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Die Frauen von lfrane-Ali        français
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«La bas, la bas» ist eine freundliche Begrüssung für die Fremde, die das Dorf lfrane-Ali betritt und die am Brunnen des Dorfeingangs eine Handgeste der Frauen erst einmal verwundert. Das Abwinken mit der Hand, was bei uns «bleib weg, weg hier!» bedeutet, heisst dort, «komm her»! Die jungen Mädchen werfen ihre Plastikeimer an langen Seilen in die Tiefe und ziehen ihn dann, wenn er sich mit Wasser gefüllt hat, wieder hinauf. Zusehen, wie die Frauen Wasser holen? Weit gefehlt! Eine Einladung zum Mitmachen, will man mehr über die Lebensweise dieser Frauen erfahren. Das Wasserholen wird mehrmals täglich erledigt und dabei verbreiten sich in Windeseile unter den Frauen die Neuigkeiten des ganzen Dorfes.

Drei Elemente, mit denen die Frauen beruflich täglich unmittelbar konfrontiert sind bestimmen ihren Alltag: Wasser, das für die Landwirtschaft nicht in genügender Menge zur Verfügung steht, Feuer und Erde. Erde? Genauer gesagt, Ton. Die Frauen in lfrane-Ali, einem kleinen Ort ca. 55 km von Tetouan gelegen, üben wie viele Frauen im Rifgebirge ein Handwerk aus: sie stellen Keramik her, die in erster Linie ein gewöhnlicher Gebrauchsartikel ist. Im wöchentlichen Rhythmus wird der Ton aus den Tongruben geholt.

Dazu ziehen die Frauen mit Maultieren früh morgens in Grüppchen zu den Tonvorkommen und befördern den Ton in anstrengender Handarbeit aus bis zu sechs Meter Tiefe ans Tageslicht. Die Arbeit ist nicht ungefährlich, denn immer wieder brechen die Stollen zusammen. Bessere Techniken, um an den Ton heranzukommen, etwa der Einsatz von Baggern, wären für die Leute von lfrane Ali viel zu teuer. Wenn es den Ehemännern beliebt, helfen sie ihren Frauen dabei. Ist der Ton erst einmal im Gehöft angekommen, ist es alleinige Aufgabe der Frau, ihn weiter zu verarbeiten. Mit einem einfachen Holzstock wird mit voller Wucht mehrere Stunden auf die Tonblöcke geschlagen, bis sich die Masse in ein feines Pulver verwandelt hat. Anschliessend wird der feine Ton mit Wasser vermengt und geknetet, bis eine grosse Tonkugel geformt ist.

Dann geht es weiter mit der Herstellung von Gefässen. Sie werden auf einer einfachen Formplatte in Wulsttechnik aufgebaut und in der Sonne getrocknet. Jede Töpferin stellt ungefähr 20 Stück am Tag her. Am Freitag wird die Keramik gebrannt. Dazu wird Wacholderholz benutzt. Bei den ca. 290 Familien des Dorfes stellt sich hier ein Ressourcenproblem: Holz ist sehr knapp und die Männer des Dorfes müssen immer weitere Wege zurücklegen, um an dieses zum wirtschaftlichen Überleben wichtige Material zu gelangen.

Durch den steigenden Bedarf an Holz hat sich auch das Landschaftsbild gewandelt. Wind fegt im Sommer über den unfruchtbaren, trockenen Boden und wirbelt Staub und Sand in die trokkene Luft. Ein wüstenhaft geprägtes Landschaftsbild, Kakteenvegetation, die lehmige blanke Terra Rossa zeigt sich fast ohne Bewuchs mit tiefen Erosionsrinnen.

Ist die Keramik unter der Aufsicht der Frauen über Nacht in den Öfen gebrannt, wird sie am nächsten Tag in die Eselstaschen gestapelt und zum vier Kilometer entfernten Markt transportiert, wo sie von den Frauen verkauft wird: grosse Wasserkrüge; Vorratsgefässe; Schüsseln, die zum Brotteigkneten verwendet werden; Tajine, Schmorgefässe, in denen Gemüse und Fleisch gegart wird; Kohlebecken, transportable Herdstellen aus Ton und noch vieles mehr, was für den Haushalt auf dem Lande gebraucht wird. Für Europäer bietet sich auf dem Souk ein romantisches Bild. Vermeintliche Ursprünglichkeit. Ethnische Gruppen präsentieren sich einheitlich in ihrer Tracht.

Die Frauen befinden sich in einem zwiespältigen Verhältnis. Gebrauchskeramik herzustellen, bedeutet hier eine sehr alte Tradition weiterzuführen und eine Möglichkeit zu überleben. Aber die soziale Stellung der Frauen ist niedrig, und auch die Einkünfte sind bescheiden. Wasserknappheit, fehlende ärztliche Versorgung, fehlende Elektrizität, Analphabetismus und Kinderarbeit machen das Leben schwer. Für die Männer, die durch den Keramikhandel mit der Lebensweise der Städter in Berührung kommen, werden die Städte ein Anziehungspunkt.

Per LKW wird die Keramik in ganz Nordmarokko durch Zwischen- und Grosshändler verbreitet. Die Männer aus Ifrane-Ali verkaufen die Keramik auch an Ständen an den Überlandstrassen. Direkt an der Strasse wohnen sie in kleinen selbstgebauten Hütten, oft Wochen und Monate von der Familie getrennt. Die Frauen müssen inzwischen mit der ständigen Mehrfachbelastung wie Kindererziehung, Beschaffung von Nahrungsmitteln und ihrer Zubereitung, anderen Hausarbeiten und der intensiven Keramikproduktion mit all ihren kraft- und zeiterfordernden Arbeiten fertig werden.

Silke Schierenbeck
Quelle: Marokko verstehen - Sympathie Magazin Nr.14
©1992/1997 by Studienkreis für Tourismus und Entwicklung e.V.



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