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«Jedes Vespa-Modell ist ein Zeugnis seiner Zeit», sagt Daniel Wiss, Vespa-Mechaniker mit Leib und Seele

Beim Betriebswirtschafts-Studium ist Daniel Wiss klar geworden: «Ich muss mein eigener Chef werden.» Seit nunmehr zehn Jahren restauriert und repariert der untypische Mechaniker Vespas.

Daniel Wiss sitzt auf einem Stapel Vespa-Reifen und isst einen Kebab. Seine Werkstatt ganz am Ende der Freiburgstrasse in Bern ist vollgestopft mit freigelegten 2-Takt Motoren, abgelaugten Vespa-Blechen, lederbezogenen Einzelsitzen, Weisswandreifen und allerhand Chromstahlzierrat. Überall hängt der zeitlos geschwungene Vespa-Schriftzug. Für den Laien ein heilloses Durcheinander - für den Kenner ein Ort mit eigentümlichem Charme.

Paperino MP6 Vespa Alpha Vespa 125 von 1948 Vespa U

Seit zehn Jahren repariert und restauriert Daniel Wiss Vespas. Am liebsten hält er sich an alte Modelle. Sprint, Tourist, Primavera - alle weit über dreissig Jahre alt. Es stehen aber auch modernere PX und ET-4 in der Werkstatt. Ein Lieblingsmodell kennt er nicht. «Jede Vespa ist ein Zeitzeugnis», erklärt Wiss, «es spiegelt sich darin der Modetrend der jeweiligen Ära wider.» Nur mit den neusten, aggressiven Rollern hat er nichts am Hut. Das sei eine «Charakterfrage», meint er trocken.

Sternstunde der Technik

Spinatgrün war sie, die erste Vespa, an die sich Wiss genau erinnert. Zu dritt waren sie damit zur Schule gefahren - in der vierten Klasse wohlverstanden. In der Oberstufe setzte er zum ersten Mal den Schraubenschlüssel an den unverkennbaren italienischen Roller, der später sein Leben beherrschen sollte. In den frühen 80er-Jahren - auf dem Höhepunkt der Beat- und Ska-Welle - musste aber fürs Erste eine Lambretta her. Schliesslich fuhr damals ganz London das hippe Kultvehikel. Schnell erkannte Wiss aber die technischen Schwächen der Vespa-Konkurrentin: «Wenn du zum Vergasereinstellen eine halbe Stunde lang Abdeckblech und Zierleisten abmontieren musst, geht das gehörig auf die Nerven.»

Eine «Sternstunde» sei es hingegen gewesen, als er etwas später eine Vespa aus dem Hause Piaggio reparierte. «Eine technische Revolution - alles einfach konstruiert und bestens zugänglich.» Es war die Geburtsstunde seiner Vespa-Passion. Wiss finanziert sich fortan sein Betriebswirtschaftsstudium an der Universität Bern mit Vespa-Reparaturen und gerät in ein Dilemma: «Ich war zu viel an der Uni, um von den Vespas leben zu können - und ich war zu viel in der Werkstatt, um die Prüfungen seriös vorzubereiten.» Im siebten Semester bricht er die Studien ab und wird sein eigener Chef.

Vespa-Motor verlangt Intuition

Sein ältester Kunde ist 76-jährig. Den grössten Anteil machten jedoch Kunden zwischen 25 und 40 Jahren aus, erzählt Wiss. Darunter seien viele Studenten und Secondos. Sie kauften sich mit einer Vespa ein «kleines Stückchen Italianità». Dänu Wiss hat viele Stammkunden. Da ist beispielsweise Hans Lebrecht. Er sei einer der ersten Kunden überhaupt gewesen. «Immer kam er wegen Kleinigkeiten und machte daraus ein Riesentheater. Richtig nervig», erklärt Wiss. Heute zählt Hans zu seinen privaten Freunden. Etwas beobachtet Wiss an seinen Kunden: «Oft haben sie keine Zeit.» Alles müsse «subito» geschehen, so nach dem Motto: «Jederzeit innerhalb von 6 Stunden Totalservice, bitte.» Dabei brauche «gute Handwerkerbüez einfach ihre Zeit». Bei einer Vespa könne nicht wie bei der heutigen Autoindustrie einfach ein Modul ersetzt werden. Da müsse man mit Intuition an ein Problem herangehen. Oft fährt er mit einer «kranken» Vespa die Freiburgstrasse rauf und runter, um über das Motorengeräusch das Problem zu lokalisieren. Der Vespa-Motor sei übrigens ursprünglich mal als Anlassermotor für Flugzeuge im zweiten Weltkrieg konzipiert worden, sagt Wiss.

«Uf u dervo . . .»

Seine Kunden müssen auch mal in Kauf nehmen, dass sie bei Dänu Wiss zu normalen Öffnungszeiten vor verschlossenen Türen stehen. Manchmal steht behelfsmässig auf einem Kartonschild: «Bin in den Ferien.» Die nimmt er sich meistens im Winter. Da sei die Nachfrage klein, und Reparaturen seien auch nicht so dringend. Es gibt aber noch einen anderen Grund: Seine Werkstatt lässt sich nur schlecht heizen. Der kleine Ölofen kompensiert die schlechte Isolation des alten Gebäudes nicht. Darum trifft der Kunde Dänu Wiss in seiner Werkstatt in den Wintermonaten oft mit Thermoanzug, dicker Kappe und langem Schal an. Rücken- und Gelenkschmerzen seien die Folge der Kälte, erklärt Wiss. So buchte er auch schon spontan einen Flug nach Mexiko, als die Raumtemperatur an der Werkbank während Tagen nicht über zehn Grad klettern wollte. Das seien dann auch die Momente, wo er ans Aufhören denke. «Nicht ernsthaft», beschwichtigt er, «aber eine neue Werkstatt wäre halt schon gut.» Er träumt von einer alten Schmiede mit darüberliegendem Wohnhaus, viel Platz für sein Ersatzteillager und die unzähligen Vespas.

Wenn Daniel Wiss beim Vespa-Mutterhaus Piaggio einen Wunsch offen hätte, so wäre das ein moderner 4-Takt-Motor, der in all den alten Modellen Platz hätte. Die Ästhetik der alten Vespas mit der Zuverlässigkeit der modernen Motoren - perfetto!

Daniel Wiss
Freiburgstrasse 121a
3008 Bern
031 382 2319

www.ebund.ch
Hansmartin Amrein 13.05.2003




Jubiläum 1996/ Die Vespa, Mutter aller Motorroller, wird fünfzig

Sie rollt, und rollt, und rollt, und . . .

Oft kopiert, aber nie erreicht - als Mutter aller Roller gilt die Vespa seit langem als Synonym für Motorscooter schlechthin. Nach zahlreichen Höhen- und auch Sturzflügen ist das «Wäschpi» heute 50 Jahre nach der Lancierung des weltweit ersten Motorrollers aktueller denn je.

hkl. Die Erfolgsgeschichte der Vespa begann in den Wirren der Nachkriegszeit im toskanischen Pontedera in der Nähe von Pisa. Nachdem die Produktionsanlagen des italienischen Flugzeugbau-Unternehmens Piaggio durch die allierten Luftangriffe weitgehend zerstört worden waren, suchte der gleichnamige Firmeninhaber, Enrico Piaggio, nach einem möglichen, kostengünstigen Produkt mit Nutzwert für breite Verbraucherkreise.

Unter Leitung von Flugzeug-Ingenieur Corradino d'Ascanio wurde ein Fahrzeug mit tragender Karosserie und direktem Antrieb entwickelt. Die Gangschaltung wurde in den linken Lenkergriff verlegt, und zum einfacheren Reifenwechsel konstruierte man eine bei Flugzeug-Fahrwerken übliche einseitige Radaufhängung und verstaute unter der linken Heckverkleidung ein ausgewachsenes Reserverad. Durch die markante, noch heute rollertypische Karosserieform mit breitem Beinschild und ebenso breiter Fussauflage sowie kompakter Motor- und Heckverkleidung wurde der angestrebte Fahrerschutz erreicht.

Als Enrico Piaggio den ersten, durch sein breites Mittelteil und die schmale Taille äusserst eigenwillig ausschauenden Prototypen MP6 beurteilt, meint er dazu: «Sieht aus wie eine Wespe». - Damit war auch der Name des ersten Motorrollers von Piaggio bestimmt . . . Die Serienproduktion (2000 Einheiten) begann im April 1946.

Das Konzept der Vespa setzte sich auf Anhieb durch. Im ersten Jahr wurden bereits rund 2500 Vespas produziert, ein Jahr darauf 10'500, und im dritten Jahr waren es bereits über 20'000 Stück.

1950 wurde in den Hoffmann-Werken in Lintorf (D) die erste Lizenzfabrikation aufgenommen, was die Gesamtproduktionsziffer auf 60'000 Roller steigerte. Es folgten Produktionsaufnahmen in Douglas (GB) und Paris, was die Jahresbilanz auf 171'200 Fahrzeuge steigerte.

Bereits 1947 rollten auch die ersten Vespas in der Schweiz. Das weitreichende Kundendienstnetz dehnte sich immer weiter in ganz Europa aus und wurde laufend dichter. 1953 bemühten sich weltweit bereits 10'000 Service-Punkte um die Roller. Und im gleichen Jahr feierten die inzwischen gegründeten Vespaklubs bereits ihr 50'000. Mitglied. Mitte der 50er Jahre wurde die Vespa in 13 Ländern hergestellt und in 114 Ländern vermarktet - sogar in der Sowjetunion wurden Vespas produziert und gefahren.

Eine Vespa zu fahren, wurde zum Sinnbild für Freiheit. In den 50er Jahren prägte dieses Vehikel den Lebensstil seiner Zeit und wurde allenthalben salonfähig - selbst im gesellschaftlichen Bereich wurde der neue Roller zum begehrten und unverzichtbaren Objekt. Renommerite Film- und Showgrössen wie Garry Cooper, John Wayne, Audrey Hepburn, Raquel Welch, Ursula Andress, Geraldine Chaplin und viele andere schwangen sich auf ein «Wäschpi» und liessen sich bereitwillig für Werbezwecke ablichten.

1956, also nur gerade zehn Jahre nach ihrem Entstehen, lief bereits die einmillionste Vespa vom Band. Pontedera, der kleine Ort nahe Pisa, ist längst zur «Vespa-City» geworden. Das Werkareal ist von 4800 auf 44'600 m2 angewachsen, die Mitarbeiterzahl von 136 auf knapp 7000. 1965 starb Enrico Piaggio.

In den 70er Jahren hatte die Vespa mit allerhand Schwierigkeiten zu kämpfen. Europa im Autofieber begann den Roller zu vergessen und wandte sich dem Vierradvehikel zu. Trotz dieses Einbruchs konnte 1988 die zehnmillionste Vespa ausgeliefert werden. Heute hat die Produktionsziffer die 15-Millionen-Grenze bereits überschritten und reiht sich in der Motorwelt in der Kategorie von VW Käfer und Ford T ein.

Vom Rollerboom, der seit Ende der 80er Jahre ungebrochen anhält, wird die Vespa - nicht aber deren Hersteller Piaggio - richtiggehend überfahren. Der flippig und frech gestylten Fernost-Konkurrenz, welche vor allem vom jugendlichen Publikum bevorzugt wird, hat die eher konservativ wirkende Vespa wenig entgegenzusetzen. Durch die Trendwende der letzten beiden Jahre sind klassische Modelle, vor allem aber das Original wieder stärker gefragt. Dadurch liegt die gute alte Vespa auf einmal wieder hoch im Kurs!

50 Jahre / Stationen der Vespa-Geschichte

Mit kleinen Schritten. Bis zum heutigen Datum wurden Vespas in annähernd einhundert verschiedenen Versionen produziert. Die nachfolgende Zusammenstellung präsentiert die bedeutendsten Entwicklungsschritte der Vespa mit jenen Modellen, welche die Geschichte der Mobilität auf zwei Rädern massgebend mitbestimmt haben.

  • 1946, Vespa 98: Sie leistet 3,2 PS und ist rund 60 km/h schnell.
  • 1953, Vespa 125: Mit 5 PS Leistung jetzt 75 km/h schnell. Der Scheinwerfer wird nicht mehr auf dem Kotflügel, sondern oberhalb des Lenkers montiert.
  • 1955, Vespa 150 GS: Zahlreiche Neuerungen wie 150-ccm-Motor, Vierganggetriebe, langer Doppelsattel, verschalte Lenker-/Scheinwerfereinheit, 10-Zoll-Räder, 100 km/h Spitze.
  • 1964, Vespa 50: Die erste «kleine Vespa» mit dem 50-ccm-Aggregat.
  • 1965, Vespa 180 GS: 181,14 ccm Hubraum ergaben 10 PS Leistung und 105 km/h Spitze.
  • 1968, Vespa 125 Primavera: Eine der beliebtesten Vespas. Das neue 125er Triebwerk ist durchzugs- und leistungsstärker.
  • 1970, Vespa 150 Elestart: Die erste Vespa mit Elektrostarter.
  • 1972, Vespa, 200 Rally: Sie erreicht dank 12,35 PS eine Spitze von 116 km/h.
  • 1976, Vespa Primavera ET3: Das Kürzel steht für elektronische Zündung und die drei Einlasskanäle des leistungsgesteigerten Einzylinder-Motors.
  • 1978, Vespa P 125 X: Neue Karosserie und moderne Technik leiten entscheidenden Schritt in der Vespa-Geschichte ein.
  • 1978, Vespa P 200 E: Das für Zweitaktmotoren nötige Öl muss erstmals nicht mehr dem Treibstoff beigemischt werden.
  • 1983, Vespa PK 125: Das Nachfolgemodell der Primavera bekommt eine neue Karosserie. Lancierung der Motorvarianten PK 50 und PK 50 S, beide mit Vierganggetriebe und Elektrostarter.
  • 1984, Vespa PK 125 Automatica: Das erste Modell mit Automatikübersetzung und zwei Handbremshebeln.
  • 1985, Vepa T5 Pole Position: Mit Aluminiumzylinder und fünf Einlasskanälen die stärkste aller Vespas.
  • 1989, Vespa Cosa 125: Die vorläufig letzte Vespa bietet moderne und zeitgemässe Karosserie und Technik. Sie ist auf Wunsch mit Antiblockier-Bremssystem zu haben.
Roller-Erfinder gibt wieder Gas

Fünfzig Jahre nach der Lancierung des «Wäschpi» gibt der Roller-Erfinder Piaggio wieder mächtig Gas. Nachdem die italienische Traditionsmarke Anfang der Neunzigerjahre von einer Scooterflut aus Fernost im wahrsten Sinne des Wortes überrollt worden war, präsentiert Piaggio heute zum Jubiläum nebst den beiden traditionellen Vespa-Modellen PX 125 E und Cosa 125 eine moderne und lückenlose Modellpalette.

Sfera 125 4T und 50
Piaggios erster Roller mit Viertakt-Motor dürfte voraussichtlich der Renner der Saison werden. Der moderne und umweltgerechte Sfera bietet zwei Personen ausreichend Platz und ist auch als 50-ccm-Version zu haben, zu Preisen von 3995 bis 4995 Franken.

Hexagon 125
Der Roller für gehobene Ansprüche zeichnet sich aus durch Eleganz, Sicherheit, Ergonomie und Wirtschaftlichkeit. Der bequeme und gross zügig proportionierte Zweiplätzer eignet sich auch für längere Fahrten. Preis: Fr. 6495.-.

Skipper 125
Der meistverkaufte Piaggio-Roller ist mit einem spurtstarken Zweitaktmotor ausgerüstet. Genügend Kraftreserven und gute Strassenlage verleihen ihm unvergleichliche Fahreigenschaften und machen ihn weit über 100 km/h schnell. Preis: Fr. 4895.-.

Typhoon 125 und 50
Der sportliche Cityflitzer ist mit dem kraftvollen Motor des Modells Skipper ausgestattet. Mit der kleineren 50-ccm-Motorisierung ist der attraktive Roller ab 16 Jahren und mit dem Autoausweis zu fahren. Preise: 125er Fr. 4995.-, 50er Fr. 3895.-

Storm 50
Motorisierung und Fahrwerk sind weitgehend identisch mit dem Modell Typhoon 50. Vorteile bietet der als Ein- oder Zweiplätzer erhältliche Storm vor allem mit seinen attraktiven Preisen unter 3400 Franken.

Free 50
Mit seinen grossen 14-Zoll-Rädern bietet der Free 50 mehr Sicherheit und ist damit Motorrad und Roller in einem. Der ab 16 Jahren und mit dem Auto-Führerschein fahrbare Flitzer kostet lediglich Fr. 2995.-.

www.ebund.ch
hkl. 30.04.1996




Vespa story
ein, sich einem Vespa-Sattel anzuvertrauen - darunter viele, die sich nie auf ein Motorrad gesetzt hätten. Was die Vespa auszeichnete, waren ihre fliessenden, gern als weiblich beschriebenen Formen, die den Fahrer noch heute schützend umschliessen und leichtfüssige, unbeschwerte Fortbewegung verheissen. Keine völlig neue Tendenz im Jahr 1946, wenn man an das Tropfen-Design stromlinienförmiger Luxuswagen aus den dreißiger Jahren denkt, und dennoch im Trend: Ein Jahr später stellte der Modezar Dior in Paris die Wespentaille vor, die Nierentisch-Ära folgte. Das Spiel der Rundungen und Durchblicke der Vespa findet Entsprechungen sogar in abstrakten Plastiken von Henry Moore und Hans Arp. Doch gute Form allein macht noch kein erfolgreiches Produkt.
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