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Japan - Kunst, Kultur und Geschichte Edo- oder Tokugawa-Zeit (1603-1868) Mit der Verlegung des Regierungssitzes nach Edo, einen nördlich von Kamakura gelegenen Küstenort, an der Stelle des heutigen Tôkyô, wurde dieser schnell zum militärischen und ökonomischen Zentrum Japans. Die shôgunale Herrschaft errichtete ministeriale Verwaltungsapparate, schränkte die feudalherrschaftlichen Freiheiten, aber auch die Existenz der Vasallen durch Neuverteilung der Ländereien ein und förderte die Stellung der Kaufleute. Diese bürgerliche Gesellschaftsschicht gewann durch ihren wachsenden Reichtum immer mehr an Einfluss und wurde im Laufe der Tokugawa-Zeit neben dem Schwertadel zu einem Träger der bürgerlichen Kunst und Kultur. Im weit abgelegenen und aristokratischen Kyôto hingegen führte der Beginn der Tokugawa-Zeit zu einem Aufschwung traditioneller Formen in der darstellenden Kunst. Die Maler Kôetsu und Sôtatsu gelten als Wiederentdecker der eigenständigen japanischen Malerei des Yamato-e, wie sie z.B. die Tosa-Schule verfolgt, der diese Maler nahestanden. Es entsteht ein dekorativer, nicht nur die Konturen, sondern auch die Formen betonender Stil, was in der japanischen Malerei neu ist. Diesem neuen, Rimpa genannten Malstil war neben vielen anderen Künstlern auch Ogata Sôken verpflichtet, der Vater des im 17./18. Jahrhundert herausragendsten Künstlers Ogata Kôrin. Besonders Kôrin gelang es, aus der Verbindung von suiboku-Tuschtechnik und der Farbenmalerei des Yamato-e den «grossen dekorativen Stil» zur Vollendung zu bringen, der hauptsächlich bei der Stellschirmmalerei angewendet wurde. Als Fortführung des Yamato-e verpflichtete sich der Rimpa-Stil wiederum den wichtigen Themen des höfischen Japan, wie etwa dem Genji monogatari (Inv. 1944.266.4820), dem ältesten Roman Ostasiens. Viele der Interieurmalereien dieses neuen und doch traditionellen Rimpa-Stils, der oft, wie z.B. bei Sôtatsu, exakte Kopien früherer Yamato-e-Malereien verwendet, sind auf Stellschirmen ausgeführt. Diese Erneuerung hatte bedeutenden Einfluss auf nachfolgende Künstler wie Ogata Kôrin und Ogata Kenzan, die an der Schwelle zum 18. Jahrhundert das Goldene Zeitalter der Edo-Kultur mitbegründeten. Auch ihre Malereien auf Seide und Papier sind häufig auf Stellschirme montiert. Neben Epen und Ansichten von Kulturstätten (Inv. 1946.266.4857) finden auch Themen aus der Natur grosse Beachtung und machen Zugeständnisse an die vor allem von der Kriegerklasse der Samurai verehrte Tuschmalerei in der Tradition des Zen. Kôrin, der das ganze Zeitalter mit seinem dekorativen und feinfühligen Stil überragt, bietet in seinem Schaffen viele Vorlagen für die Lackkunst, die im Goldenen Zeitalter der Edo-Kultur ebenfalls einen Höhepunkt erreicht. Naturhistorische Sujets sind oft Gegenstand der Malerei aller japanischer Schulen. Einerseits geht diese Vorliebe auf die von China übernommenen «Blumen- und Vögel-Bilder» (kachôga) zurück (Inv. 1829.266.21 u. 22; 1948.266.4919), andererseits drückt sich darin eine Nähe und Verbundenheit mit der Natur aus, die in Japan immer einen hohen Stellenwert hatte. In der mittleren Edo-Zeit malte der späte Ogata Kôrin etwa Tiere und Pflanzen nach dem Original, was in der frühen japanischen Malerei und auch in der chinesischen nicht gebräuchlich war, nun aber einen wissenschaftlich genauen Stil in die Malerei brachte, der dann auch von zwei herausragenden und eigenwilligen Künstlern dieser Zeit, Itô Jakuchû und Nagasawa Rosetsu, gepflegt wurde. Während die Yamato-e mit der auflebenden Tosa-Schule und dem Rimpa-Stil, der weit über Kyôto hinauswirkte, die eigenständige japanische Malerei vertrat, kannte auch die Tokugawa-Zeit Schulen mit chinesischem Einfluss. In früheren Perioden war die japanische Kunst, insbesondere die Tuschmalerei, von «nördlichen Schulen» Chinas beeinflusst worden, im 17./18. Jahrhundert ist es nun die «südliche Kunst», Nanga (Inv. 1948.266.4907), die auf die japanische Tuschmalerei einwirkt. Dieser Tuschmalerei verpflichtet ist auch die Bunjinga, eine Bewegung von japanischen Literaten, die im 18. Jahrhundert nach dem Vorbild der chinesischen Gelehrtenmalerei, die sich gegen den manieristischen Ming-Stil richtet, zu den alten Quellen der Tuschmalerei zurückfinden wollen. Herausragend für das 18. Jahrhundert ist Maruyama Ôkyo (Inv.1935.266.3664), dessen eigenständiger Stil sich mit dem Nanga zum Shijô-Stil verbindet. Shijô ist ein Stadtteil in Kyôto und es lässt sich daran ablesen, dass Kyôto mit dem Sitz des Kaiserhauses, trotz der Verlegung der politischen und wirtschaftlichen Macht nach Edo, ein bedeutendes Zentrum japanischer Malerei geblieben ist. In Edo hingegen beachtet das entstehende Bürgertum eine neue Kunst, die sich der Holzschnitttechnik bedient und diese ab der Mitte des 17. Jahrhunderts zu einer weltweit einzigartigen Reichhaltigkeit und Perfektion steigert. Diese Kunst wird als Ukiyo-e bezeichnet, als Kunst der fliessenden, vergänglichen Welt, welche Themen aus dem profanen, täglichen Leben von Edo, insbesondere vom Stadtteil Yoshiwara, behandelt. Heute wird die Bezeichnung Ukiyo-e vor allem für die Blüte der Holzschnitttechnik verwendet, die in Japan 200 Jahre dauerte und mit der Meiji-Restauration bereits in Dekadenz fiel; ausserhalb Japans, vornehmlich in Europa, wurde sie erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bekannt und begeistert aufgenommen. Neben einer Fülle von Holzschnitten, die verschiedenste Stilelemente japanischer Kunst verdichten und durch die Technik zu einem breiten Medium machten, wird auch im Ukiyo-e die Malerei auf Seide und Papier weitergeführt, nun aber fast ausschliesslich als Rollbilder. Themen sind wie im Holzschnitt Frauendarstellungen (Inv. 1906.266.836) und Genreszenen (Inv. 1904.266.632; 1905.266.679; 1924.266.2410; 1935.266.3662). Isolation und gesellschaftlicher Umbruch haben in der Edo-Zeit zu einer einzigartigen Blüte im graphischen Kunstschaffen geführt, das durch den späten Erfolg im Ausland nicht etwa erstarrte, sondern durch die Öffnung Japans - wie die Malerei - bis heute viele neue Einflüsse und Orientierungen aufnahm. So ist der Holzschnitt bis zum Shin hanga eine wichtige Kunstform der Graphik in Japan geblieben. Die Malerei, die mit der Meiji-Restauration und dem Stil des Maruyama-Shijô bereits Elemente des westlichen Realismus aufgenommen hatte, teilte sich um die Jahrhundertwende in einen westlichen (Yôga) und einen japanischen Stil (Nihonga), wobei letzterer, wie auch frühere Schulen, eigene Ausrichtungen in Tôkyô und Kyôto kannte. Thomas Psota Die grosse Stille Malerei und Skulptur aus Japan Bernisches Historisches Museum Katalog zur Ausstellung 11.11.99-12.03.00 ISBN 3-9520537-2-4 ![]() ![]() ![]() |