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Japan - Kunst, Kultur und Geschichte

Die grosse Stille

Japan, der «Ursprung der Sonne», ist auf den ersten Blick ein Land unvereinbarer Gegensätze: einerseits eine hoch industrialisierte moderne Wirtschaftsmacht, andererseits ein sehr traditionsbewusstes konservatives Inselreich; ein Staat mit wechselvoller Geschichte von weit reichender Öffnung und Erneuerung, zeitweise auch strenger Isolation und strikter Ablehnung des Fremden. Auch heute ist Japan voll von weltverbundener Geschäftigkeit, disziplinierter Hektik und Lärm und trotzdem ein Land der Zurückhaltung, schlichter Ästhetik und grosser Stille.

Wie der Staat selbst, trägt auch die von vielen asiatischen Einflüssen geprägte Gesellschaft bis hin zum Individuum diese Gegensätze in sich. Zum einen sind es die Tradition, die Werte und Normen, die den Idealtypus (tatemae) des Individuums, der Gesellschaft und des Staates urrteissen, zum anderen die tatsächliche Einstellung (honne), die pragmatische Auseinandersetzung mit der Realität. Die Überwindung der durch diese Gegensätze verursachten Spannung führt auf der Grundlage eines für Asien typischen Harmoniekonzeptes zu dynamischer Erneuerung und Ausgleichung innerhalb eines umfassenden Systems von allseitig verankerten Werten und Normen. Weder das Neue noch das Alte wird dadurch in Frage gestellt, sondern beide werden zur gegenseitigen Ergänzung gezwungen, oft unter Umkehrung des konfuzianischen Leitgedankens, der durch die Suche des Alten das Neue finden will, aber nach demselben Konzept und unbedingtem Einbezug überlieferter und unumstösslicher Werte. Ob sich dieses auf Harmonie der Gegensätze basierende Gesellschaftsmuster mit den gegebenen Normen und Werten längerfristig auch für die sich zunehmend individualisierende Grossstadtgesellschaft und die sich von vielen Gemeinschaftszwängen befreiende Jugend weiterführen lässt, wird sich erst noch zeigen müssen.

In der Grossstadt wie auf dem Lande sind die alltäglichen kurzen Schrein- und Tempelbesuche auffallend, denn Japaner und Japanerinnen sind religiös, aber auch hier weder starr noch oberflächlich. Soziale Ereignisse auf dem Lebensweg sind heute eine shintôistische Kindersegnung, eine westlich-christliche Heirat, an der durchaus auch ein Shintô-Priester beteiligt ist, eine buddhistische Beerdigung und die buddhistisch-konfuzianisch-taoistische Ahnenverehrung. Diese synkretistische Verbindung religiöser Gegensätze ist nicht Oberflächlichkeit des modernen Menschen. Vielmehr finden wir bereits in ferner Vergangenheit aufeinander treffende Gegensätze, die zu gegenseitiger Erneuerung und Ergänzung geführt hatten. Als die alte naturverehrende Religion Japann, der heutige Shintôismus, der die individuelle und stille Verehrung des kami (das Göttliche in allen Wesen und Dingen) kennt, auf den über China und Korea nach Japan gelangten Buddhismus traf, der mit zielgerichtetem und kanonischem Aufwand Riten, Sûtragesänge, Gebetsformeln und einen ausgebauten Skulpturenkult verwendet, führte dies allmählich zu gegenseitiger Belebung und Anpassung beider Religionen. Wesentlicher Inhalt des Shintôismus und der vielen buddhistischen Sekten bis hin zum Zen ist die Sti'e, die auch heute auffällt und spürbar ist. Die auf das Diesseits gerichtete, naturverehrende shintôistische Religion schöpft aus der von Stille lebenden Vielfalt, aber auch für den alle Wesen achtenden Buddhismus ist die Stille wichtigstes Ziel.

Stille ist an heiligen Naturplätzen bis hin zu den Zen-Gärten Ausdruck des Wohlbefindens und des Göttlichen und bildet einen Gegenpol zur Vergänglichkeit des Materiellen. In der Malerei Ostasiens löst die Stille Raum und Zeit auf und ist in der heute noch bedeutenden Teezeremonie neben Harmonie, Reinheit und Respekt oberstes Prinzip und Ausdruck des richtigen Weges, dies zeigt sich auch darin, dass ein wesentlicher Bestandteil der Teezeremonie das meditative Betrachten eines Rollbildes oder einer Kalligraphie ist. In der Stille sind alle Wesen gleich, Stille kann verstanden werden und erfahren werden. Sie ist nicht das Mass, sondern Grundlage dieser Welt und wichtigstes Gefäss der schöpferischen Kraft.

Thomas Psota
Die grosse Stille
Malerei und Skulptur aus Japan
Bernisches Historisches Museum
Katalog zur Ausstellung 11.11.99-12.03.00
ISBN 3-9520537-2-4




  • Japan Index
  • Asuka-Zeit (538-645)
  • Nara-Zeit (645-794)
  • Heian-Zeit (794-1185)
  • Kamakura-Zeit (1192-1333)
  • Muromachi-Zeit (1392-1573)
  • Momoyama-Zeit (1573-1603)
  • Edo- oder Tokugawa-Zeit (1603-1868)
  • Japan - Die grosse Stille
  • Geschichte und Skulptur des Buddhismus in Japan
  • Japan - Die Stille in der Natur
  • Die Teezeremonie in Japan - Stille als oberstes Prinzip
  • Glossar


    Der Fuji ist ein Vulkan und mit 3776 m Höhe über dem Meeresspiegel der höchste Berg Japans. Er liegt auf der japanischen Hauptinsel Honsh? an der Grenze zwischen den Präfekturen Yamanashi und Shizuoka, wo sich sein Gipfel befindet.

    Grosser Buddha (jap. daibutsu), eine der bedeutendsten Darstellungen des Buddha Amitabha (jap. Amida) im buddhistischen Tempel K?toku-in  in der japanischen Stadt Kamakura.

    Der Itsukushima-Schrein ist ein Shint?-Schrein auf der Insel Miyajima in Hatsukaichi in der Präfektur Hiroshima in Japan. Seit 1996 gehört er zum UNESCO-Weltkulturerbe.
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