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Anmerkungen zum Künstlerplakat

Im letzten Jahrhundert erträumten die Maler das absolute Kunstwerk: ein Kolossalgemälde, vor dem die ganze Welt als Publikum vorbeiziehen sollte. Noch heute ist dieser Traum in den Bruchstücken seiner Realisationen zu erkennen: den Panoramen, Ausstellungsreisen und Projekten von Grossbemalungen. Tatsächlich fand er seine unbeabsichtigte Realisierung jedoch im trivialen Massenmedium des Plakats. Die Erfindung der Farblithographie machte ein Heer von Malern überflüssig und setzte an ihre Stelle die Druckerpresse. Statt auf der grössten Leinwand der Welt wurde das Welt-Gemälde nun auf Papierbögen reproduziert und von rastlos tätigen Anklebern stückweise in der Landschaft verteilt. Sie überzogen Mauern, Säulen und Häuserwände mit Plakaten und verwandelten Westeuropa und Nordamerika in ein Panorama der Reklame. Im unendlich vervielfältigten, überall erscheinenden Bildplakat realisierte sich mit neuen technischen Methoden der Kunsttraum, der noch kurz vorher im sensationellen Grossgemälde seine Verwirklichung gesucht hatte. Solange aber die Hierarchie der Bildgattungen weiter bestehen blieb, wurden nur Maler des niedrigsten Ranges für die Reklame tätig. Tatsächlich war die Verachtung der Reklame in der Mitte des 19. Jahrhunderts aber bereits ein Anachronismus. 1848 standen in Paris siebenhundert arbeitslose Maler vor einem völlig zusammengebrochenen Kunstmarkt und mussten - wie ihre künftigen Auftraggeber, die Unternehmer - lernen, sich der Reklame zu bedienen.

Das erste Künstlerplakat, das wirklich Sensation machte, war 1868 eine Lithographie von Edouard Manet, die für das Buch «Les Chats» des Kunstkritikers Jules Champfleury warb. Literatur war auch Gegenstand des zweiten erfolgreichen Künstlerplakats: 1871 kündigte in London ein riesiger Holzschnitt von Fred Walker die Bühnenfassung des Erfolgsromans «The Woman in White» von William Wilkie Collins an. Der erste Künstler, der die «Plakatkunst» jedoch professionell betrieb, war der französische Maler und Graphiker Jules Chéret, der in der Mitte der siebziger Jahre die farbige Lithographie verwendete, um daraus einen ganz neuen Plakatstil zu entwickeln. Damit verband er Kunst und Reklame zu einer Einheit, die sowohl Auftraggeber als auch Künstler und Publikum zufriedenstellte.

Schnell erwies sich, dass das Künstlerplakat wichtige Vorteile bot: Erstens erreichte die «künstlerisch veredelte» Reklame ihren Zweck besser als ein direkter, plumper Appell; zweitens liessen sich moderne Künstlerplakate, die anfangs mit wenigen Farben auskamen, billiger herstellen als die technisch aufwendigen Chromolithographie-Plakate.

Wenn auch die ersten Bücher über Künstlerplakate selten einen Hinweis auf den ökonomischen Vorteil der künstlerischen Gestaltung unterliessen, so strichen sie doch vor allem deren volkserzieherischen Wert heraus. Maria Brinckmann forderte 1896 die Künstler Deutschlands auf, mit Plakaten den arbeitenden Massen auf der Strasse «Freude und Erhebung» zu gewähren, und wenig später begrüssten Max Lehrs und Otto Grautoff das Künstlerplakat als wesentliches Mittel zur künstlerischen Bildung und zur Überbrückung der zeitgenössischen Kluft zwischen Kunst und Publikum. Reklame als «vornehme Aufgabe» des Künstlers und als Propaganda für die Kunst! - Dieser Nobilitierung fügten Schweizer Publizisten später das Wort von der «demokratischen Kunst» hinzu. Die höchste Bewertung erfuhr die Reklame 1928 im Urteil von G. F. Hartlaub, der im «Kunstblatt» schrieb, die Werbekunst sei die «einzige soziale, kollektive, wahrhafte Massenkunst». Anfänglich zögerten die Schweizer Künstler, sich dieser Betrachtungsweise anzuschliessen. Die Ausschreibung eines Wettbewerbs für eine künstlerische Affiche zur Schweizerischen Landesausstellung 1883, die sich ausdrücklich an die Künstler richtete, führte zu einem Misserfolg. Kein Künstler von Bedeutung nahm am Wettbewerb teil.

Die Schweizer brauchten das Vorbild von Paris, wo die Westschweizer Eugène Grasset und Théophile A. Steinlen zu Pionieren des neuen Mediums geworden waren. 1891 machte Ferdinand Hodler für sein erstes Schriftplakat nur eine kleine Skizze als Anweisung für den Typographen. Der Gestaltung von Bildplakaten wandte er sich 1896/97 zu, als er dafür Aufträge von einer privaten Firma und von der Zürcher Kunstgesellschaft erhielt. Beide Aufträge beschäftigten ihn intensiv, wurden schliesslich aber doch nicht realisiert. Das erste Bildplakat Hodlers, das im Druck erschien, war das Plakat für die XIX. Ausstellung der Wiener Secession 1904. Hodler verwendete in diesem und in weiteren Plakatentwürfen Motive seiner Gemälde: für die Secession den in einer Wiese liegenden Jüngling unter horizontalen Wolkenbändern. Die Schrift setze er in die blauen Streifen des Himmels und erreichte damit - zum erstenmal für das Schweizer Plakat - eine überzeugende Verknüpfung von Bild und Schrift. Die Schweizer Künstlerplakate der ersten Phase von etwa 1890 bis 1920 zeigen meistens ein abgegrenztes Bildfeld und eine darunter oder darüber angebrachte Schrift. Es gibt nur wenige Versuche, Bild und Schrift zu verbinden: darunter Entwürfe des jungen Augusto Giacometti, die in Anlehnung an Eugène Grasset entstanden, und Arbeiten von Burkhard Mangold. Die Bild-Schrift-Kombinationen, die von den Wiener Secessionisten vorgelegt wurden, scheinen in der Schweiz nicht als Anregung verstanden worden zu sein. Hodler stimmte zwar in seinem Entwurf mit den Wienern darin überein, Schrift und Bild als gleichwertige Gestaltungselemente des Plakats zu betrachten, aber er zeigt keine Annäherung an die dekorative Eleganz und kultivierte Farbigkeit des Wiener Jugendstils.

Die erste Generation von Schweizer Plakatkünstlern arbeitete zu einem grossen Teil unter dem Eindruck von Hodlers Malerei und nicht unter dem Eindruck seiner wenigen Bildplakate. Frühe Publikationen über moderne Schweizer Plakate rechtfertigen ausdrücklich die Anleihen bei Hodler mit der Behauptung, dass zwischen seinem «Nationalstil» und den Erfordernissen des Plakats eine natürliche Verwandtschaft bestehe: nämlich die klare Flächenteilung, die ungeschwächten Farben und die sichere Zeichnung. Die umgekehrte Wirkung - also die des Plakats auf die Malerei - fiel 1913 dem Wiener Koloman Moser auf, als ihm Hodlers neueste Bilder wie «überreizte Plakate» erschienen.

Bis 1920 hatten sich die Künstler auf allen Gebieten der Plakatwerbung hervorgetan, unterstützt vom Engagement einiger Druckanstalten. Diese erste Phase des Schweizer Künstlerplakats endete jedoch mit dem Zweifel, ob die Plakatgestaltung wirklich Aufgabe der Künstler sein könne. Burkhard Mangold sprach 1920, als er gerade sein 100. Plakat herausgebracht hatte, von der Abnützung durch das Plakatschaffen, das nicht Qualität der Arbeit, sondern nur neue Einfälle verlange. An den umfangreichen OEuvres von Mangold, Cardinaux, Baumberger und anderen lässt sich tatsächlich erkennen, dass die Erfindung immer neuer Plakatsujets die Ausbildung und Entwicklung eines persönlichen Stils nicht förderte, sondern nur die routinierte Kombination von Gestaltungsmitteln und Motiven. Jede Landschaft, jede Figur, jedes Motiv kann vom Künstler wiederholt studiert und dargestellt werden; der Einfall für ein Plakat muss jedoch immer neu sein. Der Zweifel der Künstler traf mit einem Auffassungswandel auch der Reklamefachleute zusammen, die immer stärker die eindeutige visuelle und linguistische Werbebotschaft bevorzugten. Für deren Formulierung brauchten sie aber nicht mehr den Künstler, sondern den ausgebildeten Werbegraphiker.

Im Laufe der zwanziger und dreissiger Jahre ging daher die Plakatgestaltung immer konsequenter auf die Graphiker über. Es gibt in diesen Jahrzehnten jedoch noch keine scharfe Grenze zwischen dem Künstler- und dem Graphikerplakat. Die Graphiker hatten vielleicht eine bessere Kenntnis der Typographie und suchten schon gegen Ende der zwanziger Jahre die Verbindung mit der Photographie; aber auch sie verstanden die Gestaltung von Plakaten im wesentlichen als künstlerische Aufgabe. Die direkte Werbung durch unmittelbare Abbildung der Ware dagegen ist die Erfindung eines Malers, nämlich die Otto Baumbergers. Mit seinem Mantel für PKZ stellt er 1923 das vielleicht eindrücklichste Sachplakat her.

Die Nähe von Malerei und Graphik hielt sich bis zum Ende der fünfziger Jahre. Sie wurde dadurch, dass das Plakat ganz allgemein als Teil einer umfassenden Gestaltungsaufgabe verstanden wurde, noch enger. Hier machte sich die Wirkung des Bauhauses und - später - der Ulmer Schule bemerkbar. Zu den Künstlern mit einem neuen und weitgreifenden Verständnis ihrer Aufgabe sind Max Bill und Richard P. Lohse zu rechnen. Ihre Beschäftigung mit der Plakat-Typographie als Teil der künstlerischen Arbeit hat auch die Erneuerung des Schriftplakats durch Josef Müller-Brockmann gefördert. Die Symbiose von Malerei und Graphik im Plakat blieb bis zum Ende der fünfziger Jahre lebenskräftig, obwohl die Künstler nur noch ausnahmsweise die Gestaltung von Plakaten übernahmen.

Heute werben Künstlerplakate fast ausnahmslos für kulturelle Veranstaltungen. Die Werbegelder der Wirtschaft werden, sofern man sie überhaupt für Plakate ausgibt, eher für die Vergrösserungen der Werbefläche als für die Gestaltung verwendet. Technische Veränderungen wie der vollständige Ersatz der Lithographie durch Offset- und Siebdruck haben die Bedeutung der künstlerischen Gestaltung weiter vermindert. Die neuen Druckverfahren schliessen - wie früher die Chromolithographie - den Gestalter praktisch vom Produktionsprozess aus. Eine der wesentlichen Voraussetzungen für die Entwicklung des Künstlerplakats war aber gerade die Einbeziehung des Künstlers in die technische Herstellung gewesen. Heute können Graphiker und Maler nur mehr ihren Entwurf abliefern. Auf das technische Verfahren der Reproduktion - von der Herstellung des Films bis zum Druck - haben sie wenige Einwirkungsmöglichkeiten. Anspruchsvolle Plakatgraphik kann daher nur auf dem Gebiet der Kulturwerbung betrieben werden; aber die Künstler ziehen sich seit längerem auch aus diesem letzten Reservat zurück und zeichnen Plakate praktisch nur noch für die Ankündigung ihrer eigenen Ausstellungen. Das Produkt, das sie anzeigen, ist ihre eigene Kunst. Im Plakatentwurf demonstriert der Künstler den eigenen Stil exemplarisch, ohne auf den allgemeinen Stil Rücksicht zu nehmen oder einen neuen, für die Gattung Künstlerplakat verbindlichen Stil schaffen zu wollen.

Die Schweizer Künstlerplakate der letzten zwanzig Jahre - die Arbeiten von Eggenschwiler, Luginbühl, Thomkins, Raetz, Tinguely, Lüthi, Disler und anderen - sind genauso verschieden voneinander wie die Kunstwerke dieser Künstler. Die Plakate sind so zu Markenzeichen des eigenen Schaffens geworden. Zugleich aber sind sie innerhalb der öden Werbeflächen Inseln des Einfalls, des Witzes und die letzte reproduzierte Spur der authentisch zeichnenden, schreibenden und malenden Hand.

Bücher zum Weiterlesen: Werbestil 1930-1940. Katalog der Ausstellung im Kunstgewerbemuseum Zürich, 1981. Ferdinand Hodler und das Schweizer Künstlerplakat, 1890-1920. Katalog der Ausstellung im Kunstgewerbemuseum Zürich (und anderen Museen), 1983-1984. Bruno Margadant: Das Schweizer Plakat 1900-1983. Birkhäuser Verlag, Basel 1983. Das Schweizer Plakat 1900-1984. Katalog der Ausstellung im Gewerbemuseum Basel, 1984. Kulturelle Plakate der Schweiz. Katalog der Ausstellung im Kunstgewerbemuseum Zürich, 1974. Karl Wobmann: Schweizer Hotelplakate 1875-1982. Biregg Verlag, Luzern 1982. Karl Wobmann: Touristikplakate der Schweiz. AT Verlag, Aarau 1980. Karl Wobmann / M.Triet: Swiss Sport Posters. ABC Verlag, Zürich 1983. Karl Wobmann: Politische und soziale Plakate. ABC Verlag, Zürich 1985. Graubünden im Plakat. Katalog der Ausstellung im Bündner Kunstmuseum Chur, 1983. Burkhard Mangold (1873-1950). Reihe Schweizer Plakatgestalter. Katalog der Ausstellung im Kunstgewerbemuseum Zürich (u.a.), 1984. Emil Cardinaux (1877-1936). Reihe Schweizer Plakatgestalter. Katalog der Ausstellung in den Museen für Gestaltung in Zürich und Basel, erscheint im August 1985.

Prof. Dr. Oskar Bätschmann
Institut für Kunstgeschichte, Universität Bern
du - Die Zeitschrift für Kunst und Kultur 3/1985


Das Plakat - Index


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