voller missachtender Bewunderung eine der grossartigsten Moralgeschichten und legte mit dem Turmbau zu Babel die Fundamente für alle weiteren Hochhausdebatten bis heute. Das Babylon Nebukadnezars wurde in den Jahren 1899-1917 von der Deutschen Orient-Gesellschaft unter Leitung von Robert Koldewey ergraben. Deswegen erlebt man die Schönheit Babylons heute am besten im Pergamon-Museum in Berlin: Dort wurde die Prozessionsstrasse, das Ischtar Tor und eine Thronsaalwand unter Verwendung der originalen farbig glasierten Ziegel wieder aufgebaut. Besorgte Kulturberichterstatter nennen in ihren Zerstörungsszenarien auch gerne die altorientalische Stadt Ur im Süden des Irak. Der dreistufige Tempelbau für den sumerischen Mondgott Nanna ist weltberühmt. Aus gebrannten Ziegeln errichtet gehört das 5000 Jahre alte Monument zu den besterhaltenen und weithin sichtbaren des Landes. In Kulturzeit berichtete der britische Kunsthistoriker Dan Cruickhank davon, die Stadt sei von Militärbasen umgeben, die Invasionswege führten direkt an der archäologischen Städte vorbei. Als Beweis für die akute Gefährdung dienen Einschläge in der Mauer der Zikkurat. Treffer aus dem ersten Irakkrieg 1990/91, von der irakischen Regierung gerne als barbarische Wunden gezeigt und daher auch nicht restauriert während alle anderen Zerstörungen eilig beseitigt wurden. Die Archäologin von Ess, sieht diese Splitterschäden eher nüchtern: Nicht so dramatisch - das muss restauriert werden. Von neuen Militärstellungen in der Nähe der archäologischen Stätten jedenfalls kann von Ess, die zuletzt im November im Irak war, nicht berichten. Alle Flugbasen und Befestigungen seien altbekannt. Die dramatische Meldung, Saddam Hussein benutze das kulturelle Erbe seines Landes als Schutzschilder, könnte sich als reine Propaganda herausstellen. Die meisten Orte der alten mesopotamischen Kulturen liegen abseits der modernen Städte und Strassen. In der Regel sind von den fantastischen Stadtanlagen der Sumerer nur noch sandig unförmige Hügel zu erkennen. Beispiel Uruk, wo um 3000 vor Christus eine erste Bilderschrift entstand, Vorläufer der Keilschrift. Uruk, die Stadt des legendären Königs Gilgamesch, die im Epos hymnisch besungen wird: Die Mauer um Uruk-Gart liess er bauen, um das heil’ge Eanna, den strahlenden Hort. Sieh an seine Mauer, deren Friese wie von Erz sind! Ihren Sockel beschau! Dem gleicht niemandes Werk!...Auch steig auf die Mauer von Uruk, geh fürbass, Prüfe die Gründung, besieh das Ziegelwerk. Die erste Grossstadt Uruk ist die erste Grossstadt von der die Weltliteratur überhaupt berichtet, gebaut vor über 5000 Jahren. Ausgrabungen und geomagnetische Prospektionen der letzten Jahre haben erste Anhaltspunkte dafür geliefert, dass die Autoren des Gilgamesch-Epos keinesfalls übertrieben haben. Die elf Kilometer lange und zehn Meter dicke Stadtmauer ist nachgewiesen, es gibt Indizien für ein 15 Meter breites Stadttor und einen Canale Grande, der quer durch dieses sumerische Venedig lief. Auf den computergenerierten Karten der versunkenen Metropole, die im Landesamt für Denkmalpflege in München hängen, glauben die Geophysiker Helmut Becker und Jörg Fassbinder sogar das Grabmal Gilgagmeschs auf einer Euphratinsel lokalisieren zu können. Doch wer diesen Urort der Zivilisation besucht, wer mosaikgeschmückt farbig funkelnde Säulen erwartet, steht enttäuscht mitten in der Wüste. Gerade einmal die vor den Stadtmauern gelegene Zikkurat der Liebesgöttin Inanna ist auch für den Laien als archäologische Stätte erkennbar. Nein, um ihre Grabungsorte ist von Ess nicht sonderlich bange. Die haben tausende Jahre überstanden und werden wohl auch diesen Krieg überleben. Anders steht es um die Schätze des Nationalmuseums mitten im Regierungsviertel Bagdads. Ernsthaft besorgt zeigt sich die Archäologin, was die Gefährdung islamischer Kulturstätten angeht. Da wäre die mittelalterliche Universität im Herzen Bagdads. Oder der Friedhof mit Gräbern islamischer Gelehrter. Nicht auszudenken, welcher politische Schaden entstünde, wenn die wenigen frühislamischen Bauten des Landes zerstört würden. Immer wieder zeigen die Feuilletons die grosse Moschee von Samarra aus dem Jahr 847 mit ihrem 60 Meter hohen Spiralminarett. Werden die Moscheen getroffen, ist die Radikalisierung einer bisher liberalen islamischen Bevölkerung wahrscheinlich. Sieht so Befreiung aus? Die Tragik dieses Krieges ist nicht, dass er die Wiege der Zivilisation trifft, sondern dass er eine lebendige Zivilisation mit reicher Tradition bedroht. Mit irreparablen Schäden. Süddeutsche Zeitung Ira Mazzoni 22.03.03 g26.ch PLATTFORM FÜR KUNST KULTUR UND GESELLSCHAFT Top Home Suchen Intern g26.ch Berninfo Museen Galerien Events Berner Künstler Ausstellungen Epochen Blackboard Biographien Gäste Marokko Kulinarisch Highlights Lifestyle Kunst und Kultur Welterbe Links Italien Kunst Kultur Lifestyle Kulinarisches Weinbau Grappa pro migratio gayCH Kochen gegen rechts |
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