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Meine Berliner Ausstellung

Von Fernand Léger

Flechtheim bittet mich, etwas über meine nächste Ausstellung zu plaudern - es ist freilich eine Indiskretion, aber wie könnte man unserem grossen Berliner Manager irgend etwas abschlagen? Mag es also sein! Ich denke mir ungefähr folgendes: Sie werden im Februar eine Bildersammlung mit einem Minimum an Perspektive und an Tiefenwirkung zu sehen bekommen - eine vertikale Kunst. Soweit ist kaum etwas besonders Neues daran - die Primitiven, die Impressionisten haben schon gegen die Perspektive gekämpft, die uns die italienische Renaissance, die typische Dekadenz-Epoche, vererbt hat.

Aber es gibt noch etwas anderes, was diese italienische Renaissance uns gebracht hat: das ist das Sujet. Die Primitiven haben es nicht fertiggebracht, sich ganz über das Sujet hinwegzusetzen - ihre Zeit erlaubte es ihnen nicht, aber sie haben es geringgeschätzt, sie verwenden es eben nur. Die Renaissance dagegen hat sich ihm unterworfen, sich förmlich in ihm gewälzt, sie hat mehr optische Stoffabbildung gegeben als plastische Kunst. Es war nötig, um jeden Preis zu vermeiden, wieder in die Geleise zu geraten. Die Modernen haben eine gewaltige Anstrengung gemacht.

Die Modernen beginnen bei Manet und den Impressionisten - schon sie haben versucht, sich zu befreien; sie sind weniger darstellend als ihre Vorgänger, ihre Leidenschaften, ihre Stilleben sind einfache «Motive», das «Sujet» ist wohl darin, die Kunst der Behandlung aber ist wichtiger, steht darüber. Die Kubisten haben die Befreiung schärfer betont. Sie haben das «Sujet» zerschlagen, verrenkt, pulverisiert, sie haben ihre Eroberung fortgeführt bis zur Einführung des «abstrakten» Bildes. An dieser äussersten Position angekommen, gab es eine vollständige Konfusion. Ein ausgesprochen anarchischer Zustand hat sich aller Kreise im Zusammenhang mit diesem Ereignis bemächtigt.

Trotzdem braucht man natürlich etwas, um ein Staffeleibild zu schaffen. Eine weisse Leinwand genügt nicht, ein Kreis und ein Viereck auf dieser weissen Leinwand genügen auch nicht, ein «Sujet», das wäre ein Rückschritt, ist also unerwünscht. Die gegenwärtige Lage ist demnach ungefähr folgende: Um ein Staffeleibild zu malen, darf man weder «abstrakt» sein noch im «Sujet» befangen. Die «abstrakte» Kunst hat ihre streng abgegrenzte Domäne in der «Wand»Kunst, einer Kunst, die in Beziehung zur Architektur steht. Da kann sie sich entwickeln und einen sehr wichtigen Zweig moderner Kunstbetätigung schaffen. Wie aber steht es mit dem Staffeleibild? Das Staffeleibild muss ein lebendiger Organismus sein, voller Abwechslung, reich, intensiv. Es muss ebensoviel Raum auf einer Wand beherrschen können wie das auffallendste, hübscheste, beweglichste Fabrikationsprodukt.

Und was weiter? Ich persönlich habe das Gefühl gehabt, dass es gegenwärtig in unserer Umgebung eine überraschende, sehr aktuelle Tatsache gibt: das Hervortreten der Gegenstände, der «Objekte». (1924 habe ich einen kleinen Film hergestellt, «Das mechanische Ballett», der fast ausschliesslich aus «Objekten» besteht.) Es handelte sich nun darum, dieses «Objekt» plastisch hinzustellen. In der Malerei bemühe ich mich selbst schon seit mehreren Jahren darum. Die Schaufensterkunst hat seit einiger Zeit gelernt, es uns aufzuoktroyieren, es in den Raum zu stellen, zu isolieren, zu personalisieren. Ein Schuh, ein Paar Strümpfe in einem Schaufenster sind Individuen geworden, eine Frucht bei einem Obsthändler drapiert sich, ein Hammel im Schlächterladen wird eine wichtige, aufs wirksamste inszenierte Persönlichkeit.

Das Kino mit seiner grossen Fläche hat auch das «Objekt» zur Geltung gebracht; eine Hand, ein Finger, ein Fuss, ein Auge, zehnmal vergrössert, wird zu einem Objekt, einem Individuum - und nun, folgen Sie mir, bitte, genau: ein «Sujet» ist natürlich aus Objekten zusammengesetzt, aber, wenn Sie denken «Sujet», wenn Sie von der Idee «Sujet» beherrscht werden, dann werden Sie natürlich dies «Objekt» dem «Sujet» zum Opfer bringen- und das heisst: eine alte, unmoderne Blickeinstellung haben.

Aber: wenn Sie mit klarem Blick im heutigen Leben stehen, wenn Sie das «Objekt» erfühlt haben, dann werden Sie ganz einfach das «Sujet» dem «Objekt» opfern, Sie kehren die Formel um; das sieht nach nichts aus und scheint sehr einfach - aber trotzdem: es ist das Gegenteil, und dieses Gegenteil ist, nach meiner Meinung, im höchsten Grade aktuell. Und darauf stütze ich mich nach dem Aufbau meiner Bilder.

Die ältere Malerei wird umfasst durch den Begriff «Sujet», und ich glaube, dass es bei der modernen Kunst statt dessen das «Objekt» heissen muss. Es ist natürlich sehr schwer, diesem «Objekt» zu einem plastischen Wert zu verhelfen; dazu bedarf es einer ganz bestimmten Arbeitsweise. Ich persönlich benütze es, damit es einen plastischen Wert erhält, in Kontraststellungen, ich respektiere es so sehr wie möglich, ich gehe sogar so weit, die konzentrische Stellung zu vermeiden, und trachte danach, es in zentrifugaler Lage in den Raum zu stellen.

Sie werden also nun bei meinem Freund Flechtheim Werke der letzteren Art zu sehen bekommen - ziemlich neuartig, glaube ich, geschaffen nach dieser Auffassung des «Objektes», in Kontrastwirkung gegeben zu einem plastisch gedachten Hintergrund.

Folgendes sei noch hinzugefügt: Von meiner Liebe zum «Objekt», von meiner Arbeit um das Schaffen dieser neuen Technik habe ich Ihnen soeben, glaube ich, in genügend klarer Weise berichtet. Diese Klarheit aber verdanke ich scharfblickenden Köpfen wie Christian Zervos, Teriade, Waldemar Georges, Maurice Raynal, die in ihren Artikeln über meine Arbeit der letzten Jahre dieses Suchen, dessen ich mir im Anfang kaum selbst bewusst war, schon gefühlt und scharf und klar zum Ausdruck gebracht haben. Ich entwickle in meinem Beitrag einfach das, was sie gesehen, gefühlt haben - das ist alles. Und Ähnliches fühlten meine Sammler. Ich nenne nur die deutschen: Lange und Remisch in Krefeld, Reber und Flechtheim.

Quelle: Der Querschnitt - Das Magazin der aktuellen Ewigkeiswerte
Übersetzt von Heinrich Satter - Januar 1928




Fernand Léger (1881-1955)

Der französische Maler, Grafiker und Keramiker Fernand Léger entwickelte in seiner Frühphase seinen persönlichen Stil aus einfachen Formen wie Kegel oder Kugel. Die formale Strenge dieses reduzierten Kubismus vereinigte er mit einem scharfem Kontrast an Farbigkeit und ließ Anleihen vom Orphismus erkennen. Seine Erlebnisse mit der modernen Technik im Ersten Weltkrieg und die Begegnung mit dem Neoklassizismus bestimmten seine späteren Sujets, die er als technische Teile wie Zahnräder oder Schrauben realisierte. Selbst der integrierte Mensch wirkt in diesen Bildern wie ein technisches Objekt. Es folgten surreale Bilder mit einem Stil aus Kurven und Linien. In seiner letzten Phase widmete er sich der Arbeiterwelt, in der er eine postkubustische Ausdruckssprache mit dem Realismus mischte.



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