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Japan - Kunst, Kultur und Geschichte

Die Teezeremonie - Stille als oberstes Prinzip

«Das Verderben bester Jugend durch falsche Erziehung, die Entwürdigung guter Gemälde durch freches Begaffen und die Vergeudung guten Tees durch unsachgemässe Behandlung» bezeichnet Li Chi-lai, ein Dichter der Sung-Zeit Chinas, als die drei bedauernswertesten Dinge.

Die im südlichen China endemische Teepflanze ist bereits im 4./5. Jahrhundertbei den Taoisten Chinas als Bestandteil des Trankes der Unsterblichkeit in Gebrauch, und in der T'ang- wie in der Sung-Zeit (618-906, 960-1279) ist in China die Teezubereitung zeremoniell eingebettet. Die erste Quelle zum Tee in Japan erwähnt für das Jahr 729, also bereits in der Nara-Zeit, eine Teegesellschaft am Kaiserhof, zu der neben Höflingen auch 100 Mönche eingeladen waren.

Zu Anfang der Heian-Zeit, im Jahre 801, brachte ein japanischer Mönch Teesamen von China, die in Japan ausgesät wurden. Mit der Rückkehr des japanischen Mönchs Eisai zenji im Jahre 1191, der in China die südlichen Zen-Schulen studiert hatte, kamen weitere Teesorten in das Gebiet südlich von Kyôto, z.B. nach Uji, das noch heute ein bedeutendes Teeanbaugebiet ist. Mit Eisai wurde auch eine verfeinerte Teezubereitung vom chinesischen Sung-Hof übernommen, bei der die Teeblätter zu feinem Pulver gemahlen werden. Das Pulver wird in heissem Wasser mit einem Bambusschwingbesen in der Schale zu einem jadegrünen Getränk «geschlagen», eine Zubereitung, wie sie noch heute in der klassischen japanischen Teezeremonie angewendet wird. In China hingegen sind diese Zubereitung und das Zeremoniell der Sung durch die Mongolenherrschaft verloren gegangen. In Japan breiteten sich die südliche Zen-Schule wie auch das Teeritual rasch aus. Am Hofe und beim Schwertadel wurde das zeremonielle Teetrinken zur feineren Unterhaltung, in den Klöstern half es den Mönchen bei der harten und stundenlangen Meditation. Bald wurde der Tee nicht mehr in der Meditationshalle getrunken, sondern in einem besonderen Raum, wo der Tee nach einem bestimmten Ritual zubereitet wurde. Das Ritual war mit devotionalem Verbrennen von Weihrauch verbunden, weshalb auch später noch Räucherwerk zur Teezeremonie gehörte. Aus dem Raum entstand schliesslich das Teehaus (chaseki) im Garten oder der zum Garten geöffnete Teeraum (chashitsu), ein Ort geistiger Erholung und der Versenkung in die Ästhetik der Kunst und der Natur. Deshalb wurde mit der Zeit auch der umliegende, kunstvoll angelegte Garten, der in der Regel eine stille, einsame Landschaft verkörperte, in die Zeremonie einbezogen.

Die dem strengen und disziplinierenden Zen ergebenen Shôgune wie auch der Schwertadel verehrten die Tuschmalerei und die Teezeremonie. Unter dem Shôgun Minamoto no Sanetomo entstand mit Eisai eine streng zeremonielle und weiterhin religiöse Teezubereitung, aus der sich dann im 14. Jahrhundert am Hof eine profane gesellschaftliche Zeremonie (shoin cha) mit viel Luxus entwickelte, die im 15. Jahrhundert unter dem Shôgun Ashikaga Yoshimasa beim entstehenden Bürgertum weite Verbreitung fand. Die konzise zenbuddhistische Form wie auch eine gesellschaftliche, die oft eine luxuriöse Ausstattung kannte, wurden allmählich vereinheitlicht. Im 16. Jahrhundert schliesslich wurde die Zeremonie durch die Teemeister Murata Jukô, Takeno Jôô und Sen no Rikyû zum Weg des Tees (chadô) erweitert, der das Leben durch die Philosophie der einfachen Ästhetik in ein Kunstwerk zu verwandeln sucht. Dazu wurden die stille Atmosphäre der Zeremonie wie die Ausführung selbst auf ein hohes Niveau kontemplativer Kunst erhoben, während die Umgebung der Zeremonie aber zu grösster Einfachheit reduziert wurde. Wesentlich aber waren die philosophische Einbettung und vor allem für Sen no Rikyû die Formulierung der vier Grundprinzipien Harmonie, Respekt, Reinheit und Stille, die die Absicht und das Wesen des chadô deutlich machen. Kakuzô Okakura, der Verfasser des weltweit gelesenen «Buch vom Tee», schreibt dazu: «Die Zeremonie war ein improvisiertes Drama, dessen Handlung sich um den Tee, die Blumen und die Malerei wob. Keine Farbe, die den Ton des Raumes störte, kein Klang, der den Rhythmus der Dinge beeinträchtigte, keine Bewegung, die sich in die Harmonie eindrängte, nicht ein Wort, das die Einheit der Umgebung brach: alle Bewegungen einfach und natürlich - das waren die Ziele der Teezeremonie ... Eine tiefe Philosophie lag hinter all dem. Teeismus war Taoismus in anderer Gestalt.»

Die ersten drei der vier von Sen no Rikyû festgelegten Prinzipien Harmonie, Respekt und Reinheit sind taoistisch-buddhistischer Natur. WA, die Harmonie, steht für die im Buddhismus gelebte Verbundenheit der Menschen und aller Lebewesen untereinander. KEI, der Respekt gegenüber allen Wesen, verlangt die Kontrolle des Ego. SEI, die Reinheit, umfasst eine äussere und eine innere: zum einen durch die Schlichtheit der Zeremonie und des Raums mit Bildnische, Rollbild, Blumengesteck und Teegerätschaften, zum anderen durch die Bereitschaft, mit Geist und Seele, frei von Leidenschaften, aus der vergänglichen Welt in die reine Welt des Tees einzutauchen. Das herausragendste Prinzip, JAKU, die Stille, umreisst die einsame Losgelöstheit und die Versenkung in das Nichts und die Leere, die Raum und Zeit auflösen. Das Prinzip der Stille bringt damit nicht nur die Essenz buddhistischer Philosophie und Glaubenslehre zum Ausdruck, sondern ist eine herausragende Grösse vieler Anschauungen und in der eigenständig japanischen Philosophie des wabi-sabi eine übergeordnete Quelle geistiger und schöpferischer Kraft. Jaku, die Stille, ist zugleich Grundlage der ersten drei Prinzipien und entsteht aus deren Verwirklichung.

Der Zen-Buddhismus, dessen Lehre die intuitive Suche nach dem Wesen der Wirklichkeit verfolgt, gewährte den Teemeistern den Rahmen, in dem sie den Weg des Tees und die damit verbundene Ästhetik des Unvollkommenen und Einfachen entfalten konnten. Dazu gehört ein ganzheitliches Vorgehen, das neben der eigentlichen Zeremonie auch Bau und Ausgestaltung des Teehauses, Gartenarchitektur und -pflege, Philosophie und Literatur, das Kunsthandwerk der Keramik und der Teegeräte und ein geschultes Auge für die Malerei und die Kalligraphie umfasst. Dies alles wird durch die Fähigkeiten des Teemeisters auf dem Weg des Tees und des Lebens zu einem Gesamtkunstwerk verdichtet.

Heute ist die Teezeremonie eine lebendige Ausformung japanischer Kultur und Religion, die in der Regel als Empfang und Besinnung in einem speziellen Raum stattfindet, vorzugsweise im einfachen Teehaus (chaseki) eines eigens dafür angelegten Gartens (chaniwa) oder im Teeraum (chashitsu) des traditionellen japanischen Hauses. Meistens wird der Teepavillon über einen kunstvollen und zugleich schlichten Weg (roji) aus grob behauenen Schrittsteinen (tobi-ishi) erreicht, der die Loslösung vom Alltag, die temporäre Trennung von der Welt ermöglichen soll. Das Teehaus ist äusserst einfach und bescheiden gebaut, damit es den Unbestand und die Leerheit der materiellen Welt deutlich macht. Der Grundriss kennt weder strenge Rechtwinkligkeit noch Symmetrie, denn im Zen ist Symmetrie künstlich und unnatürlich, auf Ausgewogenheit und Harmonie der Formen wird hingegen grösster Wert gelegt, da diese die Wesenheit der Dinge ausdrücken. In der Nähe des Teehauses oder des Teeraums steht ein Stein (tsukubai oder chôzubachi) mit eingehauenem Wasserbecken, wo sich die Gäste mit Hilfe eines Bambusschöpfers die Hände und den Mund reinigen, wie dies auch vor shintôistischen Schreinen und heiligen Plätzen geschieht.

Trotz strenger Förmlichkeit der Zeremonie bietet der Teemeister den Gästen genügend Raum, um sich zu unterhalten, sich stiller Betrachtung und Meditation hinzugeben und sich dem in der Bildnische aufgehängten Rollbild wie auch dem Blumengesteck (chabana) zu widmen. Der eigentlichen Teezeremonie geht die Holzkohlenzeremonie (sumidemae) voraus. Die Feuerstelle wird eingerichtet und Wasser im eisernen Teekessel (kama) erhitzt, das bald zu sieden beginnt, was akustisch durch Metallstücke im Kessel verstärkt wird. Die Gäste konzentrieren sich auf diese einfachen und zugleich gehaltvollen Geräusche und die daraus entstehende Stimmung. Im Sommer steht der Teekessel auf einem tragbaren metallenen Holzkohlenherd (furo), im Winter ist er auf einem Dreibein (gotoku) in der Feuergrube (ro). Auch Räucherwerk (kô), das kunstvollen Lackdosen (kôgô) entnommen wird, kann verbrannt werden. Nun beginnt der Teemeister (iemoto oder chajin) mit der eigentlichen Teezeremonie. Die Teeschale (chawan) wird mit heissem Wasser ausgespült und mit einem Tuch (kochakin) ausgewischt. Den Gästen werden Süssigkeiten (kashi) gereicht, weil diese den Geschmack von matcha-Tee intensiver machen. Aus einer Deckelschale (kashibachi) werden auf einem Tablett (higashibon) Hauptsüssigkeiten (omogashi) und trockene Süssigkeiten (higashi) aus Reismehl serviert. Mit einem Bambuslöffelchen (chashaku) wird dem Teebehälter aus Keramik (chaire) oder Lack (natsume) der zu Pulver gemahlene grüne Tee (matcha) entnommen und in der Schale mit Wasser vermischt, das mit einer Bambuskelle (hishaku) aus dem ausgusslosen Teekessel geschöpft wird. Mit dem Bambusbesen (chasen) werden Teepulver und Wasser in der Schale zu jadegrüner Farbe gerührt und «geschlagen», bis in der Mitte ein Schäumchen schwimmt. Dann wird die Schale den Gästen gereicht, die vom Ranghöchsten bis zum Rangniedersten diesen Tee trinken, die Schale etwas drehen und weiterreichen. Anschliessend wird die Schale mit heissem Wasser ausgespült, und es wird ein zweites Mal, nun dünnerer Tee (usucha) angerichtet und unter den Gästen weitergereicht. Der Gastgeber oder der Teemeister trinkt nicht. In der Regel beteiligen sich fünf Leute an einer Teerunde, wobei die wichtigste Person (shôkyaku) mit dem Rücken zur Bildnische, die rangniederste (tsume) nahe des Eingangs (sadôguchi) sitzt. Nach dem Teegenuss unterhalten sich die Gäste wieder oder widmen sich erneut stillen Betrachtungen.

Im 17. Jahrhundert entstand eine Teebewegung, die eine neue und verfeinerte Art der Teezubereitung verfolgte. Besonders Literaten kritisierten in der frühen Edo-Zeit, dass dem chadô durch die Formalisierung von Sen no Rikyû die Spiritualität und Kreativität verloren gingen. In China ist nach der mongolischen Herrschaft mit der Ming-Zeit der Genuss des Tees durch Aufgiessen der Blätter des Teestrauchs aufgekommen. Diese Sitte gab in Japan Anlass zu einem neuen Weg des Tees, dem senchadô. Dieser verfeinerte Weg des Tees wurde in der Edo-Zeit durch bürgerliche Intellektuelle gepflegt, er existierte völlig unabhängig neben dem streng formalistischen chadô. Viele Poeten und Maler waren Anhänger des senchadô, und ihre Anlässe wurden oft von kulturhistorischen Gesprächen begleitet. Sie fanden im Hause bekannter Persönlichkeiten statt, oft auch in der freien und von ihnen verehrten Natur. Nicht die formale Enge kunstvoller und auch künstlicher Gärten entsprach der Philosophie dieser Bewegung, sondern die ungehinderte Entfaltung von Geist und Kreativität. Mit der Meiji-Restauration, die den Shintôismus zur Staatsreligion erklärte und den Buddhismus anfänglich sehr einschränkte, erhielt die senchadô-Bewegung verstärkte Unterstützung, verliess das Umfeld intellektueller Künstler aber kaum, brachte jedoch auch viele expressionistische und experimentelle Künstler miteinander in Kontakt. Die Bewegung, die ein freies, kreatives Denken zur Grundlage erklärte, ist durch den japanischen Faschismus und den Zweiten Weltkrieg stark zurückgegangen und wartet auf eine Revitalisierung. Die senchadô-Bewegung kennt eigenes Teegerät, das einerseits feiner ist und Porzellan bevorzugt, andererseits Naturnähe und kaum bearbeiteten Bambus berücksichtigt, wie dies z.B. in den eher groben Bambuskörbchen für Blumengestecke zum Ausdruck kommt.

Thomas Psota
Die grosse Stille
Malerei und Skulptur aus Japan
Bernisches Historisches Museum
Katalog zur Ausstellung 11.11.99-12.03.00
ISBN 3-9520537-2-4




  • Japan Index
  • Asuka-Zeit (538-645)
  • Nara-Zeit (645-794)
  • Heian-Zeit (794-1185)
  • Kamakura-Zeit (1192-1333)
  • Muromachi-Zeit (1392-1573)
  • Momoyama-Zeit (1573-1603)
  • Edo- oder Tokugawa-Zeit (1603-1868)
  • Japan - Die grosse Stille
  • Geschichte und Skulptur des Buddhismus in Japan
  • Japan - Die Stille in der Natur
  • Die Teezeremonie in Japan - Stille als oberstes Prinzip
  • Glossar


    Der Fuji ist ein Vulkan und mit 3776 m Höhe über dem Meeresspiegel der höchste Berg Japans. Er liegt auf der japanischen Hauptinsel Honsh? an der Grenze zwischen den Präfekturen Yamanashi und Shizuoka, wo sich sein Gipfel befindet.

    Grosser Buddha (jap. daibutsu), eine der bedeutendsten Darstellungen des Buddha Amitabha (jap. Amida) im buddhistischen Tempel K?toku-in  in der japanischen Stadt Kamakura.

    Der Itsukushima-Schrein ist ein Shint?-Schrein auf der Insel Miyajima in Hatsukaichi in der Präfektur Hiroshima in Japan. Seit 1996 gehört er zum UNESCO-Weltkulturerbe.
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