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Volkskunst Schweiz Index Volkskunst im üblichen Sinn meint handwerkliche Erzeugnisse mittlerer und unterer sozialer Schichten, die von nicht qualifizierten Laien für den Eigengebrauch oder von spezialisierten Laien und gelernten Fachleuten vom 16. bis zur Mitte des 19. Jh., mit einer Blütezeit im 18. Jh., hergestellt wurden. Die Grenzen zwischen Volkskunst und Kunsthandwerk sind somit fliessend. In der Regel sind die Erzeugnisse der Volkskunst über die Gebrauchsfunktion hinaus in einer Art künstlerisch gestaltet, die der Produktionsweise und den jeweiligen sozioökonom. Bedingungen entspricht, der Tradition und den kollektiven Bedürfnissen verpflichtet ist. Besondere Merkmale sind die von Materialien, Technik und Werkzeugen abhängigen Ornamentformen und Stilisierungen. Gemäss der geographischen und kulturellen Vielfalt unseres Landes kann nicht von einer einheitlichen Schweizer Volkskunst gesprochen werden, vielmehr haben die historischen Bedingungen zu unterschiedlichen Volkskunstlandschaften geführt. Besonders hervorzuheben sind die beiden Hirten-Regionen Appenzell und Greyerz mit ihrer Volkskunst rund um die Milchwirtschaft, wie Trachten und Trachtenschmuck, hölzernes und reich geschnitztes Milchgeschirr, Senntum-, bzw. Poya-Malerei (Darstellungen des Alpaufzugs). Gegliedert wird die Volkskunst meist nach Objektgruppen (ländliche Architektur, Bauernmöbel, Trachten), Werkstoffen (Keramik, Glas, Textilien), Techniken (Scherenschnitt, Ziselierung, Schnitzerei), Berufsgruppen , Intentionen, z.B. religiösen Aspekten (Skulpturen, Exvoto-Weihegaben, Klosterarbeiten), Stationen im Lebenszyklus (Taufe, Hochzeit) und Bräuchen (Fasnacht), wobei Überschneidungen entstehen. weiter... Sein Haus Kennzeichnen Der Schweizer ist nicht gesprächig und gesteht der Rede nicht so viel Prestige und Wichtigkeit zu, wie es in den Mittelmeerkulturen geschieht. Er lässt also gern sein Haus an seiner Stelle sprechen, mit mehr oder weniger Beredtheit je nach Gegend, Temperament, architektonischem Stil oder benutztem Material. Sein Haus Möblieren Bis ins 16. Jahrhundert waren Bett, Bank, Gestell, Buffet meistens an der Wand befestigt, also Werke des Zimmermanns, und ihr Platz war - je nach Klima - durch die Nähe der Feuerstelle oder des Ofens bestimmt. Da sie mit dem Haus verbunden sind, folgen sie ihm durch die Erbfolgen und werden in notariellen Akten als Immobilien betrachtet. In der Schweiz werden gewisse leicht zu demontierende Baulichkeiten wie der Heustadel als «Mobilien», also bewegliche Einrichtungen, betrachtet, da sie, über die Kantonsgrenze transportiert und anderswo wieder zusammengesetzt, der örtlichen Gerichtsbarkeit entschlüpfen können. Textilkunst Die Textilindustrie spielte in der Geschichte der Schweiz eine entscheidende Rolle. Bis ins i9. Jahrhundert trug keine andere Produktion mehr zu ihrem Reichtum bei. Sie etabliert sich in organisierten Strukturen, lange bevor man sich bemüht, zwischen Volkskunst und gebildeter Kunst zu unterscheiden. Es handelt sich übrigens dabei gar nicht um Kunst, sondern um die Herstellung von einfachen Stoffen, von Woll-, Hanf- und Leinentuch. Aufstieg und Niedergang der Tracht Die Eleganz und die erstaunliche Vielfalt der Schweizer Landtrachten zwischen dem Ende des 18. Jahrhunderts und der Mitte des 19. Jahrhunderts werden heute von allen Textil- oder Modeforschern anerkannt. Dieses Schauspiel erstaunte die Reisenden des 18. Jahrhunderts, die erfreut waren, Koketterie und ländliche Idylle versöhnt zu sehen; es entzückte die ersten Touristen, die blindlings die für sie gedruckten und kolorierten Serien von Stichen und Lithografien kauften. Bilder auf Papier und Leder Die französische «belote», die italienische «scopa», der englische «whist», der «Jass», der in der Schweiz problemlos die Sprachgrenzen überschreitet, und nicht zu vergessen die «Patience», Einsamkeit und Langeweile vertreibend, und die Wahrsagerei, anregend oder beruhigend, spielen eine gesellschaftliche Rolle, deren Wichtigkeit unterschätzt wird. Suchen Sie mal in der Schweiz ein Haus, in dem es keine Spielkarten gibt! Bilder auf Erden und im Himmel «Volkstümliche Bilder» sind fast immer reproduzierte, mit geringem Kostenaufwand auf schlechtes Papier gedruckte Bilder, manchmal summarisch koloriert, an Wallfahrtsorten, in Klöstern und auf Märkten verkauft oder von Hausierern verbreitet. Tongeschirr - Berner Töpferware Der Töpfer mit seinem Ofen, der Schmied mit seinem Amboss üben die ältesten Berufe der Welt aus, und Prometheus, der das Feuer vom Himmel stahl, müsste logischerweise ihrer beider Schutzherr sein. Aber der Himmel war Töpfer, lange bevor er Schmied war: In den meisten Schöpfungsmythen wurde der Mensch aus einem Klümpchen feuchter Erde geschaffen. Wir erfahren nicht, ob diese auch gebrannt wurde, aber jedes Mal, wenn Adam in «Tausendundeiner Nacht» erwähnt wird, wird er im Originaltext «Adam der Rote» genannt, zur Erinnerung an die Erde, aus der er entstanden ist. Bemaltes und graviertes Glas Seit der Antike genossen das Glas und dessen Hersteller ein unbestreitbares Ansehen, das leicht zu erklären ist. Diese Produktion ist mehr als die Töpferei und fast ebensosehr wie die Schmiedekunst vom abergläubischen Respekt umgeben, den man bis zur industriellen Revolution allem «Feuerhandwerk» entgegenbrachte. Glas wird aus einem Gemisch von Sand, Kalk und Alkali hergestellt, das, wenn es stark erhitzt wird (1400-1600 Grad), in einen anderen Zustand übergeht. Das Aushängeschild Im Mittelalter erlaubt das Aushängeschild dem analphabetischen Besucher, die Stadt wie ein offenes Buch zu lesen. Nicht nur Herbergen, Läden oder Zunfthäuser sind damit versehen, auch einfache Häuser, die erst ab dem 18. Jahrhundert numeriert werden. Man wohnt im «Rauchenden Hund» oder in der «Spielenden Katze». Votivbilder Der Brauch der Votivbilder scheint aus Italien gekommen zu sein. Die ältesten wurden in Morbio Inferiore (Südtessin) nachgewiesen und stammen vom Anfang des 16. Jahrhunderts. Der Brauch taucht im 17. Jahrhundert im Lötschental, der Zentralschweiz und in Graubünden auf, verbreitet sich dann am Ende des 18. und während des 19. Jahrhunderts in der ganzen katholischen Schweiz und hinterlässt eine genügende Anzahl von Zeugnissen, so dass der Volkskunsthistoriker daraus, wenn auch summarisch, die wenigen ungeschriebenen Gesetze ablesen kann, die die Bildkomposition bestimmen. Masken Es wäre übrigens verfehlt, um der Systematik willen die sakrale und jahreszeitliche Funktion der Maske und ihre soziale und kritische Rolle einander gegenüberzustellen. Die Trennung zwischen beiden ist nicht so klar, wie es uns die Traditionalisten weismachen wollen: Die Fastnacht, ein Volksfest zum kollektiven Abreagieren, kann - durch das Repetitive und Litaneihafte - eine Art Magie ausströmen, und dieser uralte Ritus kann durch das Zusammenwirken von Eiseskälte und heissem Glühwein in alkoholisierten Radau mit Beschimpfungen und Schlägereien ausarten. Beide Funktionen können, wie die Schweiz beweist, sehr gut nebeneinander existieren. weiter... Weiden, Maler, Alpfahrt Hochspezialisierte Arbeit bringt ihre eigene Folklore hervor und manchmal durch die Art der Objekte oder die erforderlichen Arbeitsgänge einen eigenen Stil oder eigene Formen. Man kann sich also durchaus ein Museum der Kap-Horn-Umsegler vorstellen, Walfischfängerfolklore oder auf das Rentier ausgerichtete Lappenkunst. In der Schweiz entstand Hirtenkunst gleichzeitig (zwischen dem Ende des 18. und dem Anfang unseres Jahrhunderts) und anscheinend ohne gegenseitige Beeinflussung in den vorher erwähnten Mikrokulturen, die beide geografisch isoliert, wirtschaftlich florierend, politisch aufmüpfig und gegen die Städte eingestellt waren. Anmerkungen Die Fussnoten in den Texten sind mit dieser Seite verlinkt. weiter... Begriff Volkskunst - die in handwerklicher Tradition entstandenen Kunstäusserungen anonym bleibender Angehöriger der unteren Schichten (vor allem Bauern, Fischer, Bergleute), in Europa verbreitet vom 16. Jahrhundert bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Die Volkskunst ist im Gegensatz zur sog. hohen Kunst nicht zweckfrei ästhetisch motiviert, sondern hat ihre Wurzeln einerseits in Brauchtum und Religion, andererseits werden ihre Ausformungen bestimmt vom Zweck des künstlerisch gestalteten Gegenstandes. Als angewandte Kunst ist sie vor allem die Dekoration von Gebrauchsgegenständen. Die Volkskunst umfasst die vielfältigsten Bereiche: Textilkunst, Architektur, Schnitzerei, Malerei, Schmiedekunst u. a. Besondere Bedeutung erlangten die Herstellung von Trachten und Heimtextilien, das Schnitzen von Krippen, Spielzeug und Lebensbäumen, das Bemalen von Möbeln und Fassaden (Lüftlmalerei) und die Hinterglasmalerei. Eine grosse Rolle spielt auch der sakrale Bereich: Weihegaben, Votivbilder u.a. Die Erzeugnisse der Volkskunst unterscheiden sich stark je nach Region, bisweilen sogar je nach dörflicher oder kleinstädtischer Herkunft. Allgemein kann jedoch gesagt werden, dass in der Gestaltung Flächigkeit, Buntheit und ornamental-stilisierte Muster vorherrschen. Religiöse und pflanzliche Motive sowie geometrische Formen dominieren, seltener findet man figürliche Themen. Die regional ausgeprägten Stile sind sehr beständig, soweit sie nicht im Laufe der Industrialisierung und Überlagerung durch nationale und grossstädtische Einflüsse verändert oder aufgelöst wurden. Die Volkskunst ist erst seit Beginn des 20. Jahrhunderts Gegenstand kunstwissenschaftlichen Interesses, vorher wurde sie eher abschätzig betrachtet. Sie ist nicht identisch mit der Laienkunst, die sich an den offiziellen Epochenströmungen orientiert, auch nicht mit der Trivialkunst, deren Produkte serienmässig industriell erzeugt werden und letztendlich in Kitsch münden. www.wissen.de |