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Japan - Kunst, Kultur und Geschichte

Die Stille in der Natur

Die ältesten Wurzeln für die naturverehrende Haltung Japans werden in der altjapanischen Religion, dem späteren Shintô (aus chin. shen do: Weg der Götter) fassbar und lassen sich auf die einzigartige Natur und Landschaft Japans zurückführen. Die Natur ist Beweis des Göttlichen, das durch das Konzept der Emanation in allen Wesen und vor allem auch in eindrücklichen Naturmonumenten sichtbar wird, die seit frühester Zeit mit kunstvollen Reisstrohseilen (shimenawa) und Papiergirlanden gekennzeichnet werden. Andere Wurzeln reichen zum Festland nach China, wo der Taoismus eine tiefe Auseinandersetzung und Verbindung mit der Natur sucht. Tendenziell wird die Natur idealisiert, sie wird nicht nur als materielle Substanz wahrgenommen, sondern hat vor allem auch immaterielle Eigenschaften, die den stillen und dadurch aufnahmefähigen Menschen ansprechen. Nachweislich im 4. und 5. Jahrhundert begannen Künstler in China sich mit diesem Zugang zur Natur und mit der engen Verbindung zwischen empfindendem Menschen und Landschaft zu beschäftigen.

Dies führte immer mehr dazu, dass die Natur einerseits um ihrer selbst willen dargestellt wurde, andererseits Ausdruck persönlicher Empfindung und Stimmung war. Die Fähigkeit eines Künstlers bestand darin, diese Empfindung in der Natur zu erleben, aufzunehmen und im Bild wiederzugeben. Besonders in der frühen Sung-Zeit Chinas, also im 10. und 11. Jahrhundert, erreichte in der Malerei diese Übertragung auf Bildrollen und Rollbilder einen ersten Höhepunkt. Japan schenkte dieser Malerei grosse Aufmerksamkeit und Achtung, und am Kaiserhof und an Fürstenhöfen wurden solche Bilder, die von chinesischen Künstlern in China, aber auch in Japan geschaffen wurden, geschätzt und gesammelt, weshalb heute zahlreiche chinesische Landschaftsmalereien in Japan zu finden sind. Im Laufe der Jahrhunderte wurden besonders die stärker beanspruchten Rollbilder, die traditionellerweise alle 150 bis 250 Jahre neu montiert werden, in japanische Brokat- und Seidenmontierungen aufgenommen. Besonders in der typisch japanischen Yamato-e-Malerei wird in der Landschaftsdarstellung die Umsetzung des subjektiven Erlebens der Natur Gegenstand vieler Werke.

Die Natur und die Landschaft waren sowohl in China wie in Japan auch ein ganz wesentliches Element der Tuschmalerei (sumi-e, suiboku), die am herausragendsten und mit grosser Perfektion von Zen-Schulen gepflegt wurde. Diese Malerei, die durch Reduktion und Abstraktion die Essenz aus religiöser Abgeklärtheit, aus der Philosophie der schlichten Ästhetik und einfacher Wesenhaftigkeit atmet, bringt in der Wahrnehmung und Darstellung der Natur das Wesentliche des Daseins und des Lebenswegs des Menschen zum Ausdruck.

In einer weiteren Kunstgattung, der Gartengestaltung, die in idealisierend religiöser Nachbildung die Landschaft gerade dem stillen und von der Welt zurückgezogenen Menschen zugänglich macht, werden die dargestellte Landschaft und die Wichtigkeit der beschaulichen Wahrnehmung einer ursprünglichen Natur verdeutlicht, die Natur bzw. der Garten wird zum wichtigen Ort der Meditation und der kontemplativen Betrachtung. Einstöckige Holzgebäude, die durch überdachte Gänge verbunden sind, fügen sich harmonisch in kunstvolle Gartenanlagen, die eine ideale, paradiesische Landschaft nachbilden und beschauliche Stille atmen.

Es ist daher nicht erstaunlich, dass Meisterwerke der Gartengestaltung in Klöstern verschiedenster buddhistischer Glaubensrichtungen, in shintôistischen Schreinanlagen, jedoch auch in vielen höfischen Parkanlagen zu finden sind. So wird denn auch im Profanen der Garten als kunstvoll nachempfundene und idealisierte Natur immer mehr zum stillen Meditations- und Erholungsort, der besonders in den Hauptstädten Kyôto und Edo (Tôkyô) den Ausgleich zum regen Leben des höfischen Adels, des Kriegeradels und, in der Tokugawa-Zeit, auch der Bürger- und Händlerschicht schafft.

Thomas Psota
Die grosse Stille
Malerei und Skulptur aus Japan
Bernisches Historisches Museum
Katalog zur Ausstellung 11.11.99-12.03.00
ISBN 3-9520537-2-4




  • Japan Index
  • Asuka-Zeit (538-645)
  • Nara-Zeit (645-794)
  • Heian-Zeit (794-1185)
  • Kamakura-Zeit (1192-1333)
  • Muromachi-Zeit (1392-1573)
  • Momoyama-Zeit (1573-1603)
  • Edo- oder Tokugawa-Zeit (1603-1868)
  • Japan - Die grosse Stille
  • Geschichte und Skulptur des Buddhismus in Japan
  • Japan - Die Stille in der Natur
  • Die Teezeremonie in Japan - Stille als oberstes Prinzip
  • Glossar


    Der Fuji ist ein Vulkan und mit 3776 m Höhe über dem Meeresspiegel der höchste Berg Japans. Er liegt auf der japanischen Hauptinsel Honsh? an der Grenze zwischen den Präfekturen Yamanashi und Shizuoka, wo sich sein Gipfel befindet.

    Grosser Buddha (jap. daibutsu), eine der bedeutendsten Darstellungen des Buddha Amitabha (jap. Amida) im buddhistischen Tempel K?toku-in  in der japanischen Stadt Kamakura.

    Der Itsukushima-Schrein ist ein Shint?-Schrein auf der Insel Miyajima in Hatsukaichi in der Präfektur Hiroshima in Japan. Seit 1996 gehört er zum UNESCO-Weltkulturerbe.
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