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Wohnformen hängen in hohem Masse von der sozialen Struktur der Bevölkerung ab. Die Grossfamilie als Wohn und Wirtschaftseinheit von fünfzig und mehr Personen benötigte viel Platz. Es entstanden Grossbauten, die je nach Umstand den Charakter von Burgen (Tighremt, Ksar) annahmen. Ein sich entwickelnder Feudalismus förderte die Errichtung von Grossbauten ebenso wie die Sicherheitslage die Gründung von bewehrten Siedlungen und burgähnlichen Speicheranlagen geradezu erzwang. Heute verfallen viele der nicht für den Tourismus denkmalgeschützten Anlagen, weil sich die sozialen und politischen Voraussetzungen geändert haben: der Trend zur Kleinfamilie, die Entmachtung der Feudalherrn und der Wegfall von Nomadenüberfällen machen sie überflüssig.

Bauen mit Lehm, ja die Verwendung traditioneller Formen und Ornamente an sich wurde in Marokko eine Zeitlang als «unmodern», ja geradezu als hinterwäldlerisch abgetan. Die Symbole einer Weltkultur aus Beton, Stahl und Glas von Casablanca wurden stattdessen zum Symbol der modernen marokkanischen Architektur.

In Casablanca entstand mit dem Anknüpfen an traditionelle Elemente bei der Gestaltung der «Neuen Medina» aber auch eine Gegenbewegung gegen einen Modernismus, der von Vielen als Entfremdung angesehen wurde. Spätestens seit Ende der 70er Jahre baut man wieder mehr «marokkanisch» - unter Verwendung moderner Materialien und bei hohem kunsthandwerklichem Standard werden alte Architekturformen wieder aufgegriffen.

Bauen mit Lehm hat in Marokko eine jahrhundertealte Tradition. Der Grundtyp des marokkanischen Ksar (arab.: Kasba) ist die Grossfamilienburg mit Lichthof, unten die Stallungen und Vorratsräume und in den oberen Etagen die Wohn- und Wirtschaftsräume. Die Ecken des Gebäudes treten aus Verteidigungsgründen hervor und werden in der späteren Entwicklung zu regelrechten Burgtürmen. Um einen solchen Bau herum entstanden in späteren Jahren weitere Wohnräume und Stallungen. Bei dichterer Bevölkerung und in den von Angriffen der Nomaden besonders ausgesetzten Gebieten, wie den Tälern des Draa und Ziz, entstanden regelrechte Stadtburgen, die vom Prinzip des Grossfamilienhauses ausgingen: acht, zwölf oder mehrere Dutzend solcher Häuser wurden nach sorgfältigem Plan schachbrettartig so nebeneinandergebaut, dass sie eine wehrhafte Front nach aussenhin bildeten.

Später kamen öffentliche Bauten, z.B. Moscheen, hinzu, und es wurden weitere Schutzmauern mit Türmen und imposante Toranlagen errichtet. Innerhalb einer solchen kleinen Stadt konnte man auf gegen die Sonne überdeckten Gassen gehen und hatte im Gegensatz zu mittelalterlichen Städten in Europa auch keine Probleme mit den Abwässern. Schliesslich gab es Bürgersteige und Abwasserrinnen, an Kreuzungen sogar Trittsteine. Ein besonderes Viertel der Stadt wurde zuweilen von jüdischen Handwerkern bewohnt.

Die meisten Ksur wurden im so genannten «Stampf-Verfahren» gebaut. Mit Hilfe eines Stampfers wird feuchter Lehm in eine Holzverschalung gepresst. Einer dieser so gefertigten Lehmquader wird an den an deren gesetzt, schliesslich immer neue Reihen auf die unteren, bereits getrockneten, bis das gewünschte Gebäude von zwei, drei oder sieben Etagen fertig ist. Die Böden und Dächer werden aus Palm- oder anderen Holzstämmen errichtet, auf die mehrere Schichten Lehm aufgetragen werden. Besondere Sorgfalt gilt den Dächern, denn bis zu 500 mm pro Jahr Niederschlag, teilweise in subtropischen Güssen, sind im Gebiet einiger Ksur keine Seltenheit.

Lehmbauten sind äusserst dauerhaft, heutzutage nicht billig in der Errichtung, aber preisgünstig im Unterhalt. Nur wenn sie nicht nach jeder Regenzeit sorgfältig überholt werden, droht ihnen Gefahr. Im rauhen kontinentalen Klima des östlichen Voratlasgebiets sind sie im Sommer kühl und halten im Winter die Wärme. Der Lichtschacht und ein genau geplantes System von Fenstern und Luftschächten sorgen in der heissen Zeit für die Belüftung auch ohne Ventilator oder Klimaanlage. Im Gebiet des Berberstammes der Ammeln an den Hängen des Anti-Atlas leisten sich zahlreiche Hausbesitzer sogar komfortable Veranden, auf denen sich im Sommer das Leben abspielt.

Mit unterschiedlicher Sorgfalt erfolgt die kunsthandwerkliche Ausgestaltung der Lehmarchitektur. Ein vorzügliches Beispiel ist die Glaoua-Kasba von Taourirt mit ihrer reichen Aussenornamentik aus geometrischen Mustern, die in den Lehm eingelassen sind. Das Innere mancher Kasba unterscheidet sich kaum von steinernen Bauten: z.T. mehrstöckige Säulenhöfe, Stuckarbeiten, Gemächer mit bunten Fayencekacheln, bei neueren Anlagen Toiletten, Bäder, Küchen - z.T. mit fliessendem Wasser. So ist es nicht einmal verwunderlich, wenn unter Einheimischen an verschiedenen Orten das Gerücht kursiert, ein grosser Hotelkonzern interessiere sich für ihre alte Wohnanlage, um daraus ein Luxushotel zu machen.

Frank Bliss
Quelle: Marokko verstehen - Sympathie Magazin Nr.14
©1992/1997 by Studienkreis für Tourismus und Entwicklung e.V.



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