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Das Sportplakat in der Schweiz Der Sport spricht den Einzelnen wie auch die Menge an, ist verknüpft mit Triumphen und Niederlagen, steht für Hochgefühle und Enttäuschungen. Für die Jugend ist Sport ein magisches Wort, für die Älteren meist mit angenehmen Erinnerungen verbunden. Das breite Spektrum sportlichen Tuns begeistert weite Kreise der Bevölkerung. Was Wunder, wenn sich der Sport in der Welt des Plakats widerspiegelt. In rasender Fahrt braust das Rennauto um die Kurve. Das feuerrote Gefährt, in übertriebener Schieflage und frontal abgebildet, trägt auf dem Plakat von Noël Fontanet aus dem Jahr 1946 die Zahl 21. Die Startnummer auf dein Kühler ist mehr als ein Zeichen des geregelten Rennablaufs. Sie ist ein Symbol der Quantifizierbarkeit moderner Leistungen. Der Sport hat mit der bestmöglichen Überwindung von Weiten, Höhen und Zeiten zu tun. Es stehen Punkte, Tore und Ränge auf dein Spiel. Damit erweist sich der Sport als Kind des technisch-industriellen Zeitalters. Unsere Zivilisation gründet auf dem Sieg und der Vormachtstellung der Naturwissenschaften. Die praktisch-ökonomische Verwertbarkeit etwa von Physik oder Chemie basiert, ähnlich wie beim Sport. auf Kriterien wie Zählbarkeit, Messbarkeit, Eindeutigkeit und Konkurrenzfähigkeit. Der Sport nimmt in unserer Gesellschaft eine zentrale Stellung ein. Dies vermag etwa das von Fritz Bühler entworfene Plakat «Gordon Bennett Wettfliegen 1932» eindrücklich zu illustrieren: Der Ballon steht der im Hintergrund auftauchenden Kugelform der Erde gleichwertig gegenüber. Der Sport ist heute ein nicht mehr wegzudenkender Bereich des Ausgleichs, der Erholung und des Vergnügens. Er schafft Anlässe schöpferischer Entfaltung. Anderseits droht dein Sport immer häufiger die Gefahr, allmählich zum Tummelfeld profitträchtigen Spektakels, professionell-verbissenen Ehrgeizes und kompensatorischen Agierens zu werden. Schwingen stellt neben Nationalturnen und Hornussen ein typisch schweizerisches Kulturgut dar. Es nahm seinen Aufschwung mit dein Alphirtenfest in Unspunnen 1805 und bezweckte die Förderung des nationalen Selbstgefühls. Dies geschah bezeichnenderweise in einer Epoche, in der die Eidgenossenschaft unter französischer Schirmherrschaft stand. Während der Restauration, die 1815 einsetzte und den alten vorrevolutionären Staatenbund weitgehend wiederherstellte, vollzog sich einerseits die einheitliche Neustrukturierung des Wehrwesens, anderseits erstarkte die Opposition gegen das reaktionäre System. In wissenschaftlichem Gesellschaften. Studentenverbindungen, Turn- und Schützenbewegungen scharten sich die Anhänger des fortschrittlichen Liberalismus. Nicht zuletzt wegen seiner paramilitärischen Vorzüge zählte der 1824 aus der Taufe gehobene Schweizerische Schützenverein zu den obrigkeitlich begünstigten Organisationen. Gut ins gesamtstaatliche Gefüge passte auch der 1832 ins Leben gerufene Eidgenössische Turnverein. Die Beziehung zum Militär stand überhaupt bei vielen Vereinsgründungen Pate. So auch bei der Vereinigung Schweizerischer Kavallerieverbände und beim Schweizerischen Pontonierfahrverein. Der erste Präsident des 1901 gegründeten Aero-Club der Schweiz, Oberst Schaeck, kommandierte gleichzeitig auch die Ballonpiloten im Militärdienst. In einem Milieu nationaler Behauptung und wehrpolitischer Festigung fasste das Sportplakat Fuss. Die älteste Schweizer Affiche in der Plakatsammlung des Zürcher Museums für Gestaltung trägt die Jahreszahl 1859 und wurde im Hinblick auf das «Eidgenössische Schützenfest in Zürich» gedruckt. Gewissermassen die Aufgabe von Festführern erfüllend, sahen die Plakate für das Nationalschiessen einander bis zur Jahrhundertwende äusserlich recht ähnlich. Sie besassen einen Kopf in Form eines allegorisch-heraldischen Bildes. Der Text überquoll den Hauptteil der Fläche. Die expansive Natur der verbalen Fülle trieb zuweilen unglaubliche Blüten und dürfte mit dem eidgenössischen Schützenplakat der Glarner (1892) den Rekordumfang von 96 cm mal 302 cm erreicht haben: Das Format machte den Aushang zu einer säulenartigen Wandzeitung. Nach 1900 schlug die Situation radikal um. Das Schriftvolumen schmolz zusehends. Dafür gewannen Farbigkeit und Graphik die Oberhand. Die Dominanz des Bildanteils brachte die Reduktion des Textes auf das Notwendigste mit sich. Diese Gewichtung besteht bis heute und lässt sich sozusagen an jedem Beispiel nachprüfen, so auch am Plakat zum «67. Eidgenössischen Turnfest Bern» (1967), wo im oberen Drittel eine angeschnittene Schweizerfahne und in der unteren Hälfte das Brustbild eines Füllhorn tragenden Turners wiedergegeben ist. Dazwischen befindet sich ein Schriftminimum rein informativen Zuschnitts. Alle Sportarten sind in je einer übergeordneten Föderation zusammengeschlossen. Die meisten Grossverbände entstanden vor 1900. Sie besiegelten die Popularisierung der Sportdisziplinen oder leiteten sie zielstrebig ein. Ehedem waren Sportler Repräsentanten bestimmter, oft elitärer Gruppen. Turnen galt anfänglich als Domäne von Studenten. Schwingen war Sache von Hirten und Sennen. Fliegen und Fussball wurden von Vertretern der Oberschicht ausgeübt. Diesen, Stand gehörten selbst die «Velocipedisten» (Schnellfüssler/Velofahrer) an. Manche Sportarten, darunter Rudern und Golf, kamen von England und waren Merkmal bürgerlicher Lebensführung. Unschwer sich vorzustellen, dass ein internationales Pferderennen, das sogar in der Schweiz unter dein Protektorat einer königlichen Hoheit stehen konnte, primär einer auserlesenen Teilnehmerschaft zugänglich war. Ein Lüftchen von Vornehmheit und Distinktion weht noch in Martin Peikerts Plakat «Schweizerische Meisterschafts-Regatta Zug 1926». Mit der Ausbreitung von Konsum und Wohlstand sowie der Erringung sozialer Sicherheit verlor der Sport den Nimbus des Besonderen und für Besondere. Alle Sparten stehen heute grundsätzlich allen offen: Der Sport ist zum vollintegrierten Element der Demokratie geworden. Dieser Umstand rührt auch daher, dass das inzwischen riesige Angebot der Freizeitgestaltung ausgeprägter denn je vereinsunabhängig und persönlich in Anspruch genommen wird. Bis zu dieser Marke führte allerdings eine weite Wegstrecke. Der Schweizerische Skiverband beabsichtigte etwa, wie aus seinen Statuten der Gründungszeit (1904) hervorgeht, «die Erschliessung des Gebirges im Winter». Auf vielen Sektoren ging der Sport als Schrittmacher voran. War einst pionierhaftes Engagement in der Gemeinschaft gefragt, genügt heute auf individueller Ebene schon Freude an Entspannung. Ob des allgemeinen Bedürfnisses nach Fitness können sich viele Orte oder Zentren der Invasion Sportbegeisterter kaum mehr erwehren. Die sportlichen Unternehmungen kamen in den ersten Bildplakaten häufig durch erzählerische Schilderungen zum Ausdruck. Da bestimmten an die Malerei anknüpfende Genreszenen mit sportlich Tätigen und Gekleideten in entsprechender Umgebung den Ton. Es dauerte indes nicht lange, bis sich eine gestalterische Sprache äusserte, die sich nach plakatgerechten Erfordernissen orientierte. Inhaltliche und formale Prägnanz, wie sie Otto Baumberger 1932 mittels eines schräg ins Affichebild einfallenden Flugzeuges vorzeigte, etablierte sich als erstrebenswertes Plakatkonzept. Nun gerieten Menschen, Geräte, Tiere einzeln gebannt in den Fokus. Der starke Speerwerfer, der Turner an den Ringen, der Reiter mit Pferd, der bebrillte Fahrer im Rennauto, der kopfvoran ins Wasser eintauchende Schwimmer, der sich konzentrierende Schütze, der Boxer in Lauerstellung, der pfeilschnelle Radfahrer, der Schläger beim Hornussen-Wettkampf, der stolze Fahnenträger: Sie und viele andere posierten selbstbewusst als neue Hauptdarsteller an den Plakatwänden. Sie kamen meist als Allerweltstypen ohne viel Klassendünkel daher und waren somit geeignete Identifikationsfiguren der Allgemeinheit. Sie taten sich als urchige Recken, stramme Mannsbilder oder agile Kämpfer hervor. Sie pflanzten sich mit forschem Blick über dem Horizont auf, führten entschlossen eine sportliche Aktion vor oder hatten ihren Auftritt in einem raumlosen Umfeld, ist doch das Plakat darauf bedacht, ausgefeilte perspektivische Wirkung auszuschalten. Jedenfalls zeigten sich alle Sportler von der besten Seite und entpuppten sich insofern als wahre und würdige Abkömmlinge jener idealschönen, athletischen Gestalten, die uns aus Renaissance-Bildern bekannt sind. Beim Gedanken, dass der Sport wie kaum eine andere Beschäftigung in sich eine soziale Komponente birgt, mutet die personale Einzelvertretung im Werbebild eigenartig an. Das eidgenössische Turnfest etwa ist geradezu der Inbegriff des kollektiven Erlebens. Doch diese gemeinschaftliche Komponente ist selten thematisiert. Das Plakat tendiert dahin, seinen ikonographischen Blick vom charakteristischen Massengepräge vieler Sportveranstaltungen konsequent abzuwenden. Auch ist die Affiche in gewisser Hinsicht hoffnungslos überfordert. Auf den vielleicht attraktivsten Sportzweig hierzulande, den Fussball, reagiert das Plakat wohl zweckmässig, aber ästhetisch völlig unbefriedigend: die Spiele werden meistens durch belanglos stereotype Vordrucke angekündigt, worauf jeweils nur noch Paarung und Datum neu anzuführen sind. Die Neigung, eine Figur abzusondern und bildlich zu verherrlichen, existiert nicht nur in der Sportwerbung. Die spezielle Aufmachung des vereinzelt Dargestellten ent spricht einer Gepflogenheit des Plakats schlechthin. Am besten offenbart sich dies im Warenanschlag: Die emporstilisierten Konsumgüter verleugnen zwar in einsamer Grösse ihre industrielle und serielle Herkunft, was sie jedoch keineswegs daran hindert, sich um so effektvoller im Schein der Einmaligkeit und Unverwechselbarkeit zu brüsten. Das ehrfürchtige, zuweilen heroische Gebaren des Sportlers auf dem Plakat ist identisch mit dessen körperlicher Integrität. Der Ausbund an Gesundheit erfreut sich eines tadellosen Muskelbaues. Statisch wie ein Denkmal richtet er sich vor dem Betrachter auf. Die Sportpraxis indes ist vielfach mit Handlung und Elan gekoppelt. Die Bewegung ist um so schneller und aufsehenerregender, je grösser der dazu verwendete Apparat ist. Dieser Faszination konnte sich auch das Plakat nicht entziehen. Das kinetische Moment hielt vor allem bei Werbungen für Flugzeug-, Auto-, Motorrad- und Velo-Konkurrenzen Einzug. In der Kunst erkor der italienische Futurismus erstmals die Geschwindigkeit zum bildnerischen Thema. Im Anschluss daran machte Eric de Coulon mit dem Gestaltungsprinzip der Formauflösung das Vorbeisausen der Boliden anlässlich des internationalen Klausenrennens 1927 zum Plakatmotiv. Die Hauptleistung des Entwerfers bestand jedoch darin, dass er das Beharrende von Strasse und Landschaft und das Dynamische der rasenden Maschine einer raffinierten Diagonalkomposition unter Einbeziehung der Schrift einzuschreiben wusste. Auf Verschränkung beruht auch das Plakat «Boxen» von Claude Kuhn-Klein. Als öffentliches Medium bedient es sich einer andern Sprache der Strasse: jener der Verkehrszeichen. Statt etwa «Achtung Baustelle» heisst es nun «Achtung Faustkampf». Die dahinter steckende Idee will dem Unbekannten (Profikämpfe) über das Vertraute (Dreieck-Signal) Aktualität verleihen. Mit der Frau im Sportplakat hat es bis heute seine Schwierigkeiten, obwohl etwa das Frauenturnen in der Schweiz eine grosse Tradition hat. In den zehner und zwanziger Jahren machte die Frau vornehmlich auf Schützenfest-Plakaten als Begleitfigur des Mannes ihre Aufwartung. Oder sie war in allegorischer Funktion, beispielsweise als Verkörperung des Sieges, mit dabei. Im 1983 publizierten Buch «Schweizer Sport-Plakate», das die schönsten historischen Plakate versammelt, kommt praktisch keine Frau als vollwertige, aktive Sportlerin zu Ehren. Erst in den formal meist hervorragenden Gymnastik-Affichen aus unserer Zeit bekam sie den ihr zustehenden Platz - auch als Spitzensportlerin. Ein in den dreissiger Jahren geschaffener Anschlag zu einem Autorennen verdeutlicht exemplarisch die Verankerung des Sports in unserem Land: Der monumental in steiler Untersicht festgehaltene Vorderteil des Sportwagens und die Bergspitzen im Hintergrund bilden zusammen gleichsam eine urwüchsige Front. Der Sport erscheint nicht immer in solch ungetrübtem Licht. Er ist und bleibt aber eine wichtige Institution der Schweiz. Das Plakat - Index Stefan Paradowski Das Plakat in der Schweiz 1991 by Ex Libris Zürich g26.ch PLATTFORM FÜR KUNST KULTUR UND GESELLSCHAFT |
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