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Berner Theaterplakate Heinz Jost - Stephan Bundi Die ältesten Plakate im eigentlichen Sinne sind Anschläge für Gaukler und Artisten, für fahrendes Volk also das seine Schaustellungen mit lockenden Texten und anschaulich-primitiven Holzschnitt-Illustrationen anpreist. Man kann sich fragen, weshalb gerade diese «Gauklerplakate» des 16. und 17. Jahrhunderts die Geschichte des Plakats einleiten. Eine mögliche Antwort wäre diese: Die Warenproduktion war bis ins 17./18. Jahrhundert noch weitgehend reine Bedarfsproduktion und machte in den Städten keine Warenwerbung nötig. Dagegen mussten Schausteller für ihre kurzen Gastspiele mit möglichst vielen Wandanschlägen kurzfristig möglichst breite Aufmerksamkeit beim Publikum erregen. Erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts setzt mit der Industrialisierung der Güterproduktion die Nutzung des Plakats für die Warenwerbung ein. Sie erlebt ihre ersten Höhepunkte um die Jahrhundertwende. Auffallend ist aber, dass trotz Professionalisierung der kommerziellen Werbung durch das Plakat während der ganzen Pionierzeit des Plakatschaffens zwischen 1880 und 1910 das für Theater, Cafe-Concert, Väritte und Zirkus werbende «Veranstaltungsplakat» neben dein Buch- und Zeitschriftenplakat deutlich die Oberhand behält. Im Schaffen des fruchtbarsten Plakatkünstlers jener Zeit, Jules Cheret, dominiert das Plakat für Theater- und Tanzveranstaltungen, und auch die Meisterplakate eines Toulouse-Lautrec gelten fast ausschliesslich Bühnenkünstlern. Das Theaterplakat im weitesten Sinne hat in allen Entwicklungsphasen der Plakatkunst zahlenmässig, aber auch künstlerisch eine Vormachtstellung behalten. Das ist nur natürlich: Im Alltagsleben städtischer Gemeinschaften stellen Theaterveranstaltungen das Besondere, Aussergewöhnliche dar. Sie wenden sich nur an Teile der Gesellschaft, im Extremfall an literarische, musikalische, künstlerische Eliten. Sie bedürfen daher einer speziellen Werbung, die dem kulturellen Standort der angesprochenen potentiellen Interessenten entspricht. Neben der Prospekt- und Inseratenwerbung ist zu allen Zeiten dem Plakat als Werbemittel fürs Theater besondere Aufmerksamkeit geschenkt worden. Immer wieder waren es die künstlerisch besonders wachen graphischen Gestalter, die für den Entwurf von Theaterplakaten zugezogen wurden (oder die sich von dieser Spezialaufgabe angezogen fühlten). Von den Institutionen her und mindestens ebensosehr von den Stoffen und Motivwelten theatralischer oder musikalischer Veranstaltungen her bietet das Theaterplakat mehr Anreiz als nüchterne (und auch harte) Warenwerbung. Auch in der Schweiz hat das Theaterplakat im weitesten Sinne eine an Höhepunkten reiche Geschichte. Kaum einer der grossen Plakatkünstler seit Jahrhundertbeginn, der nicht Plakate fürs Theater geschaffen hätte, wobei die Theaterplakate zu ihren künstlerisch besten Leistungen gehören, beispielsweise um 1918 die Opernplakate von Otto Baumberger für das Stadttheater Zürich. Die Voraussetzungen für ein künstlerisch hochstehendes Plakat liegen zunächst in der Struktur und künstlerischen «Politik» des Theaters selbst, für dessen Veranstaltungen geworben werden soll. Grob vereinfachend könnte man sagen: Programmwahl, Inszenierungsstil, Rang des künstlerischen Personals sind eine erste Voraussetzung für eine charaktervolle Plakatgraphik. Stil und Rang eines Theaters sind - heute vielleicht mehr denn je - eine Frage seiner künstlerischen Leitung. Es wird daher nicht nur einen Konsens zwischen dem Auftraggeber und dein Plakatgestalter geben müssen, vielmehr wird sich der Auftraggeber den Plakatgraphiker auswählen, der dem Stil seines Hauses wie dem Charakter seiner Veranstaltungen am besten entspricht. Da Theaterplakate sich vorzugsweise an die TheaterInteressierten der eigenen Stadt wenden, spiegelt sich in ihnen sowohl der Stil des jeweiligen Theaters und des betreffenden Graphikers, wie auch etwas vom Klima der Stadt, von der besonderen Sensibilität, der am Theater interessierten (künstlerisch wachen) Bewohner dieser Stadt. Solche Übereinstimmung gab es - gerade in der Schweiz - immer wieder: Die zeichnerischen Plakate, die Heini Steiner seinerzeit für das Schauspielhaus Zürich schuf, entsprachen dem Empfinden der Zürcher Theaterfreunde und spiegelten das geistige Klima der Aera Kurt Hirschfeld. Etwas Ahnliches gilt für die stark formalisierten Plakate, die ein Jahrzehnt später Armin Hofmann für die Basler Theater realisierte. Solche Blüten haben ihre Zeit, sie sind Ausdruck einer bestimmten Aera an einem bestimmten Theater. Für den Nicht-Berner hatte die Berner Theaterszene stets etwas Besonderes und Andersartiges, nicht zuletzt, weil hier neben dem Stadttheater in vielen Klein- und Kellertheatern alternative Theaterluft weht. Gerade diese kleinen Bühnen gehörten und gehören für den Aussenstehenden zu den Marksteinen am «Tatort Bern». Wie viel von dieser Sonderart der Berner Theaterverhältnisse spiegelt sich in den Berner Theaterplakaten? Eine Konfrontation gibt eine deutliche und auch wieder verwirrende Antwort: Die für das Stadttheater Bern von Heinz Jost im letzten Jahrzehnt entworfenen und die vorwiegend für Kleintheater und Filmpodien in denselben Jahren von Stephan Bundi geschaffenen Plakate haben nur wenige gemeinsame Züge, vielleicht aber doch ein verbindendes Merkmal, das man einen Berner Theaterplakatstil nennen könnte: Etwas Anti-Bourgeoises? Etwas Exzentrisches? Etwas Skurriles und Makabres? Heinz Jost Heinz Jost hat seit 1969 ein dem Berner Stadttheater gewidmetes Plakatwerk von beträchtlichem Umfang wie vor allem von achtunggebietender innerer Konsequenz geschaffen. Aus diesem Plakatwerk gewinnt man den Eindruck, hier sei ein Theaterbesessener am Werk, einer; der nicht lediglich an ihn herangetragene Aufträge auf bestmögliche Art auszuführen versucht, sondern vielmehr von innen her und mit Leidenschaft an die Sache herangeht. Jost kam zu dieser Aufgabe aus seiner Beziehung zum Sängertun, also zum musikalischen Theater, und aus seiner ebenso engen Beziehung zur zeitgenössischen Literatur, also zum Sprechtheater. Er sieht seine Aufgabe darin, die Komplexität und oft Doppelbödigkeit eines Bühnenwerkes auf ein charakteristisches, zentrales Motiv zu verdichten und in der Entwurfsarbeit dieses Motiv so zu vereinfachen, dass es plakative Strahlkraft erhält. Das geschieht in der Regel mit einer Pinselzeichnung, die aus dein starken Kontrast von Linie und Fläche lebt, dem Gegenspiel von positiver und negativer Form; geschieht auch durch den Versuch, immer wieder Bild und Schrift zur Einheit zu verschmelzen. Diese Plakatsprache erinnert ein wenig an den grossartigen Holzschnittstil von Felix Vallotton, der in ähnlicher Weise Unheimliches, Düsteres. Groteskes mit einfachsten formalen Mitteln zu sagen verstand. Allerdings ist Jost expressiver., zupackender., er zeigt uns sein Plakatmotiv nicht in bühnenferner Distanz, sondern in berückender, manchmal auch bedrückender Griffnähe. Dank seinen' literarischen Beziehungen vermag er auch den Gehalt eines Stückes, fern alles Illustrativen, zeichenhaft zu synthetisieren. Es gibt vielleicht nur einen Bereich des jüngeren Theaterplakats, wo ähnlich dichte Lösungen entstanden sind: das polnische Theaterplakat der letzten Jahrzehnte. Stephan Bundi Gewiss sind die Aufgaben, die sich Stephan Bundi für seine anfänglich kleinformatigen, später auch grossen Plakate stellen, ganz anderer Art. Sowohl für das Kleintheater wie für Film- und Konzertveranstaltungen haben in der Regel die Themen einen stärker experimentellen, insiderhaften Charakter als bei Jost. Das prägt die Motive, prägt die Visualisierung, wobei letztlich das andersartige Angehen der Aufgabe den persönlichen Stil Bundis ausmacht. Dabei ist nicht unwichtig, dass aus Kostengründen oft mit minimalem drucktechnischem Aufwand gearbeitet werden musste. Aus dieser Not der Beschränkung macht Bundi immer wieder die Tugend der Beschränkung, indem er die Kargheit der Mittel mit einer reich blühenden motivischen und formalen Phantasie überdeckt. Sind die Plakate von Jost meist von plakativer Wirkung, so umgekehrt diejenigen von Bundi leise, rätselvoll verschlossen und verschlüsselt und vielfach betont «illustrativ». Damit hängt zusammen, dass der Verbindung von Schrift und Bild eher beiläufige Bedeutung zugebilligt wird. Oft stellt sich bei Bundi der Eindruck ein, es sei - bewusst oder intuitiv - eine «Anti-Plakat-Atmosphäre» angestrebt. Dieses leise Element der Verweigerung mag schon mit dein Stil dieser Plakate zu tun haben. Sie benutzen häufig das Prinzip der Montage, der surrealen, grotesken Vereinigung vorgefundener Illustrationselemente zu einem neuen, oft phantastischen Ganzen. Bundi steht damit in der Tradition der surrealen Bildgestaltung, wie sie ein Max Ernst in seinen graphischen Arbeiten gepflegt hat: einer Vereinigung von Unvereinbarem auf einer nicht adäquaten Ebene. Dieses Gestaltungsprinzip geht auf die berühmte Metapher in den «Chants de Maldoror» des Comte de Lautreamont zurück, die davon handelt, eine Sache sei «so schön wie die Begegnung eines Regenschirms und einer Nähmaschine auf einem Seziertisch». Solche surreal-versponnene, manchmal auch kafkaesk-makabre Gestaltung wird bei Bundi ihrem Gegenstand in oft bestürzender Weise gerecht. Das Plakat - Index Willy Rotzler Das Plakat in der Schweiz 1991 by Ex Libris Zürich g26.ch PLATTFORM FÜR KUNST KULTUR UND GESELLSCHAFT |
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