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DIALOGUE – Ein Echange culturelle
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Einführung und kurzer Rückblick

Im Wintersemester des Jahres 1998/9 lernte ich Abdellatif Takkal, einen Marokkaner, kennen. Für einige Wochen übernahm er stellvertretend den Französischunterricht einer Kollegin an meinem Arbeitsort. Im Laufe des schulischen Alltags kamen wir öfters miteinander ins Gespräch. Ich interessierte mich bereits für afrikanische Literatur und Kunst und so tauschten wir interessiert und gerne unser Wissen darüber aus. Er erzählte mir viel über Marokko, insbesondere über seinen Geburts- und Herkunftsort Assilah, der nördlich von Tanger an der Atlantikküste gelegen ist.

Assilah ist eine alte, interessante, kleine Hafenstadt. Sie wurde bereits bei den Phöniziern als Sils erwähnt, später von den Römern besetzt. Heute ist sie bekannt durch ihre malerische Altstadt, arabisch Medina genannt, die zahlreiche Touristen anzieht, und durch das jährlich im August stattfindende Kulturfestival. Im Rahmen dieser Veranstaltung dürfen ausgewählte, marokkanische und internationale Künstler so manche kalkweiss getünchte Hauswand oder Mauer farbenfroh bemalen. Diese Bilder, die Plätze und Gassen der Medina auf schöne Weise akzentuieren, bleiben für ein Jahr zur Freude vieler Menschen stehen.

Nachdem die Vertretung zu Ende war, blieben Abdellatif und ich in Kontakt. Eines Tages besuchte ich ihn in Bern, an seinem damaligen Wohnort. Im Laufe des Nachmittags zeigte er mir graphische und malerische Arbeiten von zwei marokkanischen Freunden, die in Assilah geboren und als Künstler tätig sind. Es waren Originale von Souhaïl Benazzouz und von Khalil El Gherib. Souhaïls zeichnerisch-malerische Überarbeitungen von Blättern eines Kataloges über das Oeuvre des bedeutenden marokkanischen Künstlers Ahmed Cherkaoui, welche er, dem Verfall Preis gegeben, in einer Ecke einer Druckerei in Casablanca fand, faszinierten mich auf Grund ihrer sensiblen Schlichtheit als auch auf Grund ihrer expressiven Ausdruckskraft, so dass ich spontan die Entscheidung fällte, einige Blätter in der Kunstausstellung Boden auszustellen, die im Alten Zeughaus in Herisau (AR) im September 1999 stattfand. Ich wollte seine Arbeit einer breiten Öffentlichkeit vorstellen. So wurden neben Werken von vier Schweizer Künstlern Souhaïls Übermalungen gezeigt. Dies war meine erste Begegnung und Auseinandersetzung mit zeitgenössischer, marokkanischer Kunst und mit dem Lebenswerk und der Malerei von Ahmed Cherkaoui.

Neugierig geworden auf das Land und die Kultur Marokkos beschloss ich im Oktober 2001 dorthin zu reisen. Auf einmal verstand ich das Licht in Souhaïls Arbeiten, ihre scharfen aber nuancierten Kontraste von Weiss und Blau, ihre konzentrierte Verdichtung und informelle Auflösung wie auch die erodierende, poröse Fragilität von Khalils plastischen Arbeiten. Die Häusermauern des alten Fischerviertels in Rabbat, zum Beispiel, liessen mich die Materialität ihrer Werke vertiefter wahrnehmen. Ich wurde sensibilisiert für das, was ihre Werke beeinflusste, dynamisierte und bereicherte.

Im Jahre 2002 organisierte Abdellatif Takkal zusammen mit dem Galeristen Peter Leuenberger in der Galerie g26 in Bern drei auf einander folgende Einzelausstellungen mit Werken von Künstlern aus Assilah. In der ersten wurden neue malerische und plastische Arbeiten von Souhaïl Benazzouz gezeigt. Die zweite folgte mit Fotografien von Mokthar Bakkali und die dritte präsentierte an Kalligraphien erinnernde Zeichnungen von Khalil El Gherib, dem international bekanntesten Künstler von den dreien. (Khalil stellte u.a. an der Biennale in Dakar aus, erhielt Einladungen zur letzten Documenta in Kassel wie auch zur letzten Biennale in Venedig, die er jedoch beide aus persönlichen Gründen absagte.) Abdellatif und Peter baten mich, für alle drei Ausstellungen einen kurzen, einleitenden Text für die Besucher und für die Presse zu schreiben. So setzte ich mich mit bestimmten Perioden ihres künstlerischen Schaffens auseinander. Als Dokumentation entstand ein kleiner, schlichter Katalog in deutscher, französischer und arabischer Sprache. Souhaïl Benazzouz bat hierfür um Veröffentlichung meines Textes über seine neuen Bilder und plastischen Sarkophage.

So entwickelte sich mein Interesse an zeitgenössischer, marokkanischer Kunst, die ohne das Studium der marokkanischen Literatur - u.a. schrieb Mohamed Choukri über Khalil El Gherib in einem seiner Bücher - nur schwer nachvollziehbar ist, denn die Kunst ist immer geprägt vom Licht und vom Charakter eines Landes, von kulturspezifischen Denk- und Lebensformen und einer damit verbundenen Ästhetik. Ich las viel - Autoren wie zum Beispiel Driss Chraibi, Malika Mokkedem und Fatima Mernissi, um nur einige zu nennen.

Beim Schreiben der Texte entstand in mir der Wunsch, die Künstler einmal persönlich kennen zu lernen, denn ich war immer auf biographische Zusatzinformationen von Abdellatif angewiesen. Im Frühjahr 2003 bot sich dazu die Gelegenheit. Der stille Bild-Text-Dialog sollte sich in einen wirklich erlebbaren Dialog verwandeln, denn auf Abdellatifs Frage, ob ich Lust und Interesse hätte, am schweiz-marokkanischen Begegnungs- und Austauschprojekt Dialogue teilzunehmen und mitzuarbeiten, sagte ich spontan zu. So reiste ich voller Neugier und Freude nach Assilah.


Das Projekt DIALOGUE
ein Echange culturelle in Assilah, Marokko


Galerie
L’ATELIER, rue Prince Héritié Sidi Mohammed, Assilah

Ausstellung
13. – 30. April 2003

  • Abdellatif Takkal, Appenzell und Assilah (Koordination)
  • Mokthar Bakkali (Fotografie)
  • Souhaïl Benazzouz (Malerei)
  • Khalil El Gherib (Malerei/Plastik)
  • Saïd El Karkri (Malerei)
  • Martin Alexander Moser (Grafik), Schweiz
  • Ruedi Perren (Texte), Schweiz
  • Beat Ramsmeyer (Multimedia), Schweiz
  • Heinz Sieber (Musik), Schweiz
  • Inge Neugebauer (Ausstellungskonzeption), Schweiz

    Katalog
    Limitierte Auflage von 25 Stück mit Originalbildern, Texten und einer CD-Rom; 10 davon als Sonderedition


  • Aufbau der Ausstellung – eine besondere Aufgabe und Herausforderung

    Meine Aufgabe bei diesem Projekt lag einerseits in der organisatorischen Unterstützung von Abdellatif Takkal, andererseits war ich verantwortlich für den Aufbau der Ausstellung, bzw. für die Hängung und Installation der künstlerischen Arbeiten. Mein vor Ort erarbeitetes Konzept zielte darauf ab, einen Dialog zwischen den einzelnen Artefakten und individuellen Werkgruppen in Bewegung zu setzen, so dass sich aus unterschiedlichen, mit einander korrespondierenden Elementen ein harmonisches aber kontrastreiches Gesamtwerk zusammenfügte. Der Ausstellungsraum wurde so zu einem Ort der Begegnung voller Fragen und Antworten, voller widerhallender Töne und Klänge. Hierbei ergaben sich formale Parallelen zu Beats Filmen und zu Heinz Musikimprovisationen, die von den Menschen und Werken vor Ort inspiriert waren.

    Oft ist für Ausstellungsbesucher die reflektorische, konzeptuelle und gestalterische Arbeit, die man leistet bevor eine Ausstellung in ihrer Form steht, nicht nachvollziehbar. Reflektieren einerseits, wahrnehmen und sensibles erspüren andererseits, was eine erhöhte Konzentration und Offenheit voraussetzt, gehen als Prozesse beim Platzieren der Werke Hand in Hand. Kritischem Überprüfen folgt Intuition und umgekehrt. Es ist ein stiller, fast meditativer aber intensiver Dialog.

    Voraussetzung für das Einrichten einer Ausstellung ist, dass man den Ort bzw. den Raum, wo diese stattfindet, kennt. Einen ganzen Tag lang nahm ich deshalb nur den Raum, das ATELIER in seiner informativen Dichte wahr und in mir auf. (Es wird als Atelier von Künstlern genutzt und ergänzend als öffentlicher Ausstellungsraum.) Ich beobachte seine Atmosphäre, seine Lichtstimmungen, seine Feuchtigkeit, seine Wände mit all ihren Macken, Unebenheiten und Farbnuancen, zudem auch andere Raumelemente wie zum Beispiel ein Sofa, eine Fensterstufe oder zwei Raum teilende Säulen. Nach reifen Überlegungen entschied ich, die Ateliersituation in der Ausstellung sichtbar zu machen, bzw. diese zu erhalten. Die Möbel durften bleiben, ebenso mancher Pinsel, manche Farbschüssel und Zigarettenkippe. Nur ein Teil von Souhaïl Benazzouzs malerischen Arbeiten, die ich brauchen konnte, wurde ausgepackt und aufgehängt. Die anderen blieben verpackt am Boden stehen. Sie waren gerade von einer Ausstellung in Berlin zurückgekehrt. Khalil El Gheribs Arbeiten verteilte ich entweder auf dem Boden oder stellte sie auf einen mit einem weissen Leintuch abgedeckten Studiotisch. Dieser erinnerte an einen Altar und unterstrich bei den Werken ihre philosophische und spirituelle Dimension. Jeder Künstler bekam seinen Raum, der sich abgrenzte aber auch offen war für frei im Raum schweifende Blicke. Die Hängung von Mokthar Bakkalis Fotografien machte mir besonders Mühe, denn wichtig war hierbei die Ausrichtung und der Rhythmus der zu Linien erstarrten, abgebrannten Zündhölzer wie auch die arabische Leserichtung von rechts nach links, was andere Bildabfolgen, Bildeinstiege und -ausstiege zur Folge hatte. Saïd El Karkris naive Malereien, die Alltagsszenen aufgriffen, durften ihre imaginären Geschichten in der Mitte des Raumes erzählen.

    Zwei intensive Tage Arbeit brauchte es, bis sich alles Stück für Stück zusammenfand. Den Kommentaren der Künstler, Kunstkritiker und Besucher bei der Vernissage zu entnehmen, fanden sie diese Ausstellungsidee, die sich nicht an einer musealen White Cube-Präsen-tation orientierte, ungewöhnlich (für marokkanische Verhältnisse) aber interessant und gut.

    DIALOGUE – ein Zusammenfassung

    Dialogue war ein Projekt, das versuchte auf privater Basis (organisatorisch, finanziell) einen Austausch zwischen Menschen unterschiedlicher Nationalität und Kultur herbeizuführen. Im Zentrum stand der Austausch von Gedanken, Ideen, Wahrnehmungen und Erfahrungen. Alltägliche Begegnungen vor Ort und die Zusammenarbeit an einem gemeinsamen Werk sensibilisierten für andere Menschen und für andere kulturelle Ausdrucksformen und förderten die gegenseitige Toleranz. Besonders eindrucksvoll war, die Künstler selber wie auch ihr einheimisches und familiäres Umfeld kennen zu lernen. Die gezielte Auseinandersetzung mit ihren Werken eröffnete neue Sicht- und philosophische Denkweisen. Besonders wertvoll erscheinen mir heute noch die alltäglichen, spontanen Gespräche, sei es bei einem Pfeffer-minztee in einem der Cafés oder im Atelier, sowie die Einladungen am Abend, bei denen die kulturelle Boheme von Assilah zusammenkam, um miteinander zu essen, zu diskutieren und zu lachen.

    Nachwirkungen

    Im Mai des Jahres 2003, d.h. fünf Wochen nach der Ausstellung besuchte ich Souhaïl Benazzouz und seine Familie in Fuengirola, in der Nähe von Malaga (Spanien), wo er derzeit lebt und arbeitet. Des Weiteren haben Abdellatif und Peter sich wieder engagiert. So sind derzeit neue Zeichnungen von Khalil El Gherib in der Galerie g26 in Bern zu sehen. Hierfür ist wieder ein kurzer Begleittext von mir entstanden. Und – welche Überraschung! – der restliche Teil eines Birreweggens, den ich Khalil als Gastgeschenk mitbrachte, wurde Teil einer Plastik, die dieses Jahr in einer Ausstellung in Casablanca zu sehen war. Gâteau appenzellois nannte er das Werk. Ungewöhnlich? Ja, denn Khalil hatte bis dahin nie ein Werk betitelt. Unsere schweiz-marokkanische Begegnung trug somit nicht nur freundschaftliche Früchte.

    Danksagung

    Herzlich danken mit einem tief empfundenen Schoukran möchte ich Abdellatif Takkal für seine kulturelle Offenheit, seinen selbstlosen Einsatz für seine Freunde und besonders für seine Freundschaft, die es ermöglichte, dies alles zu erleben. Gedankt sei auch Peter Leuenberger in Bern für sein ganz besonderes Engagement, des Weiteren den marokkanischen Künstlern Mokthar Bakkali, Souhaïl Benazzouz, Khalil El Gherib, Saïd El Karkri als auch den Schweizern, Martin Alexander Moser, Ruedi Perren, Beat Ramsmeyer und Heinz Sieber, ohne die das Projekt nicht durchführbar gewesen wäre. Und so schreibe ich, am Ende des Textes angekommen: Besslama! (Auf Wiedersehen!)

    Inge Neugebauer
    Appenzell, Juni 2004
    African Studies der Universität Basel, SS 2004, Modul Practice, 2. Juli 2004, Dr. Lilo Roost-Vischer, Inge Neugebauer


    Literatur – eine Auswahl:

    Peinture murale d'Assilah - Evasion dans l'imaginaire, Editions Okad, 2003

    Suites Marocaines – Les jeune création au Maroc (Khalil El Gherib), Collection Art Soleil, Editions REVUE NOIRE, 1999

    « Reencuentro TAWASSUL, exposición itinerante de artes plásticas entre España y Marruecos», 2000 (Khalil El Gherib), Katalog

    Austellungen / Expositions 2002, g26.ch Galerie Bern - Mokthar Bakkali, Souhaïl Benazzouz und Khalil El Gherib, Katalog

    DAK'ART 2002 - 5éme Biennale de L'Art Africain Contemporain, Dakar 2002 (Khalil El Gherib), Katalog

    Junge Künstler aus Marokko (Souhaïl Benazzouz ), Deutsch-Marokkanische Gesellschaft E.V. und des Ethnologischen Museums, Staatliche Museen zu Berlin, 2003, Katalog

    Texte über Ausstellungen von Mokthar Bakkali, Souhaïl Benazzouz und Khalil El Gherib, die von mir geschrieben wurden, sind abrufbar im Internet unter:www.g26.ch. Nachschauen unter: Ausstellungen.


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