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Das politische Plakat in der Schweiz

Das politische Plakat des 19. Jahrhunderts gelangt in gespannten gesellschaftlichen Situationen als Waffe der Opposition zum Einsatz. Auf den engen Zusammenhang zwischen Volksaufstand und Plakat deutet schon Heinrich Heine 1831 hin. Das Plakat tritt als verzweifelte Massnahme in Aktion gegen eine angegriffene Regierung oder Autorität, die ihre Absichten durch andere Kanäle zur Geltung zu bringen weiss. Im Revolutionsjahr 1848 in Deutschland verwandeln die zur Umwälzung aufrufenden Gruppen die Mauern der Städte zu Trägern ihres aufrührerischen Gedankengutes mit der Folge, dass auch die konservativen Kräfte das neu erprobte politische Medium zur Herstellung von Publizität einsetzen. Von seiner Wirksamkeit und Gefährlichkeit überrascht. beschliesst die Obrigkeit bereits 1849 ein Gesetz, das in jedem Anschlag über ein geschäftliches Angebot hinaus ein Vergehen erblickt. Erst nachdem sich um 1900 wirtschaftliche und touristische Plakate grosser Beliebtheit erfreuen und als bunte Lithographien an der Strasse Konsum und Reiserei ankurbeln helfen, tauchen in Deutschland und andern Ländern, so auch in der Schweiz, wieder politische Plakate auf. Doch die Vorbehalte ihnen gegenüber nisten sich noch in die seit 1941 alljährlich stattfindenden Plakatprämierung des Eidgenössischen Departements des Innern ein: Dieser nationale Wettbewerb schliesst kategorisch die politische Affiche aus.

Charakteristisch für das Plakat generell ist dessen formal-inhaltliche Zuspitzung. Lapidare Idee und stilistische Prägnanz paaren sich zur eingängigen Krassheit. Im politischen Plakat, das sich erst im 20. Jahrhundert von der Schrift- zur Bildmitteilung mausert, ist es auffällig häufig das Mittel der Karikatur das die erwünschte Verblüffung erzielen soll. Mehr «brutal als delikat» (Otto Baumberger), geniert sich das politische Plakat nicht, andere Parteien zu verleumden. Eine derartige herabsetzende Gesinnung ist der Geschäftsanzeige fremd; ihr stehen auch bestimmte Wettbewerbsgesetze entgegen.

Die den Gegner attackierende Kundgebung, die das Verwerfliche noch schlechter, das Bejahende noch besser erscheinen lässt, erreicht den Gipfel wohl im Plakattyp, der die Antithese von Gut und Böse darstellt. So hat 1934 in einem Cardinaux-Anschlag der Slogan «Gegen Strassengewalt, für demokratische Ordnung» insofern eine Bildparallele, als in dramatisierend diagonaler Anlage ein undisziplinierter Pöbel und eine mustergültige Landsgemeinde zusammenstossen.

Das Gut-Böse-Schema ist überhaupt eine Konstante des politischen Bildes und reicht in die Reformationszeit zurück, wo es sich in Flugblättern satirisch-kritisch äussert. Mit einer solch belastenden Tradition im Gepäck ist das Plakat innovatorisch-zeitgenössischen Bilderneuerungen gegenüber zurückhal\nd. Das auf Schnelldialog, Simplifizierung und Karikatur gründende Polit-Plakat dürfte die formal rückständigste Gattung im Spektrum der Bekanntmachungen am Strassenrand sein.

Das Mehr an inhaltlicher Eindeutigkeit ist oft mit einem Verlust an stilistischer Kühnheit erkauft. Die Entwerfer der politischen Plakate scheuen sich, avantgardistisches Terrain zu erobern. Es ist üblich, dass in der Zwischenkriegszeit das Bürgertum zur Propagierung und Visualisierung seiner politischen Position Künstler einspannt, durch deren Herz allem Anschein nach entsprechend gefärbtes Blut fliesst. Unter ihnen befinden sich die meisten Pioniere des schweizerischen Plakatschaffens, so etwa Emil Cardinaux, Otto Baumberger, Burkhard Mangold und Jules Courvoisier. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass diese Allianz zwischen Auftraggeber und Ausführendem ökonomisch bedingt ist, denn dasselbe Gespann harmoniert im gewichtigeren Sektor des Wirtschaftsplakats, was für den Künstler von existentieller Notwendigkeit ist.

Die Bereitschaft des politischen Plakats, futuristische, kubistische, expressionistische, konstruktivistische Erkenntnisse aufzunehmen, sie mediumgerecht umzugiessen, ist eher gering. Fliesst aber eine progressive Kunstströmung ungebrochen in die Polit-Affiche ein, ist es erst recht falsch! Dies lehrt ein Fall von 1919, der weit über die Plakatgeschichte Deuteilands hinaus grundsätzlich sich dazu eignet, die Seele des normalerweise ästhetisch recht altbackenen Plakats zur Politik zu ergründen. Im Zusammenhang mit der Wahl zur neuen deutschen Nationalversammlung nach dem Ersten Weltkrieg wurden moderne Künstler zur Plakatgestaltung herangezogen; es waren solche von der «Freien Sezession», als wohl bekanntester Max Pechstein. Von ihrem Mittun versprach man sich eine besonders intensive Wirkung auf die Arbeiterschicht und die heimkehrenden Soldaten. Das Gegenteil traf zu. Die im Stil expressionistischen Beiträge - mehr Graphiken als Plakate - überstiegen bei weitem den optischen Erfahrungshorizont der Angesprochenen. Der Versuch musste scheitern.

Alle Plakate streben eine Reduktion von Komplexität an. Aus diesem Verdichtungsbedürfnis entspringt eine signethafte Konzentrierung. Mit der Zeit kristallisiert sich im politischen Anschlag ein Symbolrepertoire heraus. So geben sich auf den Plakaten der Linken Fahnen und Fackeln, hammerschwingende Hände und zukunftsgläubige Köpfe, heroische Figuren und andere pathetische Bildkürzel zu erkennen. Diese Zeichen der Arbeiterklasse unterliegen einem Bedeutungswandel; aber sie sinken durch ihre unablässige Wiederverwertung schliesslich zum Klischee ab. Sie werden auch von der konservativ-bürgerlichen PolitReklame adaptiert und negativ ausgelegt, wobei nicht übersehen werden darf, dass auch die Linke Verunglimpfungen ihres Gegners inszeniert und ihn etwa zum feisten Kapitalisten in Geldsackgestalt oder zum ausbeuterischen, Zigarren rauchenden, zylindertragenden Industriellen degradiert. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass sich die Handlungsweise der Vermögenden und Besitzenden mittels Anschlag ungleich unzirnperlicher ausnimmt. «Die Rechte setzt in ihrem propagandistischen Kampf auf eine manichäische, ja, in den zwanziger Jahren, auf eine geradezu apokalyptische Darstellung der Verhältnisse. Sie schöpft ihre Argumente aus den nationalen Mythen und ihre Sprache aus den Heimatsymbolen.» («Bürger zu den Urnen»., 1979, S. 10).

Die «rote Gefahr» erscheint als drohende Wolke, als geldvernichtende Walze, als kranker Ast. als mehrköpfiges Ungeheuer oder als Kehricht. den es zu beseitigen gilt. Doch auch diese Metaphern beginnen immer weniger zu verfangen. Anders ergeht es den bildnerischen Formeln eidgenössischen Bewusstseins wie Schweizerkreuz, Schwurhand, Sämann. Bergwelt, Helden der Gründungsgeschichte (Tell) usw.: Diese Nationalzeichen sind kollektive Güter und werden regelmässig von allen Grossparteien in Dienst gestellt in der Hoffnung, dass sich ihre positive Wertung auf die plakativ vorgetragene Ideologie überträgt.

Von der Fessel der tendenziell formalen Ânspruchslosigkeit vermag sich das Polit-Plakat zum Teil zu lösen, indem sich die Linke eine neue Ausdrucksart zu eigen macht. Sie redet nun im Gegensatz zum Individualität und Handschriftlichkeit betonenden Künstlerplakat einer überpersönlichen Komponente das Wort, nämlich der Miteinbeziehung der Photographie. Die kapitalbekämpfenden Parteien, wiewohl sie stets auch auf Schriftplakate4n billigeren Buchdruck angewiesen bleiben, sind aufgeschlossener als ihr Widerpart gegenüber dem neuartigen Prinzip der Photomontage, (las der Deutsche John Heartfield in den zwanziger Jahren in ätzender Direktheit entfaltet. An dessen Stil knüpfen etliche Plakate der kurz nach Beginn des Zweiten Weltkriegs verbotenen Kommunistischen Partei der Schweiz an: einige ihrer Entwerfer ziehen es vor unbekannt oder unter einem Pseudonym, beispielsweise «Pollux», zu arbeiten... Zum Verein der Lichtbild-Befürworter gesellen sich die 1944 gegründete Partei der Arbeit und bald einmal auch die Sozialdemokraten. Ende der fünfziger Jahre hebt die allgemeine Verbreitung des Photoplakats an.

In unserer Demokratie ist durch das Stimm- und Wahlrecht das lange Zeit nur aus Männern bestehende Volk ein Organ des Staates. Besonderheit und Häufigkeit der Urnengänge sind ohne Gebrauch öffentlichkeitsstiftender Werkzeuge undenkbar. Darunter ist das Plakat eminent wichtig, trägt es doch zur Bildung oder zumindest zur Verstärkung von Ansichten und Entscheidungen bei. Der politische Anschlag kommt aber nicht nur als Abbild der schweizerischen Demokratie daher. Ist er seinem Wesen nach unausgewogen, auf Sympathie oder Abscheu, auf ein Ja oder Nein, auf diesen und nicht jenen Kandidaten fixiert, kann er ebenso als Zerrspiegel der politischen Landschaft fungieren. Vielleicht das eindrücklichste Beispiel hierzu: 1922 versucht die sozialistische Partei, eine einmalige Vermögensabgabe der Besitzenden zu erreichen. Von der Besteuerung wären nur 0,6% der Bevölkerung betroffen. Bei einer seither nie mehr erzielten Stimmbeteiligung von 86,3% wird das Begehren verworfen. Der Abstimmung geht eine aufwendige Propaganda des Bürgertums voraus. Namhafte Künstler reihen sich in die übermächtige Abneigungsphalanx ein. Ihre Plakate ziehen alle Register der Verteufelung.

Auch die Linken haben ihre Erfolgserlebnisse. Auf breite Ablehnung stossen die Vorlagen zum Ausbau der Arbeitszeit (Lex Schulthess/1924) und zur Beschneidung der persönlichen Grundrechte (Lex Häberlin /1922.,1934). Was mit dein Einfluss der Plakate auf den politischen Prozess zugunsten der Arbeiterschaft zu tun haben dürfte.

1919 wird der Nationalrat zum ersten Mal nach dem Proporzverfahren bestellt. Nie soll ein Wahlkampf mit einem derartigen Plakataufwand geführt worden sein. Dieser fulminante Auftakt, eine wahre Testveranstaltung politischer Diffamierungstaktiken und psychologischer Reklametätigkeit durch das Künstlerplakat, strahlt als Muster auf kommende Wahlen und Abstimmungen aus.

Nach dem Ersten Weltkrieg erheben sich langwierige und plakatbegleitete Konflikte um Beamten-, Steuer- und andere Gesetze. Diese Themen entwickeln sich zu politischen Leitmotiven. Ebenfalls zu Dauerbrennern werden die schon während des Generalstreiks 1918 erhobenen Postulate wie Altersversicherung, Arbeitszeitverkürzung und Frauenstimmrecht. Die Anläufe zur Gewährung der politischen Gleichberechtigung dauern fast drei Jahrhundertviertel. Daran lässt sich geradezu exemplarisch Funktion, Asthetik, aber auch Bedeutungsverminderung des Polit-Plakats ablesen. Endlich, bei einem letzten eidgenössischen Urnengang, 1971, sind die Schweizer Männer dazu bereit, das Stimm- und Wahlrecht auch den helvetischen Frauen zuzugestehen. Die Gegnerschaft ist inzwischen soweit geschrumpft, dass kein Contra-Plakat angeschlagen wird.

Der Mangel an politischer Polarisierung fängt erst in den fünfziger Jahren an Fuss zu fassen, nicht zuletzt aufgrund des Arbeitsfriedens (ab 1937) und der vollen Einbeziehung der Sozialdemokraten in das schweizerische Staatsgefüge. Die Ursachen der rückläufigen Anteilnahme vieler an heutigen gesellschaftlichen Angelegenheiten sind vielfältig. Das Instrumentarium des politischen Zusammenlebens selbst ist sicherlich an der Staatsverdrossenheit nicht ganz unschuldig. Im Rahmen der halbdirekten Demokratie hat die Bevölkerung ja zwei verbriefte Möglichkeiten zum Einschreiten: durch Initiative und Referendum. Zwischen 1900 und 1976 sind insgesamt 218 Entwürfe zur Abstimmung gelangt. Die Initiative gilt als Blitzableiter unzufriedener Minoritäten. Diese jedoch verlieren meistens, bleiben frustriert zurück. In dieser Perspektive ist das politische Plakat ein Gradmesser der Unzulänglichkeit des Staates und ein Symbol der vielfach nutzlosen Versuche, ihn zu verbessern.

Diametral zu der in den letzten dreissig Jahren vorherrschenden Urnengang-Müdigkeit haben sich die politischen Probleme keineswegs reduziert. Abstimmungen über Zivildienst und Bundessicherheitspolizei, Atom- und Naturschutz, Banken- und Schwarzenbach-Initiative, Bodenrecht und Nationalstrassen: Diese Stichworte signalisieren die komplexe politische Befindlichkeit der letzten paar Jahrzehnte. Zwar engagieren sich wieder vermehrt Künstler und werben via Anschlag beherzt für Forderungen von Minderheiten. Aber sie demonstrieren dabei lediglich ihren persönlichen Stil. Eine neue allgemeine Plakatsprache will auch ihnen nicht mehr gelingen. Kann es überhaupt eine solche geben in einer Gegenwart, in der nach dem Philosophen Jürgen Habermas nur die Unübersichtlichkeit neu ist?

Das Plakat - Index

Stefan Paradowski
Das Plakat in der Schweiz
1991 by Ex Libris Zürich



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