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Politische und soziale Plakate in der Schweiz

Plakate als Botschafter

Im Verlauf der über hundertjährigen Geschichte des Plakats haben sich verschiedene Methoden eingebürgert, um die Fülle und Vielfalt an Plakaten überschaubar zu machen. Jedes dieser Ordnungsprinzipien - zum Beispiel nach Künstlern, nach Herkunftsländern, nach Entstehungszeiten, nach graphischen Techniken, nach Stilrichtungen und, vor allem, nach Aufgabenbereichen, nach Themen und Motiven - bietet andere Einsichten in die Plakatkunst. Keine dieser Einsichten liefert - für sich genommen - auf alle Fragen befriedigende Antworten; erst ihre Kombination ist ergiebig.

Stellt man die Aufgaben des Plakats, also seine spezifischen Werbe- und Informationsfunktionen, in den Vordergrund, so ergibt sich zunächst eine Aufspaltung der gesamten Plakatproduktion in die beiden Hauptbereiche der kommerziellen und der nichtkommerziellen Plakate. Diese Grobunterscheidung geht davon aus, dass es im Verlauf der geschichtlichen Entwicklung kaum miteinander vergleichbare «Bedürfnisstränge» gegeben hat, zu deren Erfüllung man das Plakat für geeignet erachtete und noch immer erachtet.

Man kann das Plakat als eine Aufforderung verstehen, als eine durch die Mittel drucktechnischer Vervielfältigung potenzierte, weitherum verbreitete, eine Masse anonymer, anders nicht erreichbarer Individuen ansprechende Botschaft. Man kann es verstehen als eine Einladung, eine nachdrückliche Aufforderung zum Tätigwerden, bestehe dieses Tätigwerden nun darin, dass man die - vom Plakat bewusst gemachten, gesteigerten oder suggerierten - Bedürfnisse nach einer Sache, einer Ware oder nach einer Dienstleistung zu befriedigen versucht.

Beim kommerziellen Plakat würde das heissen, dass man ein Konsumgut, eine Ware erwirbt, zum Beispiel eine Schachtel Zigaretten, dass man sich einer Dienstleistung versichert, zum Beispiel eine Kreditkarte beschafft oder sich dem Telephonrundspruch anschliesst. In den Bereich des Kommerziellen würden aber auch all jene Dienstleistungen gehören, deren man sich im Verkehrswesen und im Tourismus bedient; man kauft nicht nur ein Air-Tikket, man kauft sich auch die Ferien am sonnigen Strand. Das «Verkaufsgespräch», welches das Plakat mit dem Betrachter führt, ist im Lauf der Zeit subtiler, man darf auch sagen: raffinierter geworden. Das Plakat, das für Sonnenöl wirbt, verkauft nicht nur einen Schutzfilter gegen Ultraviolett-Bestrahlung, es verkauft auch gesunde Bräune, darüber hinaus: Jugend, Schönheit, Anziehungskraft; letztlich verkauft es uns Ferien, Freizeit, Freiheit von Beruf und Sorgen: also Glück.

Neben dem Plakat, das kommerziell etwas anbietet, gibt es den breiten Bereich des nichtkommerziellen Plakats. Es fordert uns liebenswürdig auf, zum Beispiel höflich und freundlich miteinander zu sein; es empfiehlt uns, bereits mit einem Unterton der Mahnung, ja indirekten Drohung, zu unserer eigenen Sicherheit und der des Landes «schon jetzt» genügend Notvorräte anzulegen; es warnt uns vor Alkohol am Steuer und vor Taschendieben. Es gab Notzeiten, da waren derartig warnende Plakatbotschaften noch eindringlicher: «Wer nicht schweigt, schadet der Heimat» hiess im Zweiten Weltkrieg die Warnung vor Spitzeln in ausländischen Diensten.

Den kommerziellen Plakaten für Waren, Firmen und ganze Industriezweige, für private und öffentliche Dienstleistungen auf der einen Seite lassen sich auf der nichtkommerziellen anderen Seite vielerlei Plakate gegenüberstellen, deren Thematik mit Bedürfnissen unserer Gesellschaft, mit Wohlfahrt, mit sozialen Einrichtungen, mit humanitären und karitativen Werken sowie mit dem politischen Leben im weitesten Sinn zu tun haben. Ganz am äusseren Rand des nichtkommerziellen Plakates stehen jene behördlichen Informationen, die den Bürger auf Rechte und Pflichten aufmerksam machen.

Zwischen dem kommerziellen und dem nichtkommerziellen Plakat gibt es eine breite Zwischenzone, in die sowohl Themen der Volkshygiene, der weite Bereich des Sports, aber auch die volle Breite der kulturellen Aktivitäten und Angebote gehören - etwa Theater, Konzert, Film, Ausstellung, Zeitung und Buch. Sind Plakate mit dem Slogan «Lies ein Buch» Branchenwerbung des Buchhandels oder Einladung zur sinnvollen Freizeitgestaltung? Dienen Plakate für Sportveranstaltungen dem Volksvergnügen, der Freizeitgestaltung oder dem einschlägigen Kommerz? Dienen Ausstellungsplakate der Geschmacksbildung und dem ästhetischen Vergnügen oder der Verbesserung der Einnahmen von Kunstinstituten? Scharfe Trennlinien sind da wohl kaum zu ziehen. Plakate in diesen Bereichen haben, mit wechselnder Gewichtung, kulturelle, soziale wie kommerzielle Aspekte.

Kategorien eigener und anderer Art sind die Plakate, die man im weitesten Sinn als politische Plakate bezeichnen kann: vor allem Wahl- und Abstimmungsplakate. In gleicher Weise eigenständig und antikommerziell sind die Plakate, die mit sozialen oder humanitären Werken zu tun haben und uns in der Regel zu Spenden auffordern. Diese Spende kann Geld sein oder unser Blut; es kann auch um Altstoffe gehen, die einem Recycling zugeführt werden sollen. Dieses Stichwort verweist auf eine Thematik, die auch im Bereich des Plakats - als eines Übermittlers von Botschaften, Aufforderungen und Warnungen - zunehmend an Bedeutung gewinnt: die Umweltthematik.

Gemeinsam ist all diesen verschiedenartigen, zum Teil widersprüchlichen Themen, dass sie die Gesamtgesellschaft angehen; dass der Einzelne, jeder Einzelne angesprochen ist, sein Verhalten, sein Tun im Gesamtgeschehen des öffentlichen Lebens unserer Gemeinschaft zu sehen, ob nun ein bestimmtes Verhalten empfohlen wird oder ob vor dessen Konsequenzen gewarnt wird. Nicht immer ist klar, was gemeint ist, oft bleiben die eigentlichen Motive im dunkeln. «Brauch Gas» - soll das zur Sicherung oder Finanzierung internationaler Erdgas-Vereinbarungen beitragen, soll es einer vergleichsweise «sauberen» Energie vermehrten Absatz bringen oder die Notwendigkeit von Atomenergie reduzieren?

Man könnte sich vorstellen, dass der Aufgabenbereich «Umwelt» beim Plakat zunehmend an Bedeutung gewinnt, dies in einer Zeit, in der die Gefährdung unserer Umwelt und damit unserer elementaren Lebensbedingungen immer bedrohlichere Formen annimmt. Es wäre denkbar, dass durch das Mittel des Plakats vermehrt versucht wird, die Allgemeinheit zu vernünftigem Verhalten anzuregen. Beispiele dafür mehren sich. Eine solche Zunahme der nichtkommerziellen Plakate könnte sogar mit einer Reduktion der kommerziellen einhergehen. Die sich mehrenden Verbote der Alkohol- und Tabakwerbung weisen in diese Richtung.

In der spannenden Geschichte des Schweizer Plakats finden sich in allen Gattungen bedeutende künstlerische Leistungen. Es gibt keinen Plakatbereich, der durch seine Thematik, durch seine Zugehörigkeit zu einem speziellen Wirtschafts- oder Sozialbereich, durch die Eigenart seines Zielpublikums von vornherein «unwürdig» und einer formal überzeugenden, ja gar überragenden Gestaltung nicht zugänglich wäre. Die grossen Plakatgestalter der Schweiz haben dies im Lauf ihrer Karriere, die auch «niedere» Aufgaben nicht ausgespart hat, wiederholt unter Beweis gestellt.

Allerdings bleibt die Frage offen, ob beim kommerziellen Plakat die Sachzwänge und die vielen - im Rahmen heutiger Werbestrategien besonders komplexen - Bedingungen oder aber die vergleichsweise viel grösseren Freiheiten beim nichtkommerziellen Plakat stimulierender sind für eine originale künstlerische Gestaltung. Es gibt kein deutliches Ja oder Nein auf die Frage: Sind Meisterplakate Resultat voll genutzter Freiheit oder siegreicher Überwindung auferlegter Zwänge?

Die Frage liesse sich vielleicht indirekt mit der (durch überprüfbare Fakten leicht zu belegenden) Tatsache klären, dass die Höhepunkte des Schweizer Plakats gerade in jenen fünfziger und sechziger Jahren liegen, da selbst für die banalsten, belanglosesten Dinge grossartig einprägsame Plakate geschaffen wurden. Dass das Plakat für ein Meisterwerk der Filmkunst oder den Shakespeare-Zyklus eines städtischen Theaters, aber auch für hochmodische Seidenstoffe seinerseits von überdurchschnittlicher formaler Qualität sei - das darf man beinahe als Selbstverständlichkeit voraussetzen. Dass ein Plakatgraphiker aber Waschpulver oder Mineralwasser zum Anlass für ein Meisterplakat macht, verdient Beachtung.

Eigenständige graphische Gestalter, vor allem auch freie Maler, haben sich seit den Anfängen des künstlerischen Plakats um 1900 mit Vorliebe den Aufgaben mit möglichst grossem Entfaltungsspielraum zugewandt: Plakaten also, bei denen werbewirtschaftliche Zwänge nicht ausschlaggebend sind, Plakaten, bei denen ideenmässig und gestalterisch-formal neuartige Lösungen möglich, ja vom Auftraggeber ausdrücklich gefragt sind.

Die Schweizer Plakatgeschichte zeigt, dass immer wieder Entwerfer kühner nichtkommerzieller Plakate dank dem mit solchen Arbeiten erworbenen Prestige sich auch im Bereich des kommerziellen Plakats grosse Freiheiten erlauben durften und damit auch hier ungewöhnliche Leistungen vollbracht haben. Wenn sich dies mit einer gewissen Regelmässigkeit wiederholt, dann darf das nichtkommerzielle Plakat im Gestalterischen als eine Art «Trendsetter» oder ästhetische «Leitfigur» bezeichnet werden.

Die hier anvisierten nichtkommerziellen Plakate sollen als «soziale» und als «politische» Plakate bezeichnet werden. Gemeinsam ist ihnen, dass die Auftraggeber letztlich ideelle Ziele anstreben. Diese Auftraggeber sind einerseits Institutionen, Vereine, Stiftungen, Arbeitsgemeinschaften karitativen, sozialfürsorgerischen, präventivmedizinischen, kirchlichen oder ähnlichen Charakters, anderseits aber Behörden, Amtsstellen, politische Parteien oder politische Arbeitsgruppen, Interessengemeinschaften unterschiedlicher Zielsetzung oder ad hoc zusammengetretene «Betroffenengruppen», wie man sie von Deutschland her als «Bürgerinitiativen», bei uns eher als «Anwohner- oder Anstössergemeinschaften» kennt.

Diese Plakate verkünden jeweils ein den Auftraggebern zentral wichtiges, genau determiniertes, manchmal extrem spezielles Anliegen. Angesprochen ist jeder und jede. Es wird an die Wachheit und Neugier des Individuums appelliert, an sein Nachdenken über den Inhalt der Botschaft. Von der Persönlichkeitsstruktur des Angesprochenen, seinen Interessen, Neigungen und Abneigungen sowie seiner sozialen Lage hängt die Reaktion auf den Plakataufruf ab.

Ist das Interesse geweckt, das Nachdenken durch die spezielle Thematik in Gang gebracht, so vermag das Plakat durch die verbale und bildliche Artikulation seiner Botschaft Entscheidungen zu beeinflussen. Vielleicht vermöchten Umfragen zu klären, welche Plakataussagen auf das Tätigwerden der Angesprochenen stimulierend, welche hemmend oder gar verhindernd gewirkt haben, welche Bildbotschaft als attraktiv, welche als abstossend empfunden wurde. Bei solchen Meinungsumfragen müsste allerdings auch das Umfeld mitberücksichtigt werden, um Kurzschlüsse auszuschalten.

Der durch das Plakat Angesprochene kann dessen Aufforderung instinktiv oder willentlich missachten. Er kann mit einem «Ich-nicht» Widerstand leisten. Wer positiv auf das Plakat reagiert, wird allerdings kaum sofort seinen Einzahlungsschein zur Post bringen oder im Sinne der Plakatempfehlung seine Wahl- oder Abstimmungspapiere ausfüllen. Die Aufforderung des Plakats vermag jedoch im Idealfall das - zusätzlich durch andere Medien und in zeitlicher Staffelung - vorgebrachte Anliegen so mitzuprägen, dass fast zwanghaft im Sinne der Plakatbotschaft gehandelt wird.

Im Bereich der sozialen, humanitären oder präventiven Aktionen ist das Plakat in der Regel nur eine von mehreren genutzten Möglichkeiten, die Menschen für ein regionales oder landesweites Anliegen zu sensibilisieren. Es vermag jedoch, auf einen bereits erfolgten oder in Gang befindlichen Feldzug abgestützt, schlagwortartig kondensiert das Wesentliche zu repetieren oder einzuhämmern, dies vor allem durch die motivische und meist auch formale Kraft seiner Bildelemente.

Das politische Plakat benutzt häufig weniger differenzierte Sprach- und Bildmittel. Die Sprache ist allgemeinverständlich, lapidar, das Bild auf bildbogenhafte Einfachheit und anschauliche Direktheit angelegt. Es wird an unterschwellige Regungen appelliert, und es werden Emotionen, manchmal Aggressionen ausgelöst. Auch karikaturistische Elemente, der Bildwitz und der Wortwitz werden eingesetzt. Der Wähler wird umworben, raffiniert gegängelt und auch in seinen Schwächen getroffen, oder aber er wird sehr direkt, ohne Umschweife, imperativ angeredet.

Bei Abstimmungen über Sachfragen, wie Frauenstimmrecht, Arbeitszeit, Schwangerschaftsabbruch usf., spiegeln die Plakate die Intensität, mit der solche Fragen in der Öffentlichkeit diskutiert oder umkämpft werden. Der Boden der Sachlichkeit wird - auch im Plakat - oft verlassen, Übertreibungen, sogar Verunglimpfungen im Wort wie im Bild beherrschen hin und wieder das Feld. Die Unzimperlichkeit des politischen Plakats mag mit ein Grund dafür sein, dass es den Entwerfer oft die Anonymität wählen lässt, die unpersönliche Botschaft. Gerade das politische Plakat ist ein Gradmesser für den Zustand einer Nation, ein Gradmesser für die Virulenz des politischen Lebens, für die freie Meinungsäusserung und die Fairness oder Rücksichtslosigkeit in der politischen Auseinandersetzung.

Wer in der Schweiz vor wichtigen Wahlen oder Abstimmungen die Plakatlandschaft durchwandert, darf sich über die Lebendigkeit, die Intensität, den Aufwand freuen, womit Volksentscheide vorbereitet werden. Dass der liebenswürdige Spott, die geistvolle Ironie (oft als tödlichste Waffe) in einem häufig allzu «bierernsten» politischen Kampf auf den Plakatwänden fehlen, ist eher ein Spiegel des politischen Stils als mangelnder plakatkünstlerischer Flexibilität in diesem Land.

Es wird oft die Frage erörtert, ob und wieweit die konkrete Aufgabe den Stil eines Plakats bestimme. Oder, genereller gefragt, wieweit der Charakter, das «Klima» eines bestimmten Aufgabenkreises - zum Beispiel Sport, Messe oder Mode, Sammelaktion eines Hilfswerks, Erfrischungsgetränk oder Waschmittel - die Plakatgestaltung mitpräge, unabhängig vom persönlichen Stil des Gestalters, unabhängig sogar vom jeweiligen «Zeitstil».

Ernst Keller, der als Begründer der ersten Fachklasse für Graphiker an einer Schweizer Kunstgewerbeschule mehrere Generationen von Graphikern in Zürich ausgebildet hat, sagte: «Ein Plakat ist erst dann wirklich gut, wenn seine Thematik nicht nur in der Motivwahl, nicht nur in der Textbotschaft wirkungsvoll präsentiert ist, sondern auch im farbformalen Stil sich bekundet.» Im Idealfall müsse die Botschaft des Plakats, ohne gedanklichen Nachvollzug durch den Betrachter, spontan und intuitiv erfasst werden können. Ein Kaffeeplakat müsse also allein schon durch die Farben oder Farbkombinationen, durch suggestive Formcharaktere der Bild- und Textelemente das Klima von Kaffee erzeugen. Assoziativ müsse der Betrachter in einem solchen Plakat den «Kaffee schmecken».

Das ist gewiss richtig. Nicht bei allen Aufgaben, die sich dem Plakatgraphiker stellen, lässt sich allerdings die Botschaft auf einen solchen elementaren Nenner reduzieren. In einer sehr komplexen Wettbewerbssituation ist heute selbst die vergleichsweise einfache Aufgabe von schwierigen Randbedingungen abhängig. Anderseits haben sich auch die Persönlichkeitsstrukturen, die fachlichen Voraussetzungen wie die gestalterischen Konzepte der Plakatgraphiker in einer rasch sich verändernden Welt gewandelt.

Hätte Ernst Keller noch immer recht, so müssten bei gleichartiger oder gar gleicher Aufgabenstellung die Entwürfe verschiedener Gestalter sich sehr nahe kommen. Das ist - wie gerade die Plakatauswahl in dieser Publikation zeigt - in keiner Weise der Fall. Aber wahrscheinlich wusste auch Ernst Keller, dass nicht nur jede Kaffeemischung anders schmeckt, sondern jede Röstung andere Nuancen des Aromas ergibt und dass schliesslich jeder seinen Kaffee auf individuell verschiedene Weise zubereitet.

Es gehört zu den faszinierenden Eigenschaften der Plakate, dass sie vielfältige Auskunft über das Land geben, in dem sie und für das sie hergestellt worden sind. Das Plakat spricht die Sprache der Menschen, an die es sich wenden will. Überspitzt gesagt: Je mehr das Plakat nach Mass geschneidert ist, um so erfolgreicher erfüllt es seine Mission. Oft hält es daher schwer, als Fremder die Plakatproduktion eines anderen Landes richtig zu beurteilen; dann nämlich, wenn nur ungenügend genaue Kenntnis der Gegebenheiten vorhanden ist, auf die das Plakat direkt oder unterschwellig, also verhüllt Bezug nimmt.

Ein Beispiel: Aus dem Jahre 1966 gibt es ein Plakat der Schweizer Landeslotterie von Rolf Gfeller, das in expressiver malerischer Manier hemdsärmelige «Hornusser» zeigt; sie werfen ihre schwarzen Bretter auf, um das rote vierblättrige Kleeblatt (Glückssymbol der Landeslotterie für einen Treffer) aus der Luft herunterzuholen. Ohne Kenntnis des altbernisch-bäuerlichen Mannschaftsspiels des Hornussens (eine Anspielung auf die gefährliche, grosse Wespenart der Hornisse) bleibt der Sinn des Plakats dunkel, der Reiz seiner Analogie geht verloren. Nur wer diesen traditionsreichen Schweizer Volkssport kennt und einmal erlebt hat, wie die Partei der «Schläger» den Hornuss mit dem elastischen Stecken vom eisernen Bock wegschlägt und wie die Partei der «Abtuer» mit den hochgeworfenen Hornussschindeln das puckartige Geschoss abzufangen versucht, versteht voll den Sinn des Plakats: eine nichtverbale Einladung zum Loskauf.

Selbst im eigenen Land ist aus den Plakaten vieles, oft sehr Wesentliches, manchmal auch Überraschendes, Unbekanntes herauszulesen und herauszuhören über die heimatliche Welt, die man zu kennen glaubt. Diese Fähigkeit zur Zeugenschaft für die Lebensbedingungen und den Charakter eines Volkes ist einerseits dem konventionellen, wenig artikulierten Durchschnittsplakat eigen, das sozusagen seiner Umgebung nachplappert, um sich bei ihr einzuschmeicheln. Anderseits finden sich die Spuren des Lokalen, die Merkmale regionaler Eigenart auch bei unkonventionell gestalteten Arbeiten eigenständiger Entwerfer. Da birgt das Plakat - ausserhalb der eigentlichen Aufgabe - eine Analyse, eine Deutung, vielleicht auch eine kritische Beleuchtung von Herkunftswelt und sozialer Umgebung. Gelegentlich macht es geradezu seine Wirksamkeit aus, dass es Tatsachen oder Gefühlsmomente aus einem vergessenen Gestern oder Vorgestern wieder ins Bewusstsein hebt.

Die Einblicke in nationale oder lokale Mentalitäten sind um so genauer und «gehaltvoller», je mehr die Möglichkeit besteht, gleichzeitig eine Anzahl von Plakaten ins Visier zu nehmen, vorzugsweise von gleicher oder ähnlicher Thematik. Hier ein paar - extrem vereinfachte - Beispiele:

Finden sich in der Plakatproduktion eines Landes keine oder fast keine Warenplakate, so liegt die Vermutung nahe, dass das Fehlen einer Wirtschaftswerbung das Fehlen einer freien Marktwirtschaft signalisiert. Wo Planwirtschaften herrschen, bestimmt nicht individueller oder angereizter Bedarf die Produktion und Verteilung der Güter.

Das Fehlen von Filmplakaten könnte signalisieren, dass in einem Land kein nennenswertes Interesse an Filmkunst besteht (ein absurder Schluss); oder dass im Gegenteil der Filmkonsum so verbreitet, so selbstverständlich ist, dass eine Plakatwerbung sich erübrigt. Derselbe Tatbestand - fehlende Filmplakate - kann also, theoretisch, gegensätzliche Voraussetzungen haben. Komplizierter wird die Situation, wenn mitberücksichtigt wird, dass die in einem Land eingebürgerte Werbung für den Film durch Inserate oder wöchentliche Filmprogramme in den Zeitungen das Fehlen des Filmplakats auf natürliche Weise erklärt. In der Schweiz gibt es, abgesehen von Aktivitäten filmkultureller Institutionen, auffallend wenig Filmplakate. Es wäre absurd, daraus ein mangelndes Interesse der Schweizer am Film abzulesen oder auf eine filmkulturelle Situation zu schliessen, die jede Werbung für den Film überflüssig macht.

Die Interpretation bestimmter Beobachtungen über die Plakatsituation in einem Land ist also nicht ganz einfach. Auswertungen dürften um so gültigere Ergebnisse zeitigen, je mehr auch das politische, wirtschaftliche und soziokulturelle Umfeld in die Betrachtungen einbezogen wird. Auch dafür ein Beispiel:

In den letzten Jahrzehnten wirbt in der Schweiz eine auffallend grosse Zahl von Plakaten für humanitäre Hilfswerke bzw. deren Spendenaktionen.

Das könnte zum Schluss führen, in diesem Lande sei es schlecht bestellt um die soziale Sicherheit, andernfalls müsste nicht so lauthals für die Alten, aber auch für die Jungen, für Invalide oder Flüchtlinge gesammelt werden. Tatsächlich sind die durch den Steuerzahler alimentierten Sozialwerke in der Schweiz besser ausgerüstet als in den meisten umliegenden Ländern. Spiegelt die Schweizer Spendefreudigkeit also das schlechte Gewissen eines Volkes im Wohlstand, oder ist der gespendete Obolus die Dankesgabe fürs eigene Wohlerergehen? Vor Kurzschlüssen aus «statistischen Beobachtungen» muss gewarnt werden.

Die in dieser Publikation vorgelegten Plakate sind in sechzehn thematische Gruppen gegliedert; diese sind, zum kleineren Teil, wichtigen Bereichen des politischen Lebens zugehörig und, zum grösseren Teil, bekannten und bedeutenden sozialen und humanitären Unternehmungen. Weder in der Gattung des politischen noch des sozialen Plakats sind alle denkbaren und praktisch vorkommenden, das heisst auf der Plakatwand erscheinenden Themen berücksichtigt. Es gehört zur spezifisch schweizerischen Plakatsituation, dass immer wieder für einmalige politische und vor allem soziale, karitative oder humanitäre Zielsetzungen oder Zwecke das Plakat genutzt wird. Solche punktuellen Stösse mit einmaligen Plakataktionen beleben über die Jahre hin in erfreulichem Mass die Plakatlandschaft, sie lassen sich jedoch nur schwer in zusammenfassende thematische Gruppen einbinden.

Die Auswahl beschränkt sich auf Themenkreise, die für die Nutzung des Plakats in der Schweiz charakteristisch sind. Fast alle diese Themen haben im Plakat einen vielfältigen Niederschlag gefunden und immer wieder zu überzeugenden plakatkünstlerischen Lösungen geführt. Sowenig wie alle der Thematik «sozial» oder «politisch» zuzuordnenden Plakatmotive Berücksichtigung fanden, sowenig konnten alle als gestalterisch wertvoll oder überragend zu bezeichnenden Plakate berücksichtigt werden. Die vorgelegte Auswahl mag, einmal mehr, zeigen, dass an das Plakat sowohl ästhetische Massstäbe angelegt wie inhaltliche oder kulturgeschichtliche Fragen gerichtet werden können. Aus beiden Richtungen liegen faszinierende Antworten vor.

Im Vordergrund stand das Ziel, einige zentrale Themen aus der Vielfalt sozialer und politischer Fragestellungen und Aufgaben im Spiegel einprägsamer Plakate vorzulegen und überdies den zeitlichen Ablauf ihres Auftretens im schweizerischen Plakatschaffen deutlich zu machen. Die gezeigten Beispiele werden dadurch, ungeachtet ihrer formalen Qualitäten oder Mängel, zu beredten Zeugen gesellschaftlicher, werbepsychologischer, künstlerischer, aber auch politischer Wandlungen in der Schweiz von etwa 1920 bis heute. Ein Panorama also von sechs ereignisreichen Jahrzehnten, in denen sich grundlegende, vielfach noch längst nicht abgeschlossene, ja zum Teil erst angebahnte Veränderungen ergeben haben.

Willy Rotzler
Dr. phil., geb. 1917 in Basel, 1948-1961 Konservator am Kunstgewerbemuseum Zürich, 1962-1968 Redaktor der kulturellen Monatsschrift «Du», lebt seit 1972 als freier Kunstschriftsteller in Hausen am Albis. Autor zahlreicher Publikationen monographischen und thematischen Charakters zur zeitgenössischen Kunst und Mitarbeiter internationaler Zeitschriften. Gastdozent an verschiedenen Hochschulen. 1969-1976 Mitglied der Eidg. Kunstkommission, derzeit Präsident der Kunstkommission der Stadt Zürich und der Ausstellungskommission des Kunsthauses Zürich.

Politische und soziale Plakate in der Schweiz
ABC Verlag Zürich 1985
ISNN 3-85504-085-0


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