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Japan - Kunst, Kultur und Geschichte Heian-Zeit (794-1185) Dem shintôistischen Reinheitskonzept folgend, wird der Regierungssitz bereits im Jahre 794 nach Heian-Kyô, dem heutigen Kyôto verlegt, einer nach chinesischem Vorbild angelegten Stadt. Damit beginnt und dauert bis zur Übernahme der Macht durch die Militärherrscher, die Shôgune, für drei Jahrhunderte die Heian-Zeit, die zu einer blühenden Epoche der japanischen Kunst wird. Mit dem Wechsel der Hauptstadt entzieht sich das japanische Kaiserhaus weitgehend dem Einfluss der mächtigen Naraklöster und verbietet in der neuen Hauptstadt den Bau von buddhistischen Tempeln und Klöstern auf Stadtgebiet, weshalb wichtige Kultstätten in Nara blieben oder wie die neueren Tendai- oder Shingon-Sekten an den Hügeln um die Hauptstadt errichtet wurden. Der aus China übernommene Shingon, ein tantrischer Buddhismus, wird im 9. Jahrhundert von einer esoterischen Form der T'angmalerei begleitet, die Beschwörungsformeln und ursprüngliche Sanskritzeichen in der Malerei mitabbildet. Die daran anknüpfende Tendaiund die spätere Jôdo-Bewegung der reinen Verehrung begründen und fördern Kult und Meditation um Amida-Buddha und Bodhisattva. Auch die Aristokratie zeigt zu Anfang der Heian-Zeit grosses Interesse an der chinesischen Kunst und Literatur und tritt kulturpolitisch immer mehr an die Stelle der Klöster und Mönche. Besonders die Fujiwara, die bereits in der Nara-Zeit an Einfluss gewinnen, in der ersten Hälfte der Heian-Zeit immer mehr Regierungsämter in Anspruch nehmen und schliesslich mit Fujiwara Michinaga, der im 11. Jahrhundert als Berater des Kaisers wirkt, zur einflussreichsten Adelsfamilie aufsteigen, machen die politische und zunehmend kulturgeschichtliche Bedeutung des Adels deutlich. Künstlerische Verfeinerung und Eleganz erhalten besonderen Wert und sind Ausdruck eines japanisch-höfischen Kunstschaffens, das sich besonders in der profanen Malerei und Kalligraphie durchsetzt und sich nach und nach von festländischen Einflüssen befreit. Die Kalligraphie widmet sich der kunstvollen Darstellung von Kurzgedichten (waka), die beide zu einem bedeutungsvollen gesellschaftlichen Element werden. Deutlich zeigt sich diese Abwendung auch in der Rollbildmalerei, wo als Gegensatz zu der im chinesischen Stil gehaltenen Kara-e-Malerei die eigenständige japanische Yamato-e-Malerei entsteht, die sich der Landschafts- und Genredarstellung widmet. Die Umsetzung des subjektiven Erlebens der japanischen Landschaft ist Gegenstand der Hängerollbilder (kakemono). Die Querrollbilder (emakimono) haben Erzählungen, Einblicke ins höfische Leben, Interieur- und Genreszenen zum Thema, Bildabfolgen, die gegliedert werden durch Kommentare, erläuternde Texte und Gedichte, die Themen der höfischen Literatur behandeln. In der späten Heian-Zeit finden die frühe buddhistische Malerei, aber auch die Yamato-e-Schule mit der Schaffung der berühmten erzählenden Bildrollen (monogatari-emakimono) der Genji-Erzählung, die im 11. Jahrhundert von der klassischen Dichterin Murasaki Shikibu geschrieben wurde, eine würdige Weiterführung. Die auf dem Umschlag und in der Mitte dieses Katalogs abgebildete Malerei (Inv. 1944.266.4820) zeigt nicht eine Bildrolle, sondern einen Stellschirm (byôbu) mit der Darstellung einer Szene aus dem 5. Kapitel des Genji monogatari als Gemälde mit reichem Goldgrund und blattvergoldeten Wolkenbändern (kasumi). Diese Stellschirmmalerei ist eine Wiederaufnahme des Themas im Yamato-e-Stil der späten Tosa-Schule, die ab dem 15. Jahrhundert den typischen japanischen Malstil weiterführt und wichtige Themen der klassischen höfischen Kulturgeschichte behandelt. Der eigenständige aristokratische Einfluss zeigt sich auch zunehmend in der Architektur und Gartengestaltung. Einstöckige Holzgebäude, die durch überdachte Gänge verbunden sind, fügen sich in kunstvolle Gartenanlagen, die die ideale und paradiesische Landschaft nachbilden und beschauliche Stille atmen. Der Garten, kunstvoll nachempfundene und idealisierte Natur, wird immer mehr zu einem Meditationsort, der einen Ausgleich zum regen Leben der Hauptstadt und des höfischen Adels schafft. Der japanische Kaiserhof als kulturelles und zeremonielles Zentrum unterstreicht seine kunstschaffende Funktion durch Ateliers berühmter Meister, die immer mehr aus der Anonymität der frühen buddhistischen Zeit treten, der Yamato-e-Malerei und dem Shintô als religiöser Mitte verpflichtet sind und die sakrale und höfische Malerei bis ins 11. Jahrhundert zu einem Höhepunkt bringen. Trotz der Blüte des frühen japanischen Buddhismus und der damit verbundenen Künste bleibt die ursprüngliche japanische Religion des Shintô ein wesentliches Element, das weder seine ursprüngliche Bedeutung einbüsst noch im Widerspruch zum Buddhismus steht. Der Shintô geht von der Vorstellung aus, dass alle Wesen und Dinge und die ganze Welt von kami, dem geistigen Ursprung, belebt werden. Die für Japan typische Verehrung der Umwelt gründet auf der Annahme der belebten Dinge und der beseelten Natur. Die durch den ShingonBuddhismus geförderte Abbildung der paradiesischen Landschaft, aber auch Darstellungen, die den Menschen mit aller Intensität auf die abgebildete Gottheit konzentrieren wollen, sind zugleich Verbildlichungen ursprünglicher japanischer Glaubensvorstellungen und veranschaulichen das kami. Der Herrscher und die Götter sind personifiziertes kami, und auch die Sonne ist kami, verehrt in der Sonnengottheit Amaterasu. Die Japanische Malerei zeigt auf Hängerollbildern mystische Darstellungen des Kosmos, im buddhistischen Kontext mandala (jap. mandara), mit verschiedensten Gottheiten. Dabei werden Shintôgötter als Manifestationen von Buddhagottheiten angesehen, und der im Zentrum als oberstes göttliches Prinzip angeordnete buddhistische Dainichi wurde ausgehend von der Shingon-Sekte in Japan mit Amaterasu gleichgesetzt. Diese Integration des Shintô wird bis zur Meiji-Restauration im 19. Jahrhundert fortgesetzt, die Shintô und Buddhismus formal aufzutrennen versucht. Thomas Psota Die grosse Stille Malerei und Skulptur aus Japan Bernisches Historisches Museum Katalog zur Ausstellung 11.11.99-12.03.00 ISBN 3-9520537-2-4 ![]() ![]() ![]() |