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Moussem: Markt und Heilige        français
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Was mir Samira aus Casablanca vom Moussem in Moulay Abdallah erzählt klingt wie der Bericht von einem Campingurlaub im Vergnügungspark. Über 50000 Leute kommen dort zusammen, darunter viele Städter. Doch auf unserer Fahrt über Land treffen wir bald auf einen Moussem, der typischer ist für diese Mischung aus Wallfahrt, Jahrmarkt und Volksfest, die einmal im Jahr die Bevölkerung ganzer Regionen in Bewegung setzt.

Etwas abseits der Strasse befindet sich eine Stadt aus geräumigen Wohnzelten. Dazwischen steht ein runder Turm mit Zeltdach, in dem Steilwandfahrer mit ihren Fahrkünsten ein grosses Publikum anziehen. Eine kleine Ausstellung zeigt landwirtschaftliche Geräte, deren Nutzen und Kosten von den Umstehenden lebhaft diskutiert werden. Eine weitere Attraktion findet sich auf einem freien Platz neben den Zelten, die berühmte Fantasia. Das rasante Reiterspiel macht mit Schüssen aus Vorderladern und aufgewirbeltem Staub auf sich aufmerksam.

«All diese Vergnügungen gehören auch zum Moussem,» erzählt uns die Marktfrau Sitt Khadija, die uns zur Erfrischung in ihr Zelt einlädt. «Aber das wichtigste für uns ist, dass wir unseren Heiligen besuchen, damit er uns für das nächste Jahr seinen Segen gibt.» Ihr Mann hat dafür mit seinen Verwandten vor der koubba, dem weissgetünchten Grabmal, ein Schaf geopfert. Sie selbst wird barouk kaufen, Datteln, Feigen, kleine Schmuckstücke, die den Segen des Heiligen in ihr Haus tragen und die auch denen weitergegeben werden, die in diesem Jahr nicht mitkommen konnten.

Über den Marabout (Heiligen) weiss Sitt Khadija kaum mehr, als dass er ein sehr frommer Mann und Friedensstifter war. Diese Rolle kam vielen Marabouts und ihren Nachfahren zu, die zwischen den Stämmen siedelten, keine Waffen trugen und als neutrale Vermittler geschätzt waren. Der Moussem war die Zeit des Waffenstillstands, bei der die einigende Verehrung des Heiligen im Vordergrund stand. Auch in den heutigen unkriegerischen Zeiten hat er diese Funktion beibehalten.

Sitt Khadija trifft Vorbereitungen für das Abendessen und nimmt uns auf ihren Einkaufsbummel mit. «Das ist wie in der Stadt,» sagt sie, die zu Hause weder spazieren noch einkaufen geht. Das Heiligengrab sehe ich mir nur aus der Ferne an, um die dort Betenden nicht zu stören. «Manche meinen, dass die Anwesenheit von Christen den Marabout beleidigt und seinem Segen die Kraft nimmt,» erklärt Samira. Wir wenden uns dem Markt zu, wo die Fleischverkäufer geradezu umlagert sind. Die Preise sind deutlich höher als üblich, aber wer verzichtet deshalb auf ein Festessen? Auch die Verkäufer von Bekleidung finden genügend Kunden, denn die meisten Moussems finden im August oder September statt, wenn die Ernte eingebracht und Geld weniger knapp ist als sonst.

Doch dieser Markt dient nicht dazu, die Ernte zu verkaufen. Dafür wäre ein Markt, der nur einmal im Jahr stattfindet, auch wenn er mehrere Tage dauert, kaum ausreichend. Hierfür gibt es vielmehr die Souks, Wochenmärkte, die nicht zu weit von den Dörfern entfernt sein dürfen, damit die Bauern sie zu Fuss oder mit dem Maultier erreichen können. Auch sie stehen immer unter dem Schutz eines Heiligen, dessen Grab jedoch wenig Beachtung findet, denn der Souk ist vor allem Handels- und Arbeitsplatz. Die Bauern setzen hier ihre Agrarprodukte ab, denn der Direktverkauf vom Feld ist eher die Ausnahme. Sie lassen ihre Schuhe besohlen ihre Geräte reparieren und decken sich vor allem mit dem ein, was sie für die nächste Woche brauchen. Das Wichtigste sind Tee, Zucker, Salz, Seife und Streichhölzer.

Daneben sind der Souk und die dazugehörenden Teehäuser Treffpunkt und Nachrichtenbörse, und dasselbe gilt für den Moussem. Auch Sitt Khadija hat inzwischen Bekannte getroffen, die sie nur hier, also einmal im Jahr sieht. Wir haben uns verabschiedet und warten auf die Geschichtenerzähler, Zauberkünstler und Akrobaten, die gegen Abend ihre Vorführungen beginnen und sie bis tief in die Nacht fortsetzen. Im Publikum sitzen Männer und Frauen. Junge Frauen und Mädchen bleiben in kleinen Gruppen zusammen, doch bei diesem Fest wird die Geschlechtertrennung weit weniger strikt beachtet als in den Dörfern. Zehn Tage dauert dieser Moussem. Er ist für viele das einzige Urlaubsvergnügen im Jahr. Abgesehen von den Familienfesten ist er hier auf dem Land das herausragende Ereignis des Jahres und wird noch lange Gesprächsstoff bleiben.

Edith Wollmann-Mader
Quelle: Marokko verstehen - Sympathie Magazin Nr.14
©1992/1997 by Studienkreis für Tourismus und Entwicklung e.V.



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